Abb. 1, Ansicht in der Wilhelmstraße

General-Lotterie-Direktion Berlin, Wilhelmstraße 63

Architekten: Paul Kieschke, Adolf Bürckner und Hans Altmann, 1899-1902

 

Am 1. April 1899 ging das auf dem Grundstück Wilhelmstraße 63 belegene ehemalig Fürstlich Stolbergsche Palais in den Besitz des preußischen Fiskus über. Es war beabsichtigt, aus dem alten Palais durch Um- und Erweiterungsbau ein Dienstgebäude für das Staatsministerium und die Generalordenskommission zu machen und auf dem Hinterlande des 114,50 m tiefen Grundstücks einen Neubau für die General-Lotteriedirektion zu errichten.

 

 

 

 

Dieser Plan erfuhr bereits im Frühjahr des Jahres 1899 insofern eine Änderung, als mit Rücksicht auf den ungünstigen baulichen Zustand des alten Vorderhauses, der sich erst bei dem Abbruche genau feststellen ließ, von einem Umbau Abstand genommen und an dessen Stelle ein vollständiger Neubau beschlossen wurde, wie er nunmehr ausgeführt ist.

Bei der Anordnung der Gebäude auf dem Grundstück wurde darauf Bedacht genommen, den Verkehr der drei Behörden tunlichst voneinander zu trennen und namentlich der General-Lotterie_Direktion, deren Ziehungssaal bei den öffentlichen Ziehungen der Klassenlotterie von einem zahlreicheren Publikum aufgesucht wird, einen bequem und gesondert liegenden Zugang zu schaffen. Dies ist durch Anlage einer durch das Vorderhaus an der rechten Grenze entlang führenden Zufahrt erreicht worden (vergl. Abb. 5).

 

Der Neubau des Staatsministeriums und der Generalordenskommission besteht aus einem Vordergebäude mit rechtem und linkem Seitenflügel und einem die beiden Seitenflügel verbindenden niedrigen Quergebäude. Er ist derart angelegt, daß sämtliche Räume, mit Ausnahme derjenigen im rechten Seitenflügel und den anschließenden Teilen des zweiten Stockwerks vorn, welche der Generalordenskommission überwiesen sind, für Diensträume und Dienstwohnungen des Staatsministeriums eingerichtet sind.

Der Haupteingang zu den Diensträumen des letzteren liegt in der Mittelachse der Vorderfront (vergl. Abb. 1 u. 3), während der Zugang und die Diensttreppe zu den Diensträumen der im zweiten Stockwerk befindlichen Generalordenskommission sich auf der rechten Seite an der durch das Vordergebäude führenden Durchfahrt befindet. Auf der linken Seite des Gebäudes in der Wilhelmstraße liegt der Eingang zu den Dienstwohnungen sowie die Haupttreppe zu den Wohnungen des Unterstaatssekretärs und des Bureauvorstehers. Diese Dreiteilung des Zugangsverkehrs ist in der Architektur der Fassade klar zum Ausdruck gebracht worden (vergl. Abb. 1).

Die Einfahrt in den inneren Hof führt durch den Garten und das niedrigere Quergebäude. Das Vordergebäude und die beiden Seitenflügel sind nur soweit unterkellert, als es die Beschaffung ausreichender Räume für die Zentralheizungsanlage und von Kellerräumen für die Dienstwohnungen und die Behörden erforderlich machte. Die Brennstoffe für die Zentralheizung werden auf kürzestem Wege von dem rechts liegenden schmalen Hofe aus über eine etwa 6 m lange Kohlenrutsche in den Kohlenraum der Heizung geschafft. Das Quergebäude ist nicht unterkellert.

