Paul Zech: Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund

Paul Zech (1881-1946)

 

„Zech hat durch eigenes Verschulden seine hochangesehene Position im deutschen Literaturbetrieb so leichtfertig verspielt, war schließlich ähnlich umstritten und hat sich mit vergleichbarer, bis heute wirkender Nachhaltigkeit um die Gunst von Kollegen und Publikum gebracht. Und niemand anderer als dieser vielschichtige Mensch verstand es besser, seinen an Wendungen reichen Lebensweg durch Legenden zu verschleiern und zu einem von Gerüchten umwogenen Zerrbild der Wirklichkeit werden zu lassen.“ (Bert Kasties)

 

Seit jeher sind die Biografen von Paul Zech konfrontiert mit seiner Manie, Daten und Fakten seines Lebenslaufs je nach Belieben zu ändern und neu zu erfinden. Das Ergebnis ist, dass fast alle Angaben über sein Leben in hohem Maße fehlerhaft sind. Selbst die Berliner SPD, für die Zech nach der Novemberrevolution als Leiter des „Werbedienstes für die Sozialistische Republik“ tätig war und noch heute unter der Kategorie „Arbeiterdichter“ geführt wird, musste im Jahr 2011 konstatieren, dass „inzwischen immer deutlicher wird, dass Paul Zech, was die eigene Darstellung seines Lebens angeht, überaus kreativ war“. Paul Zech war nicht nur Paul Zech, also Schriftsteller, Redakteur, Dramaturg und Übersetzer, sondern schrieb auch unter den Pseudonymen Timm Borah, Paul Robert, Rhenanus, Manuel Sachs, Tim Borah, Michel Michael und Paul Robertus. Da wurden viele Texte mit „unrichtigen Darstellungen und Übertreibungen“ ungeprüft übernommen.

 

Folgen wir, wie letztendlich auch die Sozialdemokratische Partei, den „gesicherten“ Berichten der Literaturwissenschaftler Alfred Hübner und Gert Pinkernell (1937-2017): Paul Zech wurde am 19. Februar 188 in Westpreußen und nicht in Westfalen geboren. Das Gymnasium hat er nie besucht. Bergbaubeamter war er auch nicht. Sein Universitätsstudium, die Promotion und sein Titel „Dr. Zech“ sind frei erfunden. In der Berliner Stadtbibliothek war er ab 1925 kein „Bibliotheksrat“, sondern „Wissenschaftlicher Hilfsbibliothekar“. 1929 wurde er nach plagiats-Vorwürfen aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Als er im März 1933 von der Bibliothek „beurlaubt“ (entlassen) wurde, beantragte Zech die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer. Die Akten des „Berlin Document-Center“ geben Auskunft: „Die Aufnahme Zechs bitte ich abzulehnen. Z. ist durch Dr. Bühlke wegen einer üblen Plagiatsaffäre [aus dem Schutzverband deutscher Schriftsteller] ausgeschlossen. Im Übrigen hat er längere Zeit unbefugt den Dr.-Titel geführt“. Erst 1942 empfiehlt die Reichskulturkammer, „von jeder Veröffentlichung Abstand zu nehmen“.

 

 

Kurz darauf wurde durch Ermittlungen der Kriminalpolizei ein Vorgang aus dem Jahr 1927 wieder aktuell: Ein Bücherdiebstahl während des Dienstes in der Stadtbibliothek, der wohl an die 2000 Bände betraf. Paul Zech erinnerte sich an die Einladung seines Bruders Rudolf Robert Zech, der sich bereits 1923 in Argentinien niedergelassen hatte, verschwand im August 1933 aus Berlin und reiste über Wien, Triest und Montevideo nach Buenos Aires. Entgegen anderer Darstellungen gehörte Zech nicht zu den „verbrannten Dichtern“. Seine Bücher und Schriften waren während der NS-Zeit (bis mindestens 1942) nicht verboten. Dennoch gab sich Paul Zech in Argentinien als Verfolgter aus, dessen Bücher sogar verbrannt worden seien. Die Expeditionen, die er in diesen Jahren durch Südamerika gemacht haben will, sind bloße Fiktion. Seine „verfassten Reiseberichte“ beruhen nachweislich auf bereits gedruckten Quellen oder übernommenen Berichten diverser Autoren. Verbürgt ist eine mehrmonatige Rundreise in den Norden Argentiniens, die ihn bis zu den Iguazu-Wasserfällen führte.

