Das Problem Ehrengräber

 

„... sind Ausdruck der Ehrung Verstorbener, die zu Lebzeiten hervorragende Leistungen mit engem Bezug zu Berlin erbracht oder sich durch ihr überragendes Lebenswerk um die Stadt verdient gemacht haben.“ Land Berlin

 

Nichts gegen die Ehrengrabstätten auf dem Friedhof Stubenrauchstraße, aber nachdenklich macht die derzeitige Auswahl schon. Das Sammelsurium wirft die Frage auf, ob für den Quartiersfriedhof noch regionalgeschichtliche Aspekte relevant sind. Als der Optiker Carl Bamberg 1892 starb, gewährte ihm die Gemeinde Friedenau ein Ehrengrab. Im Jahr 2005 wurde dem Gründer der weltberühmten „Werkstätten für Präzisions-Mechanik und Optik“ dieser Status aberkannt. 2009 strich der Senat das seit 1907 bestehende Ehrengrab des Fotopioniers Ottomar Anschütz aus der Ehrengräberliste.

 

Zu den weltberühmten Arbeiten von Ottomar Anschütz (1846-1907) gehören seine einmaligen Serienfotografien vom 29. Juni 1895. Am „Fliegeberg“ in Lichterfelde sind Otto Lilienthal damals Flüge bis zu 80 Meter Weite gelungen – fotografiert von Ottomar Anschütz.

 

Für Bundesfinanzministerium und Deutsche Post Anlass genug, diesen „ersten Gleitflug“ im Jahr 2016 mit einer Sonderbriefmarke zu würdigen, für deren grafische Gestaltung die Fotos von Ottomar Anschütz die Grundlage bildeten. Dem Berliner Senat und dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg ist der Sinn für Geschichte abhandengekommen. Nachdem die Proteste gegen die Aberkennung der Ehrengrabstätte unüberhörbar wurden, ließ die Senatskanzlei im Juni 2018 wissen, „dass die Anerkennung der Grabstätte von Ottomar Anschütz als Ehrengrabstätte des Landes Berlin [wieder] vorgesehen ist“.

 

Dieses Hin und Her entstand 2008, als der Senat das Anerkennungsverfahren für Ehrengrabstätten von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zur Senatskanzlei verlegte und neue Auswahlkriterien festlegte. Von da an gab es Ehrengräber nur noch für Personen „die in der breiteren Öffentlichkeit deutlich präsent sind und ihre Verdienste einen engen Berlin-Bezug haben". Damit war eigentlich klar, dass Gräber von Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts „verschwinden“ werden, da diese in der allgemeinen Öffentlichkeit kaum bekannt sein dürften. Mit diesem Verfahren hat der Senat dem historischen Gedächtnis der Stadt nachhaltigen Schaden zugefügt. Anders als beispielsweise Wien und Paris hat es Berlin bis heute versäumt, eine Kategorie „historische Grabstätten“ einzufühen, mit der kulturgeschichtlich bedeutende und handwerklich hochwertige Grabstätten gerettet werden. Nur darüber - und der Kostenübernahme durch das Land Berlin - kann die Gefahr gebannt werden, dass diese Gräber nicht ausgelöscht, geschleift oder gar eingeebnet werden.

 

„Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft." (Wilhelm von Humboldt)

 

 

 

Ehrengrabstätten 14.08.2018

 

Die Senatskanzlei teilte am 14. August 2018 mit: „Der Senat hat in seiner heutigen Sitzung eine Vorlage des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller über die Anerkennung von Ehrengrabstätten zur Kenntnis genommen. Geehrt werden sollen folgende Persönlichkeiten mit besonderer Bedeutung für Berlin, die auf Friedhöfen Berlins ihre letzte Ruhe gefunden haben.“

 

Auf www.friedenau-aktuell.de hatten wir uns für die Anerkennung bzw. Wieder-Anerkennung von Ehrengrabstätten eingesetzt. Dieses Engagement war nicht umsonst. Der Senat begreift langsam wieder, dass Geschichte und Erinnern zu unserem Leben gehört.

