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Hähnelstraße Nr. 9

Aus dem Haus Hähnelstraße Nr. 9 kommen wieder einmal bemerkenswerte Texte. In den Jahren von 1921 bis 1934 hieß der wortmächtige Verfasser Kurt Hiller (1885-1972), der allein für Siegfried Jacobsohns Wochenzeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft „Die Weltbühne“ in all den Jahren 167 Beiträge schrieb. Immer wieder überraschte Hiller mit undogmatischen Analysen und aufrüttelnd-provozierenden Urteilen.

Jahrzehnte später entstand hinter denselben Mauern ein Buch über Friedrich Weißler, das nun anlässlich seines 80. Todestages in der Gedenkstätte Sachsenhausen präsentiert wird. Autor ist der Historiker Manfred Gailus, zuständig für Neuere Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin.

Friedrich Weißler (1891-1937). war der Sohn des renommierten jüdischen Juristen Adolf Weißler und in der Zeit der Weimarer Republik selbst ein hochbefähigter, aufstrebender Jurist, zuletzt Landgerichtsdirektor in Magdeburg. Nach seiner Entlassung 1933 schloss er sich in Berlin der Bekennenden Kirche an. Im Jahr 1936 war er mitbeteiligt an einer nichtöffentlichen Denkschrift der Kirchenopposition an Hitler und geriet in Verdacht, diese ohne Befugnis an die Auslandspresse weitergereicht zu haben. Nach vier Monaten Gestapohaft wurde Weißler in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Am 19. Februar 1937 wurde Friedrich Weißler leblos in seiner Zelle aufgefunden. Wie sich herausstellte, war er von einem SS-Totschlägerkomplott zu Tode geprügelt worden.

Sieben Jahrzehnte mussten vergehen, bevor die Evangelische Kirche und ihr damaliger Ratsvorsitzender Bischof Wolfgang Huber im Jahr 2005 in Sachsenhausen eine Gedenkstele für diesen Kirchenmann errichteten: „Die Evangelische Kirche in Deutschland gedenkt Friedrich Weißlers in Scham und Dankbarkeit.“ Erinnert sei daran, dass es nicht die Kirche, sondern das Bundesverwaltungsgericht war, das bereits 1996 mit der Dokumentation „Friedrich Weißler und die Denkschrift der evangelischen Kirche vom Herbst 1936“ an das Schicksal des Juristen Friedrich Weißler erinnerte. „Kurz darauf“, so Huber, „haben wir an seinem Wohnhaus in Charlottenburg eine Erinnerungstafel angebracht“ – allerdings veranlasst vom Bundesjustizministerium und dem Bezirksamt Charlottenburg. Viel mehr hat man danach von der Kirche über den „Fall Weißler“ nicht gehört.

 

Im Jahr 2010 erschien das Buch über die „Berliner Friedhöfe in Stahnsdorf“. Es enthielt u.a. einen kritisch-provozierenden Beitrag über die Evangelische Kirche während der Nazizeit und eben auch über ihren lapidaren Umgang damit. Danach erreichten mich zwei Briefe. In dem einem bat mich Bischof Wolfgang Huber zu einem Gespräch und forderte eine Änderung meines Buchtextes. Was ich ablehnte. Der zweite Brief kam von Johannes Weißler (1928-2016), dem Sohn von Friedrich Weißler. Er hatte die Geschichte der Familie Weißler aufgeschrieben und bat mich um Hilfe bei Buchgestaltung, Textkorrektur und Bildauswahl. Diese im Jahr 2011 unter dem Titel „Die Weißlers – Ein deutsches Familienschicksal“ erschienenen und ziemlich persönlich gehaltenen Aufzeichnungen konnten nur ein Anfang sein.

Das Buch „Friedrich Weißler: Ein Jurist und bekennender Christ im Widerstand gegen Hitler“ musste folgen. Manfred Gailus erzählt die Familiengeschichte der Weißlers seit 1900 und bettet sie in umfassender Weise in die politik- und kulturgeschichtlichen Kontexte des 20. Jahrhunderts ein. „Das Buch ist zugleich ein Aufruf, diesen mutigen bekennenden Christen, der unter höchstem persönlichen Risiko bereit war, Widerstand gegen die Hitler-Diktatur zu leisten, mehr zu ehren, als dies bisher geschehen ist.“

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, allerdings wird das Buch über den „Fall Friedrich Weißler“ der Evangelischen Kirche in Deutschland wieder nicht gefallen. Zur Buchpräsentation anlässlich des 80. Todestages von Friedrich Weißler am 19. Februar 2017 in der Gedenkstätte Sachsenhausen schickt die unmittelbar betroffene „Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz“ (EKBO) vorsorglich nicht Bischof Dr. Markus Dröge, was einzig angemessen wäre, sondern mit einem „Grußwort“ den Verwaltungschef der Landeskirche Dr. Jörg Antonie.

 

Manfred Gailus: Friedrich Weißler. Ein Jurist und bekennender Christ im Widerstand gegen Hitler

316 Seiten mit 31 Abbildungen, gebunden. ISBN 978-3-525-30109-9. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, 2017. 30,00 €.

Aus "Berliner Friedhöfe in Stahnsdorf" von Peter Hahn, 2010

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