Name seit dem 29. April 1884, benannt nach dem Dichter, Übersetzer und Herausgeber Christoph Martin Wieland (1733-1813). Er war einer der bedeutendsten Schriftsteller der Aufklärung und neben Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller der Älteste des klassischen Viergestirns von Weimar.

 

Aus historischer Sicht gehört die Wielandstraße zur Gemarkung Schöneberg. Sie liegt außerhalb jener Grenzen, die 1874 für die Gemeinde Friedenau festgelegt wurden. Seit ihrer Existenz wurde sie zum „gefühlten Friedenau“ gezählt, was wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass in den Adressbüchern über viele Jahrzehnte zu lesen war: „Gehört postalisch zu Friedenau, politisch zu Schöneberg.“

 

Zu den Häusern der Wielandstraße finden Sie nachfolgend folgende Beiträge:

Nr. 15 Apotheker Albert Hirt

Nr. 16 Architekt Carl Schäfer

Nr. 17 Nachverdichtung: Vom Immobilienhändler zum grünen Stadtentwickler

Nr. 25 Reichstheaterkammerpräsident Otto Laubinger

Nr. 33 Fotopionier Ottomar Anschütz

 

In Vorbereitung: Nr. 8 Schriftsteller Victor Otto Stomps

 

 

Albert Hirt, Foto Hofphotograph C. Brasch. Archiv Gregorij Hirt von Leitis

Wielandstraße Nr. 15

 

Der Apotheker Albert Hirt (1849-1905 )ließ sich 1891/92 das Haus mit Ladengeschäft und 2 Etagen in der Friedenauer Rheinstraße Nr. 16 bauen. 1892 erteilte ihm die Gemeinde die Lizenz für die „Adler-Apotheke“. 1903 verkaufte er die „Adler-Apotheke“ an den Apotheker Paul Sadée. Mit dem Erlös erwarb er von der Witwe G. Hildebrand die vor 1890 errichtete Landhausvilla in der Wielandstraße Nr. 15. Albert Hirt verstarb am 26. November 1905 und wurde auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beigesetzt.

 

Die Landhausvilla in der Wielandstraße Nr. 15 blieb bis 1930 im Besitz der Witwe Marie Hirt. Nach ihrem Tod sind von 1931 bis 1943 die Gymnastiklehrerin Charlotte Hirt und die Kindergärtnerin Gabriele Hirt als Besitzerinnen eingetragen. Die spätere Alleinerbin Gabriele Hirt, die vor dem Weltkrieg in der Wielandstraße einen Kindergarten betrieb, hat das Anwesen Ende der 1950er Jahre verkauft. Ab 1959 lautet ihre Adresse Homburger Straße Nr. 21 in Wilmersdorf, der Wohnung von Fritz und Ruth Heilgendorff geb. Hirt. All diese Namen finden sich auch auf dem bis heute erhaltenen marmornen Grabstein, den der Bildhauer Valentino Casal geschaffen hat.

 

Einen ausführlichen Beitrag zu Albert Hirt und die Adler-Apotheke finden Sie unter Friedhof Stubenrauchstraße.

 

 

 

 

Architekt Carl Schäfer, 1900

Wielandstraße Nr. 16

 

Die Landhausvilla wurde 1887 nach Entwürfen von Architekt Carl Schäfer (1844-1908) für den Kunsthändler Eduard Müller erbaut. Nach Ingenieur- und Architekturstudium wurde er Bauleiter im Dombauamt Paderborn und später Stadtbaumeister in Marburg. Von 1878 bis 1885 war er beim Preußischen Ministerium für Handel, Gewerbe und Öffentliche Arbeiten in Berlin tätig. Ab 1878/79 lehrte er als Nachfolger von Johannes Otzen Baukunst des Mittelalters an der Technischen Hochschule Charlottenburg. In der Gotik sah er den Baustil, dessen Elemente am ehesten aus konstruktiven Prinzipien abgeleitet sind und Schaffensgrundlage für Konstruktions-, Material- und Werkgerechtigkeit bilden sollten. Der gotische Stil sollte unter Einbeziehung lokaler Bautraditionen als allgemeines konstruktives Prinzip genutzt und variiert werden. Schäfer wurde zum Vordenker des Heimatstils. In Berlin gründete er 1887 gemeinsam mit seinem Schüler Hugo Hartung (1855–1932) ein Architekturbüro. Es entstanden Kirchen, Pfarrhäuser, Schulen, Gutshöfe, Wohnhäuser und Villen. 1894 folgte Carl Schäfer einem Ruf an die Technische Hochschule Karlsruhe, an der er bis 1904 lehrte.

