Christian G. Pätzold

Christian G. Pätzold

 

Der Ökonom und Essayist Christian G. Pätzold, Jahrgang 1951, lebt in Friedenau und ist Initiator und Herausgeber des Blogs http://www.kuhlewampe.net. In Berlin beteiligte er sich an der Studentenbewegung von 1968. Nach einer Ausbildung als Offset-Drucker in Kreuzberg studierte er von 1975 bis 1979 Volkswirtschaftslehre an der FU Berlin. 1988 promovierte er zum Dr. rer. pol. mit der Dissertation „Von der menschlichen Arbeit“. Danach unterrichtete er Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft in Berlin. In den 2000er Jahren arbeitete er an „Pätzolds Ökonomischem Thesaurus“ (POET). In diesem Nachschlagewerk beschäftigt er sich besonders mit den Themen Alternativökonomie und Ökonomie der Nachhaltigkeit (Dokumentenserver der FU Berlin). Er veröffentlichte u. a. Ökologische Krise und gesellschaftliche Alternativen – Ein Beitrag zur politischen Ökologie, 1980; Handbuch der Alltagsökologie für Selbstversorger, 1983; Schlaraffenland oder Rezepte wie einem gebratene Tauben ins Maul fliegen, 1986; William Morris, Kunst und die Schönheit der Erde – Vier Vorträge über Ästhetik, 1986; Querdenkerartikel – Essays zwischen Kunst, Geschichte und Politik, 2014; Tigergeschichten – Essays zwischen Friedenau, Berghain und Tiergarten, 2015.

 

Dr. Pätzolds gewürzte Erinnerungshappen I

Friedenauer Friedhofsmäuse

 

An einem schönen warmen Sommermittag saß ich entspannt vor dem Bäcker am Südwestkorso in Friedenau und schlürfte an meinem Espresso. Da fiel mir auf, dass eine Maus an der Mauer zum benachbarten Friedhof hinabkletterte. Dazu benutzte sie geschickt den Efeu, der an der Mauer wuchs. Wahrscheinlich hatten sie die verführerischen Bäckerdüfte angelockt. Wie immer im Sommer war die Luke zum Keller unter der Bäckerei aufgesperrt. Die Maus verschwand schnell in der Luke, um sich an den Getreidesäcken im Keller den Bauch voll zu schlagen. An dieses Erlebnis musste ich denken, als ich im Winter feststellte, dass irgendjemand den Efeu an der Mauer entfernt hatte. Aber ich hatte gehört, dass die Mäuse auch am reinen Kratzputz der Mauern hochklettern können. Wir machen uns viel zu selten bewusst, dass wir Menschen nicht die einzigen Lebewesen in der Stadt sind. Da sind auch noch die vielen Vögel, die uns durch ihr Zwitschern im Frühling erfreuen. Oder ein Fuchs, der einem nachts über den Weg läuft. Oder Kaninchen, Wildscheine und Waschbären. Und nicht zu vergessen die niedlichen Fledermäuse, die in den Kasematten der Zitadelle Spandau wohnen. Um alle diese Tausende von Lebewesen kümmert sich der Berliner Wildtierbeauftragte, der sicher keinen leichten Job hat.

 

(Aus dem Buch „Tigergeschichten“ von Christian G. Pätzold, Berlin 2015)

 

Dr. Pätzolds gewürzte Erinnerungshappen II

100 Jahre Junius-Broschüre von Dr. Rosa Luxemburg

 

Das Manuskript der Broschüre „Die Krise der Sozialdemokratie (Junius-Broschüre)“ wurde von Dr. Rosa Luxemburg im April 1915 im Berliner „Königlich-Preußischen Weibergefängnis“ in der Barnimstraße niedergeschrieben und aus dem Gefängnis geschmuggelt. Die Broschüre selbst konnte dann erst am 2. Januar 1916 in Zürich in der Schweiz erscheinen. Das Pseudonym Junius bedeutet auf Lateinisch „der Jüngere“. Im August 1914 hatte das Deutsche Kaiserreich den Ersten Weltkrieg begonnen. Aufgrund der Zensur in Deutschland durften natürlich keine kritischen oder sozialistischen Schriften gedruckt oder veröffentlicht werden. Aus diesen Umständen erklärt sich der komplizierte Publikationsweg der Junius-Broschüre. Die Junius-Broschüre ist in 8 Kapitel gegliedert.

