Grabstätte Zech. Foto H&S, 2006

Paul Zech, Schriftsteller (1881-1946)

 

„Zech hat durch eigenes Verschulden seine hochangesehene Position im deutschen Literaturbetrieb so leichtfertig verspielt, war schließlich ähnlich umstritten und hat sich mit vergleichbarer, bis heute wirkender Nachhaltigkeit um die Gunst von Kollegen und Publikum gebracht. Und niemand anderer als dieser vielschichtige Mensch verstand es besser, seinen an Wendungen reichen Lebensweg durch Legenden zu verschleiern und zu einem von Gerüchten umwogenen Zerrbild der Wirklichkeit werden zu lassen.“ (Bert Kasties)

 

Seit jeher sind die Biografen von Paul Zech konfrontiert mit seiner Manie, Daten und Fakten seines Lebenslaufs je nach Belieben zu ändern und neu zu erfinden. Das Ergebnis ist, dass fast alle Angaben über sein Leben in hohem Maße fehlerhaft sind. Selbst die Berliner SPD, für die Zech nach der Novemberrevolution als Leiter des „Werbedienstes für die Sozialistische Republik“ tätig war, musste im Jahr 2011 konstatieren, dass „inzwischen immer deutlicher wird, dass Paul Zech, was die eigene Darstellung seines Lebens angeht, überaus kreativ war“. Da wurden viele Texte mit „unrichtigen Darstellungen und Übertreibungen“ ungeprüft übernommen.

 

 

 

Paul Zech hat ein unstetes Leben geführt und offenbar auch mehrfach gegen Gesetze verstoßen. Etwas anderes ist es, seine Werke zu beurteilen.“ Zechs Ungereimtheiten hat auch die „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ übernommen, wenn dort mitgeteilt wird, dass Zech im Herbst 1933 nach Argentinien emigriert, wo er mit Artikeln für die deutschsprachige Exil-Presse nur mühsam seinen Unterhalt sichern kann“.

 

Während der erste Senatsbeschluss vom 02.09.1975 für eine Ehrengrabstätte von Paul Zech noch nachvollziehbar ist, weil vielleicht einiges noch nicht bekannt war oder Angaben einfach ohne Prüfung übernommen wurden, kann für den zweiten Senatsbeschluss vom 21.08.2001, der auf Betreiben einer nicht kompetenten Verwaltung und/oder politischen Organisation ohne Anhörung von Fachleuten eine Verlängerung der Ehrengrabstätte um weitere 20 Jahre zur Folge hatte, kein Verständnis aufgebracht werden. Wohl gemerkt, es geht nicht darum, den Senat aus der Verantwortung für Erhalt und Pflege der Grabstätte zu entlassen, es geht darum, nach welchen Kriterien – wie im Fall des Schriftstellers und Spitzels Oskar Pistor – Ehrengrabstätten geschaffen oder – wie im Fall des Fotopioniers Ottomar Anschütz Ehrengrabstätten abgeschafft werden.

 

Folgen wir den Lebensberichten von Paul Zech: Er wurde in Westpreußen und nicht in Westfalen geboren. Das Gymnasium hat er nie besucht. Bergbaubeamter war er auch nicht. Sein Universitätsstudium, die Promotion und sein Titel „Dr. Zech“ sind frei erfunden. In der Berliner Stadtbibliothek war er ab 1925 kein „Bibliotheksrat“, sondern „Hilfsbibliothekar“. Dort hatte er ein Gehalt, aber keine Zeit zum Schreiben, also half er sich mit Plagiaten über die Runden. 1929 wurde er nach Vorwürfen der betroffenen Autoren aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Als er im März 1933 von der Bibliothek „beurlaubt“ (entlassen) wurde, beantragte Zech die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer. Die Akten des „Berlin Document-Center“ geben Auskunft: „Die Aufnahme Zechs bitte ich abzulehnen. Z. ist durch Dr. Bühlke wegen einer üblen Plagiatsaffäre [aus dem Schutzverband deutscher Schriftsteller] ausgeschlossen. Im Übrigen hat er längere Zeit unbefugt den Dr.-Titel geführt“. Erst 1942 empfiehlt die Reichskulturkammer, „von jeder Veröffentlichung Abstand zu nehmen“.

 

Kurz darauf wurde durch Ermittlungen der Kriminalpolizei ein Vorgang aus dem Jahr 1927 wieder aktuell: Ein Bücherdiebstahl während des Dienstes in der Stadtbibliothek, der wohl an die 2000 Bände betraf. Zech verschwand im August aus Berlin und reiste über Wien, Triest und Montevideo nach Buenos Aires. Entgegen anderer Darstellungen gehörte Zech nicht zu den „verbrannten Dichtern“. Seine Bücher und Schriften waren während der NS-Zeit (bis mindestens 1942) nicht verboten. Dennoch gab sich Paul Zech in Argentinien als Verfolgter aus, dessen Bücher sogar verbrannt worden seien. Die Expeditionen, die er in diesen Jahren durch Südamerika gemacht haben will, sind bloße Fiktion. Seine verfassten „Reiseberichte“ beruhen nachweislich auf gedruckten Quellen oder übernommenen Berichten.

 

1931 kam sein erfolgreichstes und vielleicht auch bestes Werk heraus: „Die lasterhaften Balladen und Lieder des Herrn François Villon“. Die Kritik warf ihm damals einen allzu freien Umgang mit dem Original und eine allzu derbe Sprache vor. Richtig ist wohl, dass Zech keine Übertragung, sondern eine äußerst freie Nachdichtung geschaffen hatte. Dazu gehört das von Zech geschaffene Gedicht vom „Erdbeermund“. Bekannt wurde es allerdings erst nach 1953 durch die eindrucksvolle Interpretation von Klaus Kinski.

 

Zech starb am 7. September 1946 im Alter von 65 Jahren in Buenos Aires. Seine sterblichen Überreste wurden eingeäschert. Die Urne kam Anfang der 1970er nach Berlin und wurde am 21. Februar 1972 auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beigesetzt.

 

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