Foto Hahn & Stich, 07.12.2019

 

Der Riegel kommt - Friedenau wird abgeschnürt

 

Spätestens jetzt, nachdem der erste Gebäuderiegel auf dem Bahndamm in die Höhe wächst, dürfte jedem Friedenauer einleuchten, dass die Luftzufuhr für den stark besiedelten Ortsteil nicht mehr gewährleistet ist. Wie wird es erst sein, wenn das gesamte Areal bis hin zur Hauptstraße bebaut ist. SPD und GRÜNE haben die vorab geäußerten Bedenken der Anwohner in den Wind geschlagen. Es macht sich gut, von Klima zu reden, aber wirklich etwas dafür zu tun, steht auf einem anderen Blatt.

 

Dass die Einsprüche zahlreicher Friedenauer ohne Folgen blieben, liegt auch an der damals erstellten Gutachterlichen Stellungnahme zu den klimaökologischen und lufthygienischen Auswirkungen des Bebauungsplans 7-68 im Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Ortsteil Friedenau in Berlin, die zwar Bedenken offenbarte, das Bauprojekt aber am Ende als nicht so schlimm durchwinkte.

 

Dabei hieß es im Gutachten eindeutig: Während das Planareal selbst eine geringe bis mäßige Belastungssituation aufweist, liegt innerhalb der südlich angrenzenden Siedlungsfläche von Friedenau eine bioklimatisch ungünstige Situation vor. Dies ist auf das Durchlüftungsdefizit sowie die hohe Baumasse und die versiegelten Flächen zurückzuführen, welche sich während sommerlicher Strahlungswetterlagen stark aufheizen und in der Nacht die Wärme wieder an die Luft abgeben." Doch obwohl nun für alle sichtbar das Durchlüftungsdefizit noch größer wird, kam das Gutachten zu einem überraschenden Schluss: "Eine Umsetzung der vorgesehenen Bebauung würde den nächtlichen Luftaustausch voraussichtlich nicht beeinflussen. Voraussichtlich??

 

Weiter heißt es im Gutachten: Die mit dem Bebauungsplan 7-68 – Güterbahnhof Wilmersdorf verbundenen Zusatzverkehre führen insbesondere im direkten Umfeld der östlichen Gebietsanbindung zu einer signifikanten Erhöhung der Luftschadstoffkonzentration. Dies ist auf das relativ hohe zusätzliche Verkehrsaufkommen auf diesem Abschnitt sowie die planbedingte Einschränkung der Durchlüftungsbedingungen zurückzuführen. Eine planbedingte Einschränkung der Durchlüftungsbedingungen wird also zugegeben. Doch die sogenannten Gutachter gaben dennoch grünes Licht für die massive Bebauung auf dem Bahndamm - ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

 

Foto Hahn & Stich, 07.12.2019

Endlich würdig

 

Die grüne Bezirksstadträtin von Tempelhof-Schöneberg Christiane Heiß hat es, nachdem sie jahrelang die Verwahrlosung hingenommen hat, endlich geschafft, den Platz vor der Gedenktafel für den von den Nazis am 23. April 1945 ermordeten Widerstandskämpfer Friedrich Justus Perels an der Friedrich-Bergius-Schule wieder in einen würdigen Gedenkort zu verwandeln.

 

Lange Zeit war der Platz zugewuchert, die Gedenktafel war nicht mehr zu erkennen. Der Bezirk erklärte sich für nicht zuständig. Jetzt also doch - manchmal hilft es, die Behörden immer wieder a ihre Verantwortung zu erinnern. Manchmal!

Hat die Intransparenz Methode?

 

Sechs Stunden hat Bezirksstadträtin Christiane Heiß für eine Antwort auf unseren Offenen Brief zur Fällaktion auf dem Perelsplatz gebraucht. In einer E-Mail teilt die Bündnisgrüne mit, dass der Tagesspiegel schneller war und „bereits am 1.10.2019 diese Meldung in Absprache mit uns veröffentlicht hat“ (siehe unten).

