Grab von Christian Borngräber, Abt. 22-35. Foto H&S 2016

Christian Borngräber (1945-1992)

 

Vor nun auch schon fast drei Jahrzehnten erinnerte die „Neue Gesellschaft für Bildende Kunst“ 1999 in der Oranienstraße unter dem Titel „Unmittelbare Vergangenheit - Unterbrochene Karrieren“ an Protagonisten der Berliner Kulturszene, die in den Achtzigern wichtige Impulse gaben – und an Aids gestorben sind: Manfred Salzgeber (1943-1994), Initiator Filmfestspielreihe „Panorama“, Wolfgang Max Faust (1944-1993), der unermüdliche Kunsttheoretiker und Förderer der „Neuen Wilden, der kompetente Fachmann für Design und Architektur Christian Borngräber (1945-1992).

 

Borngräbers These von 1988, „was nicht dokumentiert ist, hat nicht stattgefunden“, hat die SPD jüngst nicht davon abgehalten, die Historische Kommission beim SPD-Parteivorstand aufzulösen. Die „Verfügung“ von Parteichefin Andrea Nahles ist ein fatales Zeichen. Geschichtsbewusstsein, also Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive, ist bei der ältesten Partei nicht mehr pflegewürdig. Aus „Vorwärts und nicht vergessen“ wird nun „Vorwärts und schnell vergessen“. Das Ende der Volkspartei rückt noch näher.

 

Bleiben wir bei Christian Borngräber. Er wurde am 4. April 1945 in Wernigerode geboren. Da seine Mutter 1957 in eine Wohnung in den gerade fertiggestellten Häusern der „Internationalen Bauausstellung“ im Hansaviertel Wohnung zog, war er bereits mit 12 Jahren „Westberliner“ – umgeben von architektonischen Experimenten: Der auf V-Pfeilern errichtete Bau von Oscar Niemeyer, das Etagenwohnhaus von Alvar Aalto, das Eternit-Haus von Paul Baumgarten oder das neungeschossige „geschwungene“ Wohnhaus von Walter Gropius. Das muss ihn fasziniert und geprägt haben.

 

 

Nach dem Studium von Architektur und Fotografie an der Technischen Universität Berlin in den Jahren von 1965 bis 1972 entschied er sich für den Journalismus. Als Freiberuflicher beschäftigte er sich ab 1974 mit der bisher nicht aufgearbeiteten Architektur der Weimarer Republik und des Stalinismus. Mehr und mehr geriet aber seine historische Aufarbeitung in den Hintergrund. Schon 1979 machte er sich mit „Stilnovo. Design in den 50er Jahren - Phantasie und Phantastik“ (Fricke Verlag Frankfurt) zum theoretischen Verfechter der neuen Designauffassung. Es folgten „Prototypen. Avantgarde Design aus Berlin“ (Uitgeverij 010 Verlag Rotterdam 1986), „Berliner Design-Handbuch“ (Merve Verlag Berlin 1987), „Berliner Wege. Prototypen der Designwerkstatt“ (Verlag Ernst& Sohn Berlin 1988) und zusammen mit Volker Albus „Design Bilanz – Neues deutsches Design der 80er Jahre in Objekten, Bildern, Daten und Texten“ (DuMont Verlag Köln 1992).

 

Damit nicht genug. Christian Borngräber gründete die Berliner „Design-Werkstatt“, entwarf selbst und sammelte. Seine Schätze vermachte er dem „museum kunst palast“ in Düsseldorf. Nun gibt es dort ein „Borngräberzimmer“ mit „Ecksofa besteht aus Ytong-Steinen, Kunstleder und Kuhfell“, „Schallplattenregal mit künstlichem Kaminfeuer“ und „Regalplatte mit Hirschgeweih“.

 

Es war der 22. September 1992, „Dienstag, am frühen Nachmittag. Herbstsonne. Ich fahre ins AVK. Im Blumengeschäft am Südwestkorso kaufe ich noch einen Blumenstrauß für Christian. Weiße Margeriten. Als die Floristin ihn mir zusammenbindet, beobachte ich aufmerksam ihre routinierten Handgriffe. Ich bin sehr ruhig. – Weiße Margeriten: Ich sehe ihre Schönheit. Und ich weiß alles, was sie – für mich – bedeuten.

