Körner Apotheke. Foto H&S 2018

Aus für die Körner-Apotheke?

 

Zuerst hing im Schaufenster der „Körner-Apotheke“ ein vom bisherigen Apotheker Friedhelm Budde handgeschriebener Zettel: „Apotheke wegen Krankheit zur Zeit geschlossen. Post bitte im Blumenladen abgeben.“ Wenige Tage später folgte: „Liebe Kunden, die bereits bestellten Waren befinden sich in der Stier-Apotheke Hauptstraße 76 zur Abholung für Sie bereit“. Dann der dritte Aushang: „Sehr geehrte Kunden, die Apotheke ist bis auf Weiteres geschlossen.“

 

Sollte die „Körner-Apotheke“ tatsächlich „wegen Krankheit“ geschlossen sein, dann wünschen wir Friedhelm Budde baldige Genesung. Allerdings haben wir auch geahnt, dass nicht alle sieben Apotheken zwischen Hähnelstraße und Walther-Schreiber-Platz den Druck des Marktes überstehen würden. Dass es nun aber ausgerechnet die seit 1911 bestehende Körner-Apotheke in der Friedenauer Hauptstraße Nr. 71 zuerst trifft, macht traurig.

 

Nicht gefährdet ist das Haus selbst, da es zum denkmalgeschützten Mietshausensemble von Hähnelstraße Nr. 7-15 und Hauptstraße Nr. 70-74 gehört – entstanden zwischen 1908-1911, Entwurf und Bauherr Architekt und Maurermeister Paul Reinhardt. Gefährdet könnte allerdings die 1890 gefertigte Inneneinrichtung der Apotheke sein: „Eiche massiv, später Jugendstil“.

 

Am 18. September 2018 baten wir den Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde im Schöneberger Bezirksamt, einen drohenden Verlust dieser Einrichtung zu verhindern. Die Antwort war ernüchternd: Unsere Information wurde „an die für diesen Bereich zuständige Sachbearbeiterin weiter gegeben“. Gleichzeitig wurden wir aber um Verständnis dafür gebeten, dass „derzeit eine hohe Arbeitsbelastung herrscht, zudem ein hoher Krankenstand, so dass ich nicht versprechen kann, dass Sie bald eine Antwort erhalten werden“. Von dieser Verwaltung ist nichts zu erwarten.

 

Als wir vor Jahrzehnten nach Friedenau zogen, war die Körner-Apotheke im Besitz von Dr. Dietmar Jentsch. Wir gehörten damals auch zu jenen, die beim ersten Besuch erstaunt ausriefen: „Das ist ja noch eine richtige Apotheke“. Dr. Jentsch erzählte die Geschichte.

 

Seit 1892 dominierte in Friedenau die von Albert Hirt eröffnete „Adler-Apotheke“ in der Rheinstraße Nr. 16, die 1903 vom Apotheker Paul Sadée übernommen wurde. Der gestiegene Pillenbedarf legte nahe, beim Bau des Mietshauses Hauptstraße Nr. 71 im Erdgeschoss eine weitere Apotheke zu etablieren. Sie sollte 1913 zum 100. Todestag des patriotischen „Befreiungsdichters“ Theodor Körner eröffnet und „Körner-Apotheke“ genannt werden. Haus und Laden waren aber bereits 1911 bezugsfertig. Es fügte sich, dass der zukünftige Apotheker Alfred Schmidt in der nahen Hauptstadt aus der Konkursmasse eine „gebrauchte, fast neue“ Apothekeneinrichtung aus dem Jahr 1890 erwerben konnte und diese im Laden Hauptstraße Nr. 71 „einpassen“ ließ.

 

Die Apotheke überlebte Ersten Weltkrieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise. Da Alfred Schmidt keine Nachkommen hinterlassen hatte, „setzten die Nationalsozialisten einen Apothekenleiter ihrer Wahl ein“. Nach 1945 übernahm der in Deutschland aufgewachsene holländische Staatsbürger Dr. Otto Schonewille die Apotheke. Unter seiner Ägide begann 1960 Dietmar Jentsch „als Stift“ seine Laufbahn als Apotheker. Im Jahre 1977 übergab Schonewille seinen ehemaligen Stift, inzwischen Dr. Dietmar Jentsch, die Apotheke. Nach vier Jahren Pacht ging die Körner-Apotheke dann in den Besitz von Jentsch über.

 

Jahre später wurde mit dem Ausbau der Schloßstraße zur Einkaufsmeile begonnen. Das Geschäftsleben in Haupt- und Rheinstraße nahm ab. Die Erzählungen von Apotheker Jentsch schwankten nun zwischen Stolz und Wehmut: „Die Körner-Apotheke ist seit ihrer Gründung unversehrt. Die Bomben des letzten Krieges verschonten sie. Seit 1911 hat es keinerlei Umbauten gegeben und die Utensilien waren seit 1912 in Gebrauch.“ Sein Abschied deutete sich an. Für eine relativ kurze Zeit kam Diana Manske, dann übernahm Friedhelm Budde die Apotheke. Was auch immer dort in Zukunft geschehen wird, die über 120 Jahre alte Inneneinrichtung ist ein Stück Friedenau. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

 

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