 

Um einen Eindruck von der damaligen Atmosphäre zu geben, möchte ich die Anfangssätze von Rosa Luxemburg zitieren:

 

„Die Szene hat gründlich gewechselt. Der Marsch in sechs Wochen nach Paris hat sich zu einem Weltdrama ausgewachsen; die Massenschlächterei ist zum ermüdend eintönigen Tagesgeschäft geworden, ohne die Lösung vorwärts oder rückwärts zu bringen. Die bürgerliche Staatskunst sitzt in der Klemme, im eigenen Eisen gefangen; die Geister, die man rief, kann man nicht mehr bannen.

 

 

 

Vorbei ist der Rausch. Vorbei der patriotische Lärm in den Straßen, die Jagd auf Goldautomobile, die einander jagenden falschen Telegramme, die mit Cholerabazillen vergifteten Brunnen, die auf jeder Eisenbahnbrücke Berlins bombenwerfenden russischen Studenten, die über Nürnberg fliegenden Franzosen, die Straßenexzesse des spionenwitternden Publikums, das wogende Menschengedränge in den Konditoreien, wo ohrenbetäubende Musik und patriotische Gesänge die höchsten Wellen schlugen; ganze Stadtbevölkerungen in Pöbel verwandelt, bereit, zu denunzieren, Frauen zu misshandeln, hurra zu schreien und sich selbst durch wilde Gerüchte ins Delirium zu steigern; eine Ritualmordatmosphäre, eine Kischineff-Luft, in der der Schutzmann an der Straßenecke der einzige Repräsentant der Menschenwürde war.“

 

Es muss damals im August 1914 in Berlin eine hysterische Kriegsbegeisterung geherrscht haben, die allerdings bald einer Ernüchterung weichen sollte. Rosa Luxemburg behandelt über weite Strecken der Junius-Broschüre die Einzelheiten der diplomatischen Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, denn so ein Krieg wurde natürlich vorbereitet und gemacht. Er brach nicht einfach aus. Es gab zahlreiche Einzelkonflikte zwischen den imperialistischen Ländern in Europa, vor allem zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn, England, Frankreich und Russland. Diese Konflikte kennen wir ja heute auch noch, obwohl sie teilweise durch die Europäische Union verdeckt werden.

 

Für mich ist der 4. August 1914 der interessanteste Punkt, das heißt die scheinbar plötzliche Zustimmung der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten zu den Kriegskrediten des Kaisers. Wahrscheinlich hätte der Erste Weltkrieg auch ohne die Stimmen der SPD stattgefunden. Aber die Zustimmung der SPD zum imperialistischen Krieg war doch ein signifikanter Wendepunkt. Vielleicht hätte man ihn auch erahnen können. Die SPD war seit dem Tod von Engels 1895 zunehmend zerfressen vom Reformismus. Um 1900 kam dann die Attacke von Eduard Bernstein und der Revisionismus. Nach dem Tod von Bebel 1913 gab es kein Halten mehr. Es gab in der SPD nur noch ein paar Aufrechte wie Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht oder Clara Zetkin.

 

Rosa Luxemburg hat diese Auseinandersetzung innerhalb der SPD zwischen Revisionisten und Radikalen mindestens 15 Jahre lang miterlebt und mitgemacht. Es wundert mich, dass sie darüber kein eigenes Kapitel in der Junius-Broschüre schreibt. Denn der 4. August 1914 kam nicht so plötzlich, wie es vielleicht scheint. Die SPD war schon vorher zerfressen.

