Zu vermieten: Körner-Apotheke

 

Zuerst hing im Schaufenster der „Körner-Apotheke“ ein handgeschriebener Zettel: „Apotheke wegen Krankheit zur Zeit geschlossen. Post bitte im Blumenladen abgeben.“ Wenige Tage später: „Liebe Kunden, die bereits bestellten Waren befinden sich in der Stier-Apotheke Hauptstraße Nr. 76 zur Abholung für Sie bereit“. Dann: „Sehr geehrte Kunden, die Apotheke ist bis auf Weiteres geschlossen.“ Und nun prangen an den Schaufenstern die Schilder „Zu vermieten“.

 

Wir hatten seit langem befürchtet, dass nicht alle sieben Apotheken zwischen Hähnelstraße und Walther-Schreiber-Platz den Druck des Marktes überstehen würden. Dass es nun aber ausgerechnet die seit 1912 bestehende Körner-Apotheke in der Friedenauer Hauptstraße Nr. 71 mit ihrer 1890 gefertigten Inneneinrichtung, „Eiche massiv, später Jugendstil“, zuerst trifft, macht traurig.

 

 

Am 18. September 2018 baten wir den Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde im Schöneberger Bezirksamt, einen drohenden Verlust dieser Einrichtung zu verhindern. Die Antwort war ernüchternd: Unsere Information wurde „an die für diesen Bereich zuständige Sachbearbeiterin weiter gegeben“. Gleichzeitig wurden wir aber um Verständnis dafür gebeten, dass „derzeit eine hohe Arbeitsbelastung herrscht, zudem ein hoher Krankenstand, so dass ich nicht versprechen kann, dass Sie bald eine Antwort erhalten werden“. Von dieser Verwaltung ist nichts zu erwarten.

 

Nicht gefährdet ist das Haus selbst, da es zum denkmalgeschützten Mietshausensemble von Hähnelstraße Nr. 7-15 und Hauptstraße Nr. 70-74 gehört. Nr. 71+72 werden 1908 als Baustellen und Nr. 73+74 als Neubau aufgeführt. Der Maurermeister und Architekt Paul Reinhardt lieferte den Entwurf, fungierte als Bauherr und nannte das Mehrfamilienhaus Wielandstraße Nr. 43 sein Eigentum. Nun kam 1911 das Haus Nr. 71 hinzu. Unter dieser Adresse, damals noch Friedenauer Straße, politisch zu Schöneberg postalisch zu Friedenau gehörend, waren anfangs zu erreichen: Eigentümer Paul Reinhardt, Bankbeamter A. Dräger, Architekt W. Dudel, Schuhmachermeister K. Gall, Zivilingenieur G. von Kreyfeldt, Kunstglaserei Redeker & Co sowie Schneider A. Rubbel.

 

1912 gab es die ersten Veränderungen. Da zog in das Haus u. a. der Apotheker Franz Capelle ein. Bisher war nicht zu recherchieren, ob er da nur wohnte oder auch die neue Apotheke betrieb. Capelle hatte 1903 im Verlag Julius Springer Berlin das „Englisches Konversations-Buch für Pharmazenten“ von Dr. Th. D. Barry herausgegeben – war aber seinerzeit auch „Besitzer von Dr. A. Sanders Adler-Apotheke in Norden“, die seit 1623 in Ostfriesland existierte. Kurios ist, dass ab 1913 für das Haus Nr. 71 sowohl Apotheker Franz Capelle als auch Apotheker Alfred Schmidt aufgeführt wird – Schmidt als Inhaber der Körner-Apotheke und Wohnungsmieter. Im Jahr 1928 erwarb der Kaufmann L. Meißner das Haus. Die Körner-Apotheke blieb.

 

Als wir vor Jahrzehnten nach Friedenau zogen, war die Körner-Apotheke im Besitz von Dr. Dietmar Jentsch. Wir gehörten damals auch zu jenen, die beim ersten Besuch erstaunt ausriefen: „Das ist ja noch eine richtige Apotheke“. Dr. Jentsch erzählte die Geschichte.

 

Seit 1892 dominierte in Friedenau die von Albert Hirt eröffnete „Adler-Apotheke“ in der Rheinstraße Nr. 16, die 1903 vom Apotheker Paul Sadée übernommen wurde. Der gestiegene Pillenbedarf legte nahe, beim Bau des Mietshauses Hauptstraße Nr. 71 im Erdgeschoss eine weitere Apotheke zu etablieren. Sie sollte 1913 zum 100. Todestag des „Befreiungsdichters“ Theodor Körner eröffnet und „Körner-Apotheke“ genannt werden. Das Haus war aber bereits 1911 bezugsfertig. Es muss bisher dahingestellt bleiben, ob nun Franz Capelle oder Alfred Schmidt in der nahen Hauptstadt aus der Konkursmasse eine „gebrauchte, fast neue“ Apothekeneinrichtung aus dem Jahr 1890 erworben hatten und diese im Laden Hauptstraße Nr. 71 „einpassen“ ließen.

 

Die Apotheke überlebte Ersten Weltkrieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise. Da Alfred Schmidt keine Nachkommen hinterlassen hatte, „setzten die Nationalsozialisten einen Apothekenleiter ihrer Wahl ein“. Nach 1945 übernahm der in Deutschland aufgewachsene holländische Staatsbürger Dr. Otto Schonewille die Apotheke. Unter seiner Ägide begann 1960 Dietmar Jentsch „als Stift“ seine Laufbahn als Apotheker. Im Jahre 1977 übergab Schonewille seinem ehemaligen Lehrling, inzwischen Dr. Dietmar Jentsch, die Apotheke. Nach vier Jahren Pacht ging die Körner-Apotheke dann in den Besitz von Jentsch über.

 

Jahre später wurde mit dem Ausbau der Schloßstraße zur Einkaufsmeile begonnen. Das Geschäftsleben in Haupt- und Rheinstraße nahm ab. Die Erzählungen von Apotheker Jentsch schwankten nun zwischen Stolz und Wehmut: „Die Körner-Apotheke ist seit ihrer Gründung unversehrt. Die Bomben des letzten Krieges verschonten sie. Seit 1911 hat es keinerlei Umbauten gegeben und die Utensilien waren seit 1912 in Gebrauch.“ Sein Abschied deutete sich an. Für eine relativ kurze Zeit kam Diana Manske, dann übernahm Friedhelm Budde die Apotheke. Was auch immer dort in Zukunft geschehen wird, die über 120 Jahre alte Inneneinrichtung ist ein Stück Friedenau. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

 

 

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