Rathaus Friedenau, Front zur Niedstraße. Entwurf Hans Altmann, 1914

 

 

Zurück zum Lauterplatz

 

Nachdem während des Kalten Krieges der Schlesische Bahnhof zum Ostbahnhof (1950), die Straße Am Schlesischen Bahnhof zu Am Ostbahnhof (1951) wurde und schließlich in Friedrichshain der Name Breslauer Straße (1964) aus dem Stadtplan verschwand, war das zu viel für jene, denen die Erinnerung an die deutschen Ostgebiete am Herzen lag. So beriet das Abgeordnetenhaus am 3. Juli 1964 über den Antrag der CDU-Fraktion: Wir sind der Meinung, dass wir alles tun müssen, um die ostdeutschen Straßennamen in Berlin zu erhalten. Sie sind nicht nur eine Erinnerung für uns, sondern auch Mahnung und Verpflichtung. Die Konservativen siegten und der seit 1875 bekannte Lauterplatz hieß nun Breslauer Platz. Ignoriert wurde, dass die Hauptstadt des aus historischer Sicht zweifellos von Deutschen geprägten Schlesiens seit 1945 zu Polen gehört und Wroclaw heißt. Lauterstraße und Lauterplatz erhielten ein Jahr nach der Gründung von Friedenau am 22. Oktober 1875 ihre Namen.

 

Der Platz wurde in den letzten Jahren vom Bezirksamt Schöneberg unter Mitwirkung der Bürgerinitiative Breslauer Platz (BI) leider zu einem quartiersfremden Aufmarschplatz umgestaltet. Von Anfang an war die Lauterstraße bis Ecke Schmargendorfer Straße beidseitig von Bäumen flankiert. Nun gibt es ab Ecke Niedstraße nur noch einseitig Bäume, so dass die Pflasterfläche an den marktfreien und menschenleeren Tagen unwirtlicher nicht sein kann. Um dem vom Naturschutz geforderten Ausgleich nachzukommen, wurden dafür Bäume direkt vor das Rathaus gesetzt. Aus der Historie heraus gibt es dafür keine Begründung – im Gegenteil, die damals vor Stolz strotzende Gemeinde wollte ihr Rathaus unverdeckt präsentieren.

 

Zum Lauterplatz gehört seit 1929 der vom Schöneberger Stadtbaurat Heinrich Lassen (1864-1953) errichtete Pavillon mit Kiosk, Wartehalle und unterirdischer Bedürfnisanstalt. Der Bau steht unter Denkmalschutz, was zu akzeptieren ist, weil Lassen in Friedenau sonst nichts Bemerkenswertes hinterlassen hat. Probleme bereitet die Anlage seit langem, deshalb soll ein Café über dem Pissoir eingerichtet werden. Da dieses wohl so bald nicht sein wird, wurden jetzt erst einmal an den mit der Bürgerinitiative verabredeten Bodenstellen Bänke aufgestellt, wodurch in der Platzmitte ein harmonischer Gesamtklang erzeugt wird. Diese Harmonie besteht im Wesentlichen darin, dass die Nutzer auf die unansehnliche Rückseite des Pavillons bzw. auf die lichtdurchlässigen Glasbausteine blicken, die seinerzeit für Tageslicht im darunterliegenden Pissoir sorgten. Verzichtet hat die BI inzwischen auf den angedachten Schmuckbrunnen, weil eingesehen wurde, dass das Bezirksamt schon mit den vorhandenen Brunnenanlagen überfordert ist. Aufgegeben wurden von der BI auch die Idee, die Laternen mit Blumenampeln zu verzieren, weil (Zitat) das in Tirol so schön aussieht. Mit Dekorationen ist dem Lauterplatz nicht geholfen. Ein wirkliches Marktgeschehen anno dunnemals wird nicht mehr sein. Was jetzt noch nach der Friedenauer Polizei-Verordnung von 1909 stattfindet, hat nichts mit einem Wochenmarkt zu tun.

 

Was bleibt – ist der Platz. Schon für Cicero (106-43 v. Chr.) sollte der Stadtplatz jener Ort sein, auf dem sich die zusammengelaufene Stadtgesellschaft zusammenrauft – Voraussetzung für den gemeinsamen Kult, für das Verbindende, für gesellschaftliche Übereinstimmung. Auf die BI warten wirklich große Aufgaben. Die Rückbenennung in Lauterplatz wäre ein Anfang.

