Name seit dem 29. April 1884, benannt nach dem Dichter Christoph Martin Wieland (1733-1813), dem Begründer der Tradition des deutschen Bildungsromans.

 

Aus historischer Sicht gehört die Wielandstraße zur Gemarkung Schöneberg. Sie liegt außerhalb jener Grenzen, die 1874 für die Gemeinde Friedenau festgelegt wurden. Eingebürgert haben sich für die Gegend die Begriffe „Gefühltes Friedenau“, „Neu Friedenau“ und „Hinter der Wannseebahn“.

 

 

Ottomar Anschütz, 1890. Foto Reichard & Lindner, Berlin

Wielandstraße Nr. 33

Ottomar Anschütz

 

Am 24. Juli 2016 erreichte uns folgende Nachricht:

 

Ich bin entsetzt über die Vorgänge in Berlin. Wie kann man eine Persönlichkeit wie Ottomar Anschütz nur so behandeln und aus der Ehrengräberliste streichen. Ottomar Anschütz war der erste Photograph der Welt, der die ersten Flugversuche von Otto Lilienthal auf dem Fliegeberg in Lichterfelde photographierte und die erste Pressekamera der Welt erfand, die von C:P. Goerz in Friedenau produziert und weltweit vertrieben wurde.

 

Holger Anschütz, Urenkel

***

 

Auf seine Schreiben vom 1. Dezember 2017 erhielt Holger Anschütz folgende Antworten:

 

Bezirksbürgermeisterin Schöttler: An Senat weitergeleitet

Regierender Bürgermeister Müller: An Krüger (Senatskanzlei) weitergeleitet

Bezirksverordnetenversammlung (Boltes): Nicht zuständig, an Fraktion weitergeleitet

CDU (Steukardt): Keine Antwort

Senatskanzlei (Krüger): Im Prüfverfahren

 

Inzwischen gingen auch Schreiben vom Lilienthalmuseum Anklam und der Kunstbibliothek Berlin an die Senatskanzlei.

 

 

Es war ein Spektakel ohnegleichen. Die Berliner strömten mit Kind und Kegel herbei, als sich Otto Lilienthal (1848-1896) vom Fliegeberg in Lichterfelde in die Lüfte erhob. Getragen von den großen weißen Flügeln seines Flugapparats glitt er über die Zuschauermenge. Der Begründer der modernen Luftfahrt war zudem der erste Mensch, der im Fluge fotografiert wurde – von Ottomar Anschütz.

 

Im Jahr 2016, zum 125. Jahrestag des ersten Gleitflugs von Otto Lilienthal, nahm sich der Grafiker Henning Wagenbreth jene Photographien aus dem Otto-Lilienthal-Museum in Anklam vor, die Ottomar Anschütz 1894 geschaffen hatte. Der für seine Comics bekannte Zeichner reduzierte die Photographien auf das Wesentliche: Hügel, Windsack, Flugapparat, Photograph, mehr war für den Absprung zum Gleitflug nicht erforderlich. Entstanden ist eine Sonderbriefmarke der Deutschen Post mit einer eigenen Welt voller Poesie. Mehr brauchte es nicht, um die Pioniere Otto Lilienthal und Ottomar Anschütz wieder in Erinnerung zu rufen.

 

Ganz anders reagierte das Land Berlin. Die Ehrengrabstätte von Ottomar Anschütz auf dem Friedhof Stubenrauchstraße strich der Senat im Jahr 2009 von der Ehrengrabliste. Es sei daran erinnert, dass die Erhebung zum Ehrengrab 1907 durch die damals selbstständige Gemeinde Friedenau erfolgte - und nicht von Berlin. Wäre es moralisch nicht geboten, dass das Land Berlin und sein Verwaltungsbezirk Schöneberg heute den Willen der Friedenauer respektiert? Stattdessen wird das Grab (Grablage 31/23-24) sich selbst überlassen. Eine Schande!  

 

 

 

Das Otto-Lilienthal-Museum in Anklam wurde 2001 von der Bundesregierung als „Kultureller Gedächtnisort mit besonderer nationaler Bedeutung“ eingestuft. Das Anklamer Fotoarchiv verfügt über 18 Photographien von Ottomar Anschütz aus dem Jahr 1893 sowie über jene Aufnahmen, die am 16. August und am 14. September 1894 an Lilienthals Fliegeberg in Lichterfelde von Anschütz geschaffen wurden. Die nachfolgenden Aufnahmen von Ottomar Anschütz aus dem Jahre 1894 stellte uns Dr. Bernd Lukasch, der Leiter des Otto-Lilienthal-Museums in Anklam, zur Verfügung. Danke!