 

Ganz anders die „Lasterhaften Lieder und Balladen des François Villon“ – ein Zeugnis der Weltliteratur über Liebe und Hass, Tod und Vergänglichkeit, Hunger und Armut, Laster und Ausschweifung. Das Buch erschien 1931 im Lichtenstein Verlag Weimar unter dem Titel „François Villon. Die Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn François Villon“. Mit Zutun aller Verlage, die das Werk in den nachfolgenden Jahren veröffentlichten, Verlag Rudolf R. Zech Berlin (1947), Greifenverlag Rudolstadt (1952), dtv (1962), Friedenauer Presse (1965), wurde – wohl aus kommerziellen Gründen – nie recht deutlich gemacht, dass Zechs Villon-Version weder Übersetzung noch Übertragung ist, sondern eine äußerst freie „Nachdichtung, ein eigenständiges Werk, für die das französische Original nur mittelbarer Ausgangspunkt war“. Der Literaturwissenschaftler Gert Pinkernell (1937-2017), Spezialist für französische Literatur, hat dafür ein eindrucksvolles Plädoyer geliefert: Wird irgendwo „das Erfolgsbuchs von Zech genannt, so meist in der Annahme, es sei eine Übertragung, die den Inhalt der Villon’schen Texte passabel getreu und ihren Geist und Stil in kongenialer Weise wiedergibt. Kaum ein Klischee jedoch ist falscher als dieses. Zwar verdient es Zechs Villon durchaus, dass man ihn als „frech“, „derb“ und sogar „erschütternd“ lobt, denn nicht umsonst haben ihn Generationen von Lesern und viele Rezitatoren samt ihren Hörern goutiert. Aber getreu und kongenial ist er nicht; er ist vielmehr das Produkt eines Autors, der sich hineinversetzt in einen anderen, fremdsprachlichen Autor, den er praktisch nur aus Übertragungen kennt und dessen übertragene Texte er fantasievoll und schöpferisch frei als Material für weitgehend eigene Werke benutzt“. Dazu gehören viele von Paul Zech selbst erfundene Balladen im Stil Villons, darunter „Eine verliebte Ballade für Ysabeau d’Aussigny“, besser bekannt unter dem Titel „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“.

 

Die Texte fielen dem Enfant terrible Klaus Kinski (1926-1991) in die Hände. Der hypochondrische, auf psychopathische und getriebene Figuren spezialisierte Schauspieler, lieferte eine eindrucksvolle Rezitation. Die Sprechplatten „Kinski spricht Villon“ und „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ von 1959 haben nach dem Weltkrieg viel zur Wiederentdeckung von Paul Zech beigetragen.

 

In Argentinien verbrachte Paul Zech seine letzten Jahre im Haus der deutschstämmigen Familie Kusch. Er starb am 7. September 1946 im Alter von 65 Jahren. Seine sterblichen Überreste wurden eingeäschert und auf dem „Cementerio de la Chacarita“ in Buenos Aires beigesetzt. Als ein Germanistikstudent der Freien Universität Ende der 1960er Jahre in Berlin erfuhr, dass Zechs Grab aus finanziellen Gründen nicht mehr zu halten ist, übernahm er die Kosten für die Überführung der Urne nach Berlin. Diese wurde im Columbarium auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beigesetzt.

 

Paul Zechs Sohn Rudolf (1904-1972) und Tochter Elisabeth (1906-nach 1990) stammen aus der im Jahr 1904 geschlossenen (unglücklichen) Ehe mit Helene Siemon (1885-1962). Sie blieb nach Zechs Abreise weiter mit ihrer Tochter in dem 1918/1919 von der Familie erworbenen Anwesen Kurstraße 10 (heute Puschkinstraße) in Groß Besten (heute Bestensee). Rudolf hatte am 27. Februar 1947 in Berlin die Lizenz für den „Rudolf R. Zech-Verlag“ erhalten und in den wenigen Jahren des Verlagsbestehens Werke seines Vaters verlegt – eine ziemlich einseitige Auswahl, die geringes Interesse weckte, und wahrscheinlich mit dazu beigetragen hat, dass Paul Zech nach dem Weltkrieg nur ungenügend wahrgenommen wurde. Erst in den 1980er Jahren startete der Rudolstädter Greifenverlag in der DDR eine Korrektur: „Deutschland, dein Tänzer ist der Tod. Ein Tatsachen-Roman“ (1981), „Menschen der Calle Tuyuti. Erzählungen aus dem Exil“ (1982), „Michael M. irrt durch Buenos Aires“ (autobiographischer Roman, 1985), „Von der Maas bis an die Marne. Ein Kriegstagebuch“ (1986). Bis heute wird der Blick auf Paul Zech vor allem auf seine Lyrik gelenkt. Vieles von ihm zu den Themen Antifaschismus und Exil ist weiterhin unveröffentlicht.

