Ich bin entsetzt.

 

Am 24. Juli 2016 erreichte uns eine Nachricht von Holger Anschütz. Der Urenkel von Ottomar Anschütz war „entsetzt über die Vorgänge in Berlin. Wie kann man eine Persönlichkeit wie Ottomar Anschütz aus der Ehrengräberliste streichen? Anschütz war der erste Photograph der Welt, der fliegende Störche photographierte, die ersten Kinovorstellungen in Berlin ermöglichte, die erste Pressekamera erfand, die von C:P. Goerz Friedenau produziert wurde, die ersten Flugversuche von Otto Lilienthal auf dem Fliegeberg in Lichterfelde dokumentierte und, und, und … Ich habe für meine Enkel in den letzten zehn Jahren die Geschichte der Familie Anschütz recherchiert und aufgeschrieben“. Um was geht es?

 

Der Photograph und Pionier der Phototechnik, Serienphotographie und Kinematographie Ottomar Anschütz war 1899 in die Wielandstraße Nr. 33 gezogen. Am 6. Februar 1907 hielt er vor der Friedenauer Ortsgruppe des Deutschen Flottenvereins einen Lichtbildervortrag über „Die deutschen Ordensritter und ihre Burgen". Vier Monate später teilte der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ am 2. Juni 1907 mit, dass „Ottomar Anschütz nach nur fünftägiger Krankheit infolge einer Operation im Schöneberger Krankenhause im 63. Lebensjahr verstorben ist“. Drei Tage später fand am 5. Juni 1907 „auf dem hiesigen Friedhof die Beerdigung statt. Der Trauerfeier in der Kapelle wohnte eine sehr große Zahl Leidtragender bei. Die Gedächtnisrede hielt Herr Pfarrer Görnandt, und von einem Männerchor wurden die Choräle: „Es ist bestimmt in Gottes Rat" und „Wie sie so sanft ruh'n" gesungen. Überreich war die Zahl der Kranzspenden, unter welchen insbesondere der prächtige Kranz der Kaiserin auffiel. Gleichfalls herrliche Kränze hatten u. a. die dankbaren Arbeiter des Verstorbenen, der Photographische Verein in Berlin, die Photographische Anstalt von Goerz und der Handelsverein für photographische Präparate dem Verblichenen gewidmet“.

 

Die Gemeinde Friedenau würdigte Ottomar Anschütz 1907 mit einem Ehrengrab auf dem Friedhof Stubenrauchstraße (Grablage 31/23-24). Im Jahr 2009 hat das Land Berlin den Status als Ehrengrabstätte aberkannt, das Bezirksamt Schöneberg stellte die Pflege ein und überließ das Grab dem Verfall. Da die Proteste unüberhörbar wurden, ließ die Senatskanzlei im Juni 2018 wissen, „dass die Anerkennung der Grabstätte von Ottomar Anschütz als Ehrengrabstätte des Landes Berlin (wieder) vorgesehen ist“.

 

Ottomar Anschütz wurde am 16. Mai 1846 in Lissa (Posen) als Sohn des Portrait- und Dekorationsmalers Christopher Berthold Anschütz geboren. Zwischen 1864 und 1868 absolvierte er eine Lehre bei den Photographen Ferdinand Beyrich in Berlin, bei Franz Hanfstaengl in München und bei Ludwig Angerer in Wien. 1868 übernahm der Junior das Unternehmen. Schon bald kam ein Fotoatelier hinzu. Fortan hieß es: „C. B. Anschütz Atelier für Photographie. Lissa, Storchnester Straße 105“.

 

Da Portraits viel Zeit in Anspruch nahmen und Geduld der Kunden erforderten, „bastelte“ er für eine schnellere Lösung an einem „Fallbrettverschluss“ vor der Linse, aus dem letztendlich der „Schlitzverschluss“ hervorging. Mit den kürzeren Belichtungszeiten konnte Anschütz fortan einzigartige Momentaufnahmen erstellen. Dazu gehören seine Photographien vom „Kaisermanöver“, „Grundsteinlegung des Reichstagsgebäudes in Berlin (9. Juni 1884)“ sowie „Beisetzung von Kaiser Friedrich III. (16. März 1888)“. Mit einer Ausstellung von 120 Momentbildern weckte er 1886 das Interesse des Militärs. An der Reitakademie Hannover setzte er für Bewegungsstudien von Pferd und Reiter 24 Kameras ein. Es entstanden Reihenphotographien als Instruktionsmaterial der Militärakademie. Mit der Möglichkeit, Reihenphotographien in kurzer Zeitfolge zu erstellen, schuf Anschütz seine weltberühmten Photoserien: Die „Fuchsbilder“ (1887) und die „Storchenbilder“ (1894). Nachdem Otto Lilienthal (1848-1996) in Lichterfelde einen Hügel für seine Flugversuche hatte aufschütten lassen, eilte Ottomar Anschütz zum „Fliegeberg“. Es entstanden – „nach dem Leben aufgenommen“, wie es auf den auf Karton montierten Abzügen von Anschütz hieß – ganze Serien von Flugaufnahmen, mit denen beide, der Luftfahrtpionier und der Photopionier für Aufsehen sorgten. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Momentaufnahme zum historischen Begriff für kurze Belichtungszeiten. Mit der Erfindung des „Schlitzverschlusses“ konnte Anschütz nun eine Vielzahl von individuellen Aufnahmen in einzelnen Bewegungsabläufen in sehr kurzen Abständen herstellen, sie in Phasen zerlegen und sichtbar machen.

