Leonhard Oesterle (1915-2009)

 

Im Zeitraum vom 20.09.2015 bis 27.09.2015 entwendeten bisher unbekannte Täter eine Bronzefigur von einem Grabsockel in Berlin-Friedenau. Die Polizei bittet um Ihre Hilfe.

 

Das war nicht der erste Diebstahl auf dem Friedhof Stubenrauchstraße. Gestohlen wurde zuvor das Kreuz vom Grab des Pfarrers Paul Vetter, später die Skulptur des Bildhauers Hans Scheib auf dem Grabstein des Malers Gerhart Bergmann und nun auch die Skulptur Sitzende Frau vom Grab des Bildhauers Leonhard Oesterle.

 

Leonhard Oesterle war ein kanadischer Bildhauer, Zeichner und Kunstlehrer deutscher Herkunft. Er wurde am 3. März 1915 in Bietigheim geboren. Nach der Schulzeit absolvierte er eine Lehre als Mechaniker bei der Firma Bosch. In Stuttgart engagierte er sich in der „Widerstandsgruppe G“ und verteilte Flugblätter. Er lernte die aus Schlesien stammende Elisabeth Schikora (1908-1944) kennen, die, seit 1927 Mitglied der KPD, den Auftrag hatte, die Kommunistische Jugend in Stuttgart aufzubauen. Zwischen beiden entwickelte sich eine intensive Beziehung. Wir waren idealistische junge Streiter für Wahrheit und Freiheit. Die Gruppe wurde von den eigenen Leuten denunziert und 1935 von der Gestapo festgenommen.

 

Leonhard Oesterle wurde am 14. Oktober 1936 vom Oberlandesgericht Stuttgart zu einer Zuchthausstrafe von fünf Jahren, drei Jahren Ehrverlust und Zulässigkeit von Polizeiaufsicht verurteilt, weil er von April 1934 bis Februar 1935 an leitender Stelle am Neuaufbau der KJ (Kommunistischer Jugendverband) in Stuttgart tätig war und bei der Herstellung von Zeitschriften des KJ mitwirkte. Für die Tageszeitung Ulmer Sturm vom 24. November 1936 zeigt das Urteil mit aller Deutlichkeit, dass der nationalsozialistische deutsche Staat nicht von vaterlandslosen Gesellen in seiner schweren, aber erfolgreichen Arbeit am deutschen Volke gestört und gefährdet wird.

 

 

Elisabeth Schikora bekam 5 ½ Jahre Zuchthaus. 1937 wurde sie mit der Diagnose Schizophrenie in die Heilanstalt Zwiefalten eingewiesen, wo sie am 12. Februar 1944 verstarb. Leonhard Oesterle erlebte das Gefängnis Ludwigsburg, die Häftlingsarbeitskommandos Zweibrücken und Böhmerwald, das Strafgefangenenlager Börgermoor, das Schutzhaftlager Welzheim, das Konzentrationslager Dachau und dessen Außenkommando Radolfzell. Dort gelang ihm 1943 die Flucht in die Schweiz. Der Historiker Markus Wolter hat am 15. November 2013 im Südkurier unter dem Titel Waghalsige Flucht als letzter Ausweg darüber berichtet:

 

Leonhard Oesterle (1915-2009) und Oldrich Sedlácek (1919-1949), Friseur aus dem tschechischen Bílina, hatten sich bereits in Dachau kennengelernt und wurden in Radolfzell über ihre Fluchtpläne zu Freunden. Sie gehörten zu jenem Kontingent von Dachauer KZ-Häftlingen, die am 19. Mai 1941 in Begleitung einer SS-Wachmannschaft am Radolfzeller Bahnhof angekommen waren und in den ehemaligen Pferdeställen der SS-Kaserne untergebracht wurden.

 

Am Abend des 15. November 1943 gelangten sie durch ein aufgestemmtes Latrinenfenster auf das Kasernengelände und überwanden am Wachpersonal vorbei die Umzäunungsmauern. In der Dunkelheit liefen sie über die Felder, überquerten die Landstraße Radolfzell-Böhringen, den Mühlbach und die Bahnlinie westlich der Mooser Brücke. Über den Brückendamm hinweg kamen sie schließlich hinunter zum SS-Bad im Herzen-Gelände. Dort brachen sie gegen 19.30 Uhr einen Bootsschuppen auf und setzten mit einem Faltboot ihre Flucht über den Untersee fort. Auf Höhe des Schwimmbades Berlingen erreichten sie gegen 21.40 Uhr das Schweizer Ufer. Nach der Vernehmung auf der Polizeistation und der ersten Nacht in Freiheit, die sie in einem Gasthaus in Berlingen verbrachten, kamen Leonhard Oesterle und Oldrich Sedlácek zunächst in das Gefängnis von Kreuzlingen, von dort als anerkannte politische Flüchtlinge in das Lager Birmensdorf bei Zürich und schließlich in das Flüchtlingslager Bassecourt im Schweizer Jura. Dort trennten sich ihre Wege.

