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Der Fall Oskar Pastior

Schriftsteller und IM "Stein Otto"

 

Der Senat hat in seiner Sitzung am 7. Juni 2016 eine Vorlage des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller über die Anerkennung von Ehrengrabstätten zur Kenntnis genommen. Geehrt wurden "Persönlichkeiten mit besonderer Bedeutung für Berlin", die auf Friedhöfen Berlins ihre letzte Ruhe gefunden haben, darunter der Schriftsteller und IM "Stein Otto" Oskar Pastior (1927-2006).

Eine fragwürdige Ehrung.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin

Senatskanzlei

Herrn Michael Müller

Jüdenstraße 1

10178 Berlin

 

30. August 2016

 

Sehr geehrter Herr Müller,

 

Mit dem Senatsbeschluss vom 12. Juli 2016 wurde das Grab des Schriftstellers Oskar Pastior (1927-2006) auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße zum „Ehrengrab“ des Landes Berlin erklärt.

Pastior wurde im Jahr 2006 in der Urnen-Wahl-Grabstätte Abt. 34/1 beigesetzt. Auf der nachfolgenden Grabstelle Abt. 34/2 befand sich bisher das Urnengrab von Elisabeth Schwartzkopff (1882-1966) und im weiteren Verlauf befinden sich dort gegenwärtig noch die Urnengräber von Lotte Gehlhaar Abt. 34/3 und Elfriede Krebs Abt. 34/4.

Laut Friedhofverordnung ist die Größe jener Gräber „mit 1,00 m x 1,00 m festgelegt“. Mit dem Senatsbeschluss für das Pastior-Ehrengrab ist die bisherige Grabstelle Abt. 34/2 verschwunden. Das Grab von Pastior wurde vergrößert, auf Ehrengrab „getrimmt“ und nimmt jetzt die Grabstellen Abt. 34/1 und Abt. 34/2 ein.

Für eine über 20 Jahre laufende Urnen-Wahl-Grabstätte fallen Gebühren in Höhe von 572,00 Euro an. Da für das Pastior-Ehrengrab nun die Grabstellen Abt. 34/1 und Abt. 34/2 genutzt werden, wären das 1.144,00 Euro. Wer hat dies veranlasst und wer trägt die Kosten?

In den Ausführungen des Landes Berlin über „Ehrengräber“ heißt es, dass „das zuständige Bezirksamt die Kosten für die Grabpflege, die Instandhaltung der Ehrengrabstätte und des Grabmals sowie für die Verlängerung des Nutzungsrechts übernimmt, sofern diese Kosten nicht von Angehörigen oder Dritten getragen werden“.

Der rumäniendeutsche Schriftsteller Oskar Pastior hatte testamentarisch eine Oskar Pastior Stiftung verfügt. Seine von ihm noch zu Lebzeiten benannten Stiftungsratsmitglieder, darunter die aus dem rumänischen Banat stammenden Schriftsteller Herta Müller und Ernest Wichner, auch Leiter des Literaturhauses Berlin, gaben am 28. April 2008 die Gründung der Oskar Pastior Stiftung sowie die Verleihung eines „Oskar Pastior-Preises“ bekannt: „Der Preis soll alle zwei Jahre verliehen werden und ist mit einer Preissumme von 40.000 Euro (vierzigtausend Euro) dotiert. Bewerbungen um den Preis sind nicht möglich. Der Sitz der Stiftung befindet sich im Literaturhaus Berlin.“ Gab es also keine Dritten für die Übernahme der Kosten?

Laut Gesetz muss der Vorschlag für ein Ehrengrab vom Regierenden Bürgermeister dem Rat der Bürgermeister zur Stellungnahme unterbreitet werden. Für den Friedhof an der Stubenrauchstraße ist das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg zuständig. Hat das Bezirksamt dem Vorschlag entsprochen? Gibt es dazu eine Stellungnahme?

Die veranlasste Gestaltung der Grabstätte weicht von den üblichen Gestaltungen von Ehrengräbern ab, und legt den Verdacht nahe, dass Wünsche von Dritten berücksichtigt wurden. Gepflanzt wurde Rosmarin, das Symbol für Liebe und Gedenken. Wer hat diese Bepflanzung vorgeschlagen?

