Otto Drengwitz, Bildhauer. Foto H&S 2010

Otto Drengwitz (1906-1997)

 

Vor Drengwitz war Berg. Der Maurermeister Wilhelm Berg (1848-1943) kam 1890 nach Friedenau, wohnte mit Frau Bertha zuerst als Mieter im Haus des Bäckermeisters Hugo Keller in der Rheinstraße Nr. 3. Ein Jahr später war er bereits Eigentümer des Anwesens Handjerystraße Nr. 74. Es ist davon auszugehen, dass seine Söhne Ehrich, Wilhelm und Bruno damals schon geboren waren. Als eigenständiger Architekt und Baumeister ist er in Friedenau nicht hervorgetreten, hat aber als Maurer für viele Häuser Details geschaffen. Seine Frau Bertha geborene Arloff starb am 30. März 1902 im 48. Lebensjahr. Für sie mauerte er auf dem Friedhof Stubenrauchstraße ein ungewöhnliches Wandgrab aus roten Ziegelsteinen. Mit 64 gab er das Mauern auf, war fortan „Privatier“ und wohnte bis zu seinem Tod im Jahr 1943 im eigenen Haus. Danach verlieren sich die Spuren. Nach sechs Jahrzehnten war das Familiengrab sich selbst und dem Verfall überlassen (Abt. 12/5-8).

 

 

 

Für die weitere Geschichte sorgte nun die Ostpreußin Hella Leuchert-Altena. Sie suchte für sich nach einem Platz für das „Danach“ und einen würdigen Ort für die allerletzte Ruhe ihres Onkels. Das war der Bildhauer Otto Drengwitz. Seine Lebensgeschichte ist geprägt von den Brüchen der deutschen Geschichte: Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich, Wehrdienst, Kriegsgefangenenlager, Sowjetische Besatzungszone, West-Berlin.

 

Otto Drengwitz wurde am 19. April 1906 in Georgenburg im ostpreußischen Landkreis Insterburg als Sohn des Gestütswärters Friedrich August Drengwitz (1873-1939) und seiner Frau Johanna Emma, geb. Kammer, (1870-1964) geboren. Nach Schule und Holzbildhauerlehre absolvierte er von 1923 bis 1926 die Kunstakademie Königsberg. Danach schuf er als freier Bildhauer diverse Skulpturen, die bereits 1928 in Königsberg ausgestellt wurden. 1939 wurde er zum Wehrdienst einberufen. 1942 gab es die Heirat mit Herta Rückert. Während des Krieges geriet er in britische Kriegsgefangenschaft. Bevor er 1948 entlassen wurde, erfuhr er über das Deutsche Rote Kreuz, dass Mutter und Schwester nach der Flucht in Woltersdorf (Sowjetische Besatzungszone) gestrandet waren. Dort fand er vorerst eine Unterkunft. Seine Ehe hatte offensichtlich keine Zukunft. Sie wurde geschieden.

 

Drengwitz lernte Käthe Schulze geborene Munzer (1908-1998) kennen und zog 1950 in die Neuköllner Wohnung seiner neuen Lebensgefährtin. Mit ihr lebte er bis zu seinem Tod zusammen. Der Versuch, sich als „gelernter“ Bildhauer eine neue Existenz aufzubauen, war mühsam: „Ich nahm alles, was kam.“ So auch 1949 die Mitarbeit am Kenotaphreliefs für das Sowjetische Ehrenmal in Treptow – nach der Vorlage des sowjetischen Bildhauers Jewgeni Wutschetitsch. Es folgten Aufträge für Bühnenmöbel für den „Rosenkavalier“ an der Staatsoper (1950), gestaltete Schilder für Grünanlagen, Grabkreuze für Friedhöfe in Neukölln, Tempelhof und Zehlendorf. 1956 richtete er sich im Hinterhof der Kreuzberger Körtestraße Nr. 28 ein Bildhaueratelier ein. Anfang der 1960er Jahre erhielt er vom Neuköllner Museumsleiter Wilhelm Schmidt den Auftrag für die Anfertigung von Büsten und Reliefs verschiedener Neuköllner Persönlichkeiten. Erstmals 1962 und dann von 1970 bis 1992 ist Drengwitz mit einer Arbeit auf der Freien Berliner Kunstausstellung vertreten – fortwährend auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Nach seinem Tod präsentierte die Galerie des Deutschlandhauses in der Stresemannstraße vom 20. März bis 11. April 1999 einige Werke.

 

Otto Drengwitz starb am 18. Januar 1997. Beigesetzt wurde er ursprünglich auf dem Friedhof Ruhleben an der Charlottenburger Chaussee. Seine Nichte und Nachlassverwalterin Hella Leuchert-Altena veranlasste nach dem Jahr 2000 die Umbettung auf den Friedhof Stubenrauchstraße. Wer heute vor der Grabstätte mit den zwei Skulpturen von Otto Drengwitz steht, entdeckt drei Inschriften: In der Mitte „Otto Drengwitz, * 19.4.1906 Georgenburg, Ostpr.; † 18.1.1997 Berlin“, links davon „Lotte Leuchert geb. Drengwitz, * 18.9.1909 Georgenburg, Ostpr.; † 1.11.1985 Berlin, sowie auf der rechten Seite „Hella Leuchert-Altena, geb. Leuchert, * 6.5.1943, Insterburg. Ostpr.“ – letztere ist etwas irritierend, da die Besitzerin der Grabnutzungsrechte noch unter uns weilt. Hella Leuchert hat ein Wandgrab aus der Frühzeit von Friedenau gerettet. Zu den Besonderheiten dieser Grabstätte gehört, dass neben der Würdigung von Otto Drengwitz mit der aufgestellten Urne der „Familie Berg“ auch an die Vorgeschichte der Ruhestätte erinnert wird.

 

 

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