Birkenwäldchen mit Blick auf Pavillon, Bedürfnisanstalt und Lauterstraße, 1910. Archiv Barasch

Die Bedürfnisanstalt auf dem Perelsplatz

Ein Drama in fünf Akten

 

Seit August 2016 haben wir in einigen Beiträgen über die vom Bezirksamt veranlasste Sanierung der ehemaligen Bedürfnisanstalt auf dem Perelsplatz berichtet. Wir haben nicht damit gerechnet, dass sich das Bauvorhaben über zwei Jahre hinzieht und wir immer wieder über das Geschehen berichten müssen. Damit Sie und wir die Übersicht behalten, fassen wir unsere Berichte nun unter dem Titel „Ein Drama in fünf Akten“ zusammen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Akt 1909 bis 2013

 

Der Perelsplatz hieß ab 1873 Berliner Platz. 1884 erhielt er den Namen Maybachplatz, benannt nach dem preußischen Minister für öffentliche Arbeiten Albert von Maybach (1822-1904). 1961 wurde die Anlage in Perelsplatz umbenannt – eine Erinnerung an den Widerstandskämpfer Friedrich Justus Perels (1910-1945), der von 1920 bis 1929 Schüler des Friedenauer Gymnasiums war, am 2. Februar 1945 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945 erschossen wurde.

 

Die Platzgestaltung stammt ursprünglich von Gartenbaudirektor Fritz Zahn (1872-1942). Er entschied sich im Jahre 1907 für die Bepflanzung mit Birken. So wurde die Anlage für die Friedenauer zum „Birkenwäldchen“. In den Jahrzehnten danach ist das Typische verlorengegangen. Da es auf dem beliebten Platz mitunter dringende Bedürfnisse gab, ließ die Gemeinde Friedenau 1909 von ihrem Gemeindebaurat Hans Altmann (1871-1965) am östlichen Rand eine eingeschossige Bedürfnisanstalt errichten. Er entwarf einen Fachwerkpavillon mit geschwungenem und schiefergedecktem Bohlenbinderdach. Dieser bekam zwei Zugänge, zur Lauterstraße hin der wenig erhebende Eingang zum Pissoir für die Männer, zum Park hin eine halboffene Laube als Vorraum für die Damen-Toilette.

 

Ende der 1980er Jahre wurde die „Bedürfnisanstalt“ geschlossen, das Häuschen aber unter Denkmalschutz gestellt. Irgendwann danach fand sich ein Betreiber, dem es mit viel Engagement und noch mehr Improvisation gelang, das Café „Park-Oase“ zu einen beliebten Treffpunkt zu machen. Unübersehbar war allerdings, dass das Bezirksamt in sein Eigentum investieren musste. Dafür sollte aber kein Geld ausgegeben werden.

 

Pächter Werner gab die Hoffnung auf eine Einigung mit dem Bezirksamt nicht auf: „Bald ist es hoffentlich soweit und der Frühling kommt! Sobald die Tagestemperaturen über +12 Grad erreichen und es keinen Nachtfrost mehr gibt, wird erstmal wieder an den Wochenenden für Sie geöffnet sein. Spätestens bei Tagestemperaturen über +15 Grad und freundlichem Wetter wird auch der tägliche Betrieb wieder aufgenommen. Die Öffnungszeiten sind wie gewohnt samstags und sonntags ab 11 h bis voraussichtlich gegen 17 h, montags bis freitags ab 11 h mit Schluss gegen 18 h. Hoffentlich bis bald und auf Wiedersehen in der Park-Oase. Werner, Anfang März 2011.“

 

Das Bezirksamt hätte begreifen müssen, dass Pächter Werner ein „Glücksfall“ war, der unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen ein Kleinod am Leben erhielt, und dass Bezirksamt hätte auch erkennen müssen, dass mit geringfügigen Investitionen ein Weiterbetrieb der Park-Oase möglich gewesen wäre. Eine Einigung kam nicht zustande. Im Mai 2013 gab Werner auf. Zurück blieb ein herrenloses Häuschen, das in den folgenden drei Jahren zum Schandfleck wurde.