 

Bekannt ist bisher, dass der spätere Besitzer, der Fabrikant Hermann Ramm, 1925 den „Einbau eines Ateliers im Dachgeschoss“ beantragte und von der Städtischen Baupolizei Schöneberg auch genehmigt bekam. Ab 1930 ist als Eigentümerin seine Witwe Frieda Ramm eingetragen. Eigentümer des Anwesens ist heute die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Wie es dazu kam, ist auf Grund der in diesem Fall irrsinnigen Datenschutzbestimmungen nicht zu erklären. Baupläne besagen, dass (wahrscheinlich nach 1945) in das „synodaleigene Gebäude“ mit dem „Einbau einer Diakonwohnung“ eine „Erweiterung der Pfarrwohnung“ vorgenommen wurde. Der zuvor in der Evangelischen Kirchengemeinde Frohnau tätige Pfarrer Hermann Gehann, der während des NS-Regimes Mitglied der „Bekennenden Kirche“ gewesen sein soll, wofür es bisher keinen Beleg gibt, beantragte für das Haus Wielandstraße Nr. 16 im Jahr 1965 die „Umstellung der vorhandenen Heizungsanlage von Koks- auf Ölfeuerung“, die vom Bezirksamt Schöneberg bewilligt wurde.

 

 

 

Wielandstraße 16. Foto LDA, 2005

Als die Bewohner der Wielandstraße gegen die Nachverdichtung auf dem Grundstück Wielandstraße Nr. 17 protestierten, wurden sie von der Kirche allein gelassen. Der Bauantrag war von einer ausländischen Investorengruppe eingereicht und am 26.4.2010 vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg nur mit einem Vorbescheid bedacht worden. Wenn dieser 2017 nun unter der Leitung des früheren Immobilienhändlers und jetzigen Baustadtrats Jörn Oltmann (DIE GRÜNEN) bewilligt wurde, kann man sich vorstellen, dass der bis November 2016 amtierende christdemokratische Baustadtrat nebst Bauaufsicht und Denkmalschutz wohl in den vergangenen Jahren erhebliche Bedenken gegen diese Nachverdichtung hatten.

 

Oltmann betrachtet die „Grünfläche im Innenhof als eine überwiegend versiegelte Fläche“ und sieht daher kein Problem, das Blockinnere zwischen den Grundstücken Wielandstraße Nr. 16 und Nr. 17 sowie Fregestraße Nr. 72 mit neun Eigentumswohnungen und einer Tiefgarage zu verdichten. „BETON statt GRÜN ist das Motto des GRÜNEN“, schreibt ein Mieter.

 

 

 

Oltmanns Argumentation ist tatsächlich hanebüchen und offensichtlich auch „fremdgesteuert“: „Politisch geht es mir darum, eine möglichst kompakte Bauweise auf möglichst versiegelten Flächen zu ermöglichen. Grün- und Freiflächen sollen möglichst erhalten bleiben. Wohnungsneubau soll mit Augenmaß geschehen und trotzdem werden wir immer häufiger den Konflikt haben, dass Stellplätze wegfallen um Wohnungsbau zu ermöglichen. Dazu stehe ich in einem gewissen Rahmen. Im Fall der Wielandstraße halte ich eine Bebauung für angemessen.“ Seine „politischen“ Ziele verstehen die Anwohner von Wieland- und Fregestraße nur noch als Zynismus.