Im Sockelgeschosse befinden sich fünf Dienstwohnungen für Unterbeamte und eine Wohnung für den Heizer, der die Heizung des Staatsministerialgebäudes und diejenige der General-Lotteriedirektion zu bedienen hat. Das Quergebäude nimmt eine für zurückgelegte Akten bestimmte Registratur ein, welche mit der im Erdgeschosse belegenen Hauptregistratur des Staatsminis durch eine Treppe verbunden ist. Im Erdgeschosse befinden sich außer der erwähnten Registratur die Räume für das Journal, die Kanzlei, die Botenmeisterei, das Kuratorium des Reichsanzeigers sowie die Zimmer der drei Vortragenden Räte, außerdem im linken Seitenflügel und dem linken Teile des Vordergebäudes die Wohnung des Bureauvorstehers. Das erste Stockwerk (vergl. Abb. 5) enthält inmitten der Straßenfront den Sitzungssaal des Staatsministeriums (Abb. 6), daneben Zimmer für den Ministerpräsidenten, für Ministerial- Kommissare und für den Unterstaatssekretär, im rechten Seitenflügel das Zimmer des Bureauvorstehers und die Bücherei, welche in zwei je 2,40 m hohen Geschossen angelegt ist. Die linke Seite dieses Geschosses nehmen die Diensträume der Generaldirektion der Staatsarchive ein, am Ende des linken Seitenflügels liegt endlich ein Sitzungsraum für den Kompetenzgerichtshof. Das zweite Stockwerk enthält die Diensträume der Generalordenskommission und die Dienstwohnung des Unterstaatssekretärs. Im Dachgeschosse liegt eine Wohnung für einen Kanzleidiener der Generalordenskommission und einige Mädchen-und Fremdenzimmer der Wohnung des Unterstaatssekretärs.

Die Höhe des Kellergeschosses beträgt von Oberkante zu Oberkante gemessen 2,20 m, diejenige des Sockelgeschosses 3,10 m, des Erdgeschosses 4,30m, des ersten Stockwerks 5,30m und des zweiten Stockwerks 4,50 m und in den vorderen Räumen des Vordergebäudes 5,25 m. Die Höhe der Wohnräume im Dachgeschosse ist 3,15 m.

 

Die Architektur des Äußern und Innern (Abb. 1, 2, 3, 6 u. 7) zeigt maßvolle barocke Formen, wie sie den Berliner und Potsdamer Bauten des Barockstils eigen sind. Bei der Fassade ist es durch richtige Wahl des Maßstabes, straffe Gliederung und Beschränkung des ornamentalen Schmuckes gelungen, den Eindruck stattlicher Monumentalität zu erreichen und doch den Charakter des staatlichen Dienstgebäudes zu wahren. In die reich gegliederten Verdachungen der Fenster des Hauptgeschosses sind als besonderer Schmuck Kartuschen mit den vergoldeten Reliefporträts der neun preußischen Könige eingefügt, während das große Staatswappen das Giebelfeld über dem Mittelrisalit und ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen den Schlußstein über dem Hauptportal ziert.

Als Baustoff für die Straßenfront wurde weißer schlesischer Sandstein aus den Brüchen von Alt-Warthau und Rakwitz in verschiedener Oberflächen-Behandlung verwandt und durch eine besondere Behandlung der Rustika des Sockel- und Erdgeschosses eine eigenartige Wirkung der unteren Fassadenflächen erreicht. Der Sockel ist aus Beuchaer Granit hergestellt, Gesimsabdeckungen, Rinne und Abfallrohre sind aus Kupfer gefertigt. Die Hoffassaden sind in hydraulischem Kalk geputzt, die Sockel mit weißen, unglasierten Kaolinsteinen verblendet. Die Dächer der Hof- und Gartenfronten wurden mit Biberschwänzen als Kronendach, das Vordergebäude nach der Wilhelmstraße zu mit Mönchen und Nonnen gedeckt. Sämtliche Decken sind massiv. Sie sind zum größten Teil als preußische Kappen, zum kleineren Teil besonders in den Wohnräumen der großen Dienstwohnungen als Koenensche Voutendecken ausgeführt. In einzelnen Räumen, deren Bestimmung eine reichere Durchbildung erforderte, ist unter die gewölbte, tragende Konstruktion eine ebene Drahtputzdecke gespannt worden.

