Die Benennung in Wilhelm-Hauff-Straße war für die Gemeindevertreter von Friedenau wohl eine Verlegenheitslösung. Als diese im Jahre 1909 beschlossen wurde, gab es für eine Würdigung von Wilhelm Hauff (1802-1827) keinen „runden“ Tag. Die Gemeinde selbst stand vor Veränderungen. Der engagierte Bürgermeister Bernhard Schnackenburg (1867-1924) wurde am 16. Juni 1909 zum Oberbürgermeister von Altona gewählt. Nachfolger wurde Erich Walger (1867-1945).

 

Viel wusste man über den Märchendichter nicht. Das war in seiner Geburtsstadt Stuttgart nicht anders. Erst achtzig Jahre nach Hauffs Tod beauftragte der Verschönerungsverein den Architekten Christian Friedrich von Leins (1814-1892) und den Bildhauer Wilhelm Rösch (1850-1893), dem schwäbischen Dichter der Romantik ein Denkmal mit Bronzebüste zu errichten. Wilhelm Hauff ist im Alter von nur 25 Jahren an Typhus gestorben. Einem größeren Publikum dürften seine romantisch-phantastischen Märchen noch nicht bekannt gewesen sein. 1826 war im Königreich Württemberg sein „Märchen-Almanach für Söhne und Töchter gebildeter Stände“ mit den Geschichten von „Kalif Storch“ und dem „Kleinen Muck“ erschienen. Es folgten 1827 „Zwerg Nase“, „Schneeweißchen und Rosenrot“, 1828 „Das Wirtshaus im Spessart“ und „Das kalte Herz“. Populär wurden sie erst durch die Publikationen von Wilhelm Grimm (1786-1859). Daraus resultierte wohl auch, dass Wilhelm Hauff erst lange nach seinem Ableben eine postume Würdigung erfuhr. Er hatte es sich zu Lebzeiten der „Großkopferten“ Goethe, Tieck und Schlegel auch nicht leicht gemacht. Seine satirische Zeitkritik brauchte ihre Zeit: „Ich gehöre allen, ich gehöre mir selbst, aber keiner Schule gehöre ich an, der Meister möge sich nennen, wie er wollte. Es mag sein, daß ich die Form nicht vor dem Einfluß der Zeit bewahren kann, doch soll mir der Geist ungegoethet, ungetieckt, ungeschlegelt und ungemeistert bleiben.“

 

Wilhelm Hauff: „Ich weiß, daß mir die Natur ein Talent gegeben hat, irgendeinen Stoff mit einiger Leichtigkeit so zu drehen und zu wenden und zu behandeln, daß er für die Menge ergötzlich und unterhaltend, für viele interessant, für manche sogar bedeutend ist.” Er griff auf Quellen zurück, drehte, wendete und behandelte, kein Fälscher, aber ein Meister des Plagiats, der daraus aber unverkennbar „Hauff’s Märchen“ machte. Wenn es denn stimmen sollte, dass seine Märchen (fast) keine Märchen von Hauff sind, dann hat er mit Phantasie und Humor Dichtungen geschaffen, die, wie Gustav Schwab (1792-1850) bereits prophezeite, „auch von der späteren Nachwelt mit Achtung und Liebe genannt und fortwährend gelesen werden“. Hauffs Credo: „Die Tage werden gewogen, nicht gezählt.“ In Deutschland sind zahlreiche Straßen nach ihm benannt, so eben auch die Wilhelm-Hauff-Straße in Friedenau. Dass diese erst einmal nur „Haufstraße“ mit einem „f“, später „Hauffstraße“ mit zwei „ff“ geschrieben und schließlich 1909 zur „Wilhelm-Hauff-Straße“ wurde, mag vielleicht auch an den Rathäusern von Friedenau und Schöneberg gelegen haben. Der zur Gemarkung Friedenau gehörende Teil ab Ecke Ringstraße (heute Dickhardtstraße) umfasste die Häuser Nr. 1-5 und Nr. 16-21, der zur Gemarkung Schöneberg gehörende Teil ab Ecke Fregestraße umfasste die Häuser Nr. 6-10 und Nr. 16-21.