 

Die Schweizer Jahre von Leonhard Oesterle von 1943 bis 1952, in denen sein künstlerischer Weg so entscheidend geprägt wurde, sind bisher nur ungenügend recherchiert, eine Aufgabe, der sich die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen mit ihrem Oesterle-Fundus nicht länger entziehen sollte.

 

In Zürich, das wusste Oesterle alsbald, war das Schauspielhaus der Treffpunkt für die verschiedensten Emigrationswege. Im Café des Juden- und Kommunistentheaters, in dem sich die von den Schweizern eigentlich ungeliebten Usswärtigen Schümli und Fendent du Valais gönnten, traf er auf viele deutsche Schauspieler, darunter Robert Freitag (1916-2010) und Maria Becker (1920-2012), die sich um den 28-Jährigen ganz besonders kümmerte. Im Kreis dieser künstlerischen Freunde, bin ich aufgelebt und habe gewusst, ich bin in der für mich richtigen Welt, wo es um das Schöne, das Wahre, eben um Kunst geht. Die Freunde haben mich sehr unterstützt bei meinen Anfängen, als Bildhauer zu arbeiten. Sie haben mir ein Lebensgefühl vermittelt und einen kulturellen Horizont.

 

Schließlich war da auch der 1939 aus Wien geflohene Bildhauer Fritz Wotruba (1907-1975), der sich in seinem Atelier am Zugersee auf die Darstellung des Menschen konzentrierte, und dessen archaische und zugleich in sich ruhende Figuren Oesterle beeindruckten, wohl auch, weil der Stein roh bleibt und die Spuren der Arbeit sichtbar. „Mein künstlerischer Lehrer Fritz Wotruba hat von mir einmal gesagt: Ich sei wie eine Pflanze, die lange, lange Zeit im Keller gehalten worden, endlich ans Licht gekommen und mit aller Kraft aufgelebt sei. 1945 erhielt Leonhard Oesterle ein Stipendium der Evangelischen Flüchtlingshilfe, so dass er an der Kunstgewerbeschule Zürich das Studium bei Bildhauer Ernst Gubler (1895-1985) aufnehmen konnte. Als der Bildhauer Otto Müller (1905-1993) in Wiedikon einen Bau mit Ateliers und Wohnturm für Maler und Bildhauer errichtet hatte, schloss sich Oesterle an.

 

1952 ist Leonhard Oesterle nach Deutschland zurückgekehrt, zuerst München, dann nach Berlin, wo ihm eine Atelierwohnung angeboten wurde. Dort wurde geheiratet, dort wurde Tochter Anna-Katrin und Sohn Rudolf geboren. 1956 wanderte Leonhard Oesterle nach Kanada aus. 1958 kam Ehefrau Ursula mit den Kindern nach. Zwei Jahre später kehrten Frau und Kinder nach Deutschland zurück. Er blieb in Kanada. Die Ehe wurde geschieden. Später lernte er eine andere Frau kennen, eine holländische Jüdin. Mit Shifra Salomea Nussbaum lebte er bis zu seinem Tod zusammen. Er arbeitete als Bildhauer und Zeichner und war von 1963 bis 1987 Lehrer für Bildhauerei am Ontario College of Art & Design in Toronto. College-Absolvent Dennis Shields erinnerte sich: In seiner großartigen Lektion ging es mir nicht nur um Kunst, das Was und das Wie. Durch seine sanfte Demut, seine Leidenschaft und seinen unbezwingbaren Geist hat Oesterle mir beigebracht, was es bedeutet, menschlich zu sein - dass es nicht ausreicht, nur um zu überleben. Es kommt vielmehr darauf an, wie sie überleben.

