Die „Friedenauer Brücke“ führt die Saarstraße über S-Bahn, restliche Stammbahngleise und Stadtautobahn A 103 von Friedenau in das zu Schöneberg gehörende Wohngebiet, für das auch die Bezeichnungen „Hinter der Wannseebahn", „Neu-Friedenau“ und „Gefühltes Friedenau“ im Umlauf sind. Die Verbindung wurde 1900 unter dem Namen Saarbrücke eröffnet. Bis dahin war die Saarstraße eine Sackgasse.

Ernst Ludwig Kirchner, Straßenbahn und Eisenbahn, 1914. Museum Behnhaus Drägerhaus Lübeck.

Dr. Alexander Bastek

Das 1914 im Atelier Körnerstraße 45 entstandene Gemälde „Straßenbahn und Eisenbahn“ von Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) wurde im Jahr 1971 von der Lübecker Possehl-Stiftung für die Sammlung des Museums Behnhaus Drägerhaus (Inv.-Nr. 1971/100) aus dem Schweizer Kunsthandel Ketterer erworben.

Wir danken Herrn Dr. Alexander Bastek, dem Leiter des Lübecker Hauses, für die Informationen und die Genehmigung zur Publikation dieses Gemäldes auf dieser Website.

Dr. Alexander Bastek

Friedenauer Brücke, 1968. Ansicht in etwa von der Körnerstraße. Archiv Heimatverein Steglitz

 

Friedenauer Brücke

 

Bekannt wurde die Brücke durch Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Im Oktober 1913 war er von der Durlacher Straße 14 in Wilmersdorf an das Bahngelände zwischen Schöneberg und Steglitz gezogen. Von seinem Atelierfenster in der Körnerstraße Nr. 45 hatte er einen freien Blick auf die Gleise von Wannsee- und Stammbahn und die beiden Brandmauern der schon zu Friedenau gehörenden Häuser in der Saarstraße. Die Aussicht muss ihn fasziniert haben. 1914 hielt er dieses Motiv in mehreren Varianten fest, in Öl auf Leinwand, als Zeichnung, als Holzschnitt. Selbstzufrieden staunt er mit 35 Jahren „über die Kraft meiner Bilder“ und notiert: „Die Fabrikmarke meiner Kunst heißt E. L. Kirchner.“ Die Nationalsozialisten kamen zu einem anderen Urteil. Im Juli 1937 schlossen sie den Expressionisten aus der Preußischen Akademie der Künste aus. 639 seiner Werke wurden daraufhin beschlagnahmt, 32 davon 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt.

 

Ausmaß und Folgen dieser Aktion dokumentiert eindrucksvoll die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ des Kunsthistorischen Instituts der FU Berlin. Erschütternd immer wieder die Anmerkungen „Standort unbekannt“ und „Verlust durch Beschlagnahme“. Sein Gemälde „Gelbe Tänzerin“, 1913 im Atelier Körnerstraße entstanden, und bis heute verschollen, wurde von den Nazis mit der Bemerkung „Die Dirne wird zum sittlichen Ideal erhoben!“ abgetan. Das Gemälde „Blick aus dem Fenster“ (120,7 x 90,8 cm), eine Variante ohne Züge, aber mit den beiden Brandmauern, hatte die Hamburger Kunsthalle 1920 erworben. Am 21. August 1937 wurde es als „entartet“ beschlagnahmt. 1941 ging das Bild an den Kunsthändler Ferdinand Möller, der neben Karl Buchholz, Hildebrand Gurlitt und Bernhard A. Böhmer von der „Verwertungskommission“ beauftragt worden war, die konfiszierten Werke auf dem internationalen Kunstmarkt loszuschlagen. Möller verkaufte 1941 das Gemälde an den Sammler Kurt Feldhäusser (1905-1945). Die Sammlung erbte seine Mutter Marie Luise (1876-1967), die über die Weyhe Gallery New York u. a. 16 Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner zum Verkauf anbot, darunter „Blick aus dem Fenster“ an Morton D. May (1914-1983), der das Bild mit seinem Tod 1983 dem Saint Louis Art Museum (Nr. 902/1983) vermachte.

