Der Fall Oskar Pastior

 

Am 7. Juni 2016 beschloss der Senat von Berlin 17 neue Ehrengräber, darunter für den Schriftsteller, Dichter und Übersetzer Oskar Pastior (1927-2006) auf dem Friedhof in der Stubenrauchstraße.

 

Für mich, der im Juli 1973 im Kofferraum eines PKW von Ost- nach West-Berlin geflohen ist, dem bis zum Fall der Mauer der östliche Teil Deutschlands 16 Jahre versagt war, und der später in seiner Gauck-Akte über sich die IM-Berichte seiner angeblichen Freunde lesen konnte, ist diese „Ehrung“ fragwürdig. Nach der Wiedervereinigung hat sich bei persönlichen Begegnungen keiner der mich seinerzeit bespitzelnden Stasi-Informanten zu diesen Vorgängen geäußert. Ich kannte das System, ich erfuhr, dass Vorwärtskommen ohne SED und Stasi schwierig war. Dreimal wurde, auch das ist in der Akte dokumentiert, der Versuch gestartet, mich als IM anzuwerben. Ich habe mich dem entzogen. Das war nicht einfach. Deshalb hätte ich für manchen Spitzelfreund und für manchen Bericht (vielleicht) Verständnis aufgebracht. Aber sie schwiegen.

 

Bei Oskar Pastior war es nicht anders. Auch er schwieg. Als am 17. September 2010 bekannt wurde, dass er von 1961 bis zu seiner Flucht in den Westen 1968 dem rumänischen Geheimdienst Securitate sieben Jahre lang als Mitarbeiter unter dem Namen „Stein Otto“ gedient hatte, konnte Pastior nicht mehr antworten. Am 4. Oktober 2006 war er verstorben.

 

Die Meldung kam zur Unzeit. Am 28. April 2008 hatten die in Berlin lebenden deutsch-rumänischen Schriftsteller Herta Müller und Ernest Wichner, neben Richard Wagner 1972 Gründungsmitglieder der gegen das Ceauşescu-Regime trotzigen „Aktionsgruppe Banat“, den testamentarischen Willen von Pastior erfüllt und die Gründung der „Oskar Pastior Stiftung“ bekanntgegeben. Am 17. August 2009 lieferte der Carl Hanser Verlag Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ aus. Vier Monate später überreichte ihr der schwedische König am 10. Dezember 2009 den Nobelpreis für Literatur. Laudator Anders Olsson würdigte ausdrücklich ihren Mut, gegen „die provinzielle Unterdrückung und den politischen Terror“ kompromisslos Widerstand“ geleistet zu haben. Den Nobelpreis verdiene sie auch für den „künstlerischen Gehalt dieses Widerstands“. Plötzlich war Herta Müller ein Name. Endlich war sie raus aus der literarischen Nische und den geringen Auflagen. Das Buch erreichte das große Publikum. Verlag und Weggefährten standen mit im Rampenlicht. Das durfte nicht gefährdet werden.

 

Herta Müller, bei jedem Anlass zu einem Statement bereit, zuletzt über den Nobelpreiskollegen Günter Grass und sein Israel-Gedicht „Was gesagt werden muss“, „Er ist ja nicht ganz neutral. Wenn man mal in der SS-Uniform gekämpft hat, ist man nicht mehr in der Lage, neutral zu urteilen“, zeigte sich nach der Pastior-Enthüllung erst einmal „enttäuscht“, „bestürzt“, „entsetzt“, „verbittert“. Sie habe zuerst „Erschrecken“, „auch Wut“, dann „Anteilnahme“ und „Trauer“ verspürt. Herta Müller sagte, „Es sei natürlich schrecklich, wenn man von jemandem, den man zu kennen glaubte, etwas Dunkles, kaum Fassbares erfahre, etwas, was einem nie anvertraut wurde. Dann aber habe sie sich darauf besonnen, wie verletzbar, erpressbar Pastior gewesen sei: ein Homosexueller in einem Staat, der Homosexualität mit mehreren Jahren Haft ahndete“.