 

 

 

Kriegsverlust wieder aufgetaucht

Kunstbibliothek erhält historische Momentaufnahmen von Ottomar Anschütz zurück

 

Nicht erworben sondern zurückgekehrt ist kürzlich eine verschollen geglaubte Bilderserie von Ottomar Anschütz. Was ist das Besondere an diesen Aufnahmen von 1886, wie fanden sie den Weg zurück und wer war Anschütz eigentlich? Die Fragen beantwortete Kurator Ludger Derenthal.

 

Vor kurzem hat die Kunstbibliothek Werke des Fotografen Ottomar Anschütz zurückerhalten. Was sind das für Bilder?

 

Es sind sehr frühe Momentaufnahmen eines Fuchses. Sie waren Teil eines viel größeren Konvoluts an Tierfotografien, die 1887 als Material für die Studierenden der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums erworben wurden. Anschütz hat sich bereits ab den 1880er Jahren mit Serienfotografie und Momentaufnahmen beschäftigt – also mit Bildern, die mit einer sehr kurzen Belichtungszeit entstehen. Gerade für Künstler war das interessant, denn man konnte gut sehen, wie sich das Tier oder der Mensch bewegte. Es gab noch sehr viel mehr Aufnahmen von Tieren: Hühner, Hunde, Füchse, Wölfe, Rehe, Pferde, Wildschweine, Dachse. Besonders berühmt geworden sind die Störche, weil Anschütz die Tiere im Anflug fotografiert hat. Der größte Teil dieser Bilder ist leider verloren. Aber immerhin haben wir zwei Serien wieder: Die Wölfe, und nun eben die Füchse.

 

Und wie sind die Bilder zurück ins Museum gekommen?

 

Die Bilder mit den Füchsen waren in einem Auktionskatalog abgebildet, und als ich sie gesehen habe, hat es gleich „Klick“ gemacht. Über das Auktionshaus haben wir uns an den Anbieter Dr. Jens Mattow gewandt, der sich umgehend zur Rückgabe an die Kunstbibliothek entschlossen hat. Dafür ist ihm wirklich sehr zu danken.

 

Wer war Ottomar Anschütz denn nun eigentlich genau?

 

Anschütz ist durch die Momentaufnahmen und auch seine Bewegungsaufnahmen bekannt geworden. Er hat zum Beispiel ein springendes Pferd samt Reiter fotografiert, oder auch Diskuswerfer. Das haben auch andere wie Eadweard Muybridge gemacht, der damit allerdings noch viel berühmter wurde. Die beiden haben sich auch unterschiedlicher Verfahren bedient, um eine Foto-Serie zu erhalten: Muybridge hat viele Kameras nebeneinander gestellt, Anschütz hat hingegen einen Fotoapparat mit Schlitzverschluss entworfen, mit dem man besonders schnell Aufnahmen machen konnte. Der Vorteil bei diesem Schlitzverschluss-Verfahren ist, dass die Durchzeichnung der Modelle sehr viel besser ist. Bei Anschütz‘ Bewegungsbildern kann man also etwa Muskelbewegungen sehr viel deutlicher sehen als bei Muybridge. Aber Muybridge war eben der erste, hatte bessere Kontakte und wurde darum viel berühmter.

 

Und wie funktionierte diese Schlitzverschlusskamera genau?

 

Ottomar Anschütz baute die Kamera so, dass der Verschluss wie eine Jalousie runterging – so blieb nur ein schmaler Schlitz, durch den das Licht auf die Bildplatte fiel. Das war eine große Neuerung, zu der Zeit arbeitete man meistens noch mit dem Objektivdeckel, der einfach per Hand abgenommen wurde. Damit konnte man natürlich nicht so kurze Belichtungszeiten erreichen. Anschütz hingegen verkürzte die Belichtung auf tausendstel Sekunden und erhielt dadurch scharfe Aufnahmen von Objekten in Bewegung. Den ersten Verschluss hat er selbst gebaut, mit einem Mechaniker als Assistenten. Später kooperierte er mit der Berliner Kamerafirma Goerz. Die Goerz-Anschütz-Kamera war weit verbreitet, Bewegungs- und Momentaufnahmen konnte damit dann jeder machen. Anschütz ist übrigens auch noch bekannt für die Fotos von Kaisermanövern und von den ersten Flugversuchen Otto Lilienthals.

