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Ende einer Ära

Von Wolffs Bücherei zur Friedenauer Presse

 

Begonnen hatte es mit „Wolffs Bücherei“ in St. Petersburg, als Maurycy Wolff (1825-1883) im Jahre 1825 im Kaufhaus Gostiny Dwor am Nevskij Prospekt in St. Petersburg eine Buchhandlung eröffnete. Schon bald, auch das wird später zur Friedenauer Literaturgeschichte gehören, reichte ihm das bloße Bücherverkaufen wohl nicht mehr aus. Er wurde Verleger, einer der einfluss- und erfolgreichsten Russlands. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn Ludwig Buchhandel und Verlag. Mit der Oktoberrevolution 1917 wurde das Unternehmen verstaatlicht. Ludwig floh mit Familie nach Deutschland. 1929 eröffnete er schließlich im Westend eine Leihbücherei. Im gleichen Jahr wurde Tochter Katharina geboren. Ludwigs Sohn Andreas eröffnete 1931 in der Kaiserallee (heute Bundesallee) eine Buchhandlung. „Wolffs Bücherei“ wurde mit Lesungen stadtbekannt. Hier fanden sich Schriftsteller ein, die ringsherum wohnten: Uwe Johnson, Günter Grass, Max Frisch, Hans Magnus Enzensberger, Günther Bruno Fuchs, Volker von Törne, Nicolas Born, Hans Christoph Buch und natürlich auch „Die Stimme der Kritik“ Friedrich Luft.

Aus „Wolffs Bücherei“ wurde 2009 die Buchhandlung „Der Zauberberg“; geführt von Natalia W. Liublina und Gerrit Schooff. Geblieben aber ist der Verlag „Friedenauer Presse“, den Andreas Wolff 1963 gründete, und der seit 1983 von seiner Tochter Katharina „Katja“ Wagenbach-Wolff, der Urenkelin von Maurycy Wolff, geleitet wird. Am 17. März 2006 wurde der Verlag mit dem Kurt-Wolff-Preis geehrt. Die Laudatio hielt damals der Chef des Münchener Carl Hanser Verlags Michael Krüger. Wir zitieren daraus auszugsweise:

 

Mein Vergnügen beginnt immer damit, dass ich Deine Bücher, wenn der Karton sie hergegeben hat, anders anfasse als die meisten anderen Bücher. Zum Beispiel die Friedenauer Presse-Drucke mit dem rauhen Umschlagkarton in englischer Broschur, die den maximal zweiunddreißigseitigen Heften im großen Format Halt und Stil geben, die sorgfältige, den Text zu höchster Lesbarkeit steigernde Typographie; der klare Druck, oft von der Druckerei Gericke, die ich noch aus den Tagen von Günter Bruno Fuchs kenne; die bei so vielen normalen Büchern schmerzlich vermisste Fadenheftung – jeder Pressen-Druck aus Friedenau ist ein kleines, bescheidenes, aber doch auch stolzes und selbstbewusstes, in jedem Fall ganz unwagnerisches Gesamtkunstwerk. Und weil die Serie im Format etwas größer angelegt ist als die meisten anderen Bücher, findet man die Hefte trotz der wegen des geringen Umfangs notwendigerweise fehlenden Rückentitel im Bücherregal wieder. Ich glaube, ich habe im Lauf der Jahre alle Hefte gelesen, die zusammengenommen eine stabile papierene Brücke aus dem 18. Jahrhundert ins 20. Jahrhundert schlagen: von Diderot und de Quincey bis zu Lenau und Leopardi, von Turgenev bis zu dem immer noch nicht hinreichend berühmten metaphysischen Clown Daniil Charms, von Alfred Döblin zu Wolfgang Hilbig und Jürgen Theobaldy. So ist eine Bibliothek der kurzen Schriften entstanden, die sich einmal Deinen sehr persönlichen Interessen verdankt, zum anderen den Zwängen des Umfangs: alles, was sich breiter macht als zweiunddreißig Seiten, muß draußen bleiben. Dieser „Zwangscharakter“, wenn ich so sagen darf, in Verbindung mit Deinen „östlichen“ Vorlieben und Deiner offenbar unstillbaren Neugier entwickelte eine besondere Logik, denn plötzlich stehen Texte nebeneinander, die vorher nie im Traum an eine solche Nachbarschaft gedacht hatten: der hinreißende französische Naturforscher Jean-Henri Fabre mit seinen Beobachtungen über die Luft verträgt sich plötzlich ganz ausgezeichnet mit Wolfgang Hilbigs „Über den Tonfall“, und Melvilles „Hunilla, die Chola-Witwe“ steht neben den „Küssen“ des Johannes Secundus in einem ganz anderen Licht da. Und dazwischen die Entdeckungen: Der Tscheche Ivan Wernisch und seine schon vergessen geglaubte Landsmännin Vera Linhartovà, die Holländerin Judith Herzberg und der englische Texaner Christopher Middleton, alles hochzivilisierte Herrschaften, die sich kurz fassen, um bei Dir Eintritt zu erheischen. Und Du kleidest sie alle in einen Traum von Druck und Papier, damit sie in Deinem Friedenauer Ballett bella figura machen ...

 

Katja hat den Willen zum schönen Buch als genetische Disposition in die Wiege gelegt bekommen, von ihrem Urgroßvater Moritz Wolff, dem großen russischen Verleger, aber auch vom Vater Andreas Wolff, der in Friedenau die Wolff’sche Bücherei betrieb und selbst wunderbar ausgestattete Pressendrucke herausgab, von Günter Grass bis Günter Bruno Fuchs, den Friedenauer Schriftstellern, die sich in der Buchhandlung die Klinke in die Hand gaben. Es ist ein Glück, daß Katja diese Tradition aufgenommen und fortgeführt hat nun schon seit fast fünfundzwanzig Jahren. Das beglückendste aber an diesem Spezialverlag für außergewöhnlich schöne und außergewöhnlich schöngemachte Bücher ist der Mangel an Willen zur Macht: Er wird größer nur durch Tradition, nicht aber, weil die Verlegerin mit Bertelsmann konkurrieren möchte. Wenn also jemand den Kurt-Wolff-Preis zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene verdient hat, dann ist es Katja Wagenbach und ihre Friedenauer Presse. Ihr Wappentier ist der Kranich, der, wie es heißt, Schleifen in der Luftröhre hat, die ihm seine trompetenden Rufe ermöglichen. Alle Trompeten sollen heute zu Katjas Lob ertönen.

 

Nach über 50 Jahren schließt Katharina Wagenbach-Wolff aus Altersgründen Ende März 2017 ihren Verlag Friedenauer Presse. Das schmerzt.

 

Hommage an die "Friedenauer Presse"

Eine ganz unvollständige Auswahl

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© Peter Hahn