 

Bei dieser Nachverdichtung geht es auch die mehr als 130 Jahre alte Buche auf dem Grundstück Wielandstraße Nr. 16. Sie hat einen Umfang von 3,70 m und überragt mit ihrer weitausladenden Krone die Häuser Nr. 16 und Nr. 17. Da sie direkt an der Grundstücksgrenze steht, nur zwei Meter neben der Außenwand der künftigen Tiefgarage von Nr. 17, besteht die Gefahr, dass mit dem Schachtaushub das weitverzweigte Wurzelwerk zum großen Teil entfernt wird und der Buche ein baldiges Ende bevorsteht. Obwohl das Landesdenkmalamt Berlin die Landhausvilla (mit Buche) zum Baudenkmal erklärt hat, daher auch die Untere Denkmalschutzbehörde von Tempelhof-Schöneberg verantwortlich zeichnet, ist von dieser Abteilung kein Einspruch zu erwarten – Dienstherr ist auch der Stadtbaurat. Eine Krähe hackt bekanntlich der anderen kein Auge aus. Wenn die Immobilienbranche sich auch bei den GRÜNEN einen derart starken Einfluss in Tempelhof-Schöneberg gesichert zu haben scheint, dann sollten bei den Bürgern alle Alarmglocken schrillen.

 

 

Wielandstraße Nr. 17

 

Wenn DIE GRÜNEN eine Grünfläche als „eine überwiegend versiegelte Fläche“ betrachten und daher nun das Blockinnere zwischen den Grundstücken Wielandstraße Nr. 17 und Fregestraße Nr. 72 verdichten und mit neun Eigentumswohnungen und einer Tiefgarage bebauen wollen, dann hat das mit grüner Politik nichts mehr zu tun. „BETON statt GRÜN ist das Motto des GRÜNEN“, schreibt ein Mieter des Hauses Wielandstraße Nr. 17, „nachdem die Holzfäller rigoros alles platt gemacht haben. Baustadtrat Oltmann hat diese Aktion zu verantworten.

 

Die Anwohner sind entsetzt, denn die laut grünem Stadtentwicklungsstadtrat Jörn Oltmann „überwiegend versiegelte Fläche“ stellt sich als begrünter Innenhof heraus. „Der grüne Mann hat nur gesehen, was er sehen wollte, damit er den Bauantrag durchdrücken kann. Auch auf eine mehr als 200 Jahre alte Buche will Oltmann keine Rücksicht nehmen. Er unterstellt laut „Berliner Woche“ den Anwohnern vielmehr, um den Verlust ihrer Stellplätze zu fürchten.

 

 

Wenn unsere Informationen zutreffen, dann wurde der Bauantrag einer ausländischen Investorengruppe vor mehr als sieben Jahren eingereicht und am 26.4.2010 vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg mit einem Vorbescheid bedacht. Wenn dieser erst jetzt unter der neuen grünen Leitung bewilligt wurde, kann man sich vorstellen, dass der bis November 2016 amtierende christdemokratische Baustadtrat nebst Bauaufsicht und Denkmalschutz wohl in den vergangenen Jahren erhebliche Bedenken gegen diese Nachverdichtung hatten.

 

„Politisch geht es mir darum, eine möglichst kompakte Bauweise auf möglichst versiegelten Flächen zu ermöglichen“, so Baustadtrat Jörn Oltmann in der „Berliner Woche“. Und weiter: „Grün- und Freiflächen sollen möglichst erhalten bleiben. Wohnungsneubau soll mit Augenmaß geschehen und trotzdem werden wir immer häufiger den Konflikt haben, dass Stellplätze wegfallen um Wohnungsbau zu ermöglichen. Dazu stehe ich in einem gewissen Rahmen. Ich mag keine Extreme. Doch im Fall der Wielandstraße halte ich eine Bebauung für angemessen.“ Die „politischen“ Ziele des grünen Stadtrats können die Bewohner der Häuser Wieland- und Fregestraße angesichts dieser Entscheidung nur noch als Zynismus verstehen. Wenn die Immobilienbranche sich einen derart starken Einfluss in Tempelhof-Schöneberg gesichert zu haben scheint, dann sollten bei den Bürgern alle Alarmglocken schrillen. Denn die Folgen davon betreffen die Wohnqualität aller Einwohner des Bezirks.

