Grab Reinhard Rürup, Abt. 18/6-7. Foto H&S, 27.07.2018

Reinhard Rürup (1934-2018)

 

Noch ist die Grabstelle auf dem Friedhof Stubenrauchstraße ein Sandhügel. Daneben das Schildchen der Friedhofsverwaltung „Abt. 18/6-7, Reinhard Rürup, * 27.05.1934, † 06.04.2018“. Der Grabstein lässt noch auf sich warten.

 

Nur zwei Monate hatte die SPD für Respekt, Achtung und Ehrfurcht gegenüber dem langjährigen Mitglied der „Historischen Kommission der SPD“ aufgebracht. Dann verkündete das Willy-Brandt-Haus am 27. Juni 2018 die Auflösung der Kommission – aus Spargründen. Fünf Tage später ernannte die sozialdemokratische Führungscrew den Parteischatzmeister Dietmar Nietan zum „Beauftragten für Historische Fragen“ – absolut prädestiniert, da er nach dem vorzeitigen Abbruch seines Studiums erste „Berufserfahrung“ als Wahlkreismitarbeiter in NRW sammelte und eine lupenreine Funktionärskarriere hinlegte – inklusive „außenpolitischer Berater von Martin Schulz“.

 

Erinnert sei daran, dass diese „Historische Kommission“ im Oktober 1981 von Willy Brandt und Peter Glotz eingerichtet wurde. Gerufen wurde die Elite der deutschen Denker, darunter der mit guten Argumenten und großer Beharrlichkeit agierende Reinhard Rürup. Für ihn war die Erinnerungskultur ein Garant für die deutsche Demokratie. Nun statt vorwärts und nicht vergessen, mit Andrea Nahles vorwärts und vergessen. Die Volkspartei hängt ihre Geschichte an den Nagel.

 

Reinhard Rürup trat 1966 der SPD bei, jenem Jahr, in dem sie Regierungspartei wurde, zunächst als kleinerer Partner der Union, ab 1969 unter Willy Brandt und Helmut Schmidt in einer Koalition mit der FDP. Der Historiker Rürup hatte sich bis dahin mit dem 18. und 19. Jahrhundert beschäftigt: Mit „Probleme der Revolution in Deutschland 1918/1919“ (1968), „Deutschland im 19. Jahrhundert 1815–1871“ (1984), „Arbeiter- und Soldatenräte im rheinisch-westfälischen Industriegebiet“ (1975).

 

Mit der Übernahme des Lehrstuhls für neuere Geschichte an der Technischen Universität Berlin im Jahr 1975 konzentrierte er sich auf Zeitgeschichte. Es erschienen seine Studien zur Judenfrage der bürgerlichen Gesellschaft „Emanzipation und Antisemitismus“ (1975). Nach der Wiedervereinigung Deutschlands lieferte Rürup grundlegende Beiträge zu einer notwendig gewordenen Umgestaltung der Gedenkstätten Sachsenhausen und Buchenwald sowie zum „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ (Holocaust-Mahnmal). Für ihn war die Aufarbeitung und Dokumentation der NS-Zeit und ihrer Verbrechen Voraussetzung für die weitere Entwicklung der Demokratie in Deutschland.

 

Zur Lebensgeschichte von Reinhard Rürup gehört das Debakel der Gedenkstätte „Topographie des Terrors“. Zur 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 übernahmen die Berliner Festspiele (nach schier unendlichen Querelen) Koordination und Organisation einer Freiluftausstellung auf dem Gelände des ehemaligen Hauptquartiers der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße (Niederkirchnerstraße) – wohl darauf bedacht, „den weiteren Entscheidungen über die Nutzung und Gestaltung des Geländes nicht vorzugreifen“. Ab 1989 fungierte Reinhard Rürup neben seiner Professur an der TU als Wissenschaftlicher Direktor der „Stiftung Topographie des Terrors“.

 

Es kam zu einem Wettbewerb, den der Schweizer Architekt Peter Zumthor 1993 gewann – zweifellos ein architektonisches Kunstwerk, dass sich an den Strukturen der provisorischen Ausstellung von 1887 orientierte, den Platz umhüllte und durch ein übergespanntes Betonbalken-Tragwerk die Zellen des „Hausgefängnisses“ der Gestapo sichtbar werden lassen sollte. Die Ausführung wurde teurer als erwartet. Berlin und Bund stritten jahrelang über die Kostenübernahme. Rürup warf Land und Bund ein „auffälliges Desinteresse“ und eine „bestenfalls lauwarme Unterstützung“ vor und trat 2004 als Gründungsdirektor zurück.

