Franz Hessel

Ein Flaneur in Berlin: Südwesten

 

Franz Hessel (1880-1941) war ein deutscher Schriftsteller, dessen Werk durch die Verfemung als jüdischer Autor mit den nationalsozialistischen Jahren weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Erst seit den 1980er Jahren wurde er wieder „entdeckt“. Seine literarischen Spaziergänge in Berlin sind ein literarisches Dokument einer Metropole im Wandel. Im April 2013 wurde an seinem ehemaligen Wohnhaus in der Lindauer Straße 8 im Bayerischen Viertel eine Gedenktafel enthüllt - darauf steht ein nachdenklicher Satz: „Heimat ist Geheimnis, nicht Geschrei“. Über den Südwesten von Berlin formulierte er:

 

Durch Wilmersdorf und Friedenau führt die lange Kaiserallee, umgeben von Wohnvierteln, die sich aus alten Dörfern und Villenkolonien gebildet haben. Von Friedenau wird behauptet, daß es, wie auch gewisse Teile von Steglitz und Lichterfelde, Zufluchtsstätte vieler ehemaliger königlicher Beamter und rentenlos gewordener Rentner alten Schlages sei. Gestalten mit chronisch entrüstetem Gesichtsausdruck über Bärten, die etwas Pensioniertes, etwas von Restbestand haben, sollen Geheimräte und Kanzleisekretäre sein; es begleiten sie Gattinnen, die oft richtige Federn auf dem Hut haben, wie in entschwundenen Zeiten die Damen von Welt es hatten. Diese würdigen Matronen wohnen in freundlichen, etwas unmodernen Gartenhäusern. Man sollte glauben, daß sie in ihrem traulichen Heim lieblicher werden müßten, als sie es sind. Nun, wir wollen für ihre Kinder hoffen …

 

Wo die Kaiserallee in die Schloßstraße mündet, fängt Steglitz an. Es beginnt hochmodern mit einem stolz ragenden Filmpalast, an dessen Flanken in strahlenden Röhren das Licht flutet, in dessen Innerm strenge Linien und kühne Wölbungen Zuschauer- und Bühnenraum umschweifen. Aber weiterhin ist das gute Steglitz eine der älteren berlinischen Kleinstädte und viele Häuser der Seitenstraßen, die zum Stadtpark führen, sind geblieben wie zur Zeit der Jahrhundertwende, da man hier Schul- und Studienfreunde besuchte, die Sonderlinge waren und zur besseren Erkenntnis der Weltstadt die kontrastierende Stille des abgelegenen Vororts brauchten. Das älteste hier ist wohl das Schloßrestaurant mit dem Theater, ein Gebäude, das bald nach 1800 von Gilly als Landhaus errichtet worden ist ...

 

Aus: Franz Hessel, Ein Flaneur in Berlin. Südwesten. Verlag Dr. Hans Epstein, 1929. Neuausgabe Verlag Das Arsenal, 1984

 

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