 

Oesterle hat Kanada nie bereut, obwohl ihn auch Max Frisch gefragt hatte, was er denn in dem Urwald wollte. Allerdings bekannte er aber auch, dass dies ein junges Land ist und seine Zeit braucht, um hineinzuwachsen. An der mangelnden Resonanz auf seine Arbeiten in Europa hat der Ortswechsel nicht gelegen. Ich habe zweimal die Brücken hinter mir abgebrochen, als ich mit meinen Arbeiten bekannter wurde, 1952 in Zürich, um nach Deutschland zu gehen, und 1956, um nach Kanada auszuwandern. In Berlin war sogar eine große Ausstellung mit Plastiken und Figuren von mir in Vorbereitung.

 

Oesterles Credo: Die Kunst soll dem Menschen Freude machen. Freude - in einer vielerorts freudlosen Welt. Und die Leute hier in Toronto wollen meine harmonischen Figuren kaufen, sie verlangen nach meiner figürlichen Arbeit. Und ich muss sagen, ich mache diese Figuren sehr, sehr gern. Ein Künstler braucht ein Publikum, das mitgeht. Das fand er, auch mit der Ausstellung in der Royal Canadian Academy of Arts in Toronto, zu der ein Katalog mit 17 Schwarzweißtafeln von seinen Skulpturen und ein Porträt des renommierten Fotojournalisten Walter Curtin (1911-2007) entstand.

 

1988 reiste der Autor Sigbert E. Kluwe nach Toronto. Seine Gespräche mit Oesterle führten zu Kluwes Jugendroman Glücksvogel. Leos Geschichte, der 1990 zuerst im Signal-Verlag und 1992 im Rowohlt Verlag erschien. Kluge ergänzte diese Geschichte mit einem Interview unter dem Titel Epilog: Die Jahre danach, den wir wegen auszugsweise veröffentlichen.

 

Als die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen 1991 eine Ausstellung mit Werken von Leonhard Oesterle organisierte, kam der inzwischen 76-jährige Bildhauer in seine Geburtsstadt Bietigheim. Während der Schulzeit war er als der beste Zeichner angesehen. Zur Verzweiflung seiner Klassenkameraden nahm er sich für das Betrachten von Fotos immer viel Zeit, und als er in Westermanns Monatsheften erstmals moderne Kunst sah, beschloss er, Künstler zu werden. Das wichtigste Element seines Lebens war allerdings, unabhängig zu sein, der Drang nach Freiheit. Diese Sehnsucht hat ihn während seiner langjährigen Haft auch immer wieder motiviert. Und schließlich gab Leonhard Oesterle eine Antwort auf seine Kunst, auf sein figürliches Interesse, vor allem an weiblichen Körpern – und zitiert Goethe: Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichnis; Das Unzulängliche, Hier wird's Ereignis; Das Unbeschreibliche, Hier ist's getan; Das Ewig-Weibliche Zieht uns hinan. Für Oesterle hat der Mann in seinem Körper nicht so viele klassische Elemente. Der weibliche Körper hat schöne Rundungen, der Bauch, die Brüste, der Hintern, die Schenkel, also viele Möglichkeiten, das Klassische zum Ausdruck zu bringen. Damit werden auch die Gefühle sehr abgeregt. Kurzum: Die Frau spielt eine zentrale Rolle, da sie für den Fortbestand der Menschheit ebenso sorgt wie für die ewige Verführung des Mannes.

 

2005 war Oesterle letztmals in Deutschland: Anlässlich seines 90. Geburtstags zeigte die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen eine Retrospektive seines bildhauerischen Werkes. Er übereignete der Galerie Skulpturen und Zeichnungen, später kamen Briefe, Artikel und Fotografien aus Privatbesitz hinzu. Der größte Teil seines Werkes befindet sich in öffentlichen und privaten Sammlungen in den USA, Kanada und Europa.

 

Leonhard Oesterle starb am 7. November 2009. Seine langjährige Lebensgefährtin Shifra Salomea Nussbaum und seine in Friedenau lebende Tochter plädierten gemeinsam dafür, dass der kanadische Bildhauer, Zeichner und Kunstlehrer deutscher Herkunft auf dem Friedhof Stubenrauchstraße seine letzte Ruhe finden sollte. Berlin bekam damit auch ein Werk von Leonhard Oesterle, auf einem Friedhof zwar, bis die Skulptur Sitzende Frau (1991) im Herbst 2015 vom Grabsockel gestohlen wurde.

Waghalsige Flucht als letzter Ausweg

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Epilog Die Jahre danach

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