 

Nachdem die Funktionäre der Partei alles verraten hatten, wofür die Partei vorher gekämpft hatte, besonders den Internationalismus der Arbeiter, war die glorreiche SPD moralisch erledigt. Rosa Luxemburg schreibt:

 

„Aber schon als ein mächtiger Dämpfer auf den chauvinistischen Rausch und die Besinnungslosigkeit der Menge hätte die mutige Stimme unserer Partei gewirkt, sie hätte die aufgeklärten Volkskreise vor dem Delirium bewahrt, hätte den Imperialisten das Geschäft der Volksvergiftung und der Volksverdummung erschwert… Die deutsche Sozialdemokratie wäre in dem allgemeinen Strudel, Zerfall und Zusammenbruch wie ein Fels im brausenden Meer der hohe Leuchtturm der Internationale geblieben, nach dem sich bald alle anderen Arbeiterparteien orientiert hätten. Die enorme moralische Autorität, welche die deutsche Sozialdemokratie bis zum 4. August 1914 in der ganzen proletarischen Welt genoß, hätte ohne jeden Zweifel auch in dieser allgemeinen Verwirrung in kurzer Frist einen Wandel herbeigeführt. Damit wäre die Friedensstimmung und der Druck der Volksmassen zum Frieden in allen Ländern gesteigert, die Beendigung des Massenmordes beschleunigt, die Zahl seiner Opfer verringert worden.“

 

Rosa Luxemburg war an diesem 4. August 1914 leider nicht Mitglied der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion. Frauen hatten im Kaiserreich bekanntlich kein Stimmrecht.

 

Die „Junius-Broschüre“ enthält eine scharfsinnige Analyse der Ursachen und der Wirkungen des Ersten Weltkriegs als eines imperialistischen Krieges. Sie ist eine Perle der politischen Literatur. Lenin hat übrigens 1916 auch einen Aufsatz »Über die Junius-Broschüre« geschrieben, und natürlich seine berühmte Schrift »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus«.

 

Der Erste Weltkrieg wurde auch aus anderen Perspektiven heraus untersucht, die vielleicht auch interessant sein könnten. Dabei wäre bspw. die Schrift »Zeitgemäßes über Krieg und Tod« von Sigmund Freud zu nennen, die auch 1915 geschrieben wurde. Nach der Ansicht von Freud sind seine Zeitgenossen praktisch Urmenschen mit einer dünnen kulturellen Patina, wobei jederzeit der Barbar wieder durchbrechen kann. Sigmund Freuds Pessimismus hat sich letztlich als richtig herausgestellt, und Rosa Luxemburgs Hoffnung auf den klassenbewussten Arbeiter, der alles richtig macht, hat sich vorläufig nicht realisiert.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.kuhlewampe.net am 21. Juni 2016.

 

Kommune I in der Niedstraße

Dr. Pätzolds gewürzte Erinnerungshappen III

50 Jahre Kommune I, die Puddingbombe in der Niedstraße 14,

Fritz Teufel und all das

 

Die Niedstraße ist eine kleine Straße in Berlin Friedenau, die in west-östlicher Richtung vom Friedrich-Wilhelm-Platz zum Rathaus verläuft. Wie oft bin ich in den letzten 60 Jahren hier entlanggelaufen. Eine Mischung aus traditionellen Friedenauer Landhäusern aus der Gründerzeit, gemäßigten Mietshäusern und Ruinengrundstücken, die in Kinderspielplätze umfunktioniert wurden, das vermute ich zumindest. Die ganze Straße ist von Ahornbäumen gesäumt. An der Ecke Niedstraße/Bundesallee hielt früher der Bus zum Zoo, als es noch keine U-Bahn gab und der Friedrich-Wilhelm-Platz noch ein schönes großes Oval war, das in der Sommersonne grün glänzte.

