Dinah Nelken, ich an Dich, 1939

Dinah Nelken (1900-1989)

 

Im Frühjahr 1938 brachte der Berliner Verlag Gustav Weise mit „ich an Dich“ ein ungewöhnliches Buch auf den Markt. Es war „ein Roman in Briefen mit einer Geschichte und ihrer Moral für Liebende und solche, die es werden wollen“. Geschrieben von Dinah Nelken, ausgestattet als buntes Bilderbuch von ihrem Bruder, dem Graphiker Rolf Gero Schneider. Originell war, dass die Geschichte nicht im herkömmlichen Drucksatz daherkam: Eine unpaginierte Ansammlung maschinengeschriebener Briefe auf blauem, gelbem, weißem Papier, dazu eingeklebt Kinokarte mit Rendezvousversprechen, Liebeserklärung auf Zeltschein, Flugschein der Deutschen Lufthansa, Reichsposttelegramme, Gartenpartyfoto und Federzeichnungen – gewissermaßen ein Familienalbum, obendrein nicht gebunden, sondern mit einer Kordel zusammengehalten. Ein bildnerisches Erlebnis, eine außergewöhnliche Publikation, die mit über 200.000 verkauften Exemplaren zu einem Kassenschlager wurde.

 

Die „Bavaria“ sicherte sich den Stoff, ließ von Emil Burri, Peter Francke und der seit 1936 in Wien lebenden Dinah Nelken das Drehbuch erstellen, engagierte für die Hauptrollen Brigitte Horney und Joachim Gottschalk, drehte im Sommer 1939 in Petzow am Schwielowsee und präsentierte den Film unter dem Titel „Eine Frau wie du“ am 16. Dezember 1939 im Berliner „Capitol“.

 

 

 

 

 

 

So weit, so gut, bis 1940 im Wallishauser Verlag Wien „Mein vielgeliebter Mann – Roman zweier Herzen im Kriege“ von Maria Barbara Alsegger erschien – in Inhalt und Gestaltung mit „ich an Dich“ zum Verwechseln ähnlich, auch mit eingeklebten Bilderchen und Liebesbotschaften auf „Feldpostbriefen“. Nach dem Krieg klagte Dinah Nelken gegen Verlag und Autorin. Am 8. April 1949 meldete die Tageszeitung „Neues Österreich“: „20.000 Schilling für ein literarisches Plagiat.“ Gestützt auf die Gutachten von zwei Sachverständigen, die von einer „Nachahmung in weitestem Ausmaße sprachen, fiel das Urteil: „Mein vielgeliebter Mann“ musste an „ich an Dich“ Schadenersatz zahlen.

 

Der Weg zu Dinah Nelken ist mühsam. Drei Jahrzehnte nach ihrem Tod bleibt ihre Lebensgeschichte noch ziemlich fragmentarisch. Dabei gehört ihre Geschichte, die Geschichte der Berliner Familie Nelken in den Fokus des 20.Jahrhunderts. Geboren wurde sie am 16. Mai 1900 in Berlin als Bernhardina Schneider. Ihre Eltern waren der Schauspieler Bernhard Bruno Eugen Schneider und seine Ehefrau Catherine (Käte). Zwei Jahre später wurde ihr Bruder Rolf Gero Schneider (1903-1957) geboren. Mit 18 Jahren heiratete sie den aus einer jüdischen Familie stammenden 34-jährigen Chemiker Fritz Nelken (1883-1942). Am 28. Januar 1919 wurde Sohn Peter Nelken geboren. Die Ehe wurde 1922 geschieden. Peter wuchs zunächst bei den Großeltern auf, kam aber nach ihrem Tod mit neun Jahren in das Kinderheim von Annemarie Wolff. Dinah Nelken gelang in den 1920er Jahren der Anschluss an linke Literaturkreise. In der Berliner Presse erschienen ihre ersten Kurzgeschichten und Feuilletons. 1925 soll ihr Roman „Die Erwachenden“ entstanden sein, der im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek allerdings nicht aufgeführt wird.

 