 

Grab von Otto Laubinger auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf

Wielandstraße Nr. 25

 

„Die Mazurka in dem traditionellen polnischen Nationalkostüm getanzt, hat den Charakter eines polnischen Nationaltanzes. Zwar wird das Verbleiben der Mazurka in den deutschen Kulturprogrammen, wie auch in der Ausbildung des tänzerischen Nachwuchses, als notwendig bejaht. Es ist jedoch darauf zu achten, dass das betont Polnische des Kostüms, insbesondere die viereckigen Mütze und die Pelz Verbrämung an den halblangen Ärmeln und dem Schuhwerk, in Fortfall kommt. Ein Fantasiekostüm kann dem Charakter des Tanzes hinlänglich gerecht werden.“

 

Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels gab den Erlass heraus und sein Reichstheaterkammerpräsident Otto Laubinger hatte mit Rundschreiben „an die Herren Landesleiter der Reichstheaterkammer, Bühnenleiter, Direktoren der Artistik, Leiter der Tanzschulen und Ballettmeister“ für die „gewissenhafte Beachtung“ zu sorgen.

 

Otto Laubinger war Schauspieler, ein bemerkenswerter offensichtlich nicht, denn der Theaterkritiker Herbert Jhering stellte ihm schon 1925 schlechte Zeugnisse aus: Im „Prinz Friedrich von Homburg“ am Staatstheater „ist Otto Laubinger sehr schwach als Hohenzollern. Er hat es zwar zu einer Sprachdisziplin gebracht. Aber er blieb unkleistisch: er rezitierte und spielte nicht die Vorgänge durch die Sprache hindurch“. Und wenig später in „Hannibal“ von Christian Dietrich Grabbe „ist Herr Laubinger von den früheren Hofschauspielern höchstens durch den geringeren Grad seines Talents unterschieden“.

 

Otto Laubinger (1892-1935) wohnte von 1923 bis 1932 in der „Wielandstraße 25 III, Post Friedenau, Telefon Rheingau 1456“. Er muss wohl geahnt haben, dass er es mit der Schauspielkunst nicht weit bringen würde. Nachdem Hitler am 9. November 1926 Joseph Goebbels zum Gauleiter von Berlin-Brandenburg ernannt hatte, und dieser aus der zerstrittenen Berliner NSDAP eine straffe Gauorganisation schuf, sah Laubinger in der nationalsozialistischen Bewegung seine Chance. 1932 trat er in die NSDAP ein. Das sollte sich auszahlen.

 

Nachdem Carl Wallauer (1874-1937), seit 1927 Präsident der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger 1932 aus dem Amt gedrängt worden war, übernahm Laubinger zwei Monate nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 1. April 1933 die Präsidentschaft der Bühnengenossenschaft. Wenige Tage später folgte seine Ergebenheitsadresse: Er wolle sich „bewusst und überzeugt in die nationale Bewegung“ eingliedern.