 

Besonders bekannt ist das Knusperhäuschen in der Niedstraße 13, in dem der Literaturnobelpreisträger Günter Grass seine berühmten Romane schrieb. Im Nachbarhaus Niedstraße 14 malte einst der Expressionist Karl Schmidt-Rottluff und lebte der Schriftsteller Uwe Johnson, in dessen Dachgeschossatelier die »Kommune I« am 19. Februar 1967 gegründet wurde. Auch hier wurde Geschichte gemacht. Die Freie Liebe und der Bürgerschreck wurden geprobt, aber erst allmählich. Zu Beginn trugen einige der Kommunarden noch eine Krawatte. Der Name »Kommune I« leitete sich übrigens von der Pariser Commune von 1871 ab, die von Karl Marx als das Vorbild der zukünftigen Gesellschaft gelobt worden war.

 

Johnson war in jenem Frühjahr 1967 gerade in den USA, als Ulrich Enzensberger und seine Freunde Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel und weitere 7 Mitglieder die Gelegenheit nutzten, um die westberliner K I zu gründen und als Happening das Pudding-Attentat auf den US-amerikanischen Vizepräsidenten vorzubereiten. Die Bombe sollte auf der Schöneberger Martin-Luther-Straße platzen. Die Berliner Morgenpost meldete am 6. April: "Attentat auf Humphrey von Kripo vereitelt, FU-Studenten fertigten Bomben mit Sprengstoff aus Peking." Die Bild-Zeitung sprach nachher von einem Mao-Cocktail, den die Extremisten angeblich gemischt hätten. Da sich jedoch statt Sprengstoff nur Pudding fand, musste die Polizei die "langbehaarten Affen" wieder freilassen. "Man wird aber ein ungutes Gefühl nicht los, daß diese Typen nach wie vor wieder mitten unter uns sein dürfen." (Bild-Zeitung vom 12.4.1967). Die Berliner Spießer schäumten vor Wut und hätten sie gerne in die Klapsmühle gesteckt.

 

Die Idee der Bombe hatte ihren Hintergrund in der deutschen Atombombe, die damals von der CDU gefordert wurde. Und eine Beziehung zu Peking gab es tatsächlich. Aber dabei handelte es sich um einen größeren Posten von Maobibeln aus China, die die K I vertreiben sollte. Denn die Kommunarden lebten vor allem vom Verkauf von Büchern und selbstgedruckten Raubkopien. Fritz Teufel hat die Maobibeln für nur 1,50 Mark das Stück an der Freien Universität verkauft.

 

Vorbild für die ganze Pudding-Aktion waren die Amsterdamer Provos. Ich kann hier nur einige wenige Protagonisten der Pudding-Bombe erwähnen. Sie waren alle hochintelligente politische Aktionskünstler.

 

Fritz Teufel (1943-2010), der Spaßrevoluzzer der APO, war natürlich die intellektuelle und praktische Hauptperson des Puddings. Jeden Morgen sah er in der Springerzeitung BZ nach, ob sie ihn auf der Titelseite brachte. Wenn nicht, hatte er etwas falsch gemacht und die Revolution hatte einen Rückschlag erlitten. Ansonsten qualmte er Zigarren ohne Ende und war bei jeder Demo vor Kranzler und vor dem Amerikahaus dabei. Schließlich ging es gegen den Vietnamkrieg und gegen Napalmbomben, die auf Frauen und Kinder abgeworfen wurden. Von Fritz Teufel stammt das berühmt gewordene geflügelte Wort "Wenn’s der Wahrheitsfindung dient", das er im Gerichtssaal machte, als ihn der Richter zum Aufstehen aufforderte. Zum Schluss hatte Fritz Teufel Parkinson. Er starb im Juli 2010 in Berlin.

