Erbbegräbnis Prowe. Foto H&S 2016

Erbbegräbnis Prowe

 

„Gestorben ist in Ägypten Herr Rentier Prowe, hier Lauterstraße, wohnhaft. Im vorigen Jahre ist dieser Herr nach Ägypten mit Familie übergesiedelt zur Wiederherstellung seiner Gesundheit. Herr Prowe soll einer der Meistbesteuerten von Friedenau gewesen sein.“

Friedenauer Lokal-Anzeiger, 7. März 1906

 

Nach anderthalb Jahren konnte die Zeitung am 18. September 1907 verkünden, dass „jetzt von unserem Mitbürger, Herrn Bildhauer Valentino Casal, ein prächtiges Erbbegräbnis für die Familie Prowe, Lauterstraße, auf unserem Friedhof gefertigt wird. Das Erbbegräbnis ist vollständig in kostbarem, weißen Marmor gehalten. Die Hinterwand versinnbildlicht u. a. das Tor des Todes. Eine tiefverschleierte trauernde Frauengestalt ist im Begriff, durch dieses Tor zu treten. Wir müssen das Erbbegräbnis als eines der schönsten der jetzt auf unserem Friedhof befindlichen bezeichnen“.

 

 

 

 

Insgesamt sind die Informationen über das „berühmteste“ Grab auf dem Friedhof Stubenrauchstraße dürftig. Für das Landesdenkmalamt Berlin ist „das Grabdenkmal Prowe unter den bekannten eigenständigen Werken von Valentino Casal das künstlerisch bedeutendste“. Allerdings wird hinzugefügt, dass „die Grabanlage mit Wandgrab in Form eines dreiachsigen Scheinmausoleums 1906 für den Gutsbesitzer Wilhelm Prowe durch Oskar Haustein ausgeführt wurde“. Die Arbeit von Haustein (1866-1920) „könnte“ darin bestanden haben, dass der Architekt und Zimmermeister nachträglich die Einfassung der Grabstelle mit der dreiseitigen Brüstung aus Muschelkalkstein geschaffen hat.

 

In dem seit 1899 bestehenden Casal’schen Atelier in der Bachestraße Nr. 10 entstanden zwischen 1898 und 1903 aus den Gipsentwürfen der Bildhauer Max Baumbach, Reinhold Begas, Johannes Boese, Gustav Eberlein, Johannes Götz, Ludwig Manzel, Max Unger und Joseph Uphues elf der 32 von Kaiser Wilhlem II. in Auftrag gegebenen Marmordenkmäler für die „Siegesallee“ im Tiergarten. Das hatte sich auch in Friedenau herumgesprochen, zumal der Kaiser nebst Familie einige Male die Werkstatt des Meisters aufgesucht hatte.

 

Aus den im Juni 1937 handschriftlich verfaßten Memoiren von Valentino Casal (1867-1951) wird in Liste II unter „meinen eigenen modellierten Arbeiten“ aufgeführt: „1905 Grabdenkmal Prowe (Marmor) Friedenau-Berlin“ sowie „1908 Portrait-Relief von Herrn Hirt (Gips) Friedenau; 1908 Grabdenkmal Hirt (Marmor) Friedenau.“ Es ist davon auszugehen, dass das Prowe’sche Erbbegräbnis mit Risalit, Skulptur der Trauernden und Podeststufen als einzelne Teile in der Werkstatt aus hellweißem Carrara-Marmor gefertigt und danach auf dem Friedhof zusammengesetzt wurden. Zum letzten Handgriff gehörte wohl, dass sich der Bildhauer am Podest mit „V. Casal fec.“ verewigt hat.

 

Zur weithin unbekannten Geschichte der Familie Prowe erreichte uns inzwischen eine Erklärung des in Müllheim (Markgräflerland) lebenden Urenkels Klaus Prowe, die weitere Recherchen ermöglichte. Der vom „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ erwähnte „Meistbesteuertste von Friedenau“ war Wilhelm Samuel Prowe (1846-1906), „mein Urgroßvater, Sohn des Gutsbesitzers Samuel Friedrich Prowe und seiner Ehefrau Mathilde Köhler. Er wurde am 1. Oktober 1846 im pommernschen Birkenfelde (Brzyskorzystew) geboren.“ Es folgte „eine Kaufmannslehre in Bromberg und der Umzug nach Lodz“. Dort lernte er die 24-jährige Lydia Richter (1853-1915) kennen. „Am 26. Mai 1877 heiratete er in die Familie des Spinnereibesitzers Joseph Richter und seiner Ehefrau Juliane ein. Um 1880 übernahm er die Leitung der Textilfabrik seines Schwiegervaters“. In Lodz, dem Manchester Polens, führten soziale Missstände 1892 zu gewaltsamen Auseiandersetzungen: In der Folge „übersiedelten die Prowes mit den Kindern nach Berlin“.