Die Haupttreppe ist in Eichenholz mit reich geschnitztem Geländer, die Treppe zu den Dienstwohnungen in Schmiedeeisen, die Diensttreppe an der rechten Seite des Gebäudes und die Nebentreppe im linken Seitenflügel freitragend in Kunstsandstein mit messingenen bzw. eisernen Vorstoßschienen und Linoleumbelag ausgeführt. Den Fußbodenbelag bildet in den meisten, auch in den Wohnräumen Linoleum auf Gipsestrich. Nur die vorderen Räume in der Wohnung des Unterstaatssekretärs und des Bureauvorstehers haben eichene Parkett- oder Stabboden erhalten.

Besonders gediegen ausgestattet ist der Sitzungssaal des Staatsministeriums. Er erhielt eine reicher gegliederte Stuckdecke sowie 2,10 m hohe eichene Paneele, die über den an der Fensterwand stehenden beiden Ecksofas als offene Bücherschränke ausgebildet wurden. In den vier Ecken sind auf reicher ausgebildeten Postamenten über den Paneelen die Marmorbüsten der Könige Friedrich Wilhelm III., Friedrich Wilhelm IV., König Wilhelm I. und Friedrich III. aufgestellt. Das lebensgroße Bild des regierenden Königs nimmt die Mitte der einen Schmalwand über einem barocken Kamin aus rot und weiß geflecktem Marmor ein. Es ist beabsichtigt, die Saalwände später mit Gobelins, die nach besonderen Zeichnungen angefertigt werden sollen, zu schmücken.

 

Die Registratur des Staatsministeriums im Quergebäude des Erdgeschosses ist zunächst als einfache Regalregistratur, jedoch in ihrer Konstruktion und Anordnung so ausgeführt worden, daß sie bei späterer Vergrößerung ohne Schwierigkeit in eine magazinierte Registratur umgewandelt werden kann. Die Bücherei des Staatsministeriums im ersten und die Registratur der Generalordenskommission im zweiten Stockwerk sind magaziniert.

Die Heizung des Gebäudes auch der Dienstwohnungen erfolgt durch eine Niederdruckwarmwasserheizung, deren Heizkörper in den meisten Räumen als unverkleidete Radiatoren in den Fensternischen untergebracht sind. Zum Zwecke besserer Reinigung sind diese Nischen mit Fliesen ausgelegt.

 

Der Neubau der General-Lotteriedirektion nimmt die ganze Breite des hinteren Grundstücks ein. Er ist so angeordnet, daß er erforderlichenfalls mit dem auf dem Grundstück Wilhelmstraße 64 liegenden angrenzenden Erweiterungsbau des Justizministeriums zu einem Dienstgebäude vereinigt werden kann.

Der Haupteingang zu den Diensträumen der Behörde liegt in der Mittelachse des Gebäudes, während rechts in der Richtung der vom Vordergebäude her führenden Zufahrtstraße ein besonderer Zugang zum Ziehungssaale für das Publikum angelegt ist.

 

Das Erdgeschoß (Abb. 5) wird auf der rechten Seite von dem 5,50 m hohen Ziehungssaal mit Vor-und Nebenräumen sowie dem anschließenden Zimmer der Ziehungskommissare, auf der linken Seite von der Kasse mit Tresoranlage und Kanzleidienerzimmern eingenommen. Im ersten Stockwerk befinden sich die Zimmer des Chefs, der Direktoren sowie die Registratur mit dem Sekretariat. Im zweiten Stockwerk liegt der große, die ganze Tiefe des Gebäudes einnehmende Loseverteilungssaal und die Buchhalterei. Das Dachgeschoß wird zur Aufbewahrung zurückgelegter Akten sowie als Trockenboden benutzt.