 

Ulrich Enzensberger war der Bruder des bekannten Friedenauer Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger, der das »Kursbuch« herausbrachte, das damals alle linken Westberliner lasen. Ulrich Enzensberger war aus Bayern vor dem Wehrdienst nach Westberlin geflüchtet, denn in Westberlin gab es damals keine Bundeswehr. Über die Beziehungen zwischen den Enzensbergern und Johnson kam man an die Wohnung in der Niedstraße. Ulrich Enzensberger schrieb auch das beste Buch über die Kommune I. Uwe Johnson hat sich damals wegen der Kommune-I-Geschichte mit Hans Magnus Enzensberger zerstritten. Aber Schwamm drüber, Johnson ist schon lange tot, während Enzensberger (87) noch munter in Schwabing wohnt und noch immer von Suhrkamp verlegt wird.

 

Dieter Kunzelmann war 1966 aus Schwabing in München zugewandert, wo er schon umfangreiche subversive Erfahrungen gesammelt hatte und auch bei den Situationisten aktiv war. Er brachte die Idee der Kommune mit, mit der die Kleinfamilie und das Privateigentum überwunden werden sollten. Nach einer Diskussion mit Dutschke im Jahr 1966 wurde Kunzelmann klar, dass er nur in Berlin mit seinen politischen Aktionen berühmt werden würde. Bereits im April 1967 sprach er öffentlich von seinen Orgasmusschwierigkeiten, was damals revolutionär war, denn über Sex sprach man noch nicht.

 

Und schließlich war da noch Rainer Langhans, der noch heute bekannt ist durch seinen Harem mit 5 Frauen, in dem er in München lebt. Damals waren er und Uschi Obermaier das schönste Pärchen der APO. Und das wollte etwas heißen. Als Jimi Hendrix kurz vor seinem Tod die K I in Moabit besuchte, soll sich Uschi jedoch gleich in Jimi verliebt haben. Rainer Langhans entdeckte damals die sensationsgeile Presse und Nacktfotos als sprudelnde Geldquelle.

 

Der Oberrevolutionär Rudi Dutschke war übrigens auch irgendwie mehr indirekt an der Puddinggeschichte beteiligt.

 

Als das Pudding-Attentat aufflog, auch die New York Times hatte darüber auf Seite 1 berichtet, rief Uwe Johnson alarmiert aus den USA bei Günter Grass an, der die Kommunarden dann aus der Wohnung in der Niedstraße 14 warf. Die Kommunarden zogen an den Stutti in Charlottenburg um und später in die Stephanstraße 60 nach Moabit. Aber das betrifft schon das legendäre Jahr 1968.

 

Nur zwei Monate nach der Pudding-Bombe, am 2. Juni 1967, wurde der FU-Student Benno Ohnesorg bei einer Demo gegen den Schah von Persien in Charlottenburg von der Polizei erschossen. Das zeigt, wie lebensgefährlich die Situation in Westberlin damals für die Beteiligten war.

 

Die Kommune I wollte ursprünglich eine neue private Lebensform sein, war aber aufgrund der in ihr versammelten Persönlichkeiten eher eine politische Aktionsgruppe. Beides gleichzeitig ließ sich auf Dauer nur schwer verwirklichen. Obwohl sie ihr Leben lang daran gearbeitet haben. Sie standen am Anfang der modernen Wohngemeinschaften, die es bekanntlich auch nicht leicht haben. Denn die gegenwärtige Gesellschaft ist auf den Prinzipien des Individualismus, des Egoismus und der Konkurrenz aufgebaut. Da ist ein Zusammenleben nicht so einfach.