 

Zimmer 150 im AVK. Als ich ins Zimmer komme, liegt Christian in seinem Bett und blickt zur Türe. Das Bett ist sehr hochgestellt. Christian lacht mich an, aus klaren, hellen Augen. Er freut sich, daß ich da bin, und streckt die Arme nach mir aus, als ich ans Bett komme. Wir umarmen uns lange. Ich lege meine Hand auf sein Herz. Ich brauche nicht zu sprechen. Er beginnt mit einer klaren männlichen Stimme zu reden. Er erzählt mir, daß es ihm gutgeht und daß er sich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt hat. „In der vorigen Woche, da ging es mir ganz schlecht. Da hatte ich das Gefühl, jetzt geht es gleich mit mir zu Ende. — Die Schmerzen waren fürchterlich. Ich konnte sie nur aushalten mit ...“ Er weiß den Namen des Medikaments nicht mehr. Er sucht angestrengt und lange danach. „ Ich komme nicht darauf. Überhaupt, vieles fällt mir jetzt gar nicht mehr ein. — Ist auch nicht schlimm.“ Dann erzählt er von seinem Freund Jeff. „Ich muß ihn auf den Abschied vorbereiten. Er will ihn nicht wahrhaben. Ich muß das ganz behutsam machen. Das fällt mir nicht schwer.“ — Und dann: „Aber eigentlich ist das nur sein Problem. Er muß allein damit fertigwerden. Ich kann ihm dabei nur etwas helfen.“ Christian erzählt und erzählt und erzählt. Ich höre nur zu. Helfe ihm dann und wann mit fehlenden Wörtern. „Mit meiner Mutter ist es einfacher. Sie kennt mich ja so gut. Und irgendwie haben wir dieselbe schlichte Gottgläubigkeit.“ Dann berichtet er von einem Drama am Samstag. „Ich hatte alles beschmutzt, und die Krankenschwester machte daraus eine Riesenszene. Sie zwang mich sogar unter die Dusche. Ich brach zusammen. Und sie wurde selbst ganz naß.“ Er lacht darüber. Eine Putzfrau kommt ins Zimmer: „Ich muß mal eben Staub aufwirbeln.“ Christian: „Wenn wir Sie nicht hätten!“ Die Putzfrau hatte mir, als ich auf die Station kam, für meine Blumen eine scheußlich schöne Vase gegeben. Aber es war die einzige Vase in der richtigen Größe. Ich sagte zu ihr: „Ob die Herrn Borngräber gefällt, möchte ich bezweifeln.“ Jetzt fragt sie Christian: „Gefällt Ihnen die Vase?“ — „Nein“, antwortet er, „aber das macht nichts.“ Die Putzfrau hilft mir, das Bett niedriger zu stellen. Nun kann ich neben Christian sitzen. Die rechte Hand lege ich auf sein Herz, die linke in seine Rechte. Er erzählt und erzählt und erzählt. Er erinnert mich an New York. An seinen Auftritt bei den Goethe-Events. Dann klärt er mich ausführlich über Zytomegalie auf. Plötzlich sagt er: „Ich muß lernen zu gehen.“ Und: „Ich will nach Hause. Vielleicht in einer Woche. Meine wunderbare Mutter hat ein richtiges Krankenbett in meinem Wohnzimmer aufstellen lassen.“ Dann eine lange Pause des Schweigens. — „Zu essen brauche ich gar nicht mehr. Ich trinke nur noch.“ Ich frage ihn, ob er etwas ‚Fortimel‘ trinken möchte. „Oh, ja“, sagt er. „Es ist im Kühlschrank im Rauchersalon. Meine Zimmernummer steht auf der Packung.“

 