Stiftung Preußischer Kulturbesitz, 4. Februar 1916.

 

http://blog.smb.museum/ein-fuchs-kehrt-zurueck-in-die-kunstbibliothek/

 

Werbeanzeige O. Anschütz. Sammlung Holger Anschütz

Ottomar Anschütz - Stationen eines Lebens

 

Ottomar Anschütz wurde am 16. Mai 1846 in Lissa bei Posen geboren. Sein Vater, der Dekorationsmaler und Photograph Christopher Berthold Anschütz, ermöglichte seinem Sohn von 1864 bis 1868 eine Photographenlehre in Warschau bei Maksymilian Fajans, in Berlin bei Ferdinand Beyrich, in München bei Franz Hanfstaengel und in Wien bei Ludwig Angerer. Danach übernahm der Junior, durch den plötzlichen Tod seines Vaters, das Unternehmen. Fortan firmierte er unter „O. Anschütz Atelier für Photographie. Lissa, Storchnester Straße 105“.

 

Schon bald waren seine Portraits ein Begriff. Da die Portraitaufnahmen lange Belichtungszeiten und Geduld der Kunden erforderten, beschäftigte er sich ab 1882 mit der Entwicklung eines „Schlitzverschlusses“ für wesentlich kürzere Belichtungszeiten. Anschütz wollte den „Augenblick" fotografisch überlisten. Diese Technik, gepaart mit neuartigen empfindlichen „Gelatine-Trockenplatte“, war der Schlüssel zur Herstellung von „Momentphotographien“ – die Voraussetzung für die Abbildung von Bewegungen. Es entstand die erste kleine Handkamera mit Rolltuchschlitzverschluss.

1884 Ottomar Anschütz, Storchenbilder

1884 wartete Ottomar Anschütz mit einer Sensation auf: Die Storchenbilder – eine Serie fliegender Störche – die ersten Augenblicksphotographien mit einer ungeheuerlichen Bildschärfe. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Momentaufnahme zum historischen Begriff für kurze Belichtungszeiten. Mit dem „Schlitzverschluss“ konnte er nun eine Vielzahl von individuellen Aufnahmen in einzelnen Bewegungsabläufen in sehr kurzen Abständen herstellen, sie in Phasen zerlegen und sichtbar machen.

1886 Ottomar Anschütz, Pferde

Mit der Ausstellung von 120 Momentbildern im preußischen Kriegsministerium weckte er das Interesse des Militärs. In dessen Auftrag entstanden 1886 an der Königlichen Militärreitakademie Hannover „Chronophotographien“ von Reitern und Pferden. Die 24 elektrisch miteinander verbundenen Kameras lieferten präzise Bewegungsstudien in ausgezeichneter Qualität, die Ottomar Anschütz zu Bildserien kombinierte – für die Kavallerieschule wertvolles Instruktionsmaterial.

Schnellseher. Sammlung Holger Anschütz

Das alles sollte natürlich auch einer größeren Öffentlichkeit gezeigt werden. So entwickelte Anschütz den „Elektrischen Schnellseher“ – ein Gerät zur Darstellung seiner Serienbilder. Dieser bestand aus einer Scheibe mit einem Durchmesser von 1,5 m und 24 Glasplatten im Format 9x13 cm. Die von hinten mit einer Geißlerschen Röhre stroboskobisch beleuchteten Glasdias wurden durch einen Kurbelantrieb mit einer Geschwindigkeit von 30 Bildern pro Sekunde rotiert. Kleine Besuchergruppen konnten so auf einer Opalglasscheibe (heute Monitor) Tiere und Sportler in Bewegung sehen. Dieser „Elektrische Schnellseher“, auch Tachyskop und Elektrotachyskop genannt, wurde erstmals im März 1887 im Kultusministerium und in einer weiterentwickelten Variante 1894 im Hörsaal des Postfuhramtes in der Artilleriestraße präsentiert. Auf einer 6x8m großen Leinwand wurden erstmals lebensgroße, sich bewegende „lebende Bilder“ gezeigt, darunter Parademarsch, Schnellfeuer und Bocksprung. Inzwischen hatte Siemens & Halske mit der Fertigung begonnen. Bis 1893 wurden rund 140 Stück produziert. Der „Schnellseher“ wurde zum Publikumsmagnet der „Chicago World's Fair“ von 1893.