 

Reinhard Rürup wollte nach 15 Jahren endlich sein Erinnerungswerk vollendet sehen. Für Peter Zumthor brachte er allerdings wenig Verständnis auf, wenn er tatsächlich „gegen das unfruchtbare Wirken eines Elite-Architekten“ protestierte (Tagesspiegel, 7.4.2018). Der Architekt Zumthor kämpfte, wie zeitlebens auch der Historiker Rürup, „mit harter Kante“ für sein Werk. So weit, so gut und schlecht. Berlin trennte sich vom Architekten. Die bereits entstandenen Bauten wurden abgerissen. 2005 gab es einen neuen Architektenwettbewerb. 2010 wurde ein quadratischer Klotz eröffnet, verkleidet mit einem Metallgitter – ein schlichter Bau auf einem ziemlich gestylten Areal, auf dem einem die Untaten von damals kaum nahe kommen. Dennoch: Die „Topographie des Terrors“ würde es ohne Reinhard Rürup nicht geben. Seine wissenschaftlichen Arbeiten als Historiker und sein politisches Engagement wird die Sozialdemokratie bald vermissen.

 

 

Die Geschichte der „Topographie des Terrors"

(Aus Tagesspiegel, 2007)

 

1987: Das Gelände der einstigen NS-Terrorzentralen in Berlin wird anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt provisorisch hergerichtet. Unter der Leitung des Historikers Reinhard Rürup entsteht die Dokumentation zur "Topographie des Terrors" mit Fotos, Texten und anderen Dokumenten, die in einem überdachten Graben gezeigt wird.

1990: Eine Fachkommission des Berliner Senats legt Vorschläge zur Umgestaltung des Areals in eine Dauereinrichtung vor.

März 1993: Der Schweizer Architekt Peter Zumthor gewinnt den Wettbewerb für den Bau des Dokumentationszentrums mit einem äußerst anspruchsvollen Entwurf.

8. Mai 1995: Der symbolische Baustart für das Gebäude erfolgt.

2000: Das Abgeordnetenhaus sperrt wegen ausufernder Kosten weitere Mittel für das Projekt. Die Arbeiten werden gestoppt.

2001: Der Senat setzt nach langen Debatten mit Zumthor eine Sparvariante des Entwurfs durch. Zuvor hatte das Abgeordnetenhaus die Kosten auf rund 38 Millionen Euro begrenzt, eine Verdopplung der ursprünglich geplanten Summe.

2003: Zumthor legt einen überarbeiteten Entwurf vor, mit dem vor allem die anspruchsvolle Stabkonstruktion im Inneren vereinfacht werden soll. Die Umplanungskosten sollten durch Absenkung der Standards bei der Innenausstattung und im Außenbereich eingespart werden.

März 2004: Der Wissenschaftliche Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Reinhard Rürup, tritt wegen anhaltender Verzögerungen des Baus zurück. Neben der Kostenfrage sind dafür auch mehrere Pleiten von Baufirmen verantwortlich.

Mai 2004: Der Zumthor-Bau wird wegen explodierender Baukosten endgültig gestoppt. Es zeichnet sich ab, dass das Limit von 38 Millionen Euro überschritten wird, nachdem 13 Millionen Euro zu diesem Zeitpunkt bereits geflossen sind. Der Bund zieht den Bau an sich. Zugleich wird festgelegt, dass es trotz einer geplanten Neuausschreibung nicht mehr Geld gibt. Die Restsumme muss ausreichen.

November 2004: Das Bundesverfassungsgericht weist eine Verfassungsbeschwerde Zumthors ab, der mit dem geplanten Abriss der Treppentürme seine Persönlichkeits- und Urheberrechte verletzt sieht. Zuvor war der Architekt bereits vor dem Land- und dem Kammergericht gescheitert. Wenige Tage nach dem Urteilsspruch in Karlsruhe starten die Abrissarbeiten.

2005: Ein neuer Wettbewerb unter der Regie des Bundes wird ausgeschrieben.

Januar 2006: Der zweite Architekturwettbewerb für das Projekt wird entscheiden. Sieger sind die Berliner Architektin Ursula Wilms und der Aachener Landschaftsarchitekt Heinz W. Hallmann.

November 2007: Der zweite symbolische Spatenstich für den Bau erfolgt.

