Grabstein von Max Jacoby am 13. Oktober 2010. Foto Hahn & Stich

Max Jacoby (1919-2009)

 

Im Oktober 2010 fiel uns auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße erstmals der tiefsinnige, widersprüchliche und auch kaum erklärbare Grabstein von Max Moshe Jacoby auf (8. Juni 1919 – 15. März 2009): Ein tiefer Graben zog sich vertikal durch den Stein, ausgefüllt mit einer in Metall gefertigten Verschmelzung von Davidstern und Chanukka, rechts daneben der Spruch Psalm 31,6 IN DEINE HÄNDE BEFEHLE ICH MEINEN GEIST, DU HAST MICH ERLÖST, DU TREUER GOTT. Auf dem Stein war bereits mit Geburtsdatum der Name Hildegard Hilla Jacoby eingetragen. Später war die Inschrift ergänzt: 20. April 1922 – 28. Januar 2017, auffallend aber die Verwilderung.

 

 

 

 

 

 

Als wir die Jüdische Gemeinde zu Berlin auf den unwürdigen Zustand aufmerksam machten, bekamen wir die ziemlich harsch formulierte Nachricht, dass die Gemeinde für den messianischen Juden nicht zuständig ist. Nicht im Entferntesten dachten wir daran, dass sich Max Jacoby zwar als Jude sah, doch Jesus Christus als seinen Messias betrachtete. Beides wird wohl offensichtlich weder von jüdischer noch christlicher Seite anerkannt. Entweder man ist Jude, dann glaubt man, dass der Messias noch nicht gekommen ist oder man ist Christ, weil man daran glaubt, dass Jesus Christus der Messias ist. Wir aber dachten an den Menschen und Fotografen, von dem uns einige Impressionen aus den West-Berliner Jahren zwischen 1960 und 1970 bekannt waren. Wir erinnerten uns auch an den Bildband Shalom von 1978, den wir vor der ersten Reise ins Heilige Land gesichtet hatten, und schließlich dachten wir vor allem an die Grabstätte. Da uns die Angelegenheit zu kompliziert zu werden erschien, geriet Jacoby aus dem Blickwinkel – bis uns im November 2019 folgende Nachricht erreichte: Anlässlich des 100. Geburtstages des jüdischen Fotografen Max Jacoby zeigt das Landesmuseum Koblenz vom 21. März bis 5. Juli 2020 im Kulturzentrum Festung Ehrenbreitstein die Ausstellung „Max Jacoby – Leben und Werk eines jüdischen Fotografen“ mit Arbeiten aus seinem Nachlass.

 

Die Lebensgeschichte von Max Jacoby gehört zum traurigsten Kapitel der deutschen Geschichte. Während der Unterprima muss der Sohn der Kaufhausbesitzer Meta und Johann Jacoby das Koblenzer Gymnasium verlassen. Die Mutter schickt ihn 1937 auf die private jüdische Kunstgewerbeschule in Berlin. Dort gibt ihm ein Freund den Geheimtip: Morgen kommt die Gestapo auf LKWs und räumt unsere Schule aus mit Mann und Maus. Flucht am selben Tag mit gefälschten Papieren nach Luxemburg. Weiter nach Marseille und nach unnötig langem Warten, einem Anzug am Leibe, 200 Reichsmark von Mutter noch schnell ins Futter genäht, einer Reiseschreibmaschine und einem Fotoapparat per Schiff nach Buenos Aires. Dort trifft er 1939 den aus Europa geflohenen Fotografen ungarisch-jüdischer Herkunft Georges Friedman. Bei ihm lernt er das Fotografieren. Bald gehört er zur Gruppe La Carpeta de los, in der sich herausragende südamerikanische Fotografen versammelt hatten. Er dachte wieder an Deutschland, reiste 1958 nach Berlin, wohnte 1959 in der Schöneberger Goltzstraße Nr. 11, heiratete die Schauspielerin Hildegard (Hilla) Gerberding und zog mit ihr 1979 in die Wilmersdorfer Spessartstraße Nr. 15. Beide arbeiteten als Freie für Presse, Film und Verlage.

 

Max starb 2009, Hilla 2017 – ein Jahr später war die Grabstätte vergessen und verwildert. Dafür gibt es jetzt einen Jacoby-Bildband mit einem Grußwort, in dem der Koblenzer Oberbürgermeister David Langner wissen lässt, dass mir diese Gedenkarbeit gerade in Zeiten eines wieder aufkeimenden Antisemitismus ein ganz wichtiges Anliegen ist. Den Worten sollten allerdings Taten folgen. Wenn die Grabpflege aus welchen Gründen auch immer derzeit nicht gewährleistet ist, wäre es zu wünschen, wenn die Stadt Koblenz wenigstens bis zum Nutzungsende 2037 die Pflege des Grabes für ihren aus der Stadt vertriebenen Bürger übernehmen würde.