 

Noch vor dem 90. Geburtstag von Paul Zech erwarben Rudolf und Hella Zech 1971 die (heutige) Grabstätte Abt. 23-49/51. Am 21. November 1972 starb Rudolf R. Zech (1904-1972). Es entstand eine „überdimensionierte“ Grabstätte mit einer mehr als „anmaßenden“ Inschrift: „Ihre Werke sind unsterblich“ trifft zweifellos für den Dichter und Schriftsteller Paul Zech, wohl aber kaum für den „Maler, Graphiker und Verleger Rudolf Zech“ zu. Schlimmer noch kommen die gleichgroßen Lettern daher, mit denen sich Rudolfs Ehefrau Hella Zech (1901-1984) verewigen ließ. Das ist nur peinlich. Sie hatte auch dafür gesorgt, dass am 22. August 1983 am Haus Naumannstraße 78 (früher Königsweg) eine Gedenktafel enthüllt wurde: „Hier wohnte von 1925 bis 1933 Paul Zech, Arbeiterdichter, Dramatiker, Übersetzer französischer Lyrik“. Mit dabei war der damalige Schöneberger Volksbildungsstadtrat Ottokar Luban, der als (späteres) Mitglied der historischen Kommission der Berliner SPD hätte wissen müssen, dass Paul Zech mit seiner Lebensgefährtin Hilde Herb dort schon ab 1923 wohnte und die Beschreibung seines künstlerischen Schaffens obendrein dürftig ist.

 

Am 2. September 1975 beschloss der Senat, Paul Zech eine Ehrengrabstätte des Landes Berlin zu gewähren, die am 21. August 2001 um weitere 20 Jahre verlängert wurde. Im Jahr 2021 steht der 75. Todestag von Paul Zech an. Zweifellos wird es Gedenkveranstaltungen, Ausstellungen und Veröffentlichungen gaben. Genau in diesem Jahr müsste der Senat von Berlin darüber befinden, ob die Ehrengrabstätte von Paul Zech um weitere 20 Jahre verlängert wird. Prof. Dr. phil. Gert Pinkernell als kompetenter Fachmann kann dann dazu leider nicht mehr gehört werden. Über Villon und Zech hinterließ er allerdings eine Frage: „Wieso ist Zechs Villon, der sicher eines seiner besten Bücher war und nicht zu Unrecht sein erfolgreichstes wurde, kaum je als das Originalwerk betrachtet und gewürdigt worden – das es ist“. Das könnte eine Antwort sein.

 

 

 

Klaus Kinski spricht Francois Villon - Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund

https://www.youtube.com/watch?v=WcuPXZlq0Ts

 

Plakat: Holger Matthies, Jacob Steinhardt. Kunstamt Tempelhof-Schöneberg 2006

Ich bin so wild nach Deinem Erdbeermund

Ausstellung 17.02. - 07.05.2006
Dem Dichter Paul Zech zum 125. Geburtstag
Kurator: Dr. Alfred Hübner
Haus am Kleistpark
Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bekannte Wohnadressen von Paul Zech in Berlin und Brandenburg:

1912-1919 Wilmersdorf, Babelsberger Straße 13

1919-1922 Groß Besten, Kursstraße 10 (heute Puschkinstraße)

1923-1933 Schöneberg, Königsweg 22 (heute Naumannstraße 78)

 
 

 

 

 

Der hier in dieser Erde ruht,

Bei Wurm und Wurzeln und dem Urgeschehn

Von Werden, Gehn und Wiederauferstehn:

Auch er war Blut von unserm Blut.

Und was uns immer so missfiel

An seinem Wesen, Werk und Ziel,

Das war nichts anderes als in Wirklichkeit

Das Spiegelbild von uns und unser Zeit.

 

(Spruch von Paul Zech, den er sich auf seinem Grabstein wünschte. Die Inschrift wird ihm bis heute vorenthalten.)

 

 

Für Neugierige

 

Viele, sehr viele Jahre hat die Akademie der Künste Berlin gebraucht, um aus der nichtssagenden Karteikarte „Paul Zech“ ein „Paul-Zech-Archiv“ entstehen zu lassen, dass den Interessierten endlich einen Blick in den (überschaubaren) Teilnachlass gewährt, aber zweifelsohne zugleich auf einige Perlen von Zechs Hand aufmerksam macht. Zechs Nachlass ist in Deutschland ziemlich verstreut: Handschriftenabteilung der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund und der Berliner Staatsbibliothek, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Fritz-Hüser-Institut für Deutsche und Ausländische Arbeiterliteratur Dortmund, Wuppertaler Stadtbibliothek und Archiv der Akademie der Künste in Berlin – und wohllöblich ausgewählte Werke von Paul Zech bei Project Gutenberg. Für Zechs 75. Todestag im Jahr 2021 wird es nicht gelingen, dies alles an einem Ort zu bündeln, aber jetzt weiß man endlich, wo was zu finden und zu entdecken ist.

 

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