„Die Anerkennung als Ehrengrabstätte erfolgt durch Senatsbeschluss frühestens fünf Jahre nach dem Tod für einen Zeitraum von zunächst 20 Jahren. Anregungen auf Anerkennung einer Ehrengrabstätte nimmt die Senatskanzlei entgegen.“ Wer hat die Anregung mit welcher Begründung abgegeben? Welche Stellungnahme hat der Regierende Bürgermeister für die Bewilligung abgegeben?

Am 17. August 2009 lieferte der Carl Hanser Verlag Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ aus. Vier Monate später erhielt Herta Müller für eben diesen Roman am 10. Dezember 2009 den Literaturnobelpreis. Am 17. September 2010 machte der Historiker Stefan Sienerth bekannt, dass sich Oskar Pastior am 8. Juni 1961 schriftlich verpflichtet hatte, als „IM Stein Otto“ für den Geheimdienst Securitate tätig zu werden.

Dem Regierenden Bürgermeister von Berlin hätte bekannt sein müssen, dass Oskar Pastior bis zu seiner Ausreise in den Westen Deutschlands sieben Jahre als Spitzel tätig war und dies nie öffentlich gemacht hatte, selbst nicht gegenüber Herta Müller, mit der Pastior doch das Buch „Atemschaukel“ mehr als nur „entwickelt“ hatte, und in dessen Mittelpunkt das Schicksal ihres Kollegen und Freundes Pastior gestellt wurde. Herta Müller hatte noch vor Bekanntwerden der IM-Tätigkeit von Pastior betont: „Ohne Oskar Pastiors Details aus seinem Lageralltag hätte ich es nicht gekonnt.“

Dem Regierenden Bürgermeister von Berlin hätte bekannt sein müssen, dass Rumänien erst 1999 als eines der letzten osteuropäischen Länder ein Gesetz zur Aufarbeitung seiner Geheimdienstakten erließ. Weitere sechs Jahre vergingen, bis die Aufarbeitungsbehörde CNSAS schließlich die Akten erhielt. Bis heute sind etliche Dokumente noch als Staatsgeheimnis deklariert und damit weiter unter Verschluss. So kommt es, dass die Tragweite der IM-Tätigkeit von Oskar Pastior bis heute noch nicht abschließend bewertet werden kann.

Nachdem auch der rumäniendeutsche Autor Dieter Schlesak Einblick in seine Akte nehmen konnte, erklärte der Historiker Stefan Sienerth: „Was Dieter Schlesak in seiner Akte nun gefunden hat, hat mich aber doch auch überrascht, weil ich bislang der Meinung war, Pastior, der sich aus Angst vor Gefängnis und Repressalien zur Mitarbeit hatte zwingen lassen, sei vorwiegend darauf bedacht gewesen, durch seine Berichte möglichst niemand zu schaden. Diese Ansicht muss ich nun revidieren.“

Die Entscheidung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, den Autor und IM-Spitzel Oskar Pastior mit einem Ehrengrab zu bedenken, ist mehr als fragwürdig. Pastior, dessen dichterisches Werk nicht infrage gestellt wird, hat allerdings weder „zu Lebzeiten hervorragende Leistungen mit engem Bezug zu Berlin erbracht“ noch sich durch sein „überragendes Lebenswerk um die Stadt verdient gemacht“.

Unerklärlich ist, dass der Regierende Bürgermeister von Berlin bei der Erhebung zu einem Ehrengrab für Oskar Pastior die ganz offensichtlich strategisch kalkulierte Aktion nicht erkannt hat. Spielen nicht doch kommerzielle Gesichtspunkte eine wesentliche Rolle? Kommt gar der Oskar Pastior-Preis in Verruf? Und damit auch Herta Müller und Ernest Wichner? Viel Zeit bleibt beiden nicht. Sie wird demnächst 65 und Ernest Wichner 66, so dass das Literaturhaus für 2018 bereits einen Nachfolger sucht.

Oskar Pastior wurde am 21. Oktober 2006 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt. Die Laudatorin war die Publizistin Christina Weiss. Sie gehört heute dem Stiftungsrat der Oskar Pastior-Stiftung an und entscheidet über die Oskar Pastior Preisträger.