 

Der Roman „Atemschaukel“ führt in das Rumänien des Jahres 1945. Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Die Banater Schwaben leben in Angst. „Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15º C.“ So beginnt ein junger Mann den Bericht über seine Deportation in ein Lager nach Russland. Im Nachwort berichtet Herta Müller vom Entstehen des Buches: Sie schrieb zunächst Gespräche mit Deportierten aus ihrem Geburtsort Nițchidorf im Banat auf, tat sich dann mit Oskar Pastior zusammen, der als 18-jähriger rumäniendeutscher Homosexueller deportiert worden war und ihr nun von seinen Erfahrungen aus der sowjetischen Lagerzeit erzählte. Aus diesen Gesprächen erwuchs die Idee, ein Buch gemeinsam zu schreiben. Dann starb Pastior. Nach einer langen Pause entschloss sich Herta Müller, den Roman weiter zu schreiben – im Mittelpunkt das Schicksal ihres Kollegen und Freundes: „Ohne Oskar Pastiors Details aus seinem Lageralltag hätte ich es nicht gekonnt.“ So hat sie seine Geschichte in „Ich-Form“ erzählt. Pastior wurde zum Erzähler – eine erstaunliche Nähe der Autorin zu ihrem Helden.

 

Oskar Pastior wurde am 20. Oktober 1927 in Hermannstadt (Siebenbürgen) geboren. Von 1955 bis 1960 studierte er Germanistik an der Universität Bukarest und legte dort sein Staatsexamen ab. Da die Angaben über Pastior bei Wikipedia einen ziemlich „frisierten“ Eindruck hinterlassen, wird hier der Schriftsteller Richard Wagner bemüht. Er war mit Herta Müller verheiratet, „und mit ihm ist sie noch heute, nach Scheidung der Ehe, verbunden“. Wagner ist eine „moralische Autorität“ und „nicht zum Kompromiss geneigt“: „Nach dem Studium der Germanistik wurde Pastior Redakteur bei Radio Bukarest, damals ein gleichgeschalteter Sender, in dem es keinerlei Nischen-Programm gab, kein Sendeformat, in dem nicht die offizielle Sprachregelung gegolten hätte ... Als Reporter kam er ausgiebig im Lande herum und verfasste diverse Reportagen über das kommunistische Kollektiv-Glück und porträtierte schamlose stalinistische Kollaborateure … Pastior traf im Rundfunkhaus auf Redaktoren aus dem gesamten Ostblock und sicherlich auch auf einige von ausserhalb des sozialistischen Friedenslagers …In der Verpflichtungserklärung geht es auch um solche Gesprächspartner.

 

Pastior handelte nicht aus Überzeugung, er war allem Anschein nach in seine Rolle bei der Securitate aus Angst geraten, er fürchtete zu Recht das Gefängnis. Angst ist in einer solchen Situation nicht nur verständlich, sie ist durchaus legitim, sie legitimiert aber zu nichts, auch zur Denunziation nicht. Angst ist kein Freibrief, und auch Homosexualität ist es nicht, selbst wenn sie als Straftat gilt. Es gibt Angelegenheiten, bei denen es ums Prinzip geht, nicht ums Detail ... Im Klartext: Oskar Pastior hat ohne Wenn und Aber eine unentschuldbare, ohne Rücksicht auf andere durchgeführte Informantentätigkeit zu verantworten. Pastior hat den Securitate-Offizieren bestimmt nicht erzählt, was er insgeheim dachte, sondern was sie hören wollten. Sein Ziel war offenkundig seine Selbstrettung … So gab es den Pastior der Parteigedichte, die er veröffentlichte, den Pastior des gleichgeschalteten Radios, und es gab den Pastior der experimentellen Poesie … Er war ein mit einer Frau verheirateter Schwuler und ein experimenteller Parteidichter … So konnte er in Bukarest an den Privilegien des Spätstalinismus partizipieren. Er durfte mehrfach in Ostblockländer reisen, konnte zwei Gedichtbände veröffentlichen, und das war's dann auch ... Und als er 1968 in den Westen kam, hatte er auch hier bereits ein selbstgestricktes Geheimnis bei sich. Es war seine Securitate-Mitarbeit.“

 

