Razzia in Friedenau!

 

Wie konnte das friedliche Friedenau ins Fadenkreuz der Berliner Staatsanwaltschaft geraten? Wer die exklusive Geschichte von „stern.de“ vom 3. August 2018 liest, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Von Polizeibeamten sei der Autor Hans-Joachim Lehmann vor wenigen Tagen rüde aus dem Schlaf gerissen worden. Sie hätten gegen die Tür seiner Friedenauer Wohnung getrommelt, bis der 72-Jährige schließlich öffnete. Bei der Razzia seien Handys, Rechner, Festplatten, Drucker und USB-Sticks beschlagnahmt und fortgeschafft worden, berichtete Lehmann später dem „Stern“.

 

 

 

 

                     

Hatte der Autor einen Terroranschlag vorbereitet? Nein, so erfahren wir aus dem „Stern“. Lehmann hatte sich vielmehr kritisch über die Sprecherin des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) geäußert und das auch noch schriftlich. Er wirft der 48-jährigen Claudia Sünder (SPD) auf 79 Seiten vor, ihren Lebenslauf geschönt zu haben und nennt sie „Flunker-Queen“. Grund genug offenbar für das Amtsgericht Tiergarten, hart einzuschreiten. Auf wessen Veranlassung die rüde Hausdurchsuchung bei dem kritischen Friedenauer Geist vorgenommen wurde, bleibt unklar.

 

„Stern.de“ hat nachrecherchiert und kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass Vieles im Lebenslauf der Berliner Senatssprecherin zumindest erklärungsbedürftig ist. Dazu hätten sich der Regierende und auch der Berliner Senat auf Nachfrage aber nicht geäußert. Auch die Staatsanwaltschaft schweigt. Stattdessen vermutet Hans-Joachim Lehmann einen „Akt der Einschüchterung und der miesen Rache“ hinter der Razzia.

 

Der Friedenauer hatte sein Pamphlet auch an alle Fraktionen des Berliner Landesparlaments verschickt. Immerhin fordert nun der FDP-Abgeordnete Marcel Luthe eine schnelle Aufklärung „dieser merkwürdigen Vorgänge“.

 

In der Tat ist die von Lehmann gewählte Sprache in seinen Rechercheergebnissen mitunter wohl recht deftig ausgefallen. Wir fragen uns aber, ob eine Razzia in der Wohnung und in den Büroräumen des 72-Jährigen die richtige Antwort auf eine im Kern freie Meinungsäußerung ist. Zweifel äußert bei „stern.de“ auch der Berliner Strafrechtler Johannes Eisenberg, der auf die öffentliche Rolle von Müllers Sprecherin Claudia Sünder hinweist.

 

Im Ergebnis bleibt ein mehr als schaler Nachgeschmack. Die panische Reaktion der Justiz, von wem auch immer befördert, lässt vermuten, dass an den Recherchen von Hans-Joachim Lehmann etwas dran ist. Ein Senat, ein Regierender Bürgermeister und eine Senatssprecherin, die derart dünnhäutig auf Kritik reagieren, machen misstrauisch. Beruhigend ist allerdings eine andere Tatsache: Friedenauer haben sich ihren Schneid nie abkaufen lassen – und werden dies auch in Zukunft nicht tun.

 

LINK zum Originalbeitrag stern exklusiv vom 3.8.2018

LINK zum Originalbeitrag Tagesspiegel vom 6.8.2018

 

Offizielle Biographie von Claudia Sünder, Sprecherin des Senats

 

Geboren am 29. Oktober 1969 in Grevesmühlen (Mecklenburg-Vorpommern)

1988 Redakteurin Pressedienst Berlin

1990 Studium an der FU Berlin: Politische Wissenschaften, Spanisch, Germanistik

1996 Leitung der Könnecke Immobilien u. Grundstücksgesellschaft mbH in Boltenhagen

1998 Kauffrau der Grundstücks- u. Wohnungswirtschaft, Umzug nach Baden-Württemberg

2001 Studium an der FernUni Hagen: Politische Wissenschaften, Soziale Verhaltenswissenschaften M.A. (Schwerpunkt: Arbeits- und Organisationspsychologie)

2006 Psychotherapeutische Heilpraktikerin

2009 Zuerst Dozentin und dann leitende Tätigkeiten u. a. Leitung der Landeskoordination von “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage” für das Kolping-Bildungswerk Württemberg e. V.

2014 Vorstandsreferentin degewo AG

2015 Abteilungs- und Bereichsleitung Unternehmenskommunikation degewo AG

seit 2017 Sprecherin des Senats

 

Quelle: www.berlin.de

 

Anmerkung:

Claudia Sünder trat 2013 für die SPD in Baden-Württemberg als Kandidatin zur Bundestagswahl an. Mit dem Slogan „Ge(h)Sünder wählen“ blieb sie im Wahlkreis Aalen/Heidenheim allerdings erfolglos. (Quelle: Tagesspiegel vom 22.12.2016)

 

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