Da Pastior wenige Tage vor der Preisverleihung am 4. Oktober 2006 verstorben war, verlas Michael Krüger, der Chef des Hanser Verlages, am 21. Oktober 2006 die „Dankesrede, die Oskar Pastior vor seinem Tod noch selbst fertiggestellt hatte“

Die Werke von Oskar Pastior erscheinen im Hanser Verlag, herausgegeben von Ernest Wichner, dem Leiter des Literaturhauses Berlin und Vorsitzenden der Oskar Pastior-Stiftung.

Die Bücher von Herta Müller, seit 1987 querbeet bei diversen Verlagen erschienen, erscheinen seit der Nobelpreisverleihung 2009 im Hanser Verlag unter dem Begriff „Neuausgabe“.

Die bekannte Moralapostelin Herta Müller beließ es nach der IM-Enthüllung bisher bei Begriffen wie „enttäuscht“, „bestürzt“, „entsetzt“, „verbittert“, auch „Erschrecken“, „Wut“, „Anteilnahme“, „Trauer“, und „es sei natürlich schrecklich, wenn man von jemandem, den man zu kennen glaubte, etwas Dunkles, kaum Fassbares erfahre, etwas, was einem nie anvertraut wurde. Dann aber habe sie sich darauf besonnen, wie verletzbar, erpressbar Pastior gewesen sei: ein Homosexueller in einem Staat, der Homosexualität mit mehreren Jahren Haft ahndete. Ich muss mich von Oskar Pastior nicht distanzieren. Und ich habe einen Menschen so lieb, wie ich ihn vorher hatte“.

Ist das nicht auch der Versuch, die Aufarbeitung der rumäniendeutschen Spitzel-Vergangenheit kleinzureden?

Es liegt nun am Regierenden Bürgermeister von Berlin das Ehrengrab für Oskar Pastior zu überdenken. Eine andere Frage ist es, ob Herta Müller und Ernest Wichner mit ihrer Oskar Pastior-Stiftung und einem mit 40.000 Euro dotierten Oskar Pastior-Preis es moralisch verantworten können, dass die Kosten für Grabstätte und Grabpflege nun für 20 Jahre von der Gesellschaft übernommen werden. Moral ist keine Privatsache. Oskar Pastior muss nach dem heutigen Kenntnisstand neu bewertet werden. Das Ehrengrab ist da nicht hilfreich.

 

Mit freundlichen Grüßen

Peter Hahn

Vorher
Nacher

Schreiben des Regierenden Bürgermeisters von Berlin vom 21.09.2016

ePaper

Mail von Peter Hahn an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei, vom 22.09.2016:

Ich denke, dass es keine Einwände geben dürfte, wenn ich Sie bitte, mir die gutachterliche Stellungnahme der zuständigen Senatsverwaltung zur Ehrengrabstätte von Oskar Pastior zur Verfügung zu stellen.

 

Mail der Senatskanzlei (IV A 2) vom 23.09.2016 an Peter Hahn:

Leider ist es mir nicht möglich, Ihnen die erbetene gutachterliche Stellungnahme zur Verfügung zu stellen. Die Anerkennung einer Ehrengrabstätte des Landes Berlin unterliegt – genau wie der Bereich der Ehrungen und Auszeichnung des Landes Berlin – dem Grundsatz der Vertraulichkeit. Schriftwechsel, der im Anerkennungsverfahren geführt wird, kann daher nicht der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Ich bedauere, Ihnen keine andere Mitteilung machen zu können und bitte um Ihr Verständnis.

 

Kommentar:

Es geht nicht um Einblick in den „Schriftwechsel, der im Anerkennungsverfahren geführt“ wurde, sondern einzig um das Gutachten der zuständigen Senatsverwaltung, die dem Regierenden Bürgermeister von Berlin direkt unterstellt ist und von Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten Tim Renner geleitet wird.

 

Kommentar von Peter Hahn

 

Am 7. Juni 2016 beschloss der Senat von Berlin 17 neue Ehrengräber, darunter für den Schriftsteller, Dichter und Übersetzer Oskar Pastior (1927-2006) auf dem Friedhof in der Stubenrauchstraße.