 

Ottomar Anschütz (1846-1907), Erfinder der fotografischen Momentaufnahme und Pionier der Kinematografie. Er hatte 1895 die ersten Flugversuche Otto Lilienthals am „Fliegeberg“ in Lichterfelde fotografiert. Seine Fotos sind heute in vielen Museen zu finden. Überglücklich war die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin, als sie 2017 auch verschollen geglaubte Anschütz-Fotografien zurückbekam. Die Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof Stubenrauchstraße. Ab 1987 war sie Ehrengrabstätte des Landes Berlin. 2009 hat der Senat den Status aberkannt. Weitere Informationen finden Sie auf der Website www.friedenau-aktuell.de, Menüpunkt „Friedhof Stubenrauchstraße“.

 

Jeanne Mammen (1890-1976), Zeichnerin und Malerin. Im Jahr 1919 bezog sie zusammen mit ihrer Schwester ein Atelier im Hinterhaus des Kurfürstendamms 29, das noch heute existiert und von dem Jeanne-Mammen-Stiftung e.V. als Museum verwaltet wird. 2017/2018 präsentierte die Berlinische Galerie die Ausstellung „Jeanne Mammen – Die Beobachterin. Retrospektive 1910–1975“. Die Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof Stubenrauchstraße. Weitere Informationen finden Sie auf der Website www.friedenau-aktuell.de, Menüpunkt „Friedhof Stubenrauchstraße“.

 

Gustav Eberlein (1847-1926), Bildhauer, Maler und Schriftsteller. Er schuf die Denkmäler für Albert Lortzing Richard Wagner im Tiergarten und das Goethe-Denkmal im Park der Villa Borghese in Rom. Den Stein dafür hatten Gustav Eberlein und Valentino Casal in den Bergen von Carrara ausgesucht und nach Berlin transportieren lassen. Im Atelier von Casal in der Friedenauer Bachestraße wurde aus dem Gipsentwurf ein Denkmal in Marmor. Nach der Fertigstellung wurde das neun Meter hohe Monument in Einzelteile zerlegt, nach Rom gebracht und wieder zusammengebaut. Am 5. August 1904 wurde das Goethe-Denkmal vom italienischen König Viktor Emanuel III. enthüllt. Die Grabstätte von Gustav Eberlein befindet sich auf dem Alten St. Matthäus-Friedhof. Ab 1990 war sie Ehrengrabstätte des Landes Berlin. 2014 hat der Senat den Status aberkannt. Weitere Informationen finden Sie auf www.friedenau-aktuell.de, Menüpunkt „Friedenau-Bachestraße-Gustav Eberlein“.

 

Bully Buhlan (1924-1982), Schlagersänger. Komponist und Schauspieler

Der Berliner Hans-Joachim Buhlan wurde 1947 bekannt mit dem Glenn-Miller-Titel „Chattanooga Choo Choo“ und seiner deutschen Version „Verzeih'n Sie, mein Herr, fährt dieser Zug nach Kötzschenbroda“. Beliebt und gefeiert wurde Buhlan für seine Berliner Lieder „Lieber Leierkastenmann“, „Ich hab' noch einen Koffer in Berlin“, „Ich hab so Heimweh nach dem Kurfürstendamm“ oder „Das Lied von der Krummen Lanke“. Die Grabstätte befindet sich auf dem Waldfriedhof Dahlem. Weitere Informationen finden Sie auf www.friedenau-aktuell.de, Menüpunkt „Friedenauener Sachen“.

 

***

 

Unter Berücksichtigung dieses neuen Senatsbeschlusses beträgt die Zahl der Ehrengrabstätten des Landes Berlin nunmehr 666. Die Vorlage wird nun dem Rat der Bürgermeister zur Stellungnahme unterbreitet.

 

Die Presserklärung des Senats finden Sie hier:

 

https://www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/2018/pressemitteilung.729353.php

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© friedenau-aktuell, 2017