 

Am 1. August 1933 war die Reichstheaterkammer ins Leben gerufen worden und Otto Laubinger deren Präsident. Er hatte nun die Aufgabe, die bisherigen Interessenverbände der künstlerisch tätigen Berufsgruppen aufzunehmen und neu zu gliedern: „Durch die Bestimmung, dass jeder Theaterberufstätige der Reichstheaterkammer angehören muss und diese Mitgliedschaft durch Zugehörigkeit zu seinem Fachverband vermittelt wird, ist auch Vorsorge getroffen, dass sich niemand ausschließen und seine eigenen Wege zum Schaden der Allgemeinheit gehen kann.“

 

Nachdem der „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda" am 22. September 1933 die „Reichskulturkammer“ als übergeordnetes Organ unter Vorsitz von Joseph Goebbels gegründet hatte, kamen die Abteilungen Schrifttum (Hans Friedrich Blunck/Hanns Johst), Film (Fritz Scheuermann/Oswald Lehnich/Carl Froelich), Musik (Richard Strauss/Peter Raabe), Bildende Künste (Adolf Ziegler), Presse (Max Amann) und Rundfunk (Horst Dreßler-Andreß) hinzu.

 

Als der Jude Max Reinhardt die von den Nationalsozialisten angebotene „Ehren-Arierschaft“ ablehnte, das Deutsche Theater in der Schumannstraße und Berlin verließ, bat Laubinger im April 1934 den Intendanten der Berliner Volksbühne Heinz Hilpert zu sich. Der Inhalt der Unterredung ergibt sich aus dem Antwortbrief von Hilpert am 19. April 1934: „Sie haben mich zu sich gebeten und gefragt, ob ich Lust hätte, das Deutsche Theater zu übernehmen. Ich habe Ihnen mit freudiger Bereitschaft darauf ‚ja‘ gesagt und erzählt, dass ich sogar nach dieser Seite schon Schritte unternommen habe, weil ich das Empfinden hatte, dass der Boden dort mir besonders gelegen wäre. Daraufhin hat der Minister mir dieses Theater angetragen und ich habe diesen Antrag gern akzeptiert.“

 

Otto Laubinger wurde auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf (Block Epiphanien, Gartenblock II, Erbbegräbnis 32) beerdigt. Goebbels sprach am 15. November 1935 in Anwesenheit von Hitler, Göring und Hess in der Philharmonie die Gedenkworte. 1939 erfolgte in Köpenick die Umbenennung der Goethestraße in Laubingerstraße und des Goetheplatzes in Laubingerplatz. 1960 wurden daraus Müggelbergallee und Müggelbergplatz.

 

Ottomar Anschütz, 1890. Foto Reichard & Lindner, Berlin

Wielandstraße Nr. 33

 

Irgendwie war Ottomar Anschütz (1846-1907) immer mit Friedenau verbunden, ab 1894 mit der Optischen Anstalt C.P. Goerz AG in der Rheinstraße Nr. 44/46, die von ihm das Recht auf Alleinfabrikation seiner „Goerz-Anschütz-Moment-Camera“ erwarb – die erste Schlitzverschlusskamera der Welt, ab 1899 mit Wohnung Wielandstraße Nr. 33.

 

Am 6. Februar 1907 hielt er vor der Friedenauer Ortsgruppe des Deutschen Flottenvereins einen Vortrag über „Die deutschen Ordensritter und ihre Burgen". Der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ berichtete am 10. Februar: „Der Herr Vortragende ging unter Vorführung herrlicher Lichtbilder zunächst auf das Wesen der Ordensritter ein, er beleuchtete den Zweck und die inneren Beziehungen des Ordens. Dann kam er auf das Bausystem der Ordensburgen zu sprechen. – Auf einer Anhöhe lag das Hochschloß, zu welchem eine Fallbrücke führte, und das von einem tiefen Graben umgeben war, weiterhin war das Schloß alsdann von starken Mauern umzogen und nach einer Seite hin lagen die Wirtschaftsgebäude und die Gebäude für das Kriegsvolk und die Kriegsgeräte. – Es folgten jetzt die Bilder der Ordensburgen, zunächst die älteste Ordensburg Thorn, ferner verschiedene Burgen im Culmerland usw., zu denen allen der Herr Vortragende treffliche Erläuterungen gab. Die Blüte des Ordens war, als die Marienbürg den Hochmeister beherbergte. Nun führte der Vortragende Bilder dieser schönsten aller Ordensburgen vor. Die Burg ist in ihrer ursprünglichen Form wieder hergestellt worden. Im zweiten Teil des Vortrags zeigte Herr Anschütz dann die inneren Räume der Marienburg und mit ihnen auch das Leben der Burgbewohner. Der Vortrag bot eine würdige Verherrlichung unseres Deutschtums und schloss auch mit dem Aufruf, stets den deutschen Geist zu wahren.“