 

Für mich, der im Juli 1973 im Kofferraum eines PKWs von Ost- nach West-Berlin geflohen ist, dem bis zum Fall der Mauer der östliche Teil Deutschlands 16 Jahre versagt war, und der später in seiner Gauck-Akte über sich die IM-Berichte seiner angeblichen Freunde lesen konnte, ist diese „Ehrung“ fragwürdig. Nach der Wiedervereinigung hat sich bei persönlichen Begegnungen keiner der mich seinerzeit bespitzelnden Stasi-Informanten zu diesen Vorgängen geäußert.

 

Ich kannte das System, ich erfuhr, dass Vorwärtskommen ohne SED und Stasi schwierig war. Dreimal wurde, auch das ist in der Akte dokumentiert, der Versuch gestartet, mich als IM anzuwerben. Ich habe mich dem entzogen. Das war nicht einfach. Deshalb hätte ich für manchen Spitzelfreund und für manchen Bericht (vielleicht) Verständnis aufgebracht. Aber sie schwiegen.

 

Bei Oskar Pastior war es nicht anders. Auch er schwieg. Als am 17. September 2010 bekannt wurde, dass er von 1961 bis zu seiner Flucht in den Westen 1968 dem rumänischen Geheimdienst Securitate sieben Jahre lang als Mitarbeiter unter dem Namen „Stein Otto“ gedient hatte, konnte Pastior nicht mehr antworten. Am 4. Oktober 2006 war er verstorben.

 

Die Meldung kam zur Unzeit. Am 28. April 2008 hatten die in Berlin lebenden deutsch-rumänischen Schriftsteller Herta Müller und Ernest Wichner, neben Richard Wagner 1972 Gründungsmitglieder der gegen das Ceauşescu-Regime trotzigen „Aktionsgruppe Banat“, den testamentarischen Willen von Pastior erfüllt und die Gründung der „Oskar Pastior Stiftung“ bekanntgegeben. Am 17. August 2009 lieferte der Carl Hanser Verlag Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ aus. Vier Monate später überreichte ihr der schwedische König am 10. Dezember 2009 den Nobelpreis für Literatur. Laudator Anders Olsson würdigte ausdrücklich ihren Mut, gegen „die provinzielle Unterdrückung und den politischen Terror“ kompromisslos Widerstand“ geleistet zu haben. Den Nobelpreis verdiene sie auch für den „künstlerischen Gehalt dieses Widerstands“.

 

Plötzlich war Herta Müller ein Name. Endlich war sie raus aus der literarischen Nische und den geringen Auflagen. Das Buch erreichte das große Publikum. Verlag und Weggefährten standen mit im Rampenlicht. Das durfte nicht gefährdet werden.

 

Herta Müller, bei jedem Anlass zu einem Statement bereit, zuletzt über den Nobelpreiskollegen Günter Grass und sein Israel-Gedicht „Was gesagt werden muss“, „Er ist ja nicht ganz neutral. Wenn man mal in der SS-Uniform gekämpft hat, ist man nicht mehr in der Lage, neutral zu urteilen“, zeigte sich nach der Pastior-Enthüllung erst einmal „enttäuscht“, „bestürzt“, „entsetzt“, „verbittert“.

 

Sie habe zuerst „Erschrecken“, „auch Wut“, dann „Anteilnahme“ und „Trauer“ verspürt. Herta Müller sagte, „Es sei natürlich schrecklich, wenn man von jemandem, den man zu kennen glaubte, etwas Dunkles, kaum Fassbares erfahre, etwas, was einem nie anvertraut wurde. Dann aber habe sie sich darauf besonnen, wie verletzbar, erpressbar Pastior gewesen sei: ein Homosexueller in einem Staat, der Homosexualität mit mehreren Jahren Haft ahndete“.

