Name seit dem 29. April 1912, vorher Straße O, benannt nach dem Juristen, Schriftsteller und Politiker Albert Traeger (1830-1912). Das Teilstück zwischen Otzen- und Eisackstraße wurde am 14. September 1927 ebenfalls in Traegerstraße benannt.

 

 

Albert Traeger. Datenbank der Reichstagsabgeordneten

Albert Traeger

 

Ganz schön in Nöten muss die Stadt Schöneberg gewesen sein, als die Bebauungspläne für das ehemalige „Willmann’sche Gelände“ im Schöneberger Westen zwischen Friedenauer Straße (Hauptstraße) und Wannseebahn konkrete Formen annahmen. Am laufenden Band mussten zwischen 1892 und 1914 Straßennamen kreiert werden. Einig war man sich darüber, dass mit der Bezeichnung „Straße 0“ kein Staat zu machen war.

 

Da kam es doch ziemlich gelegen, dass der 81-jährige Abgeordnete Albert Traeger von der linksliberalen „Fortschrittlichen Volkspartei“ am 7. Februar 1912 als Alterspräsident die 13. Wahlperiode des Reichstags eröffnete hatte. „Die nicht ganz mühelose Geschäftsverwaltung hatte er mit viel Humor und Frische geführt“. Wenige Wochen starb Traeger am 26. März 1912. Reichstagspräsident Johannes Kaempf (1842-1918) erinnert an den Verstorbenen: „Er hatte wohl politische Gegner, niemals aber einen persönlichen Feind gehabt". Das passte Oberbürgermeister Alexander Dominicus (1873-1945) und Mitglied der „Fortschrittlichen Volkspartei“. Seine Schöneberger Stadtverordneten entschieden sich 1912 ziemlich spontan für die Umbenennung der „Straße O“ in „Traegerstraße“.

 

Wer aber war Christian Gottfried Albert Traeger? Er wird am 12. Juni 1830 in Augsburg geboren. Von 1848 bis 1851 studiert er in Halle und Leipzig Rechts- und Staatswissenschaften, wird Gerichtsassessor in Naumburg und lässt sich 1862 als Notar und Rechtsanwalt in der thüringischen Kleinstadt Kölleda nieder. Hier, am Rand des Thüringer Beckens, startet er seine zweite Karriere als Dichter. Durch die Veröffentlichungen in der „Gartenlaube“ wird er zu einem der meist gelesenen Poeten des Deutschen Kaiserreichs. Seine Gedichtbücher erreichen höchste Auflagen.

 

 

 

 

Den Kritikern Heinrich Hart (1885-1906) und Julius Hart (1859-1930) boten die Traegerschen Werke genügend Stoff: „Wie sehr jener Dilettantismus bereits heute den Geschmack unterhöhlt hat, das beweist ein Umstand, welcher mich geradezu erschreckt hat: die Gedichte von Albert Traeger haben in diesem Jahre die fünfzehnte Auflage erlebt, – Gedichte, Lyrik die fünfzehnte Auflage! In grünem Einband liegt das Buch vor mir, leuchtend von einem zarten Goldüberzuge, aber, – schade um die Ausstattung – niemals habe ich es so sehr empfunden, welchen geisteslähmenden Einfluß die literarische Mittelmäßigkeit ausüben muß, welche Gefahren sie in sich birgt, welche Wüstenluft ihre Produktionen athmen, niemals so, wie bei der Lektüre dieser Gedichte. Wehe dem Menschen, der in diesem Phrasenschwulst, in diesen hohlen Affektationen sich heimisch fühlt, den bei diesem Reimgeklingel, bei diesem ewigen Einerlei nicht eine wilde Lust erfaßt nach frischer Ursprünglichkeit und innerlichem Feuer.  Und doch giebt es Literarhistoriker, welche Traeger als einen sinnigen, gemüth- und gluthvollen Lyriker anempfehlen. Aber ich will es beweisen, daß Traeger nichts mehr und nichts weniger ist, als der Typus jener kläglichen Afterdichter, von denen ich oben gesprochen habe, jener Afterdichter, welche in den Anfängen einer Literatur geduldet werden mögen, die aber schädlich, widerlich erscheinen in einer Zeit, welche eine große Literaturentwicklung bereits hinter sich hat.

 

Von der Verlogenheit der Gefühle, die in all diesen Reimereien waltet, soll nur ein, weil kleines Liedchen (oder Liedlein; Lied klingt derartigem Zeug gegenüber viel zu würdig) Zeugniß ablegen: In dem Gedichte „Glühende Asche“ heißt es:

 

Das Leben ließ mein Herz erkalten,

Nur in der Asche glimmt die Gluth,

Wo still in seinen tiefsten Falten

Dein heilig Bild begraben ruht."

 

Jedes Wort dieser Zeilen ist ein leuchtender Funke genialen Aftersinns. Ein erkaltendes Herz, dessen Gluth nur noch in der Asche glimmt, in dessen Falten aber ein heilig Bild still begraben ruht, – ich wollte, ich wäre ein Maler, um das malen zu können. Zunächst das begrabene Bild, – wie das Jeden anheimeln muß, der die Bilder der Geliebten zu begraben pflegt, ein Anderer kann sich freilich nichts Schwungvolles genug dabei denken, – dann die höchst nothwendige Versicherung, daß dies begrabene Bild sich still verhält, wer unter uns wüßte denn nicht, wie begrabene Bilder sonst zu rumoren wissen, ferner die Bemerkung von den tiefsten Falten und schließlich das alles sagende ‚Wo‘, das nur die kleine Unklarheit aufkommen läßt, worauf es sich eigentlich bezieht. Nehme ich an, daß es auf Gluth oder Asche zielt, so würden die folgenden Verse bedeuten ‚das heilige Bild ruht in seinen eigenen tiefsten Falten begraben‘, nehme ich an auf Herz, so weiß ich nicht, wie das Bild in den Falten des Herzens liegen soll, ohne von den glimmenden Funken angesengt zu werden. Aber beim Himmel, lieber Leser, Du hast vielleicht mehr Zeit als ich, Dich durch ein solches Irrsal hindurchzuarbeiten, versuchs und theile mir die Lösung mit.“

 

Sein Grabmal auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II in Berlin-Kreuzberg, von Bildhauer Walter Schott gestaltet, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1985/87 in reduzierter Form wiederaufgebaut. Der Politiker und Poet ist heute vergessen. Seine Werke, allesamt Veröffentlichungen in Leinen mit reicher, ornamentaler Gold- und Schwarzprägung sowie Goldschnitt, sind heute nur noch antiquarisch erhältlich. Zu empfehlen ist die ausführliche Rezension der Brüder Heinrich und Julius Hart, die unter dem Titel „Ein Lyriker à la mode“ auf der Website der Universität Duisburg-Essen veröffentlicht wurde. Die Lektüre ist ein wahrer Genuss.

 

https://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1882_hart.html

 

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