 

Schwieriger wird es mit dem Rathaus von Friedenau. Es hat den Zweiten Weltkrieg nicht unbeschadet überstanden. Schaut man sich die Fotos von 1947 und auch von 1950 genau an, so wird deutlich, dass die damals noch vorhandene Bausubstanz eine Rekonstruktion gerechtfertigt hätte. Nicht ohne Grund erhielt sein Schöpfer Hans Altmann (18711965) nach dem Ende des Weltkrieges den Auftrag für einen Wiederaufbau. Die Verwaltung plädierte jedoch für Abriss von Bauteilen und Schmuckelementen. Als er die Vereinfachung nicht hinnehmen wollte, kam eine weitere Beauftragung nicht in Frage. Infolgedessen ist Herr Altmann auch nicht berechtigt, diesbezügliche Verhandlungen mit der Baupolizei zu pflegen. Für alle Angelegenheiten betr. Wiederaufbau ist nur das Hochbauamt Schöneberg zuständig. Etwaige Versuche des Herrn Altmann bzgl. Auskünften sind zurückzuweisen und ihn an das Hochbauamt zu verweisen. Was am Hauptflügel zum Lauterplatz an Details in den 1950er Jahren abgetragen, welche Vielfalt ohne Not vernichtet wurde, lässt sich noch an den Fassaden in der Haupt- und Lauterstraße ablesen. Der üppige Bauschmuck, Kennzeichen aller Altmann-Bauten in Friedenau, ist dort erhalten geblieben.

 

Über die Baugeschichte gab Altmann 1924 Auskunft: Ein zu diesem Zwecke unter den Architekten Deutschlands ausgeschriebener Ideenwettbewerb hatte kein befriedigendes Ergebnis. Da der auf Aufforderung der Gemeindekörperschaften vom Verfasser dieser Zeilen gleichzeitig mit den Wettbewerbsentwürfen eingereichte Bauentwurf die einstimmige Zustimmung fand, fasste die Gemeindevertretung den Beschluss, diesen Bauentwurf auszuarbeiten und das Rathaus beschleunigt zur Ausführung bringen zu lassen ... Nach gründlicher Untersuchung der Raumfrage und Ankauf der Grundstücke Niedstraße 1 und 2, Ecke Rheinstraße, wurde der endgültige Beschluss dahin gefasst, das Rathaus am Lauterplatz, im Angesicht der Hauptverkehrsstraße Friedenaus, zu errichten. Bei der Größe des Bauprogramms und dem Wunsche, nicht nur die Diensträume, sondern auch Feuerwehr, Dienstwohnungen und Ratskeller unterzubringen, ergab sich, dass für die Bauausführung das vorhandene Grundstück bei weitem nicht ausreichte, um den aufgestellten Anforderungen zu entsprechen. Es wurde deshalb ein Teil des Straßengeländes bis zu 12 Meter Tiefe durch Änderung der Baufluchtlinien zu dem Baugrundstück hinzugeschlagen. Gegen diesen Beschluss erhoben die Gegner eine Klage im Verwaltungsstreitverfahren, welche durch das Oberverwaltungsgericht in günstigem Sinne für die Gemeindeverwaltung entschieden wurde.

 

Unmittelbar vor dem Baubeginn beschloss die Gemeindevertretung in das Rathaus einen Bürgersaal mit Nebensälen und den dazu gehörigen anderen Räumen einzubauen. Trotzdem der Bauentwurf eine ganz wesentliche Änderung erfuhr, musste ohne Zeitverlust mit dem Bau begonnen werden. Als derselbe aus dem Erdreich herauswuchs, brach der Krieg aus. Trotz Bedenken wurde der Bau fortgeführt und so beschleunigt, dass bereits 1915 fast die ganze Verwaltung in das Haus hinein verlegt werden konnte. Es folgten Ratskeller, Festsaal und 1917 die Fertigstellung des Turmes. So kam Friedenau noch im letzten Augenblick (vor der Eingemeindung nach Schöneberg am 1. Oktober 1920) zu seinem so langersehnten Rathaus.

 

Den 100. Geburtstag wird das Rathaus als Rathaus nicht mehr erleben. Dort soll das Finanzamt für Fahndung und Strafsachen einziehen. Bleibt die vage Hoffnung, dass mit dem Mehr an Einnahmen nun der Bau behutsam restauriert werden könnte. (2015)

 

 

Bürgerinitiative Breslauer Platz

 

Für den Architekturhistoriker Peter Lemburg „riss der Bombenkrieg auch in Friedenau empfindliche Lücken, doch nicht in dem Ausmaß, dass eine tiefgreifende städtebauliche Neuordnung nahegelegen hätte“. Die Wunden sind unübersehbar. Anstatt sich um die Heilung zu kümmern, erlaubte sich die „Bürgerinitiative Breslauer Platz“ einen weiteren Eingriff in gewachsene Strukturen.

Die Geschichte begann am 22.06.2011, als Bezirksstadtrat Oliver Schworck (SPD) mitteilte, dass „nicht nur die für den Autoverkehr zu sperrende Lauterstraße, sondern auch die Niedstraße (vor dem Rathaus) durch eine Aufpflasterung zur Vergrößerung des Marktplatzes beitragen und damit künftig auch verkehrsberuhigt sein“ sollte. Die BI setzte eins drauf: „Die Errichtung der Fußgängerzone ist Kern der Konzeption“ für die Neugestaltung des zerteilten Platzes. Damit „vergrößert sich die Nutzungsfläche des Breslauer Platzes für Marktbetrieb, Bürger und Marktbesucher“. Diese Notwendigkeit bestand aber zu keiner Zeit. Die Marktfläche reicht mehr als aus. Nied- und Lauterstraße existieren seit 1875. Gestört haben sie weder damals (bei weit mehr Marktgeschehen) noch heute.

