Grabstätte Wilhelm Haeger. Foto H&S, 2017

Wilhelm Haeger (1834-1901)

 

Die Inschriften auf dem auffälligen, aus rotem Sandstein gefertigten Grabmal (Grablage 14/51), erklären nicht viel: „Wilhelm Haeger Königl. Baurat, * d. 1. September 1834. † d. 2. März 1901“. Darunter „Sophie Haeger geb. Bamberg * 6. Jan. 1847 † 10. Oct. 1929“ und am Sockelfuß „Erika Haeger * 4.8.1885 † 10.11.1955 sowie Anna Haeger *5.2.1859 † 7.11.1956“.

 

Aus einer der besten deutschsprachigen Quellen, dem „Centralblatt der Bauverwaltung“, erfährt man unter dem 9. März 1901, dass „am 2. d. Mts. nach längerem Leiden im 67. Lebensjahre der durch seine Mitwirkung beim Bau des deutschen Reichstagshauses in weiten Kreisen bekannt gewordene Baurath Haeger zu Berlin verschieden“ ist. Es lag also nahe, im Archiv des Deutschen Bundestages anzufragen. Aber, so die freundliche Antwort: „In den Beständen des Parlamentsarchivs des Deutschen Bundestages konnte zu Wilhelm Haeger kein Archivgut (Akten und Fotos) ermittelt werden. Die Unterlagen aus der Zeit des Deutschen Kaiserreiches, wozu ebenfalls die Bauakten des damaligen Reichstages zählen, befinden sich im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde. Vielleicht ist dort neben den Bauakten der entsprechenden Behörde auch die Personalakte von Baurat Wilhelm Haeger vorhanden? Je nachdem wie der biographische und berufliche Werdegang von Herrn Haeger war, könnten Sie sich auch im Landesarchiv Berlin und im Geheimen Preußischen Staatsarchiv erkundigen, ob zu seiner Person dort etwas vorliegt.“

 

 

 

 

 

 

Geboren wurde der gesuchte Baurat als Wilhelm Julius Haeger am 1. September 1834 in Greifswald. Er studierte an der Bauakademie in Berlin, hörte zugleich mathematische und kunstwissenschaftliche Vorträge und legte 1865 die Staatsprüfung als Baumeister in beiden Fachrichtungen ab. Nach einer Studienreise durch Italien war er zunächst als Baumeister, dann als etatmäßig angestellter Landbaumeister und später als Bauinspektor ununterbrochen bei der „Ministerial- Militär- und Bau-Commission zu Berlin“ tätig. Unter seiner Leitung und Aufsicht wurden verwirklicht: Der Erweiterungsbau des Justizministeriums (1865/72), die von Kaiser Wilhelm I. gewünschte Erhöhung des Denkmals auf dem Kreuzberg auf ein acht Meter hohes Podest, was mittels zwölf hydraulischen Pressen 1878/79 gelang, die Bauten für die Frauenklinik der Charité (1884/91), der Neubau der Reichsbank am Hausvogteiplatz (1892/94) sowie der im Stil der Neurenaissance errichtete Erweiterungsbau des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten in der Leipziger Straße (1892/94).

 

Als nach jahrelangem Hin und Her 1882 über einen neuen Reichstagsbau ein erster und zweiter Wettbewerb ausgeschrieben war, entschied sich die Jury schließlich für den Entwurf von Paul Wallot (1841-1912). Er wurde leitender Architekt – allerdings mit einem „erfahrenen, mit den Bauverhältnissen Berlins vertrauten Baubeamten für die technische und geschäftliche Leitung der Bauausführung zur Seite“. Die Wahl fiel auf den Königlichen Baurat Wilhelm Haeger. Unter den insgesamt 26 Architekten, die Wallot beim Bau des Reichstages zur Seite standen, war Haeger „der Wichtigste“. Ihm war es vergönnt, so das „Centralblatt der Bauverwaltung“ am 8. Dezember 1894, „das große Werk des Reichstagsbaues in ungetrübtem Einvernehmen mit dem für die künstlerische Gestaltung berufenen Architekten zu Ende zu führen und im Anschluss daran mit gleichen Befugnissen auch beim Neubau des zur Zeit in der Ausführung begriffenen Wohnhauses für den Reichstags-Präsidenten mitzuwirken“.

 

Zwischen diesen Zeilen ist herauszulesen, dass der Arbeitsprozess langwierig und mühevoll und von ständigen Auseinandersetzungen mit mehreren zuständigen Instanzen begleitet war. Viele wollten sich „einbringen“, die Akademie des Bauwesens ebenso wie die Bauabteilung im preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten. Weitreichende Änderungen für die Anordnung der Innenräume und die Gestaltung der Fassaden waren die Folge. Dazu kam das Hin und Her mit der Kuppel – in zentraler Position über dem Plenarsaal oder über der westlichen Eingangshalle. Da die tragenden Wände um das Plenum aber schon errichtet und zu schwach für die geplante steinerne Kuppel waren, entstand schließlich eine von 85 auf knapp 75 Meter reduzierte relativ leichte Kuppelkonstruktion aus Stahl und Glas – in zentraler Position über dem Plenarsaal. Nicht ohne Grund erwähnt das „Centralblatt“: „In der Abtheilung des Bauraths Haeger waren thätig: die Regierungs-Baumeister Koenen von 1883-1888, Becker von 1884 bis 1888, Jeske von 1889 bis jetzt, Hegemann von 1889 bis jetzt, der Regierungs-Bauführer Müller von 1884 bis jetzt, der Architekt Milde von 1885 bis jetzt, der Königliche Regierungs-Baumeister Teichmüller von 1889 bis 1890, der Regierungs-Bauführer Rehbock von 1890 bis 1892, der Architekt Nikolaysen von 1882 bis 1894 und die Heizungsingenieure Birlo (als Vertreter von D. Grove) und Kraus.“

 

Am 5. Dezember 1894 war das Reichstagsgebäude fertiggestellt. Der Architrav des Westportals mit der geplanten Inschrift „Dem deutschen Volke“ blieb über 20 Jahre leer. Nachdem Kaiser Wilhelm II. antworten ließ, „er werde keineswegs eine ausdrückliche Genehmigung erteilen, aber sollte die Reichstagsausschmückungs-Kommission beschließen, die Inschrift anzubringen, erhebe er dagegen keine Bedenken“, machte Reichstagspräsident Johannes Kaempf bekannt, dass die Inschrift nun angebracht werden sollte. Mit der Gestaltung des Schriftzuges wurde der Architekt und Industriedesigner Peter Behrens beauftragt. Auch über die Schriftart gab es wieder Streit. Die einen wollten eine klassische Capitalis, andere plädierten für die „deutsche“ Fraktur. Mit der alldeutschen Nationalschrift „Kapital-Unzial-Fraktur-Bastarda“ fand Behrens einen Kompromiss. Für die Herstellung der 60 cm hohen Buchstaben wurden zwei erbeutete Geschützrohre aus den Befreiungskriegen 1813–1815 eingeschmolzen. Die Arbeit übernahm die Gießerei S. A. Loevy in der Gartenstraße 96. Zwischen dem 20. und dem 24. Dezember 1916 wurde der Originalschriftzug in Versalien angebracht: DEM DEUTSCHEN VOLKE. Der Königliche Baurat Wilhelm Hager hätte wohl auch damals vermitteln müssen.

 

 

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