 

Bauschild, 10.09.2016. Foto H&S

2. Akt September 2016

 

Im September 2016 wurde ein Bauschild installiert: „Fachwerkpavillon am Perelsplatz. Denkmalgerechte Sanierung und Umbau. Bauzeit: September 2016 bis Oktober 2017. Bauherr Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg. Planung und Bauleitung Hagemann+Liss Architekten. Außenanlagenplanung Dr.- Ing. Anke Werner.“ So weit, so gut. Aber, und damit begann das Dilemma, es konnte nicht nur um das „Häuschen“, sondern um ein eng verzahntes historisches Areal gehen, zu dem neben dem Fachwerkpavillon auch der stillgelegte Sintflutbrunnen, arg vernachlässigte Grünanlagen, marode Wege und ein Spielplatz gehören, dessen zu niedrige Einzäunung Hunde dazu animieren, ihre Geschäfte im Sand zu erledigen.

 

Dies haben weder die Abteilung Stadtentwicklung, zuständig Bezirksstadtrat Jörn Oltmann (Bündnis `90/Grüne), Dienstsitz Rathaus Schöneberg, noch die Abteilung Straßen- und Grünflächenamt, zuständig Bezirksstadträtin Christiane Heiß (Bündnis `90/Grüne), Dienstsitz Rathaus Tempelhof, geschweige denn das mit der „Projektsteuerung“ betraute „Facilitymanagement“ des Bezirksamts bedacht.

 

Das Projekt wurde nach Schema F betrieben. Die einen saßen im Rathaus Schöneberg, die anderen im Rathaus Tempelhof. Wirklich zusammen kamen sie nicht, offensichtlich auch nicht zu einer Ortsbesichtigung, die ohne Zweifel zu einer Änderung der Planung geführt hätte. Nach über zwei Jahren Bauzeit ist der gegenwärtige Zustand nicht anders zu erklären.

 

 

Im und am Häuschen wurde eifrig „gewerkelt“: Fundament, Versorgungsrohre, Mauerwerk, Fachwerk, Dach, Fenster, Türen – eine dem Denkmal würdige akribische Arbeit. Der Gehweg von der Lauterstraße wurde gepflastert, eine Terrasse mit Kleinpflaster bedacht und Pflanzrabatten mit festen Beetkanten eingefasst – alles nur im Umkreis des Häuschens von zehn Metern. Dem Bezirksamt hätte allerdings bekannt sein müssen, dass der Weg zwischen den Bushaltestellen M48 und M85 an der Hähnelstraße über Sintflutbrunnen, Spielplatz und Friedrich-Bergius-Schule zum Bahnhof Bundesplatz zu den stark frequentierten Fußgängerrouten gehört und seit langem dringend sanierungsbedürftig ist. Seit Monaten ist erst einmal Stillstand. Dem Bezirksamt ist wohl klargeworden, das es so nicht gehen wird und weitere Mittel für die gesamte Sanierung des Areals ausgegeben werden müssen. Während am Häuschen fein gestylt genossen werden kann, waten einige Meter nach Regentagen tagtäglich viele Menschen durch Löcher und Pfützen oder schieben die Kinderwagen durch den Schlamm.

 

Pavillion auf dem Perelsplatz soll vermietet werden. Quelle BA TS

3. Akt August 2017

 

Für den 31.08.2017 lud die Abteilung Stadtentwicklung zu einer „Objektbesichtigung“ ein – offiziell genannt „Interessenbekundungsverfahren zur Nutzung des denkmalgeschützten Fachwerkpavillons als gastronomische Einrichtung“. Dazu gab es auch eine Anzeige: „Pavillon auf dem Perelsplatz soll vermietet werden. Das Straßen- und Grünflächenamt sucht mit einem Interessenbekundungsverfahren zum 1. Januar 2018 einen engagierten und zuverlässigen Mieter für den denkmaigeschützten Fachwerkpavillon auf dem Perelsplatz. Erwecken Sie ein denkmalgeschütztes Kleinod aus dem Dornröschenschlaf und verhelfen Sie dieser Ecke Friedenaus zu noch mehr Attraktivität. Die erforderlichen Unterlagen können Bewerber ab sofort bei der Serviceeinheit Facility Management unter Tel. (030) 90277-4237 oder -4236 abfordern. Die Nutzungskonzepte sind bis zum 30.09.2017 einzureichen. Die nicht öffentliche Öffnung und zunächst interne Auswertung der Konzepte erfolgt am 08.10.2017.“

 