 

In Deutschland populär geworden ist hingegen das 79 x 100 cm große Ölgemälde „Die Eisenbahnüberführung“, wo sich unter der Brücke augenblicklich zwei Dampfzüge begegnen: Ein schlichter Vorortzug vom Berliner Potsdamer Bahnhof nach Wannsee und ein eleganter Bankierszug von Potsdam nach Berlin. Das Bild, mitunter von Friedenauern etwas anheimelnd auch „Friedenauer Brücke“ genannt, gehört zu jenen Gemälden, die der Kölner Jurist und Kunstsammler Josef Haubrich (1889-1961) nach 1938 erwerben und am 2. Mai 1946 der Stadt Köln als Schenkung für die Sammlung Haubrich des heutigen Museums Ludwig überlassen konnte. Weniger bekannt sind die 43 x 34,5 Zentimeter große „Handzeichnung mit der Tuschfeder“ mit dem Titel „Eisenbahnüberführung“ aus der Sammlung der „Stiftung Stadtmuseum“, und der 19,7 x 30 cm große Holzschnitt „Überführungsbrücke der Wannseebahn“.

 

Eine weitere – auch aus ortsgeschichtlicher Sicht – höchst interessante Ansicht der Saarbrücke liefert das 71 x 81 cm große Ölgemälde „Straßenbahn und Eisenbahn“ (1914), das heute zur Sammlung des Lübecker Museums Behnhaus Drägerhaus gehört: Unter der Brücke wiederum Vorort- und Fernzug, diesmal ohne Dampf, dafür aber auf der Brücke eine Straßenbahn. Das Gemälde wurde im Jahr 1971 von der Lübecker Possehl-Stiftung für die Sammlung des Lübecker Museums (Inv.-Nr. 1971/100) aus dem Schweizer Kunsthandel Ketterer erworben.

 

Die Saarstraße endete ursprünglich als Sackgasse vor den Bahntrassen. Da die Bebauung unaufhaltsam voranschritt, dauerte es nicht lange, bis die Neu-Friedenauer eine Brücke und damit den kürzeren Weg zur Station und zum Zentrum von Friedenau forderten. Diese Verbindung wurde 1900 als „Saarbrücke“ eröffnet. Am 1. September 1905 wurde die Straßenbahnlinie Nr. 60 von Weißensee (Schloss) nach Schöneberg (Endstation Rubens- Ecke Canovastraße) über Martin-Luther-Straße, Mühlenstraße, Coburger Straße, Hauptstraße, Rheinstraße, Saarstraße und Beckerstraße eingerichtet. Nach dem Weltkrieg wurde ab Juni 1946 eine Linie 66 von der Belziger Straße über den Innsbrucker Platz in die Rubensstraße zur Thorwaldsenstraße geführt und bis Mai 1963 betrieben. Mit dem Mauerbau kam parallel zur Bahntrasse die Westtangente. Sowohl auf der Seite Saarstraße als auch auf der Seite Rembrandtstraße entstanden Treppenhäuser von der Brücke hinunter zur Autobahn. Ab 1. Oktober 1969 gab es die Haltestellenbucht „Friedenauer Brücke“ der Buslinie A84. Mit Wiederinbetriebnahme von Wannseebahn und S-Bahnhof Friedenau wurde die Linie 1985 eingestellt. Im Rahmen einer Sanierung der Friedenauer Brücke wurden die überflüssig gewordenen Treppenhäuser zur ehemaligen Bushaltestelle 2010/11 abgebrochen.

 

 

 

Diverse Linienpläne

 

 

 

Weiteres in Vorbereitung

 

 

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