 

Die Berliner SPD schweigt

 

Der Beschluss der SPD-Führung, ihre Historische Kommission abzuschaffen, und die Aufgaben dem SPD-Schatzmeister Dietmar Nieten, MdB für den Kreis Düren, zu übertragen, hat weithin für Fassungslosigkeit gesorgt. Auf die kopflose, als Sparmaßnahme verkaufte Aktion von Andrea Nahles, hat jetzt die Historikerin in einem offenen Brief an die Parteichefin und den Vorstand appelliert, ihre Entscheidung zu revidieren. „Ohne Geschichte keine Zukunft“ ist der Brief überschrieben. Mehr als 250 Historiker und Gelehrte haben sich dem Aufruf bereits angeschlossen, quer durch die Generationen und politischen Neigungen, darunter Wolfgang Benz, Gisela Bock, Magnus Brechtken, Norbert Frei, Mary Fulbrook, Rebekka Habermas, Jürgen Kocka, Paul Nolte, Andreas Wirsching und viele mehr. Christina Morina, Jahrgang 1976, kommt aus Ostdeutschland. In ihrem Appell nennt sie die Abschaffung der Historischen Kommission einen „schweren politischen Fehler“, der mit Blick auf die Selbsterneuerung der SPD, aber auch auf die liberale Demokratie des Landes ein „fatales Zeichen“ setze. Die SPD liefert nun einmal von allen Parteien die sichtbarste, in mancherlei Beziehung die einzige Traditionslinie zwischen dem neunzehnten Jahrhundert und der Gegenwart. Die Erinnerung an die Sozialdemokratie gehört damit weniger der Partei als dem geschichtlichen Bewusstsein aller Deutschen. Geschichtsvergessenheit mache, wie es im Brief heißt, „die Verteidigung unseres solidarischen Rechtsstaates um ein Vielfaches schwerer“.

 

Die Berliner SPD und ihr Vorsitzender Michael Müller schweigen. Wie lange noch?

 

Keine Zukunft ohne Geschichte

Offener Brief an den SPD-Parteivorstand

 

Sehr geehrte Frau Nahles, sehr geehrte Mitglieder des Parteivorstands,

 

mit völligem Unverständnis haben wir die Nachricht über die Auflösung der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand vernommen. Als Historikerinnen und Historiker, mit oder ohne SPD-Parteibuch, halten wir diesen Schritt für einen schweren politischen Fehler. Mit Blick auf die Erneuerungsbemühungen innerhalb der Sozialdemokratie, aber auch für unsere liberale Demokratie, setzt er ein fatales Zeichen.

 

Die beiden wichtigsten Impulse, die 1981 zur Gründung der Kommission geführt hatten, sind heute aktueller denn je: Unter gesellschaftlicher Zustimmung bis weit in die Mitte hinein arbeitet eine sogenannte Neue Rechte wieder einmal an einer „nationalen“ Wende und torpediert mit der Macht von fast 100 Bundestagsmandaten den humanistischen, historisch-selbstkritischen Grundkonsens der Bundesrepublik; und vielleicht mehr als je zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik ist die Erhaltung unseres liberalen Gemeinwesens heute auf ein zivilgesellschaftlich inspiriertes Engagement „von unten“ angewiesen. Auch deshalb muss die Historische Kommission – möglicherweise in erneuerter Form – als Forum der Auseinandersetzung über historisch-politische, geschichtskulturelle und geschichts-politische Fragen erhalten bleiben. Angesichts der vielen globalen Herausforderungen und der immer rabiateren „Lösungs-“ Vorschläge von Populisten und Nationalisten sind die geschichtlichen Erfahrungen der Sozialdemokratie von essentieller Bedeutung. Werden diese nicht bereitgehalten und immer wieder neu reflektiert, wird die Verteidigung unseres solidarischen Rechtsstaates um ein Vielfaches schwerer.

 

Sehr geehrte Frau Nahles, sehr geehrte Mitglieder des Parteivorstands, es gibt viele Bürgerinnen und Bürger, innerhalb und außerhalb der SPD, denen die Krise des sozial-demokratischen Projekts große Sorgen bereitet. Die Auflösung der Historischen Kommission würde diese Krise vertiefen. Es gibt viele Historikerinnen und Historiker, die bereit sind, sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzusetzen. Die Historische Kommission ist eines der Foren, in denen über Wege zur Stabilisierung unserer demokratischen Grundordnung nachgedacht werden kann und sollte.

 

Wir fordern Sie auf: Revidieren Sie diesen geschichts- und gegenwartsvergessenen Beschluss!

 

Amsterdam, 1.8.2018

PD Dr. Christina Morina

Kontakt: c.morina@uva.nl

 

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