Es kamen nicht nur jene, die dort als Pächter ein Geschäft witterten, sondern auch die Nachbarschaft, denen das Kleinod am Herzen liegt. Bei offiziell angekündigten jährlichen Betriebskosten von 2.300 €, erforderlichen privaten Investitionen von ca. 10.000 Euro und einer in der Höhe noch nicht definierten monatlichen Miete hielt sich das Interesse in Grenzen. Einige erinnerten sich daran, dass das Bezirksamt zuvor mit enormem Aufwand Altmanns zweite Bedürfnisanstalt mit Kiosk und Gärtchen aus dem Jahre 1920 am Südwestkorso rekonstruiert hatte, in dem dann eine „Kaiserdiele“ die Gastronomie übernahm. Drinnen 20, draußen 40 Plätze. Nach kurzer Pachtzeit musste der Wirt wohl erkennen, dass „die Winter wirtschaftlich schwierig sind“. Das Etablissement hat längst wieder dicht gemacht.

 

 

Eher skeptisch waren denn auch die Kommentare während der Besichtigung auf dem Perelsplatz. Die Auflagen und Beschränkungen für Häuschen und Anlagen seien „sehr gravierend“. Einige Beispiele zu den Pächterpflichten seien genannt:

 

„Fachgerechte Pflege und Unterhaltung der zur Pachtfläche gehörenden Außenflächen einschließlich definierter Teilflächen des öffentlichen Straßenlandes sowie der öffentlichen Grünanlage

Übernahme sämtlicher Genehmigungs-, Anschaffungs- sowie Rückbaukosten

Fachgerechte Instandhaltung/Instandsetzung des Gebäudes, der Außenflächen und technischen Anlagen

Bereitstellung des Gäste-WC's für die Allgemeinheit während der Öffnungszeiten, angemessene Benutzungsentgelte dürfen erhoben werden, die Reinigung der WC's obliegt dem Pächter

Übernahme aller laufenden und einmaligen Betriebskosten, z.B. Strom, Gas, Wasser, Abwasser, Telefon, Einbruchmeldeanlage, Wartungskosten für Heizung, Schornsteinfeger etc. Übernahme sonstiger Betriebskosten die im Zusammenhang mit der Pachtfläche regelmäßig anfallen (Gebühren und Steuern), z.B. Straßenreinigung, Grundsteuer, Feuerversicherung,

Abschluss aller mit dem Betrieb des Objektes erforderlicher Versicherungen, z.B. Gebäude- und Haftpflichtversicherung einschl. Vandalismus- und Einbruchschäden

Und: Die Räume sind ganzjährig zu beheizen, auch bei Abwesenheit.“ – Was schließlich Energieverbrauch von Oktober bis April bedeutet. Da ticken die Grünen wohl nicht richtig!

 

Unsere Meinung: „Wer auch immer den Versuch startet, Altmanns Bedürfnisanstalt mit Leben zu erfüllen – das Risiko des Scheiterns dürfte sehr hoch sein. Bei diesen gewaltigen Investitionen für Häuschen und Anlagen wird sich das Bezirksamt über einen noch so ausgeklügelten Pachtvertrag nicht aus der Verantwortung ziehen können. Ein aufwändig sanierter Leerstand ist das Letzte, was am bislang arg vernachlässigten Perelsplatz gebraucht wird.“

 

Bauzustand am 05.12.2017. Foto H&S

4. Akt Dezember 2017

 

Am 19.09.2017 teilte das Bezirksamt mit, „dass die Frist zur Abgabe eines Angebotes bzw. Konzeptes bis zum 31.12.2017 verlängert worden und ein neuer Besichtigungstermin für den 05.12.2017 angesetzt ist“.

 

Was war inzwischen geschehen? Bisher war nur die unmittelbar am Häuschen liegende Grünfläche „beackert“ worden. Nun wurde das Projekt „erweitert“ und der gesamte Grünstreifen bis hin zum „Pestalozzi-Fröbel-Haus“ in der ehemaligen Schuldirektorenvilla des Friedenauer Gymnasiums „bearbeitet“. Plötzlich wurden vier Birken gesetzt, weil sich im Rathaus Schöneberg jemand daran erinnerte, dass die Anlage doch einst „Birkenwäldchen“ genannt wurde. Rasen wurde gesät, massive Zäune mit Eingangstoren parallel zur Turnhalle gesetzt, und wo einst ein luftiger Pavillon stand, gabs nun einen mit Brettern verschlagenen Geräteschuppen.