Ich gehe in den Rauchersalon. Zwei junge Aids-Kranke sehen ‚Der weiße Büffel‘. Ein kräftiger Mann kommt im Jeansanzug in den Raum. Wir kennen uns vom Sehen. Ich frage ihn: „Sind Sie auch hier stationär?“ – „Nein“, antwortet er, „noch nicht.“ - Ich bringe das ‚Fortimel‘ in Christians Zimmer. Ich wärme die Packung mit meinen Händen. Ich gebe Christian zu trinken. „Mokka“, sagt er, „das schmeckt gut. Seit Wochen schmeckt mir das Zeug zum erstenmal wieder.“ Er erzählt und erzählt und erzählt. Ganz ruhig und oft lächelnd. Ich spüre, daß es sehr wichtig für ihn ist, alles so genau und klar wie möglich mitzuteilen. Plötzlich hält er inne, wird schwach. „Ich habe wieder Schmerzen.“ Er verzieht sein Gesicht. Er greift unter die Decke, holt einen Tampon hervor und gibt ihn mir. „Wirf ihn weg.“ Dann wieder Schmerzen. „Bitte, klingle“, sagt er. Ich klingle. „Ich brauche mein...“ Der Name des Medikaments fällt ihm nicht ein. „Gib mal die kleinen gelben Blöckchen da her. Da steht der Name des Medikaments drauf.“ Doch bevor er sie in Händen hält, sagt er: „MST — das ist Morphium. An solche Rauschmittel muß man sich erst gewöhnen. Ich weiß aber jetzt, wie ich damit umzugehen habe. Früher habe ich viel zu oft danach verlangt.“ Wieder ein Krampf, ein Schmerz über den ganzen Körper. Eine Schwester kommt ins Zimmer. Christian bittet um ‚sein MST‘. Die Schwester geht es holen. „Weißt du, ich möchte leicht sterben“, sagt er. „Ich glaube, das gelingt.“ Die Schwester kommt zurück mit den Pillen. Im selben Moment erscheint die Krankengymnastin. „Herr Borngräber, möchten Sie jetzt einmal das Gehen versuchen oder erst später, wenn Ihr Besuch fort ist.“ — „Nein, jetzt natürlich“, antwortet Christian. — Ich sage: „Ich gehe jetzt kurz in den Rauchersalon, ein Mineralwasser trinken.“ — „Kein Problem, kein Problem“, meint Christian.

 

Meine Lippen sind heiß und trocken. Als ich im Treppenhaus eine Zigarette rauche, kommt Herr Dr. Arastéh vorbei. Ich sage ihm, daß ich Samstag versucht habe, ihn anzurufen, als es mir so schlechtging. Ich erzähle ihm, was mit mir passiert ist und wie ich mir durchs Atmen helfen wollte. „Das war genau das falsche“, sagt er. „Man muß in einem solchen Zustand ‚Minderatmung‘ machen, ganz flach atmen, zur Not in eine Plastiktüte. Sonst beginnen Sie zu krampfen. Im Jargon heißt das ‚Pfötchenstellung‘.“ - Während wir sprechen, sehe ich durch die Glastüre, wie Christian im Bademantel und mit einer Gehhilfe, gestützt von der Krankengymnastin, aus seinem Zimmer kommt. Selbst aus der Entfernung erkennt man, daß er ganz stolz über sein ‚Gehen‘ ist. — Ich verabschiede mich von Herrn Arastéh. Er gibt mir seine Privatnummer. „Für alle Fälle.“

 

Ich gehe zurück in Christians Zimmer. Ich helfe der Schwester, ihn ins Bett zu legen. Es ist eine schwierige Prozedur. Bis wir den Gummiring unter seinem Gesäß, das Kissen unter den Knien haben, dauert es eine ganze Weile. Wir sprechen kaum dabei. Christian ist bis aufs Skelett abgemagert. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Die schrecklichen Bilder aus den Konzentrationslagern, die sterbenden Menschen in Somalia ... Christian liegt schräg im Bett. Das Hemd ist hochgerutscht. Aus seinem Penis der dicke Schlauch des Dauerkatheters. Es gibt keine Scham. Alles ist jetzt natürlich. Alles will so getan werden, wie es getan werden muß. Wir helfen Christian, gerade zu liegen. Er hilft uns dabei, ihm zu helfen. Er ist völlig erschöpft. Wir decken Christian mit einer leichten Decke zu. Die Schwester geht aus dem Zimmer. Wir sitzen lange einfach nur so da. Und schweigen. Dann kommt das Mittagessen. „Quetschkartoffeln mit Sauce.“ — „Ja, davon möchte ich essen“, sagt Christian. Ich bereite alles vor. Er beginnt mit dem Essen. Er ist sehr konzentriert dabei, nimmt den Vorgang des Essens genau wahr. „Eigentlich esse ich ja gar nichts mehr. Ich trinke nur noch“, wiederholt er sich. Wenn er die Gabel mit dem Kartoffelpüree und der Sauce in seinen Mund führt, dann tut er das immer mit einem kleinen anstrengenden Ruck. Voller Energie. Doch schon nach wenigen Malen wird er schwach. Er schließt die Augen einen Moment, öffnet sie wieder und beginnt wieder zu essen. Als er damit fast fertig ist, fällt mir ein: „Ein Löffel für die Mutti, ein Löffel für den Vati.“ Ich sage es ihm nicht. Die Pfirsichscheiben mache ich ihm klein, damit er sie besser essen kann. „Ganz frisch“, sagt er. „Sie schmecken ganz frisch.“ Doch er ißt nur wenige Stückchen.

