Das Grab von Wolfgang Max Faust. Foto H&S 2016

Wolfgang Max Faust (1944-1993)

 

Manchmal bemerken die Pilger zum Grab von Marlene Dietrich auch den gegenüberliegenden Kubus mit der Kugel darauf. Mit der Grabinschrift „Wolfgang Max Faust. 8.2.1944 – 21.11.1993“ können sie allerdings nichts anfangen.

 

Ein Hinweis zur Wahl dieses Steins findet sich in „Dies alles gibt es also – Alltag, Kunst, Aids“, einem autobiographischen Bericht von Wolfgang Max Faust: „Montag, 27.7.92: Sonnenschein. Gerd schickte mir Fotos aus Weimar. Goethes Gartenhaus an der Ilm. Schöne Aufnahmen des Monuments, das Goethe nach seiner Ankunft in der Residenzstadt im Garten errichten ließ. Eine große Kugel auf einem hohen quadratischen Sockel: Agathé Tyché, Dem guten Gelingen.“

 

Dieses auch „Stein des guten Glücks“ genannte Kunstwerk wird als Liebesbekenntnis Goethes zu seiner „Seelenfreundin“ Charlotte von Stein interpretiert. Sie als Kubus, Inbegriff von Festigkeit und Beständigkeit, er als Kugel, schwankend, unbeständig, unruhig. In dieser Verbindung suchen die widerstrebenden Kräfte den Ausgleich.

 

 

 

Wer war dieser Wolfgang Max Faust, der sich wie damals Goethe für sein Monument nun auch für die Zeit danach genau diesen Stein aus sächsischem Sandstein wünschte? Geboren wurde er 1944 zufällig in Landstuhl, weil die Mutter vor den Bombenangriffen aus Wuppertal geflohen war. Er studierte ab 1964 Soziologie, Volkswirtschaft, Literaturwissenschaft und Kunstwissenschaft in Göttingen und Berlin, promovierte 1976 an der Technischen Universität Berlin mit der Arbeit „Bilder werden Worte. Die Lingualisierung der bildenden Kunst 1910 bis 1920, ihre Beziehungen zur Literatur und ihre Ausbildung zum Paradigma der Moderne“, lehrte an der TU Berlin, der Hochschule der Künste Berlin, am San Francisco Art Institut, an der New School for Social Research und an der Parsons School of Design New York, hielt Vorträge in Deutschland, Finnland, Kanada, Israel und den USA, und trat schließlich 1987 auch noch in die Redaktion der Kunstzeitschrift „Wolkenkratzer“ ein, deren Ende er 1989 auch nicht mehr verhindern konnte.

 

Vor allem aber war der Kunsttheoretiker und Kunstvermittler der Avantgarde des 20. Jahrhunderts auf der Spur. Er wurde „der“ Förderer der „Neuen Wilden. Bereits 1982 brachten Wolfgang Max Faust und Koautor Gerd de Vries in „Hunger nach Bildern“ diese Zeit auf den Punkt: „Eine Generation junger Maler, die sich mit Vehemenz von den Vorstellungen ihrer ‚Lehrer‘ und ‚Väter‘ lossagte, weil sie mit ihrem Lebensgefühl und ihrer Suche nach eigenen Ausdrucksformen nicht in Einklang standen ... Sie entwerfen Freiräume, Orte der Selbstsuche/Selbstfindung, die primär bestimmt werden vom eigenen Fühlen und Denken … Nicht ein ‚Programm‘ wird angezielt, sondern das Bild als Ort einer wunschbesetzten Bildphantasie ... Ein Moment des ‚Hier und Jetzt‘ bestimmt die Bildfindungen, die - so paradox es klingt - immer wieder auf Malereigeschichte zurückgreifen, weil deren ‚Sprache‘ sich - im Zitat - mit heutigen Lebenserfahrungen verbinden sollen“.

 

Kein anderer Kunstbetrachter nach ihm hat beispielsweise die Arbeiten von Hans Peter Adamski, Jiří Georg Dokoupil oder Rainer Fetting so eindringlich und nachvollziehbar beschrieben. Wolfgang Max Faust hatte, wie sein langjähriger Lebenspartner Eckehard Kunz noch heute neidlos bekundet, „in der Vermittlung ein großes Geschick“. Der ehemalige Pfarrer der Berliner Martin-Luther Gemeinde Neukölln weiß, wovon er spricht.

 

In der Vorbemerkung zu seinem autobiographischen Buch „Dies alles gibt es also“ (1993) schreibt Wolfgang Max Faust: „Das ist kein Buch über Kunst, sondern ein Buch mit Kunst - Dokument einer Erfahrung, die Kunst und Leben miteinander verbindet. Ich habe es geschrieben, weil ich immer noch eine Untersuchung zur Gegenwartskunst verfassen wollte. Dazu wird es nicht mehr kommen. Das Leben will es anders.“ Am 21. November 1993 nahm sich der an den Folgen von Aids leidende Wolfgang Max Faust das Leben.

 

Geblieben ist die private Sammlung von „Faust & Kunz“ mit den Bildern von Hans-Peter Adamski, Hans Brosch, Jiri Georg Dokoupil, Rainer Fetting – auch der „Apollo Citaredo“, den der 46-jährige Carlo Maria Mariani 1977 antikisierend im Stil von Angelika Kaufmann auf die Leinwand brachte. Geblieben sind Kubus und Kugel aus Stein – wohl auch Symbol für das Bündnis von Faust und Kunz.

 

 

Wolfgang Max Faust Publikationen

 

Aus der Sammlung Faust & Kunz

 

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