50 Jahre Kommune I, die Puddingbombe in der Niedstraße 14, Fritz Teufel und all das

Von Dr. Christian G. Pätzold

 

Die Niedstraße ist eine kleine Straße in Berlin Friedenau, die in west-östlicher Richtung vom Friedrich-Wilhelm-Platz zum Rathaus verläuft. Wie oft bin ich in den letzten 60 Jahren hier entlanggelaufen. Eine Mischung aus traditionellen Friedenauer Landhäusern aus der Gründerzeit, gemäßigten Mietshäusern und Ruinengrundstücken, die in Kinderspielplätze umfunktioniert wurden, das vermute ich zumindest. Die ganze Straße ist von Ahornbäumen gesäumt. An der Ecke Niedstraße/Bundesallee hielt früher der Bus zum Zoo, als es noch keine U-Bahn gab und der Friedrich-Wilhelm-Platz noch ein schönes großes Oval war, das in der Sommersonne grün glänzte. Besonders bekannt ist das Knusperhäuschen in der Niedstraße 13, in dem der Literaturnobelpreisträger Günter Grass seine berühmten Romane schrieb. Im Nachbarhaus Niedstraße 14 malte einst der Expressionist Karl Schmidt-Rottluff und lebte der Schriftsteller Uwe Johnson, in dessen Dachgeschossatelier die »Kommune I« am 19. Februar 1967 gegründet wurde. Auch hier wurde Geschichte gemacht. Die Freie Liebe und der Bürgerschreck wurden geprobt, aber erst allmählich. Zu Beginn trugen einige der Kommunarden noch eine Krawatte. Der Name »Kommune I« leitete sich übrigens von der Pariser Commune von 1871 ab, die von Karl Marx als das Vorbild der zukünftigen Gesellschaft gelobt worden war.

 

Johnson war in jenem Frühjahr 1967 gerade in den USA, als Ulrich Enzensberger und seine Freunde Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel und weitere 7 Mitglieder die Gelegenheit nutzten, um die westberliner K I zu gründen und als Happening das Pudding-Attentat auf den US-amerikanischen Vizepräsidenten vorzubereiten. Die Bombe sollte auf der Schöneberger Martin-Luther-Straße platzen. Die Berliner Morgenpost meldete am 6. April: "Attentat auf Humphrey von Kripo vereitelt, FU-Studenten fertigten Bomben mit Sprengstoff aus Peking." Die Bild-Zeitung sprach nachher von einem Mao-Cocktail, den die Extremisten angeblich gemischt hätten. Da sich jedoch statt Sprengstoff nur Pudding fand, musste die Polizei die "langbehaarten Affen" wieder freilassen. "Man wird aber ein ungutes Gefühl nicht los, daß diese Typen nach wie vor wieder mitten unter uns sein dürfen." (Bild-Zeitung vom 12.4.1967). Die Berliner Spießer schäumten vor Wut und hätten sie gerne in die Klapsmühle gesteckt. Die Idee der Bombe hatte ihren Hintergrund in der deutschen Atombombe, die damals von der CDU gefordert wurde. Und eine Beziehung zu Peking gab es tatsächlich. Aber dabei handelte es sich um einen größeren Posten von Maobibeln aus China, die die K I vertreiben sollte. Denn die Kommunarden lebten vor allem vom Verkauf von Büchern und selbstgedruckten Raubkopien. Fritz Teufel hat die Maobibeln für nur 1,50 Mark das Stück an der Freien Universität verkauft. Vorbild für die ganze Pudding-Aktion waren die Amsterdamer Provos. Ich kann hier nur einige wenige Protagonisten der Pudding-Bombe erwähnen. Sie waren alle hochintelligente politische Aktionskünstler.

 

Fritz Teufel (1943-2010), der Spaßrevoluzzer der APO, war natürlich die intellektuelle und praktische Hauptperson des Puddings. Jeden Morgen sah er in der Springerzeitung BZ nach, ob sie ihn auf der Titelseite brachte. Wenn nicht, hatte er etwas falsch gemacht und die Revolution hatte einen Rückschlag erlitten. Ansonsten qualmte er Zigarren ohne Ende und war bei jeder Demo vor Kranzler und vor dem Amerikahaus dabei. Schließlich ging es gegen den Vietnamkrieg und gegen Napalmbomben, die auf Frauen und Kinder abgeworfen wurden. Von Fritz Teufel stammt das berühmt gewordene geflügelte Wort "Wenn’s der Wahrheitsfindung dient", das er im Gerichtssaal machte, als ihn der Richter zum Aufstehen aufforderte. Zum Schluss hatte Fritz Teufel Parkinson. Er starb im Juli 2010 in Berlin.

