Sintflutbrunnen am 17. Juni 2017. Foto H&S

Sintflutbrunnen

Denkmal in Not

 

Der „Sintflutbrunnen“ wurde laut Senatsverwaltung in den Jahren 1909 und 1931 „saniert“. Mit 1909 ist die Einweihung auf dem Hamburger Platz gemeint, mit 1931 die Umsetzung auf den Maybachplatz. Mehr als acht Jahrzehnte hat sich niemand um das „Schmuckstück“ gekümmert. Felsen und Figuren aus Kalkstein haben Patina angelegt, was noch hinzunehmen ist. Ganz schlimm ist es allerdings um das Becken aus Naturstein bestellt. Ringsherum tritt das Wasser aus Stein und Fugen. Eine Sanierung ist dringend geboten.

 

Der Brunnen war eine Gabe des Bauunternehmers Georg Haberland, dessen „Terrain-Gesellschaft Berlin-Südwesten“ große Teile des damals noch unbebauten Areals erworben und den Bau vierstöckiger Mietshäuser durchgesetzt hatte. Das kleidete er in schöne Worte:

 

 

„Im Herbst des Jahres 1906 ist die Anlage des Südwestkorsos von der Gemeinde Friedenau beschlossen worden, ein neuer Straßenzug, der den Südwesten Berlins durchschneidet und von der aufblühenden Kolonie Dahlem eine direkte Verkehrsstraße durch die Kaiserallee mit der Stadt bildet. Diese Allee bedarf einer Unterbrechung, eines Ruhepunktes, auf dem das Auge mit Wohlgefallen ruht und kein anderer Ort scheint geeigneter für einen solchen, als dieser Platz, auf welchem sich der Brunnen erhebt.“

 

Während der Enthüllung des „Sintflutbrunnens“ auf dem Hamburger Platz am 4. Juli 1909 konnte Bürgermeister Bernhard Schnackenburg im Beisein des Schöpfers jedenfalls mit Stolz verkünden, dass das Kunstwerk von einem Friedenauer Künstler geschaffen wurde. Gemeint war der gebürtige Badener Paul Aichele (1859-1924) mit Wohnungen in der Kaiserallee Nr. 97 und Hackerstraße Nr. 2/3. Er studierte an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums in Berlin und wagte sich 1891 zur Internationalen Kunstausstellung erstmals mit der Kleinplastik „Bacchantin“ an die Öffentlichkeit.

 

Am Ende der zwanziger Jahre war deutlich geworden, dass Straßenbahn und Autoverkehr einen Umbau des Südwestkorsos erforderlich machen. Der 4,50 Meter hohe Sintflutbrunnen wurde abgebaut. Der Hamburger Platz verschwand vollends. 1931 wurde Aicheles Brunnen auf dem Maybachplatz (heute Perelsplatz) installiert. Aus einem Becken von 7,00 Meter Durchmesser ragt ein Felsen heraus, auf dessen Spitze sich eine nackte Frau gerettet hat, die ihren Arm schützend über ein Kind ausbreitet.

 

Für die SPD gehören die öffentlichen Brunnen neuerdings wieder zur „Lebensqualität im öffentlichen Raum“. Vorbei ist die Zeit, da es für die Übernahme des Brunnenbetriebs die Werbeerlaubnis gab. Rechtzeitig vor den Berliner Wahlen ließ Senator Andreas Geisel (SPD) am 7. September 2016 in einer Absichtserklärung (!) verlauten, dass „die Berliner Wasserbetriebe schrittweise alle 270 öffentlichen Berliner Springbrunnen in ihre technische Betreuung übernehmen. Bereits ab 2017 sollen die Brunnen in Friedrichshain-Kreuzberg übernommen werden. 2019 sollen sieben weitere Bezirke dazukommen, bis 2026 die verbleibenden vier“. Für Geisel ist dies ein weiterer Schritt für die Rekommunalisierung wichtiger Aufgaben in der Stadt. „Am Erhalt und dem Betrieb der Brunnen besteht daher ein erhebliches öffentliches Interesse“.

 

Die Absichtserklärung bedeutet nicht, dass die Finanzierung gesichert ist. Und wer würde denn die Sanierung federführend betreuen? Das Land Berlin oder der Bezirk Tempelhof-Schöneberg? Beides keine guten Aussichten für den „Sintflutbrunnen“.

 

Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD). Foto Pressestelle BA TS

Sie schreckt vor nichts zurück

 

Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) schreckt wohl vor gar nichts mehr zurück. Die Pressestelle des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg veröffentlichte unter der Überschrift „Auf dem Viktoria-Luise-Platz trotzen Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler und die Teilnehmenden Wind und Wetter“ nebenstehendes Foto.

 

Am 13. April 2018 startet sie auf dem Viktoria-Luise-Platz die diesjährige Brunnensaison. Dazu gehört schon eine gehörige Portion Chuzpe. Nicht vergessen ist der massive Bürgerprotest, als das Bezirksamt den traditionellen Blumenschmuck aus Kostengründen einstellen wollte. Erst als sich die Wall GmbH, damals zuständig für die Berliner Brunnen, Sorge um ihr Image machte und über das Landesdenkmalamt eine Bepflanzung gesichert war, konnte Angelika Schöttler am 23. März 2017 auf das Knöpfchen drücken.

 

Dieses Jahr sieht es etwas anders aus. Bekannt ist, dass die Wall GmbH inzwischen vom wenig lukrativen „Brunnen-Geschäft“ genug hat. Betrieb und Instandhaltung der Anlagen hat sich nicht ausgezahlt. Der Vertrag über Reinigung und Pflege der Brunnen endet zum 31. Dezember 2018. Ab 2019 werden die Berliner Wasserbetriebe – also der Steuerzahler – zuständig sein.

 

 

 

 

Das alles hält Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler in ihrer vorab verbreiteten Pressemitteilung im Namen des Bezirks Tempelhof-Schöneberg nicht davon ab, der Wall GmbH „für die 20 Jahre hervorragende Zusammenarbeit ganz herzlich ‚Danke schön‘ zu sagen“. In diesen Dank ist wahrscheinlich auch der „Sintflutbrunnen“ auf dem Perelsplatz eingeschlossen. Der verlor seit Jahren aus zahlreichen Rissen Wasser und wurde deshalb vor einem Jahr stillgelegt. Obwohl es diverse Anfragen der in der BVV vertretenen Parteien nach der Zukunft des Sintflutbrunnens gab, hat die Bezirksbürgermeisterin bis jetzt keine Lösung präsentiert – die klassische Politik des Aussitzens. Die Eröffnung der Brunnensaison findet also auch in diesem Jahr ohne Friedenau statt. Mit dabei auf dem Viktoria-Luise-Platz ist die Wall GmbH, die sich von Frau Schöttler für ihr – auslaufendes – Engagement feiern lässt.

 

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