 

Um die Verwirrung komplett zu machen: Die Moselstraße zwischen Ringstraße und der früheren Gemarkungsgrenze zu Schöneberg wurde am 1. September 1926 ebenfalls in Wilhelm-Hauff-Straße benannt. Bis 1940 gehörte sie zu Schöneberg. Ab 1940 zählten zu Friedenau die Häuser Nr. 1-10 und Nr. 16-21. Nach dem Zweiten Weltkriege kamen Nr. 1-5 und Nr. 16-21 zu Friedenau und Nr. 6-15 zu Schöneberg. Inzwischen haben alle Häuser die Postleitzahl 12159.

 

 

 

 

Tipp: Das Projekt Gutenberg hält mit mehr als 8000 Werken von über 1700 Autoren die größte elektronische Volltextsammlung deutschsprachiger Literatur zur Verfügung. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um Texte von Autoren, die vor mehr als 70 Jahren gestorben sind und deren Werke daher gemeinfrei wurden, also nicht mehr dem Urheberrecht unterliegen – darunter auch die Märchen von Wilhelm Hauff.

 

 

Villa Herms, Wilhelm-Hauff-Straße 10. Quelle LDA, 2005

Wilhelm-Hauff-Straße Nr. 10

 

Auf dem Friedhof Stubenrauchstraße sind viele Gräber aus der Frühzeit von Friedenau verschwunden. Gegen die Einebnung ist – juristisch betrachtet – nichts einzuwenden. Nach dem Berliner Friedhofsgesetz umfasst das Nutzungsrecht an einer Grabstätte in der Regel eine Ruhezeit für Erd- und Urnenbestattungen von mindestens 20 Jahren. Eine Verlängerung kann von Nachfahren beantragt oder aber vom Friedhofsträger bestimmt werden.

 

Die pflaumenweiche Formulierung führte allerding zu manchen Ungereimtheiten. Das Grab von Ottomar Anschütz, dem Friedenauer Fotopionier der Serienfotografie, lässt das Bezirksamt vergammeln. Die Grabstätten der Familien Hirt und Prowe werden vom Bezirksamt gerademal „geduldet“, weil der Respekt vor den grandiosen Schöpfern, dem Architekten Oskar Haustein und dem Bildhauer Valentino Casal, (noch) vorhanden ist.

 

Dass in der Wandgräberreihe im südlichen Friedhofsteil die handwerklich und kulturgeschichtlich weniger bedeutende Grabstätte der Familie Herms vom Bezirksamt „belassen“ wird, gibt Rätsel auf. Damit es kein Missverständnis gibt, es ist gut und richtig, dass das Grab noch da ist. Wissen möchte man aber schon, welche Kriterien da angelegt werden.

 

 

Die Inschriften auf dem dunklen Granit-Wandgrab machen neugierig. Von den drei eingelassenen Tafeln ist nur der Mittelteil beschriftet: „Hier ruht in Gott meine innigst geliebte Frau, unsere herzensgute Mutter, Schwieger- und Großmutter Luise Herms geb. Heitzmann, geb. 18. Juni 1841, gest. 25. Januar 1910“. Darunter „Und unser innigst geliebter treusorgender Vater, Schwiegervater und Großvater der Direktor und Ziegeleibesitzer Wilhelm Herms, geb. 27. Juni 1846, gest. 27. December 1911“.

 

Wilhelm Herms war Eigentümer des Anwesens Wilhelm-Hauff-Straße Nr. 10, die allerdings von 1884 bis 1909 nur als Hauffstraße geführt wurde. Die Villa ist zwischen 1891 und 1894 errichtet worden. Bauherr war der Ziegeleibesitzer Wilhelm Herms (1846-1911), der sich mit seiner Familie 1893 in Friedenau niedergelassen hatte, zuerst als Eigentümer des Hauses Hauffstraße Nr. 8b, ab 1895 als Eigentümer des Hauses Hauffstraße Nr. 10. Laut Friedenauer Adressbuch waren dort gemeldet Wilhelm Herms sen., Wilhelm Herms jr. sowie Mitinhaber Wilhelm Heitzmann. Es kann davon ausgegangen werden, dass ihre Handstrich- und Dampfziegelei wesentlich aus der Hauffstraße Nr. 10 geführt wurde. Erst 1904 kam mit der „Vereinigten Dampfziegeleien und Industrie-Actiengesellschaft“ die Büroadresse Französische Straße Nr. 14 hinzu.