 

Im Friedenauer Adressbuch von 1897 findet sich unter Lauterstraße Nr. 26 als Hauseigentümer erstmals der Eintrag „Prowe, W., Rentier“. Zu den „Kindern“ gehört jedenfall Sohn Wilhelm Joseph Prowe, „mein Großvater, der Bankier“. Dieser hatte in der Hewigstraße Nr. 3 eine Wohnung und in der Charlottenstraße Nr. 58 in Berlin W8 ein „Bankgeschäft“ (1908).

 

Aus der am 27. April 1918 vom Sterbe-Haupt-Register des Standesamts Berlin-Schöneberg Sterbeurkunde geht hervor, dass Wilhelm Samuel Prowes „Witwe Lydia Prowe geb. Richter, katholischer Religion, Tochter des verstorbenen Fabrikbesitzers Joseph Richter, zuletzt wohnhaft in Tetschen, und seiner verstorbenen Ehefrau Juliane geb. Siebert, zuletzt wohnhaft in Lodz, am 9. Januar 1915 im Auguste-Viktoria-Krankenhaus verstorben ist“. Es ist davon auszugehen, dass Lydia Prowe im Familiengrab auf dem Friedhof Stubenrauch beigesetzt wurde.

 

Das Grabmal wurde nach Angaben von Urenkel Klaus Prowe „bereits zu Lebzeiten meines Urgroßvaters in Auftrag gegeben, da zu diesem Zeitpunkt bereits der Fortschritt seines Lungenleidens bekannt war“ – was wiederum die Angabe „1905 Grabdenkmal Prowe (Marmor) Friedenau-Berlin“ von Casal bestätigen würde. Da die Behandlung seiner Tuberkulose in Deutschland keine Besserung zeigte, entschlossen sich Wilhelm und Lydia Prowe 1905 zu einer Reise nach Ägypten und einer Behandlung im Sanatorium von Helouan. Dort starb Wilhelm Samual Prowe am 26. Februar 1906. Witwe Lydia Prowe ist nach dem Tod ihres Mannes in das eigene Haus Lauterstraße Nr. 26 zurückgekehrt. Von 1908 bis 1913 ist sie als Grundstückseigentümerin eingetragen. Vom Verein der Gartenfreunde Friedenau erhielt sie im Oktober 1909 eine „Prämierung“ für die besondere Gestaltung ihres Vorgartens. Nach ihrem Tod heißt es für das Haus von 1916 bis 1918 „Prowe’sche Erben“.

 

Es ist davon auszugehen, dass die Witwe den Platz zwischen den Alleebäumen an der südlichen Friedhofsbegrenzung mit Bedacht ausgesucht hat (Grablage 12/25-30). Casal ahnte, dass auf Grund der anstehenden Bebauung des Südwestkorso der Friedhof irgendwann mit einer Mauer eingefasst werden wird und für das Erbbegräbnis nur ein Wandgrab in Betracht kam. So wurde vorsorglich vor die später errichtete Friedhofsmauer ein dreiachsiges Scheinmausoleum gesetzt: Ein hoher Mittelrisalit mit einer Tiefe andeutenden „metallenen“ Scheintür, an der die Skulptur einer Trauernden Halt sucht. Nach links und rechts schließen sich zwei Seitenrisalite mit „abgesetzten“ Tafeln an, die offensichtlich für spätere Inschriften vorgesehen wurden.

 

Bisher war nicht zu recherchieren, wer derzeit über das Nutzungsrecht an der zweifellos „gepflegten“ Grabstelle verfügt und wer die Überdachung mit einem Plexiglasdach veranlasst hat. Die ist nicht schön, schützt aber das marmorne Grab.

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© friedenau-aktuell, 2017