Kirche Zum Guten Hirten um 1930

Paul Vetter (1869-1938)

 

„Hier ruht der Pfarrer Paul Vetter. Er war 42 Jahre ev. Pfarrer, davon 28 Jahre in Friedenau.“

 

Wer die Inschrift liest und sich über den beklagenswerten Zustand des Grabes wundert, fragt sich, wie die Evangelische Kirchengemeinde „Zum Guten Hirten“ dazu steht. „Auch wir würden gerne etwas ändern, aber die Grabstätte ist seit 2005 und noch bis 2029 an eine Familie vergeben. Aus datenschutzrechtlichen Gründen erhalten wir von der Friedhofsverwaltung keinerlei Auskunft. Auch die Pflege des Grabes, selbst wenn es verwahrlost ist, ist uns nicht gestattet“.

 

Die Haltung ehrt die Gemeinde, entbindet sie aber gerade im 125. Jahr ihres Bestehens nicht von der Verpflichtung, wenigstens auf ihrer Website den Versuch zu starten, einen Pfarrer zu würdigen, der zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus einiges erlebt hatte.

 

Paul Vetter wurde am 16. Oktober 1869 in Berlin geboren. Er besuchte das Friedrich Wilhelm-Gymnasium, studierte Theologie an den Universitäten Tübingen, Halle und Berlin, wo er seine theologischen Prüfungen ablegte. Er genügte seiner Militärpflicht beim Inf.-Regiment Nr. 35 in Brandenburg. Von 1893 bis 1895 war er ordentliches Mitglied des Königlichen Predigerseminars in Wittenberg. Danach ging er als Vikar nach Frankfurt an der Oder. Dort lernte er die Tochter von Superintendent Alexander Röhricht kennen. Es wurde geheiratet. Der Ehe sind ein Sohn und drei Töchter entsprossen. Zu ergänzen ist, dass Vetters Eltern von 1895 bis 1907 in der „Rheinstraße 19, I. Etage“ wohnten und nach ihrem Tod „auf dem hiesigen Friedhofe beigesetzt wurden“. Nach einer Station als Vikar an der Berliner Lutherkirche wurde Vetter am 1. Januar 1898 zum Pfarrer in Velten ernannt. Über 12 Jahre hat er dort gewirkt. Vor seinem Weggang bereitete die 7000 Seelen umfassende „Ofenstadt“ ihm und seiner Frau einen „ehrenden Abschied“. Er wäre „gerne geblieben, wenn ihn nicht die Ausbildung seiner Kinder veranlasst hätte, von hier fortzugehen, da hier höhere Schulen noch fehlen“.

 

 

Am 12. Juni 1910 wurde Paul Vetter zu den Pfarrern Görnandt und Kleine als dritter Geistlicher der Kirchengemeinde „Zum Guten Hirten“ in sein Amt eingeführt. Zugegen war alles, was Kirche und Ort an Personal aufzubieten hatte: Aus Teltow war Superintendent Konsistorialrat Schaper erschienen, umrahmt von Gemeindekirchenrat, Parochialverein und Ev. Arbeiterverein. Das „politische“ Friedenau war mit Bürgermeister Walger nebst Gemahlin, den Schöffen Bache und Lichtheim, den Gemeindevertretern Hendrich, Kunow und Matthies sowie den Schuldirektoren Busch, Hannemann und Lorenz vertreten.

 

Konsistorialrat Schaper nahm sich die Apostelgeschichte 18, 9-10 vor: „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit Dir, und niemand soll sich unterstehen, Dir zu schaden, denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt." Derart aufgemuntert, war Pastor Vetter gewillt, „dieses Amt getreu dem Gelübde und im Namen Jesu Christi zu verwalten“. Vetter konzentrierte sich in seiner Antrittspredigt auf den Apostel und seinen Dienst an der Gemeinde. Er wolle nicht den Buchstaben, sondern den Geist predigen: „Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“

 

Auf das Kaiserreich folgten Weimarer Republik und NS-Regime, das mit der Einführung des „Arierparagraphen“ in die Kirchenverfassung den Ausschluss von Christen jüdischer Herkunft in der Evangelischen Kirche besiegelte. Gegen die Übernahme politischer Ideologien und staatlicher Totalitätsansprüche wehrte sich die „Bekennende Kirche“. In der Kirchengemeinde „Zum Guten Hirten“ aber bildete die am „Führerprinzip“ orientierte rassistische Gruppierung der „Deutschen Christen“, die den Protestantismus an die Ideologie des Nationalsozialismus angleichen wollte, die Mehrheit.

 

Ob Paul Vetter – wie Friedrich Weißler (1891-1937) oder Friedrich Justus Perels (1910-1945) – eine engere Bindung zur „Bekennenden Kirche“ hatte, ist nicht nachweisbar, auch nicht, ob er von den Nationalsozialisten mit einem Predigtverbot belegt wurde. In der am 22. Juli 1937 von der „Bekennenden Kirche“ veröffentlichten „Fürbittenliste“ für „suspendierte Pfarrer“ bzw. „mit Schreib-, Predigt- und Redeverbot (auch für kirchliche Räume) belegte Geistliche“ ist er nicht aufgeführt. Die Dominanz der „Deutschen Christen“ in der Kirchengemeinde „Zum Guten Hirten“ war für Pfarrer Vetter sicher nicht einfach. Es ist davon auszugehen, dass Paul Vetter weiterhin Bediensteter der Landeskirche blieb. Bis zu seinem Tod im Jahr 1938 wohnte er im Gemeindehaus Kaiserallee 76/76a.

 

Es wäre an der Zeit, das Wirken von Paul Vetter in Friedenau näher zu beleuchten. Am 26. Oktober 2018 gibt es dazu in der Kirchen Zum Guten Hirten Vortrag und Gespräch zum Thema „Getrennte Wege - Die Kirchengemeinde Zum Guten Hirten" zur Zeit des Nationalsozialismus“. Wir sind gespannt.

 

 

Der Friedenauer Lokal-Anzeiger veröffentlichte am 13. Juni 1910 einen Bericht zur Einführung des Herrn Pfarrers Vetter. Sie finden das Original auf der angefügten PDF.

 

 

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