 

 

 

 

 

 

Vier Monate später teilte der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ am 2. Juni 1907 mit, dass „Ottomar Anschütz, der Entdecker des Kinematographen und erfolgreiche Erfinder zahlreicher Amateurapparate für Liebhaber-Photographie nach nur fünftägiger Krankheit infolge einer Operation im Schöneberger Krankenhause im 63. Lebensjahr verstorben ist. Er war vor 15 Jahren als unbekannter Photograph nach Berlin gekommen. Mit der Einführung des Schnellwehr-Anschütz-Apparates, des Vorläufers des Kinematographen wurde er schnell ein bekannter und durch seine Tieraufnahmen auch ein gesuchter Photograph. Sein Geschäft in der Leipzigerstraße hat Weltruf erlangt. Die Beerdigung des Verstorbenen, der zuletzt Wielandstraße 33 wohnte, findet am Montag, Nachmittag 5 Uhr, von der Halle des Friedenauer Kirchhofs aus statt“.

 

Drei Tage später fand am 5. Juni 1907 „auf dem hiesigen Friedhof die Beerdigung des im Schöneberger Krankenhause verstorbenen Photographen Ottomar Anschütz statt. Der Trauerfeier in der Kapelle wohnte eine sehr große Zahl Leidtragender bei. Die Gedächtnisrede hielt Herr Pfarrer Görnandt, und von einem Männerchor wurden die Choräle: „Es ist bestimmt in Gottes Rat" und „Wie sie so sanft ruh'n" gesungen. Überreich war die Zahl der Kranzspenden, unter welchen insbesondere der prächtige Kranz der Kaiserin auffiel. Gleichfalls herrliche Kränze hatten u. a. die dankbaren Arbeiter des Verstorbenen, der Photographische Verein in Berlin, die Photographische Anstalt von Goerz und der Handelsverein für photographische Präparate dem Verblichenen gewidmet“.

 

Die berühmtesten Photographien, die Ottomar Anschütz geschaffen hat, entstanden 1894 am Fliegeberg in Lichterfelde. Den hatte sich Otto Lilienthal für seine Flugversuche aufschütten lassen. Anschütz eilte hinaus und machte „nach dem Leben aufgenommen“, wie auf den kartonierten Abzügen von Anschütz vermerkt, eine Serie von aufsehenerregende „Augenblicksphotographien“.

 

Die Gemeinde Friedenau würdigte den Photographen und Pionier der Phototechnik, Serienphotographie und Kinematographie mit einem Ehrengrab auf dem Friedhof Stubenrauchstraße. Das Land Berlin hat im Herbst 2009 den Status als Ehrengrabstätte aberkannt. Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg stellte die Pflege ein und überließ das Grab dem Verfall. Da die Proteste unüberhörbar wurden, ließ die Senatskanzlei im Juni 2018 wissen, „dass die Anerkennung der Grabstätte von Ottomar Anschütz als Ehrengrabstätte des Landes Berlin (wieder) vorgesehen ist“. Das kann nicht alles sein. Die Instandsetzung und Restaurierung muss folgen.

 

 

Einen ausführlichen Beitrag mit Texten, Photographien und Dokumenten zu Ottomar Anschütz finden Sie unter Friedhof Stubenrauchstraße.

 

 

Rabenpresse

Wielandstraße Nr. 8

 

Victor Otto Stomps (1897-1970)

 

In Vorbereitung

Druckversion Druckversion | Sitemap
© friedenau-aktuell, 2017