Aus ihrem in der Akademie der Künste bewahrten Nachlass geht hervor, dass Dinah Nelken von 1928 bis 1936 Bewohnerin der Künstlerkolonie Wilmersdorf am Breitenbachplatz war. Da auch der Verein „KünstlerKolonie Berlin“ im Gegensatz zu anderen Bewohnern von ihr keine Wohnanschrift existiert, muss davon ausgegangen werden, dass sie irgendwo „Unterschlupf“ fand. 1928 gründeten der Feuilletonist Pem (Paul Marcus), Dinah Nelken und ihr Bruder, der Graphiker Rolf Gero Schneider, das politisch-literarische Kabarett „Die Unmöglichen“ – Premiere mit Texten von Dinah Nelken im April 1928 im „Topp-Keller“ in der Schwerinstraße. Berichtet wurde, dass die „vollkommene Ehe“ mit bohemienhafter Unbekümmertheit ebenso krass parodiert wurde wie „der deutschtümelnde Rummel um die rheinischen Mädchen beim rheinischen Wein“. Die Berliner Zeitung vom 23.5.1928 kommentierte: „Kein Nepp ... kein Eintritt ... und das Publikum schreit ... schreit vor Vergnügen.“ Und Erich Kästner am 30.6.1928: „Hier wäre Gelegenheit, dem guten Ton verkehrt ins Gesicht zu springen.“ 1933 publizierte Dinah Nelken unter ihrem Mädchennamen Bernhardine Schneider im Wilhelm Goldmann Verlag Leipzig „Eineinhalb Zimmer Wohnung“ – ein „Roman aus der Künstlerkolonie“.

 

Danach tritt Dinah Nelken vor allem als Drehbuchautorin aus: 1935 „Der junge Graf“, Produktion Anny Ondra-Carl Lamac-Film Berlin, und „Fientje Peters-Poste restante“, 1936 „Hilde Petersen postlagernd“, beide Robert Neppach Filmproduktion Berlin, 1939 „Eine Frau wie Du“, und „Das Abenteuer geht weiter“, beide Bavaria.

 

Inzwischen hatte sie in dem Buchhändler Heinrich Ohlenmacher (1900-1956) einen neuen Lebensgefährten gefunden. Nach dem Reichstagsbrand wurden Tausende KPD-Funktionäre von den Nazis verhaftet, darunter Ohlenmacher. Nach seiner Entlassung aus dem KZ Esterwegen 1936 zogen Dinah Nelken, Heinrich Ohlenmacher und Bruder Rolf Gero Schneider (1903-1957) über Prag nach Wien, wohin sich ihr Sohn Peter Nelken bereits begeben hatte. Noch vor der Annexion Österreichs 1938 durch Hitler-Deutschland brachte sie ihren Sohn nach London. Sie selbst floh mit Ohlenmacher über Zagreb auf die dalmatische Insel Korcula. Obwohl sich für den Roman „ich an Dich“ und die diversen Drehbücher im Deutschen Reich einiges an Tantiemen angesammelt hatte, wurde 1940 ihr Antrag auf Überweisung für ein Buch über Dalmatien abgelehnt. 600 Schreibmaschinenseiten mit Korrekturen finden sich unter dem Stichwort „Dalmacienbuch“ im Akademie-Archiv.

 

1943 fand Dinah Nelken Arbeit bei dem Verleger Arnoldo Mondadori in Mailand. Das Ehepaar zog nach Meina am Lago Maggiore. Nachdem 1943 die deutschen Truppen anrückten und Rom nach dem Kriegsrecht zur „offenen Stadt“ erklärt wurde, die nicht verteidigt wird und daher nicht angegriffen oder bombardiert werden durfte, fanden Dinah und Heinrich Ohlenmacher dort ein längeres „zu Hause“.

 

Peter Nelken (1919-1966) ging 1940 von London nach Belgien. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen tauchte er unter. Im Juni 1940 kehrte er nach Berlin zurück. Sein Sohn Michael Nelken (geboren am 29. Februar 1952 in Berlin) erinnert sich: „Peter wurde 1941 wegen einer Flugblattaktion nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion verhaftet. Mit etwas Glück und Unterstützung (vermutlich auch von Mutter Dinah und Vater Fritz Nelken) entging er dem Hochverratsprozess und dem Fallbeil“. Nach 1945 und der Zwangsvereinigung von KPD und SPD machte er über das Zentralsekretariat der SED Karriere – parteiergeben: „Ich habe mich entschieden; und meinen Lorbeer flechte die Partei“ (7.8.1945).

 

Er hatte die Faschisten bekämpft und den Untergang Berlins erlebt. „Für ihn bedeutete das Heranrücken der Roten Armee eine Chance für ein neues Leben. Dass er den Tag der Befreiung überhaupt erlebte, verdankte er den Kommunisten, die sein Überleben in der Illegalität erst ermöglichten. Bereits 1946 wurde er Mitglied des Zentralrats der FDJ und Chefredakteur der Jugendzeitschrift „Neues Leben“. Er publizierte „Josef Wissarionowitsch Stalin. Lehrer, Vorbild und Freund der Jugend“ (1949) und „Karl Marx der größte Sohn des deutschen Volkes. Vorbild und Ratgeber eines jeden deutschen Patrioten“ (1953). Nach Stationen als Hauptreferent in der Abteilung Parteischulung des ZS der SED und Leiter der Hauptabteilung Friedens- und Planpropaganda wurde er 1956 Londoner Korrespondent der Zeitung „Junge Welt“. Ab 1958 war er Chefredakteur der satirischen Zeitschrift „Eulenspiegel“.