Wohl gemerkt, auch wir plädieren für eine Stilllegung des Abschnitts Lauterstraße zwischen Nied- und Schmargendorfer Straße für den Autoverkehr. Allerdings sollte die Lauterstraße nicht zuletzt aus historischen Gründen als Straße erkennbar bleiben – selbstverständlich beidseitig mit Bäumen markiert. Der jetzige „Aufmarschplatz“ würde weniger martialisch wirken, würde damit aufgewertet und dem „grünen Friedenau“ der Gründer gerecht werden.

Die BI hatte nach ihrer Gründung im Januar 2011 diverse Arbeitsgruppen installiert, in denen „kompetente und erfahrene Mitstreiter einen realisierbaren und bürgerfreundlichen eigenen Entwurf zur Umgestaltung des Breslauer Platzes entwickeln sollten“. Fakt ist aber, dass sich „kompetente Mitstreiter“ zurückzogen, weil sich die BI mehr und mehr zu einer geschickt vernetzten und kommunalpolitisch einseitig orientierten Gruppe entwickelte, die mitunter nicht davor zurückschreckte, Andersdenkende zu diskreditieren. Der BI ist vorzuwerfen, dass sie von Anfang an die Geschichte von Friedenau als Ganzes nicht im Blick hatte. Eingebracht und favorisiert wurden wahnwitzige Ideen, ein Brunnen, Kiosk, Wartehalle und unterirdische Bedürfnisanstalt als Kulturhaltestelle und hinter dem Pavillon ein Sitzareal mit Brunnen als neuer „optischer und funktionaler Mittelpunkt“ des Marktes. Das Wesentliche – ein WC für Bürger und Händler – wurde nicht geschaffen.

Die Lauterstraße war vom Ringbahnhügel an der Bennigsenstraße bis zur Ecke Schmargendorfer Straße beidseitig von Bäumen flankiert. Weil die BI „eine vergrößerte Nutzungsfläche“ wollte, wurden die vier oder fünf Bäume auf der Platzseite einfach weggelassen. Das wirkt sich nun, weil es wenig Marktgeschehen gibt, negativ auf die gesamte Atmosphäre am Breslauer Platz aus.

 

Die jetzige Platzgestaltung wurde gegen den Willen von Anwohnern und Markthändlern durchgesetzt.

 

 

Pläne der "Bürgerinitiative Breslauer Platz" im Wandel der Zeit

Von Damals bis Heute

 

Polizei-Verordnung und Orts-Statute für den Amts- und Gemeindebezirk Friedenau bei Berlin, 1909

 

§ 1. Die Wochenmärkte in Friedenau werden Mittwoch und Sonnabend, und zwar auf dem durch die Kreuzung der Rheinstraße, Ringstraße, Schmargendorfer Straße und Lauterstraße gebildeten Platze vor dem Kaiser-Wilhelm-Garten und auf den Seiten des sogenannten Schulplatzes abgehalten. Fällt auf einen dieser Markttage ein Festtag, so wird der Markt an dem darauf folgenden Wochentage abgehalten.

 

§ 2. Auf dem Wochenmarkte dürfen feilgehalten werden:

 

1. Erzeugnisse des Bodens, der Land- und Forstwirtschaft, der Jagd und Fischerei, welche zum Genusse dienen, namentlich alle essbaren Garten-, Wald- und Feldfrüchte: (frisch gebacken, getrocknet oder eingekocht); als Obst, Citronen, Pomeranzen, Apfelsinen, Gemüse, Kräuter, Knollen, auch roh und ungedörrte Cichorienwurzeln; ferner Pilze, Beeren, Sämereien, Getreide und Hülsenfrüchte, Mehl jeder Art, einschließlich des Kartoffel- und Senfmehls, und alle anderen Mühlenfabrikate als Getreide und Hülsenfrüchte, Hefe, Brot, Semmel und ähnliche Backwaren, kleine vierfüßige Tiere, Schafvieh, Schweine, Ziegen, Milch, Butter, Käse, Fleisch und Fleischwaren: (frisch, gesalzene und geräucherte), wildes Geflügel und Wildbret aller Art, Federvieh, Eier, Honig, Krebse, Muscheln, Fische: (frisch, gesalzen, gedörrt oder geräuchert) . . .

 

Ausführlich in folgender PDF-Datei

Friedenauer Polizeiverordnung von 1909

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Zurück zum Lauterplatz. Aus "Friedenau-Geschichte & Geschichten"

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