 

Ulrich Enzensberger war der Bruder des bekannten Friedenauer Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger, der das »Kursbuch« herausbrachte, das damals alle linken Westberliner lasen. Ulrich Enzensberger war aus Bayern vor dem Wehrdienst nach Westberlin geflüchtet, denn in Westberlin gab es damals keine Bundeswehr. Über die Beziehungen zwischen den Enzensbergern und Johnson kam man an die Wohnung in der Niedstraße. Ulrich Enzensberger schrieb auch das beste Buch über die Kommune I. Uwe Johnson hat sich damals wegen der Kommune-I-Geschichte mit Hans Magnus Enzensberger zerstritten. Aber Schwamm drüber, Johnson ist schon lange tot, während Enzensberger (87) noch munter in Schwabing wohnt und noch immer von Suhrkamp verlegt wird.

 

Dieter Kunzelmann war 1966 aus Schwabing in München zugewandert, wo er schon umfangreiche subversive Erfahrungen gesammelt hatte und auch bei den Situationisten aktiv war. Er brachte die Idee der Kommune mit, mit der die Kleinfamilie und das Privateigentum überwunden werden sollten. Nach einer Diskussion mit Dutschke im Jahr 1966 wurde Kunzelmann klar, dass er nur in Berlin mit seinen politischen Aktionen berühmt werden würde. Bereits im April 1967 sprach er öffentlich von seinen Orgasmusschwierigkeiten, was damals revolutionär war, denn über Sex sprach man noch nicht.

 

Und schließlich war da noch Rainer Langhans, der noch heute bekannt ist durch seinen Harem mit 5 Frauen, in dem er in München lebt. Damals waren er und Uschi Obermaier das schönste Pärchen der APO. Und das wollte etwas heißen. Als Jimi Hendrix kurz vor seinem Tod die K I in Moabit besuchte, soll sich Uschi jedoch gleich in Jimi verliebt haben. Rainer Langhans entdeckte damals die sensationsgeile Presse und Nacktfotos als sprudelnde Geldquelle. Der Oberrevolutionär Rudi Dutschke war übrigens auch irgendwie mehr indirekt an der Puddinggeschichte beteiligt.

 

Als das Pudding-Attentat aufflog, auch die New York Times hatte darüber auf Seite 1 berichtet, rief Uwe Johnson alarmiert aus den USA bei Günter Grass an, der die Kommunarden dann aus der Wohnung in der Niedstraße 14 warf. Die Kommunarden zogen an den Stutti in Charlottenburg um und später in die Stephanstraße 60 nach Moabit. Aber das betrifft schon das legendäre Jahr 1968. Nur zwei Monate nach der Pudding-Bombe, am 2. Juni 1967, wurde der FU-Student Benno Ohnesorg bei einer Demo gegen den Schah von Persien in Charlottenburg von der Polizei erschossen. Das zeigt, wie lebensgefährlich die Situation in Westberlin damals für die Beteiligten war. Die Kommune I wollte ursprünglich eine neue private Lebensform sein, war aber aufgrund der in ihr versammelten Persönlichkeiten eher eine politische Aktionsgruppe. Beides gleichzeitig ließ sich auf Dauer nur schwer verwirklichen. Obwohl sie ihr Leben lang daran gearbeitet haben. Sie standen am Anfang der modernen Wohngemeinschaften, die es bekanntlich auch nicht leicht haben. Denn die gegenwärtige Gesellschaft ist auf den Prinzipien des Individualismus, des Egoismus und der Konkurrenz aufgebaut. Da ist ein Zusammenleben nicht so einfach.

 

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Der Beitrag erschien zuerst am 21. Februar 2017 auf http://www.kuhlewampe.net/ und wurde uns vom Autor für www.friedenau-aktuell.de freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

 

Über den Autor: Der Essayist Dr. Christian G. Pätzold wurde 1951 in Berlin geboren. Er beteiligte sich an der Studentenbewegung von 1968, wurde Offset-Drucker und studierte Volkswirtschaftslehre. 1988 promovierte er an der FU zum Dr. rer. pol. mit einer Dissertation über den Arbeitsbegriff. Danach unterrichtete er Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft. Im Jahr 2012 veröffentlichte er im Dokumentenserver der Freien Universität Berlin ein umfangreiches ökonomisches Nachschlagewerk mit über 25.700 Stichwörtern mit deutsch-englischem und englisch-deutschem Vokabular. (http://edocs.fu-berlin.de/docs/content/below/index.xml). Publikationen: „Querdenkerartikel - Essays zwischen Kunst, Geschichte und Politik“, 2014; „Tigergeschichten - Essays zwischen Friedenau, Berghain und Tiergarten“, 2015. Dr. Christian G. Pätzold lebt in Friedenau und veröffentlicht auf seiner Website http://www.kuhlewampe.net/ erfrischende und empfehlenswerte „Querdenkerartikel“.

 

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