 

Wieder war ein Dutzend Bewerber gekommen. Ihnen wurde schnell klar, dass es mit der geplanten Eröffnung im Frühjahr 2018 nichts werden und die Fertigstellung dauern würde. Dazu kamen weitere Hiobsbotschaften. Obwohl das Bezirksamt von Anfang an eine Nutzung als „Café oder kleine Gastronomie mit kulturellen Nebenangeboten“ propagierte, der Einbau eines „Fettabscheiders“ für den Bauherrn also ziemlich nahelag, sollen dem zukünftigen Pächter neben den Verhandlungen mit den Berliner Wasserbetrieben auch noch die Einbaukosten in Höhe bis zu 3.800 € überlassen werden.

 

Wir hatten bereits befürchtet, dass es bei den vom Bezirksamt errechneten Kosten von jährlich 5.590 Euro zuzüglich der Ausgaben für die Möblierung der Terrasse, des Innenraums, Küche und Grünflächenpflege – sowie der Verpflichtung, das Kleinod ganzjährig zu heizen – einem Pächter wohl kaum möglich sein wird, bei einem (wetterabhängigen) maximal halbjährigen Betrieb halbwegs wirtschaftlich über die Runden zu kommen.

 

Im Innern war inzwischen einiges geschehen. Deutlich wurde aber, dass auf den 22 Quadratmetern Innenraum keine 15 Sitzplätze unterzubringen sind. Zu berücksichtigen ist nämlich, dass auf dieser Fläche noch Platz für eine Theke und obendrein für die Einstiegsluke in den Keller von 0,80m x 1,80m freigehalten werden muss. Und da war auch noch das Dachgeschoss, einzige Möglichkeit für ein Warenlager. Da die Deckenluke nur über eine angelegte Leiter im Innern zugänglich ist, müssten dort jeweils Tische, Stühle und Gäste „beiseite geräumt“ werden.

 

 

Das Häuschen am 03.04.2018. Foto H&S

5. Akt Mai 2018

 

Im August 2017 wurden die Ausgaben für das Projekt mit über 500.000 € beziffert. Diese Summe dürfte im April 2018 um einiges überschritten sein. Genaue Zahlen sind vom Bezirksamt nicht zu erhalten, auch nicht über die „BVV-Opposition“, die sich darum bemüht haben soll.

 

In den Monaten Januar bis April 2018 ist auf der Baustelle nicht viel passiert. Der berühmte Abzug auf dem Dach bekam eine kupferne Haube, die nichts mit der „Eleganz“ von 1909 zu tun hat. Eine Rabatte bekam eine Stromverteilersäule für Außen, die ungünstig platziert ist. Der Laternenmast für die Wegbeleuchtung, im Herbst 2017 gesetzt, hat eine Lampe bekommen. Nach wie vor schirmen die Bauzäune das Areal von der Lauterstraße bis zur Kita „Pestalozzi-Fröbel-Haus“ ab. Was dort abgeholzt wurde, lagert seit Monaten in den Anlagen.

 

Gutes Zeichen, schlechtes Zeichen? Könnte im Bezirksamt darüber nachgedacht werden, den benachbarten Anlagenteil nebst Spazierwegen auch zu sanieren?

 

 

 

Das Projekt „Fachwerkpavillon am Perelsplatz“ wurde „überfrachtet“. Er sollte alles sein, Café, kultureller Treffpunkt, öffentliches WC, Parkanlage – eine Idylle, von Privat betreut, mit der sich das Bezirksamt im Grunde genommen aus der Verantwortung stehlen wollte. Das kann nicht funktionieren. Wer für diese Sanierung über eine halbe Million Euro ausgibt, bei denen es nicht bleiben wird, hätte auch über „Subventionen“ nachdenken müssen – ohne die ein zukunftsträchtiger Erhalt nicht möglich ist. Das Häuschen auf dem Perelsplatz ist ein „Schön-Wetter-Projekt“. Bei 36,5 Sonnen- und 46,2 Regenstunden von Mai bis Oktober sind das keine guten Aussichten für ein Terrassengeschäft.

 

Das Bezirksamt Zehlendorf war klüger. Es übergab den Kiosk an der alten Dorfaue dem Verein „Kultur in Steglitz-Zehlendorf“, der sich seit 1996 erfolgreich um die Belebung kümmert. Eine Möglichkeit. Das Scheitern am Perelsplatz ist vorprogrammiert – für den Pächter und das Bezirksamt.

 

 

Der Sommer 2018 wird ohne das Häuschen auskommen müssen.

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