 

Der Beitrag erschien zuerst am 21. Februar 2017 auf http://www.kuhlewampe.net./

Der ehemalige Buchhändlerkeller in der Görresstraße

Dr. Pätzolds gewürzte Erinnerungshappen IV

50 Jahre Buchhändlerkeller Berlin

 

Eine 68er Institution in Berlin feierte 50. Jubiläum. Im Buchhändlerkeller werden vor allem Bücher und Lebensgeschichten vorgestellt und diskutiert, an den Wänden gibt es aber auch Kunstausstellungen. Es ist kein Wunder, dass der Buchhändlerkeller bis heute existiert, denn die Revolte von 1968 war eng mit Büchern verbunden. Alle Beteiligten lasen damals unheimlich viele Bücher. Nur sind die meisten alten 68er inzwischen in ihren 70er und 80er Jahren und relativ gebrechlich, wenn sie noch leben.

 

Im Buchhändlerkeller funktioniert alles durch persönliches Engagement der Vereinsmitglieder. So kommen etwa 2 bis 3 Veranstaltungen pro Woche zusammen. Um die Kosten zu decken, muss ein Eintrittsgeld verlangt werden. Der Buchhändlerkeller ist heute immer noch eine der angesehensten literarischen Adressen in Berlin, ist aber schon lange kein Keller mehr, sondern ein schicker Laden im Erdgeschoss der Carmerstraße 1 in Berlin Charlottenburg. Ich erinnere mich gern an die Veranstaltungen, die ich im Buchhändlerkeller besucht habe. Daher wünsche ich dem Buchhändlerkeller weitere 50 Jahre. Wünschen kann man sich ja was.

 

Anlässlich des Festes zum 50. Jubiläum schrieb der Buchhändlerkeller: 50 Jahre - nur wenige literarische Institutionen in Berlin blicken auf längere kontinuierliche Arbeit im Dienst der aktuellen Belletristik, des literarischen Erbes und der gesellschaftspolitischen Debatte zurück. 1967 richteten KP (Klaus Peter) Herbach und linke Buchhändler und Lehrlinge aus dem gewerkschaftsnahen „Arbeitskreis Berliner Jungbuchhändler e.V.“ ihren „Buchhändlerkeller“ unter einer ehemaligen Bäckerei in der Friedenauer Görresstraße ein. Es wurde gelesen, diskutiert und gemeinsam demonstriert - bis der Keller nach einer Überschwemmung unbrauchbar wurde.

 

1976 dann der Neuanfang in der Charlottenburger Carmerstraße 1 in den Räumen der ehemaligen Galerie Mikro von Michael S. Cullen, der hier u.a. erstmals in Berlin Christo ausgestellt hatte. Kein Keller mehr, sondern das Parterre eines noblen Gründerzeithauses und jeden Donnerstag eine aktuelle Lesung, gefördert von Verlagen, vom Senat und vom Börsenverein, bis zu KP Herbachs Tod im Januar 2004.

 

Ein neuer Vorstand aus dem Freundeskreis von Herbach erweiterte das Programm um Ausstellungen, Filmvorführungen und viele andere Formen und Sujets - die Senatsförderung versiegte trotzdem: Der Buchhändlerkeller als „Institution“ mit kontinuierlichem Programm passte nicht mehr in das Projektkonzept der permanenten Innovation. Doch gute 10 Jahre nach dem Ende der Subvention gibt es den sympathischen Buchhändlerkeller immer noch, und er erfährt nach wie vor viel Zuspruch für die Veranstaltungen und für den Ort selbst als originellem Treffpunkt von Liebhabern eines aktuellen, aber auch weit zurückreichenden Literatur- und Bildungsbegriffs, verbunden mit kritischer gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung."

 

Wie es mit dem Buchhändlerkeller weiter geht, weiß man nicht so genau, denn die jetzigen ehrenamtlichen Macher_Innen des Buchhändlerkellers sind doch schon sehr in die Jahre gekommen. Die jungen Leute leben heute im digitalen Cyberspace. Da ist so etwas wie ein Buchhändlerkeller ziemlich old school.

 

Der Beitrag erschien zuerst am 3. Dezember 2017 unter http://www.kuhlewampe.net/.

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