Plan Friedenau Hinter der Wannseebahn, 1912

Gegen das Hineinwachsen der Stadt Berlin in das Schöneberger Gebiet war die Gemeinde machtlos. Nach der Reichsgründung im Jahr 1871 stieg die Einwohnerzahl Schönebergs rasant an. In Anzeigen warb die „Schöneberger-Friedenauer Terraingesellschaft“ für ihr Verkaufsbüro am Dürerplatz Nr. 1 und offerierte „Bauparzellen auch mit Bauerlaubnis in Schöneberg am Bahnhof Friedenau“. Zuvor hatte die Gemeindevertretung dem Bebauungsplan zugestimmt. Nicht eindeutig wird, ob sie oder aber die Terraingesellschaft die Straßennamen festlegte. Die Benennung nach renommierten und angesehenen Malern für die Gegend „Hinter der Wannseebahn“ war jedenfalls verkaufsfördernd. So gab es ab 12. Januar 1892 Straßen mit den Namen Carl Becker, Reinhold Begas, Antonio Canova, Lucas Cranach, Albrecht Dürer, Ludwig Knaus, Adolf von Menzel, Peter Vischer, Rembrandt van Rijn, Peter Paul Rubens und Bertel Thorwaldsen.

 

Vorheriger Name der Thorwaldsenstraße „Straße Nr. 72“. Name seit dem 15.11.1901. Die Straße liegt zwischen Knausstraße und Grazer Damm. Zu Schöneberg gehört die Nordseite 1–16a. Die südwestliche Straßenseite und das Straßenland liegen in Steglitz. Bis 1963 führte eine Linie der Berliner Straßenbahn durch die Straße.

 

 

 

Eigentlich sollten wir der vom Duden empfohlenen Schreibung folgen und anstelle von „Thorwaldsen“ wieder „Thorvaldsen“ schreiben. Bertel Thorvaldsen (1770-1844) war ein in Kopenhagen geborener Bildhauer, der sich zwischen 1797 und 1841 wiederholt für längere Zeit in Rom aufhielt. Sein Atelier in der Künstlerherberge Casa Buti in der Via Sistina 48 war nach zeitgenössischen Berichten „von morgens bis abends von Fremden überlaufen und wirkte fast wie eine öffentliche Ausstellung“. Während seines Aufenthaltes dort, teilten viele andere Künstler die freundschaftliche Atmosphäre des Hauses mit ihm, darunter zeitweise die Brüder Rudolf und Wilhelm von Schadow.

 

Goethes Vertraute, die Malerin Luise Seidler (1786-1866), berichtete, dass mit Thorvaldsen und Schadow außerdem noch der Maler Karl Wilhelm Wach und der Kupferstecher Carl Adolf Senff „unter einem Dache wohnten, alle vier hausten im ersten Stock. Von ihnen war Thorvaldsen der einzige der, mehr als ein Zimmer hatte, nämlich drei. Im ersten derselben war ein kleines Atelier; Staffeleien mit angefangenen Basreliefs standen umher, der Fußboden, die Tische und Stühle waren mit kleinen Figuren bedeckt; nur mit Mühe fand man einen Stuhl zum Sitzen, nirgend etwas, das einem Komfort ähnlich war“.

 

Zum festen Kreis von Thorvaldsen in Rom gehörten auch Wilhelm von Humboldt und seine Frau Caroline. Dort schuf Thorvaldsen 1808 die Marmorbüste von Humboldt (Original im Thorvaldsen-Museum Kopenhagen, Kopie im Schinkel-Museum Berlin). Dort entstand 1814/15 das Gemälde „Die Brüder Schadow mit Thorvaldsen“, gemalt inklusive einem Selbstbildnis von Wilhelm von Schadow (links Rudolf, Mitte Thorvaldsen, rechts Wilhelm (Alte Nationalgalerie Berlin). Nach dem Tod seiner Frau Caroline erwarb Humboldt die von Thorvaldsen damals in Rom geschaffene Skulptur der „Göttin Spes“. Diese marmorne „Hoffnung“ auf einer hohen Granitsäule dominiert seit 1829 die Familiengrabstätte der Humboldts im Schlosspark Tegel.

 

 

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