 

Der Roman „Atemschaukel“ führt in das Rumänien des Jahres 1945. Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Die Banater Schwaben leben in Angst. „Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15º C.“ So beginnt ein junger Mann den Bericht über seine Deportation in ein Lager nach Russland. Im Nachwort berichtet Herta Müller vom Entstehen des Buches: Sie schrieb zunächst Gespräche mit Deportierten aus ihrem Geburtsort Nițchidorf im Banat auf, tat sich dann mit Oskar Pastior zusammen, der als 18-jähriger rumäniendeutscher Homosexueller deportiert worden war und ihr nun von seinen Erfahrungen aus der sowjetischen Lagerzeit erzählte. Aus diesen Gesprächen erwuchs die Idee, ein Buch gemeinsam zu schreiben. Dann starb Pastior. Nach einer langen Pause entschloss sich Herta Müller, den Roman weiter zu schreiben – im Mittelpunkt das Schicksal ihres Kollegen und Freundes: „Ohne Oskar Pastiors Details aus seinem Lageralltag hätte ich es nicht gekonnt.“ So hat sie seine Geschichte in „Ich-Form“ erzählt. Pastior wurde zum Erzähler – eine erstaunliche Nähe der Autorin zu ihrem Helden.

 

Oskar Pastior wurde am 20. Oktober 1927 in Hermannstadt (Siebenbürgen) geboren. Von 1955 bis 1960 studierte er Germanistik an der Universität Bukarest und legte dort sein Staatsexamen ab. Da die Angaben über Pastior bei Wikipedia einen ziemlich „frisierten“ Eindruck hinterlassen, wird hier der Schriftsteller Richard Wagner bemüht. Er war mit Herta Müller verheiratet, „und mit ihm ist sie noch heute, nach Scheidung der Ehe, verbunden“. Wagner ist eine „moralische Autorität“ und „nicht zum Kompromiss geneigt“:

 

„Nach dem Studium der Germanistik wurde Pastior Redakteur bei Radio Bukarest, damals ein gleichgeschalteter Sender, in dem es keinerlei Nischen-Programm gab, kein Sendeformat, in dem nicht die offizielle Sprachregelung gegolten hätte ... Als Reporter kam er ausgiebig im Lande herum und verfasste diverse Reportagen über das kommunistische Kollektiv-Glück und porträtierte schamlose stalinistische Kollaborateure … Pastior traf im Rundfunkhaus auf Redaktoren aus dem gesamten Ostblock und sicherlich auch auf einige von ausserhalb des sozialistischen Friedenslagers …In der Verpflichtungserklärung geht es auch um solche Gesprächspartner.

 

Pastior handelte nicht aus Überzeugung, er war allem Anschein nach in seine Rolle bei der Securitate aus Angst geraten, er fürchtete zu Recht das Gefängnis. Angst ist in einer solchen Situation nicht nur verständlich, sie ist durchaus legitim, sie legitimiert aber zu nichts, auch zur Denunziation nicht. Angst ist kein Freibrief, und auch Homosexualität ist es nicht, selbst wenn sie als Straftat gilt. Es gibt Angelegenheiten, bei denen es ums Prinzip geht, nicht ums Detail ... Im Klartext: Oskar Pastior hat ohne Wenn und Aber eine unentschuldbare, ohne Rücksicht auf andere durchgeführte Informantentätigkeit zu verantworten.

 

Pastior hat den Securitate-Offizieren bestimmt nicht erzählt, was er insgeheim dachte, sondern was sie hören wollten. Sein Ziel war offenkundig seine Selbstrettung … So gab es den Pastior der Parteigedichte, die er veröffentlichte, den Pastior des gleichgeschalteten Radios, und es gab den Pastior der experimentellen Poesie … Er war ein mit einer Frau verheirateter Schwuler und ein experimenteller Parteidichter … So konnte er in Bukarest an den Privilegien des Spätstalinismus partizipieren. Er durfte mehrfach in Ostblockländer reisen, konnte zwei Gedichtbände veröffentlichen, und das war's dann auch ... Und als er 1968 in den Westen kam, hatte er auch hier bereits ein selbstgestricktes Geheimnis bei sich. Es war seine Securitate-Mitarbeit.“

 

Bleibt noch die Rolle von Ernest Wichner. 1952 in Rumänien geboren, 1975 in die Bundesrepublik übergesiedelt, 2003 Leiter des Literaturhauses Berlin, 2008 stellvertretender Vorsitzender der Oskar-Pastior-Stiftung – der Vertraute von Herta Müller und der langjährige Freund von Oskar Pastior. Wichner wurde laut SPIEGEL offensichtlich dazu auserkoren, in Bukarest zu klären, wem IM „Stein Otto“ wirklich geschadet hat und ob ihn noch weitere Opfer belasten könnten.