 

Das mit Vorsicht zu behandelnde Buch „Zurückgelehrt – Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR“ von Karin Hartewig (Böhlau Verlag, 2000) beleuchtet die Situation: „Im Februar 1949 ließ sich Peter Nelken gegenüber der SED-Betriebsgruppe über die politische Reserviertheit seiner Mutter aus, weil sie sich nach ihrer Rückreise aus Rom nicht sofort entschließen konnte, nach Ostberlin zu ziehen. In Briefen hatte Dinah Nelken starke Vorbehalte gegen eine Rückkehr geäußert. Am 5. April 1946 schrieb sie aus Rom an ihren Sohn Peter, dass sie es „nicht sehr eilig habe, den Kampf mit und gegen die Menschen aufzunehmen, die Majdanek und Auschwitz gemacht oder auch nur geduldet haben“‘.

 

Nach Angaben von Michael Nelken „konnten Dinah und Heinrich nicht direkt nach Berlin kommen, weil sie 1947 in Rom geheiratet hatten und sie deshalb von Rom zunächst in seine Geburtsstadt Wiesbaden zurückkehren mussten. In Westberlin sind sie also spätestens 1951 angekommen. In Ostberlin haben sie m.W. niemals gewohnt“. Im Telefonbuch war von da ab eingetragen: „Heinrich Ohlenmacher, Schriftsteller, Wilmersdorf, Berliner Straße 19, Telefon 854912“ – und Dinah Nelken war nur über diese Rufnummer zu erreichen.

 

1952 kam nach einer Idee von Dinah Nelken unter dem Titel „Das Mädchen Juanita“ (Frau über Bord) in die Kinos, der bereits 1944/45 von der Tobis unter der Regie von Wolfgang Staudte mit Heinrich George (1893-1946) in der Hauptrolle gedreht wurde. George hat die Uraufführung nicht mehr erlebt. Er starb am 25. September 1946 im sowjetischen Speziallager Nr. 7 in Sachsenhausen. 1955 produzierte Arthur Brauners CCC „Liebe ohne Illusion“ nach einem Drehbuch von Dinah Nelken und Max Colpet unter der Regie von Erich Engel. Der Roman „Tagebuch – ich an mich“ wurde unter dem Titel „Tagebuch einer Verliebten“ von der Magna-Film München verfilmt. Das Drehbuch verfassten Emil Burri und Johannes Mario Simmel. Die Hauptrollen spielten Maria Schell und O. W. Fischer. Die Uraufführung fand am 19. Oktober 1953 im Marmorhaus Berlin statt.

 

Nach 1956 trat Dinah Nelken wieder als Schriftstellerin in Erscheinung. Sie lebte in Westberlin und besaß einen ständigen Passierschein zum Aufenthalt in Ostberlin. Ihre Bücher erschienen im „Verlag der Nation“ im Osten: „Spring über deinen Schatten, spring!“ (1956), „addio amore“ (19]57), „Geständnis einer Leidenschaft“ (1962), „Von ganzem Herzen“ (1964), „Das angstvolle Heldenleben einer gewissen Fleur Lafontaine“ (1971). Der Roman wurde 1978 als zweiteiliger Film des DDR-Fernsehens nach dem Drehbuch von Dinah Nelken unter der Regie von Horst Seemann mit Angelica Domröse (Fleur Lafontaine) und Hilmar Thate (Philipp Pommeranz) ausgestrahlt. Die Geschichte „ist stark autobiographisch gefärbt. Thate spielt de facto den Heinrich Ohlenmacher, deshalb spielt er den Philipp Pommeranz auch mit hessischer Mundart“.

 

Heinrich Ohlenmacher, der am 12. Oktober in Wiesbaden geboren wurde, starb am 5.Dezember 1956 in Berlin und wurde auf dem Städtischen Zentralfriedhof Friedrichsfelde beerdigt. Seine Frau Dinah Nelken-Ohlenmacher fand 1989 auf dem Friedhof Stubenrauchstraße ihre letzte Ruhe. Die Nutzungsrechte für das Grab seiner Großmutter erwarb (wohl nach ziemlichen Mühen) Michael Nelken. Das Grab seines Vaters Peter Nelken befindet sich außerhalb der eigentlichen „Gedenkstätte der Sozialisten“ auf der Gräberanlage Pergolenweg. „In dieser Grabstelle haben wir auch die Frau von Peter Nelken, Agnes Nelken, geborene Sas, unsere Mutter 2001 beigesetzt.“

 

Weiteres in Vorbereitung

 

Dinah Nelken am 1.2.1980 in der Majakowski-Galerie Berlin. Fotos von Jürgen Henschel (1923-2012). Quelle Friedrichshain-Kreuzberg-Museum

 

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