Bleibt noch die Rolle von Ernest Wichner. 1952 in Rumänien geboren, 1975 in die Bundesrepublik übergesiedelt, 2003 Leiter des Literaturhauses Berlin, 2008 stellvertretender Vorsitzender der Oskar-Pastior-Stiftung – der Vertraute von Herta Müller und der langjährige Freund von Oskar Pastior. Wichner wurde laut SPIEGEL offensichtlich dazu auserkoren, in Bukarest zu klären, wem IM „Stein Otto“ wirklich geschadet hat und ob ihn noch weitere Opfer belasten könnten. Die Zukunft der von Herta Müller und Ernest Wichner geleiteten Oskar-Pastior-Stiftung wie auch die des gleichnamigen Literaturpreises stand in Frage. Für Richard Wagner sind Müller und Wichner im Fall Pastior auf einem Auge blind. „Für die beiden ist er eine Art Heiliger. Sie hätten die Sache gern kleiner, harmloser, und sie glauben daran, dass es so war. Aber da werden noch einige neue Sachen ans Licht kommen.“ Herta Müller und Ernest Wichner haben sich vorerst zurückgezogen – bis endgültige Klarheit da ist. Herta Müller laut SPIEGEL: „Ich muss mich von Oskar Pastior nicht distanzieren. Und ich habe einen Menschen so lieb, wie ich ihn vorher hatte.“ Dann fügte sie, die als große Wortschöpferin gilt, noch einen Satz hinzu. Es war nur ein Versprecher, eine Kreuzung zwischen tragisch und traurig. „Es ist eine traugische Geschichte.“

 

Die Senatskanzlei allein wäre wohl nie auf die Idee gekommen, Oskar Pastior mit einem Ehrengrab zu würdigen. Die Anregung muss von außen gekommen sein. Die Ehrung für einen rumänischen IM ist in Anbetracht des deutschen Umgangs mit seinen Stasi-Spitzeln ein Fehler. Sie sollte rückgängig gemacht werden. Wenn Herta Müller und Ernest Wichner mit ihrer Oskar-Pastior-Stiftung alle zwei Jahre einen „Oskar Pastior Preis“ in Höhe von 40.000 Euro vergeben können, dann sollten sie auch die Kosten für die Grabpflege übernehmen – zugunsten von Grabstätten auf dem Friedhof Stubenrauchstraße, die der Senat von der Ehrengrabliste gestrichen hat. – Das Grab von Ottomar Anschütz gehört dazu.

 

Peter Hahn, Friedenau im Juni 2016

 

Brief an den Regierenden Bürgermeister vom 30.08.2016

ePaper

Mail vom 23.09.2016

ePaper

Antwort der Senatskanzlei vom 10.11.2016

ePaper

Stimmen zum Fall Oskar Pastior

 

Auch du, mein Freund

DER SPIEGEL, 20.09.2010

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-73892439.html

 

Der Dichter als Informant

Richard Wagner, 18.09.2010

http://www.achgut.com/artikel/oskar_pastior_der_dichter_als_informant

 

Der verstrickte Gefährte

Süddeutsche Zeitung, 17.09.2010

http://www.sueddeutsche.de/kultur/herta-mueller-und-oskar-pastior-der-verstrickte-gefaehrte-1.1001186

 

Gift im Gepäck

DER SPIEGEL, 17.01.2011

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-76397429.html

 

Oskar Pastior. mein Freund, der Securitatespitzel

DIE ZEIT, Dieter Schlesak, 20.09.2010

http://community.zeit.de/user/dieterschlesak/beitrag/2010/09/20/oskar-pastior-mein-freund-der-securitatespitzel

 

Vom Nachlass zur Hinterlassenschaft

Das Doppelleben Oskar Pastiors als Dichter und Informant der Securitate.

Neue Züricher Zeitung, Richard Wagner, 18.11.2010

https://www.nzz.ch/vom_nachlass_zur_hinterlassenschaft-1.8414825

 

Oskar Pastior und die Securitate

Schluchten des Argwohns

Die Wogen schlugen hoch, als herauskam, dass Oskar Pastior einst Zuträger der Securitate war. Ein Forschungsvorhaben soll nun aufklären, was der verstorbene Büchner-Preisträger getan hat - und was nicht.

FAZ, Regina Mönch, 25.06.2012

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/oskar-pastior-und-die-securitate-schluchten-des-argwohns-11798871.html

 

Weiteres in Vorbereitung

Druckversion Druckversion | Sitemap
© friedenau-aktuell Powered by 1&1