 

Die Zukunft der von Herta Müller und Ernest Wichner geleiteten Oskar-Pastior-Stiftung wie auch die des gleichnamigen Literaturpreises stand in Frage. Für Richard Wagner sind Müller und Wichner im Fall Pastior auf einem Auge blind. „Für die beiden ist er eine Art Heiliger. Sie hätten die Sache gern kleiner, harmloser, und sie glauben daran, dass es so war. Aber da werden noch einige neue Sachen ans Licht kommen.“

 

Herta Müller und Ernest Wichner haben sich vorerst zurückgezogen – bis endgültige Klarheit da ist. Herta Müller laut SPIEGEL: „Ich muss mich von Oskar Pastior nicht distanzieren. Und ich habe einen Menschen so lieb, wie ich ihn vorher hatte.“ Dann fügte sie, die als große Wortschöpferin gilt, noch einen Satz hinzu. Es war nur ein Versprecher, eine Kreuzung zwischen tragisch und traurig. „Es ist eine traugische Geschichte.“

 

Die Senatskanzlei allein wäre wohl nie auf die Idee gekommen, Oskar Pastior mit einem Ehrengrab zu würdigen. Die Anregung muss von außen gekommen sein. Die Ehrung für einen rumänischen IM ist in Anbetracht des deutschen Umgangs mit seinen Stasi-Spitzeln ein Fehler. Sie sollte rückgängig gemacht werden. Wenn Herta Müller und Ernest Wichner mit ihrer Oskar-Pastior-Stiftung alle zwei Jahre einen „Oskar Pastior Preis“ in Höhe von 40.000 Euro vergeben können, dann sollten sie auch die Kosten für die Grabpflege übernehmen – zugunsten von Gräbern auf dem Friedhof in der Stubenrauchstraße, die der Senat von der Ehrengrabliste gestrichen hat. – Die Grabstätte von Ottomar Anschütz gehört dazu.

Stimmen zum Fall Oskar Pastior

Ein Skandal: Ehrengrab für einen IM

 

Zu den Fakten gehört, dass der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) neue, zu verlängernde sowie nicht zu verlängernde Ehrengräber benennt, die anschließend dem Rat der Bürgermeister zur Stellungnahme unterbreitet werden. In Tempelhof-Schöneberg sind dafür Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) und letztendlich auch Baustadtrat Daniel Krüger (CDU) als oberster Dienstherr der Friedhofsverwaltung zuständig.

Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung Deutschlands könnte man davon ausgehen, dass politische Aspekte oder gar eigennützige Motive bei der Gewährung eines Ehrengrabes der Vergangenheit angehören. Doch am 7. Juni 2016 beschloss der Senat von Berlin 17 neue Ehrengräber, darunter für den Schriftsteller Oskar Pastior (1927-2006) auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße. Eine fragwürdige Entscheidung, da seit 2010 bekannt ist, dass der rumäniendeutsche Pastior von 1961 bis zu seiner Flucht in den Westen 1968 dem rumänischen Geheimdienst Securitate sieben Jahre lang als Mitarbeiter unter dem Namen „Stein Otto“ gedient hatte – und dies selbst seinen Freunden verheimlicht hatte.

Die Senatskanzlei allein wäre nie auf die Idee gekommen, Oskar Pastior mit einem Ehrengrab zu würdigen. Die Anregung muss von außen gekommen sein. In Frage kämen die rumäniendeutschen Freunde Ernest Wichner, im Hauptberuf Leiter des Literaturhauses Berlin, und die Nobelpreisträgerin für Literatur Herta Müller – beide mit Wohnsitz in Friedenau bzw. im „gefühlten Friedenau“. Im Nachwort für ihren prämierten Roman „Atemschaukel“ berichtet die Autorin vom Entstehen des Buches: Sie tat sich mit Pastior zusammen, der als 18-jähriger rumäniendeutscher Homosexueller deportiert worden war und ihr von seinen Erfahrungen aus der sowjetischen Lagerzeit erzählte. Aus diesen Gesprächen erwuchs die Idee, das Buch gemeinsam zu schreiben. Oskar Pastior starb und Herta Müller schrieb weiter – im Mittelpunkt das Schicksal ihres Kollegen und Freundes: „Ohne Oskar Pastiors Details aus seinem Lageralltag hätte ich es nicht gekonnt.“

