Inge Keller als Zeugin 5 in der ERMITTLUNG, 1990. Foto Rainer Mann

Inge Keller aus der Goßlerstraße

 

Zum 50. Jahrestag der Pogrom-Nacht vom 9. November 1938 erinnerte eine Veranstaltung in der Frankfurter Paulskirche an den Auschwitz-Prozess, der vom Dezember 1963 bis August 1965 in Frankfurt am Main stattfand, und an die gleichzeitige Uraufführung des Stückes am 19. Oktober 1965 an sechzehn Bühnen in der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik.

Unmittelbar nach dem Mauerfall entstand die Idee, diese „Ermittlung“ nun als „deutsch-deutsche“ Lesung zu wiederholen. So saßen 1990/1991 Schauspieler aus Ost und West in Frankfurt am Main, Friedrichshafen, Köln, Stuttgart, Zürich und Berlin auf den Bühnen. Mit dabei Ben Becker, Heinrich Giskes, Markus Völlenklee, Kurt Hübner, Peter Rühring, Dieter Mann, Otto Mellies, Klaus Piontek, Michael Schweighöfer, Hans Quest, Otto Sander, Manfred Lukas-Luderer, Udo Samel, Harald Kuhlmann, Daniel Morgenroth, Peter Gross, Walter Schmidinger, Siemen Rühaak, Lotte Loebinger und Inge Keller.

 

 

Als die Nachricht kam, dass Inge Keller am 6. Februar 2017 im Alter von 93 Jahren in einem Berliner Pflegeheim gestorben ist, erinnerten wir uns vor allem an jenen Abend in der Berliner Akademie der Künste und an die anschließende so einträchtige deutsch-deutsche Schauspielerrunde im „Florian“ in der Grolmanstraße. Da erfuhr Inge Keller, dass wir in Friedenau leben, und wir erfuhren, dass sie derzeit ihr Haus auf Hiddensee „selten besucht“. Verständlich. Als sie 1977 von Ministerpräsident Willi Stoph mit dem Nationalpreis der DDR bedacht wurde, durfte sich die „diensthabende Gräfin der DDR“, wie sie sich selbst bezeichnete, eine Beigabe wünschen. Obwohl für die Insel ein Baustopp für Ferienhäuser bestand, die Gemeinde selbst einen Einwand wagte, ging die Sache ihren sozialistischen Gang. Inge Keller bekam ihr Haus am Meer.

 

Friedenau, so befand Inge Keller damals, „ist eine seriöse bürgerliche Gegend“. Im Haus Goßler Straße Nr. 27 ist sie aufgewachsen. Ihr Vater Arthur (1882-1941) hatte mit 36 Jahren in Niedercunnersdorf/Oberlausitz die vierzehn Jahre jüngere Fabrikantentochter Auguste Dorothea Engler geheiratet. Laut Berliner Adressbuch wohnte die Familie in den Jahren 1935 bis 1937 in NW 21 am Bundesratsufer Nr. 12, was wiederum erklärt, dass Tochter Inge dort am 15. Dezember 1923 geboren wurde und später das Kleist-Oberlyzeum in der Moabiter Levetzowstraße besuchte. „Steinbruchbesitzer“ steht im Adressbuch. In der Tat besaß er einen Steinbruch in Niedercunnersdorf, dessen besonders harter Stein nun für den Autobahnbau gebraucht wurde. Der Urberliner hatte Straßenbau von der Pike auf gelernt und sich, wie Inge Keller erzählte, „herausgearbeitet“. Seine Kinder sollten es „mal besser haben“. Bodenständig ist er trotzdem geblieben. Noch heute erinnert sich die „Privilegierte Schützengesellschaft Niedercunnersdorf“, dass Arthur Keller 1936 den Bau eines Kleinkaliber-Schießstandes im Schützenhaus finanzierte. Das Geschäft mit den Steinen florierte wohl so gut, dass Arthur Keller 1937/38 auf dem Grundstück Goßler Straße 27 das Einfamilienhaus bauen ließ – mit einem großen Garten, auf dem er sich nach Feierabend in einen Gärtner verwandelte. Dort lebte er mit seiner Frau, der älteren Tochter Jutta, dem jüngeren Sohn Jürgen und eben mit Tochter Inge, die Schauspielerin wurde.

 

1942 debütierte Inge Keller im Theater am Kurfürstendamm. Es folgten Hebbel-Theater, Schlossparktheater und schließlich 1950 das Engagement an das Deutsche Theater, dessen Ensemble sie bis 2001 angehörte. Zwischendurch kam Inge Keller noch einmal mit Friedenau in Berührung – von 1952 bis 1956, das war die kurze Ehe mit Karl-Eduard von Schnitzler, der einst das Friedenauer Gymnasium besucht hatte und ab 1960 den „Schwarzen Kanal“ moderierte.

 

Inge Keller bleibt uns als „Zeugin 5“ in der ERMITTLUNG von Peter Weiss als sprachmächtige Schauspielerin in Erinnerung. Ihr Grab befindet sich auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.

 

Büste von Inge Keller auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Foto Simon Neumann, 6.2.2018

Zum 1. Todestag der Friedenauerin Inge Keller

 

E-Mail vom 6. Februar 2018

 

Dank Ihres virtuellen Artikels zur Goßlerstraße 27 habe ich doch tatsächlich erst so recht wahrgenommen, dass die unvergessene Inge Keller (1923-2017) in gewissem Sinne eine Friedenauerin war. Ich füge Ihnen die Momentaufnahme bei, die ich heute (am 6. Februar 2018) - an ihrem ersten Todestag - am Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof fotografiert habe. Mit Inge Keller werde ich immer ein Theatererlebnis verbinden, welches nun auch schon beinahe zwei Jahrzehnte zurückliegt: „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt im Deutschen Theater. Das hat mich als vielleicht vierzehnjähriger Bursche enorm fasziniert, weil sich mir eine Welt auftat, die ich so noch nicht erlebt hatte. Bleiben Sie so eifrige Friedenauforscher mit offenen Augen für die Geschichten am Wegesrand vom Kiez!

 

In diesem Sinne wohlwollende Grüße aus dem Friedrichshain

von Simon Neumann.

 

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