 

Im Adressbuch der „Ziegeleien, Chamottefabriken und Thongruben für die Provinz Brandenburg“ des Jahres 1900/01 taucht der Name Herms mehrfach auf. Fündig wird man letztendlich bei den Ziegeleiwerken in Halbe. Dort entstanden um 1817 erste Tongruben und Ziegeleien. Das „Teltower Kreisblatt“ meldete am 15. Juni 1894, dass Halbe „mit seiner 1866/67 eröffneten Station an der Berlin-Görlitzer Bahn viel gewonnen und der Ort mittlerweile über 600 Einwohner habe. Sechs Ziegeleien sind entstanden, darunter die „Ziegelei Aktiengesellschaft, eine ganz bedeutende Anlage, die viele Arbeiter beschäftigt und gute Löhne zahlt. Von kleinem Anfang an hat sich das Ziegelbrennen hier derartig ausgedehnt, dass gegenwärtig jährlich 20 Millionen Steine fertiggestellt werden“.

 

Zur Übernahme und Fortführung einer großen Ziegelei in Halbe direkt an der Berlin-Görlitzer Bahn, eine Fahrstunde von Berlin entfernt, wurde 1889 die „Vereinigte Halber Dampfziegeleien AG“ gegründet. Die „Deutsche Geologische Gesellschaft“ lieferte 1896 ein Gutachten“: „Die daselbst abgebauten Thone bilden die ältesten Schichten des Diluvium und werden von den märkischen Braunkohlenbildungen unterteuft. Das Hangende des an einigen Stellen über 35 m mächtigen Thonlagers wird durch diluvialen Spathsand gebildet, der 6-10 m mächtig und in der am Rande der Diluvialhochfläche gelegenen Grube interglacialen Alters ist, dagegen in den beiden anderen in der Thalfläche befindlichen Gruben noch von jungdiluvialem Thalsande überlagert wird. Zwischen dem Thon und Sand bemerkt man eine aus oft sehr grossen und z. Th. geschrammten Geschieben gebildete Steinsohle, die bis zu 0,5 m Mächtigkeit besitzt.“

 

Keine schlechte Voraussetzung für eine Expansion. So erwarb Wilhelm Herms 1903 die „Meißener Thonwaren- und Kunststeinfabriken AG“, die sich auf feuer- und säurefeste Produkte spezialisiert hatte und den Markt mit glasierten Steinzeugwaren und Fußbodenplatten von großer Dauerhaftigkeit versorgte. Mit der Übernahme waren Kapitalerhöhungen verbunden. Die Werkserweiterungen und Fehlschläge bei Experimenten mit neuartigen Wandplatten in Meißen führten zu herben Verlusten. Dazu wurden wegen der gedrückten Lage am Berliner Baumarkt und rückläufiger Preise in den Jahren nach 1909 weitere Sanierungen erforderlich. 1913 lehnten die Anleihegläubiger erneute Sanierungsbeschlüsse der Aktionäre ab. Nachdem ein Konkursverfahren mangels Masse gar nicht erst eröffnet worden war, erfolgte 1914 der Liquidationsbeschluss. Das Werk in Halbe erwarb 1914 in der Zwangsversteigerung die „Nationalbank für Deutschland“ als einer der Hauptgläubiger. Das Meißner Werk ging 1919 an die durch ihre Puppenproduktion bekannt gewordene M. Oscar Arnold Fabrik- und Handelsgeschäft (MOA) in Neustadt bei Coburg.

 

Seniorchef Wilhelm Herms hat das Ende seiner „Halber Ziegeleiwerke“ nicht mehr erlebt. Nach 1912 brach Wasser in die Tongrube ein. Daraus entstand mittlerweile der 7,8 ha große Heidesee, beliebt, mit einer ausgezeichneten Wasserqualität gesegnet und obendrein ein Paradies für Taucher, da in geringer Tiefe Ziegeleigebäude, Gleise, Waggons und Loren aus der längst vergangenen Ziegelzeit zu erkunden sind – Relikte der Brandenburgischen Ziegeleien und des Berliner Baubooms von anno dunnemals.

 

Weiteres unter „Friedhof Stubenrauchstraße“.

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© friedenau-aktuell, 2017