 

Er liegt wieder ruhig. Er lächelt mich an. Ich erzähle ein wenig von meinem Buch. Ich sage ihm, daß er darin eine wichtige Rolle spielt. Er sagt: „Ich weiß.“ Und dann: „Wirst du noch ein Buch schreiben?“ Ich antworte: „Mal sehen.“ Ich lege wieder meine rechte Hand auf seine Brust, mit der linken streichle ich seine Hand. Wir sprechen jetzt nicht mehr. Er sieht nur. Er sieht nicht durch mich hindurch. Er sieht mir ganz ruhig in die Augen. Er atmet sehr tief. Dann wieder ganz flach. Ohne Dramatik. ‚Es atmet ihn‘, denke ich. Christian schließt die Augen. Dann öffnet er sie wieder. Er weiß genau, wo er jetzt ist. So sitzen wir noch über eine Stunde beisammen. Dann fragt er plötzlich: „Wo ist eigentlich mein kleines lila Kissen? Gib es mir.“ Ich suche das Kissen. Es liegt unter der zweiten Bettdecke. Er nimmt das Kissen, streichelt es zärtlich, legt es sich unter seinen Kopf. Entspannt lehnt er sich zurück. Dann nimmt er — ohne etwas zu sagen — die Brille ab und gibt sie mir. Ich lege sie auf das kleine Schränkchen. Christian schließt die Augen. „Möchtest du jetzt schlafen?“ frage ich. „Ja“, antwortet er. „Soll ich noch etwas hier bleiben?“ frage ich. „Nein“, sagt er.

 

Ich schiebe das Schränkchen an sein Bett, hänge die Klingel in Griffnähe, stelle das benutzte Geschirr zusammen, ordne die Decken auf dem Stuhl. Ich suche meine Brille und ziehe meine Jacke an. Ich gehe zu Christian ans Bett. Ich umarme ihn, küsse seine Stirn und seine Hände. Ich weiß, daß er sich darüber freut. Er öffnet nicht mehr seine Augen. Als ich aus dem Zimmer gehe, sage ich: „Bis dann.“ – „Bis dann“, antwortet Christian leise, ohne noch einmal nach mir zu sehen.

 

Christian Borngräber starb am 15. Oktober 1992.

 

Aus: „Dies alles gibt es also – Alltag Kunst Aids“ von Wolfgang Max Faust. Edition Cantz Stuttgart 1993. Auf Beschluss des Senats von Berlin wurde Christian Borngräber am 21.8.2001 eine Ehrengrabstätte des Landes Berlin bewilligt.

 

Wolfgang Max Faust über Christian Borngräber. 1992

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Sammlung Christian Borngräber

Die nachfolgenden Abbildungen stellte uns das museum kunst palast, Skulpturensammlung, Angewandte Kunst und Design, Düsseldorf zur Verfügung. Danke!

 

1 Borngräber-Zimmer, Berlin 1993. Schiitischer Stuhl, Siegfried Michail Syniuga, 1984. Gemälde Rote Pumps, Horst Reitz, 1981-82.

2 Sessel Hotel Ukraina, Siegfried Michail Syniuga, 1985. Stahl, Kunstleder, anatomische Karte. H 127; B 86,8; T 79,2 cm

3 Consumer´s Rest. Stiletto. Entw.: Stiletto 1983. Ausführung: Brüder Siegel, Leipheim, 1990. Stahl, gelb verzinkt. H 95,5; B 73,3; T 77,5 cm

4 Blauer Sessel, Axel Kufus/ Ulrike Holthöfer, 1985. Sperrmüllsessel, Autowaschanlagenbürste. H 85; B 100; T 93 cm

5 Rasender Servierwagen. Ausführung mit Radio gemarkt „Möbel perdu“ auf den Radioknöpfen, 1985. Gehäuse aus Messing, Antenne aus verchromten Stahl und schwarzem Kunststoffknopf, Ed. 7. H 83; B 59; T 38 cm

 

 

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