 

Der erste Schritt zur Kinematographie war getan. Er entwickelte ein Gerät zur Projektion seiner Reihenbilder. Dieses bestand aus einer Scheibe von 1,5 m Durchmesser und 24 Glasplatten im Format 9 x 13 cm. Die von hinten beleuchteten Photoplatten wurden durch einen Kurbelantrieb mit einer Geschwindigkeit von 30 Bildern pro Sekunde rotiert. Siemens & Halske übernahm die kommerzielle Fertigung des „Elektrischen Schnellsehers“, aus dem auch noch ein Groschenautomat wurde – mit exklusiven Vertriebsrechten in den USA. Dem „Schnellseher“ folgte 1894 das „Elektrotachyscop“. Mit diesem Projektionsapparat konnten bewegte Bilder in Lebensgröße auf eine 6 x 8 Meter große Leinwand projiziert werden. Die Geburtsstunde des Kinos.

 

Am 27. November 1888 wurde die Kamera mit dem vor der Bildebene liegenden Jalousieverschluss unter „D.R.P. No. 49919“ als Patent eingetragen. Die Friedenauer Optische Anstalt C.P. Goerz erwirbt daraufhin das Recht auf Alleinfabrikation. Im Laufe der Zeit erfolgen weitere Verbesserungen, mit denen Belichtungszeiten von 1/1000 Sekunden möglich wurden. Dafür gibt es bis heute die Begriffe Rolltuch-Schlitzverschluss, Rouleau-Verschluss, Jalousieverschluss. Die „Goerz-Anschütz-Moment-Camera“ wurde die erste Schlitzverschlusskamera der Welt und bis 1927/28 produziert – jedes Exemplar signiert mit dem Faksimile-Schriftzug von Anschütz auf dem Verschlusstuch: „Ottomar Anschütz Lissa (Posen) D.R.P. No. 49919“.

 

1888 eröffnete Ottomar Anschütz in der Charlottenstraße Nr. 59 sein erstes Photostudio in Berlin. 1896 erfolgte der Umzug nach Berlin W. 66, Leipziger Straße Nr. 116. Entstanden waren Kaufhaus und Unterrichtsinstitut für Amateurphotographie mit Verkaufsraum für photographische Apparate und Bedarfsartikel, Ausstellungssaal und Photolabor für das Entwickeln von Platten und Filmen. Die Werbung in den Adressbüchern: „Inh. d. Kgl. Preuß. Staatsmedail., von 4 Ehrendiplomen u. 12 ersten Preisen. Spec. Moment- Sport- u. Architect. Aufnahm. Vergrößerung v. Bilder aller Art bis Lebensgröße. Unterr. Anst. f. Amateure u. Ausf. Aller photogr. Arbeiten.“

 

Selbstverständlich waren dort auch jene Publikationen zu erwerben, die er in seinem 1885 gegründeten Verlag publiziert hatte – um die Fülle seiner Momentaufnahmen zu vermarkten: Erschienen sind Eröffnung des Kaiser Wilhelm Kanals (1895), Die Marienburg i. Pr. - Das ehemalige Haupthaus der deutschen Ordensritter, Erinnerung an Alt-Berlin (1896), Die Verheerungen der Eglitz und Lomnitz in Schmiedeberg und Krummhübel (1897), Palästinareise (1898), Augenblicksbilder. Eine Sammlung von Momentphotographien, Die Photographie im Hause. Lehrbuch für Amateure (1902), Cadinen. Sommeraufenthalt der deutschen Kaiserfamilie (1903). Wenige Wochen vor seinem Tod am 30. Mai 1907 hatte der erst 62-Jährige Ottomar Anschütz neue Geschäftsräume mit einem Photoatelier in der Potsdamer Straße Nr. 4 eröffnet.

 

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