 

Die Bauweise ist wie bei dem vorderen Gebäude durchweg massiv. Die Decken sind hier zum größten Teil Monierdecken, zum kleinen Teil Koenensclie Voutendecken; der Fußbodenbelag besteht in sämtlichen Räumen und Fluren aus Linoleum auf Zement bezw. Gipsestrich. Die Treppe ist freitragend aus Granit mit Linoleumbelag ausgeführt. Der Tresorraum im Erdgeschosse wurde seitlich durch 51 cm starke aus Klinkern mit Zement gemauerte Wände geschützt, während er nach oben und unten durch 25 cm starke aus Klinkern mit Zement ausgeführte Gewölbe und durch überkreuz gelegte, in eine 10 cm hohe Betonlage eingestampfte .Stahlschienen gegen Einbruch gesichert ist. Der Zugang ist durch eine doppelte Panzertür geschlossen. Der Ziehungssaal erhält sein Licht von beiden Seiten und ist durch Schranken in drei Teile geteilt, von denen der erste von den Ziehungsrädern und den an denselben tätigen Ziehungskommissaren und Waisenknaben eingenommen wird, während im mittleren Teile die Berichterstatter der Zeitungen sitzen. Der hintere Teil ist dem Publikum zugewiesen. Die Fassaden (Abb. 2) sind mit hydraulischen Kalkmörtel geputzt, die Dächer mit Biberschwänzen gedeckt.

 

Die Baukosten für den Neubau des Staatsministeriums und der Generalordenskommission betrugen ausschließlich des beschafften Inventars anschlagsmäßig 630.000 Mark, das ist bei 1465 qm bebauter Fläche 430 Mark für 1 qm und bei 28 360 cbm umbauten Raumes 22,21 Mark für 1 cbm. Beim Neubau der General-Lotteriedirektion stellten sich bei einer Baukostensumme von 130.000 Mark und einer bebauten Fläche von 468,50 qm die Kosten für 1 qm auf 275,36 Mark und bei 8158 cbm umbauten Raumes auf 15,81 Mark für 1 cbm.

 

Der Neubau der General-Lotteriedirektion wurde im Juni 1899 begonnen und im November 1900 der nutznießenden Behörde übergeben, während der Neubau des Staatsministeriums im April 1900 angefangen und im Oktober 1902 beendigt wurde. Architekt der Gebäude ist der Geheime Baurat Paul Kieschke im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, der die Entwürfe aufstellte und die Oberleitung der Ausführung hatte. Die Ausführung lag für den Neubau des Staatsministeriums in den Händen des Baurats Bürckner und des Regierungs-Baumeisters Altmann, für den Neubau der General - Lotteriedirektion in den Händen des Erstgenannten und des Regierungs-Bauführers Dammeyer. Die Modelle für die Reliefporträts der Könige, für die Hermenfiguren der Fassade und des Vestibüls und für das große Staatswappen sind von dem Bildhauer Stefan Walter; den Adler über dem Portal hat der Bildhauer Otto Richter modelliert.

 

Aus: Zentralblatt der Bauverwaltung, 28. Februar 1903

Das neue Dienstgebäude für das preußische Staatsministerium in Berlin.

 

Anmerkung: Auf dem hinteren Grundstücksabschnitt des einstigen Preußischen Staatsministeriums in der Wilhelmstraße 52 (ehem. Nr. 53 bzw. 63) entstand um 1900 der Neubau der General-Lotterie-Direktion, der ab 1910 vom Preußischen Justizministerium genutzt wurde. Der Bau hat den Krieg teilweise überstanden und wurde von 1949 bis 2005 von der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ genutzt. 2006-2010 wurde der Bau durch „Anderhalten Architekten“ für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft saniert.

 

Weitere Dokumente aus dem Architekturmuseum der TU Berlin

 

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