Lilienthals Fliegeberg in Lichterfelde. Foto H&S 2005

1894 ließ Otto Lilienthal in Lichterfelde einen 15 Meter hohen Hügel aufschütten, den noch heute existierenden Fliegeberg, an dem ihm Flüge bis 80 Meter gelangen. Lilienthal wusste um die Wirkung des Mediums Photographie und Anschütz ahnte, dass er die „Augenblicksphotographien“ der Flugversuche nutzen konnte. So entstanden „nach dem Leben aufgenommen“, wie es auf den auf Karton montierten Abzügen von Anschütz hieß, Serien von Flugaufnahmen, mit denen der Luftfahrtpionier und der Fotopionier für Aufsehen sorgten.

Anschütz-Moment-Apparat von 1892. Sammlung Holger Anschütz

Bereits 1888 war Ottomar Anschütz nach Berlin in die Charlottenstraße Nr. 59 gezogen. Dort eröffnete er ein Photostudio, selbstverständlich mit der Attraktion „Schnellseher“. Wichtiger aber ihm die Konstruktion seiner quadratischen „Holz-Moment-Handkamera mit Schlitzverschluss vor der Platte“. Das erste Modell wurde am 27. November 1888 unter „D.R.P. Nr. 49919“ als Patent eingetragen. Es folgten weitere Verbesserungen. Dafür stehen die bis heute bekannten Begriffe Rolltuch-Schlitzverschluss, Rouleau-Verschluss, Jalousieverschluss, mit denen Belichtungszeiten von 1/1000 Sekunden möglich wurden. Die „Optische Anstalt C.P. Goerz“ in der Friedenauer Rheinstraße erwarb das Recht auf Alleinfabrikation und bot mit der „Goerz-Anschütz-Moment-Camera“ die erste Schlitzverschlusskamera der Welt an.

Ottomar Anschütz, Die Photographie im Hause. Sammlung Holger Anschütz

1896 eröffnete Anschütz ein Kaufhaus mit Unterrichtsinstitut für Amateurphotographie in Berlin W. 66, Leipzigerstraße Nr. 116 nebst Verkaufsraum für photographische Apparate und Bedarfsartikel, Ausstellungssaal und Fotolabor für das Entwickeln von Platten und Filmen.

 

Die Werbung in den Adressbüchern: „Inhaber der Kgl. Preuß. Staatsmedail., von 4 Ehrendiplomen und 12 ersten Preisen. Spec. Moment- Sport- und Architect. Aufnahm. Vergrößerung v. Bilder aller Art bis Lebensgröße. Unterr. Anst. f. Amateure u. Ausf. Aller photogr. Arbeiten.“

 

Danach widmete er sich wieder ganz der Photographie. Es entstanden Bildbände, „Die Verheerungen der Eglitz und Lomnitz in Schmiedeberg und Krummhübel“ (1897), „Palästinareise“ (1898), „Gut Cadinen“, „Marienburg“ und das Lehrbuch „Die Photographie im Hause“.

Wielandstraße Nr. 33. Foto H&S, 2017

Ab 1899 lautete die Wohnadresse: Ottomar Anschütz, Photograph, Schöneberg, Wielandstraße Nr. 33 (Postbezirk Friedenau). Während des Umzugs in neue Geschäftsräume in der Leipziger Straße Nr. 131 starb Ottomar Anschütz am 30. Mai 1907 an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Die Gemeinde Friedenau würdigte den Pionier der Phototechnik mit einem Ehrengrab auf dem Friedhof Stubenrauchstraße.

 

„Ehrengrabstätten sind Ausdruck der Ehrung Verstorbener, die zu Lebzeiten hervorragende Leistungen mit engem Bezug zu Berlin erbracht oder sich durch ihr überragendes Lebenswerk um die Stadt verdient gemacht haben, durch das Land Berlin.“ Senat von Berlin

 

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