Als sie von seiner IM-Verpflichtung erfahren hatte, war sie erschrocken. Wut, Anteilnahme und Trauer soll sie verspürt haben. „Es sei natürlich schrecklich, wenn man von jemandem, den man zu kennen glaubte, etwas Dunkles, kaum Fassbares erfahre, etwas, was einem nie anvertraut wurde. Dann aber habe sie sich darauf besonnen, wie verletzbar, erpressbar Pastior gewesen sei: ein Homosexueller in einem Staat, der Homosexualität mit mehreren Jahren Haft ahndete“.

Erklärt werden muss, dass 1972 in Rumänien die „Aktionsgruppe Banat“ gegründet worden war, darunter die Schriftsteller Ernest Wichner und Richard Wagner, der wohl als einziger deutlich Stellung bezieht: „Oskar Pastior hat ohne Wenn und Aber eine unentschuldbare, ohne Rücksicht auf andere durchgeführte Informantentätigkeit zu verantworten. Als er 1968 in den Westen kam, hatte er auch hier bereits ein selbstgestricktes Geheimnis bei sich. Es war seine Securitate-Mitarbeit.“

Zehn Jahre nach dem Tod von Oskar Pastior und sechs Jahre nach seiner Enttarnung schien wohl genug Gras über dieses Kapitel gewachsen zu sein. Obendrein würde ein Ehrengrab auch der von Müller und Wichner geleiteten Oskar-Pastior-Stiftung gut zu Gesicht stehn. Es mag ja sein, dass sich Herta Müller „nicht von Oskar Pastior distanzieren muss“ und sie den „Menschen so lieb wie vorher hat“, dann aber ist dies eine Angelegenheit, mit der sie alleine klarkommen muss. Die Ehrung für einen rumänischen IM – dessen Akte noch immer auf eine Veröffentlichung wartet – ist in Anbetracht des deutschen Umgangs mit seinen Stasi-Spitzeln ein Fehler. Sie muss rückgängig gemacht werden. Wenn Herta Müller und Ernest Wichner allerdings mit ihrer Stiftung alle zwei Jahre einen „Oskar Pastior Preis“ in Höhe von 40.000 Euro vergeben können, dann sollten sie wenigstens der Gesellschaft die Kosten für die Grabpflege ersparen und selbst übernehmen – zugunsten von Gräbern, die der Senat von der Ehrengrabliste gestrichen hat. – Die Grabstätte des Fotopioniers Ottomar Anschütz gehört dazu.

Herr Ernest Wichner schrieb am 2. September 2016 folgende Mail: Sehr geehrter Herr Hahn, warum denn so aufgeregt? Hätten Sie mal bei der Stiftung nachgefragt, so hätten Sie erfahren, daß in Teilen die Stiftung und ansonsten Herta Müller und ich für alle Kosten aufkommen, die mit Oskar Pastiors Grab zu tun haben. Noch hat dort der berühmte „Steuerzahler“ keinen Cent beigetragen, und daran wird sich nichts ändern. Und wenn Sie sich über Oskar Pastior und die Securitate informieren mögen, können Sie den dazu erschienenen Band Text + Kritik lesen, vielleicht sogar mit Gewinn - dort können Sie auch erfahren, daß Dieter Schlesak eine Woche nach Oskar Pastior seine Verpflichtungserklärung bei der Securitate unterschrieben hat. Beste Grüße, Ernest Wichner

 

Herr Wichner lenkt ab: Es geht weder um den von Ernest Wichner herausgegebenen „Verteidigungs“-Band „Text + Kritik“ noch um die IM-Tätigkeit von Dieter Schlesak, sondern um ein Berliner Ehrengrab für den IM Oskar Pastior.

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© Peter Hahn