 

Die Bezirksstadträtin tut so, als ob eine Meldung im Tagesspiegel eine rechtzeitige Information der Bevölkerung ersetzen würde. Aber genau darum geht es uns und vielen Friedenauern: Die schockierende Fällaktion ist ohne Absprache mit den Bürgerinnen und Bürgern durchgezogen worden, eine Beteiligung der Anwohner zur Gestaltung des Parks hat nie stattgefunden. Der Verweis auf eine Tagesspiegel-Meldung kann nicht im Ernst die Antwort auf diese nun wiederholt geübte Intransparenz des Bezirksamts sein.

 

Immerhin erfahren wir jetzt, dass derzeit ein dritter Bauabschnitt der gartendenkmalpflegerischen Wiederherstellung der Grünanlage realisiert wird. Einem „dritten“ müsste ein „erster“ und „zweiter“ vorausgegangen sein. Laut Heiß „seien die Ergebnisse der ersten beiden Abschnitte von der Bevölkerung positiv aufgenommen worden“. Gemeint könnte damit nur sein, dass das Areal rund um die sanierte und seit zwei Jahren ungenutzte ehemalige Bedürfnisanstalt von Hans Altmann hergerichtet wurde.

 

Dem Tagesspiegel-Bericht ist auch zu entnehmen: „Eine Infotafel soll aufgestellt werden, die über die Arbeiten auf dem Platz informiert.“ Die Tafel soll kommen, nachdem der Kahlschlag bereits stattgefunden hat? Ein Armutszeugnis. Das ist schlicht unseriös.

 

Was bleibt? Kopfschütteln über das Agieren einer offenbar überforderten Bezirksstadträtin, Entsetzen über den Kahlschlag am Perelsplatz und diese Meldung im Tagesspiegel:

 

NAMEN & NEUES Arbeiten am Gartendenkmal Perelsplatz. Bei den Anwohnern des Friedenauer Perelsplatzes ist die Sorge groß, dass in großem Stil dort Bäume gefällt werden. Warum müssen Bäume weichen? Das habe ich Bezirksstadträtin Christiane Heiß (Grüne) gefragt. Ihre Antwort: Der dritte Bauabschnitt der gartendenkmalpflegerischen Wiederherstellung der Grünanlage werde jetzt realisiert. Die Ergebnisse der ersten beiden Abschnitte seien von der Bevölkerung positiv aufgenommen worden, sagt Heiß.

Schutzwürdig. Der Perelsplatz steht seit 1999 unter Gartendenkmalschutz. Die Gestaltung des Platzes stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert, wesentlicher Bestandteil des Platzes war unter anderem ein lichtes Birkenwäldchen, das jetzt überarbeitet werde. Nach den Vorgaben des Denkmalschutzes sind laut Heiß Rückschnitte und Fällungen an Eiben notwendig, die sich zumeist selbst ausgesät haben. Sechs stark geschädigte Bäume – fünf Birken und ein Zierapfel -, die alle in schlechtem Zustand seien, sowie 28 Eiben werden gefällt. 25 weitere Eiben werden stark zurückgeschnitten. Die Birken sollen ersetzt werden. Auch andere Strauchgruppen werden beschnitten. Ziel sei „eine mehrstufige Vegetationsschicht mit entsprechend höherer ästhetischer und ökologischer Wertigkeit und die Wiederherstellung des denkmalpflegerischen Zustands“.

Das wird nachgepflanzt. Insgesamt 16 Bäume (hauptsächlich Birken) sowie Sträucher, Bodendecker und Stauden nach historischem Vorbild. Eine Infotafel soll aufgestellt werden, die über die Arbeiten auf dem Platz informiert.

 

Perelsplatz 09.10.2019. Foto Hahn & Stich

Kahlschlag am Perelsplatz – Was steckt dahinter?

 

Offener Brief an Bezirksstadträtin Christiane Heiß

Friedenau, 10. Oktober 2019

 

Sehr geehrte Frau Heiß,

 

Fassungslos haben die Friedenauer in den vergangenen Tagen die massiven Baumfällungen auf dem Perelsplatz registriert. Zahlreiche Menschen haben uns vor Ort angesprochen und ihrer Empörung Ausdruck gegeben.

 

Über die Motive dieses Kahlschlags wird spekuliert. Da helfen auch die paar Hinweisschildchen an den Bauzäunen nicht, aus denen wenig Verständliches hervorgeht. Wenn es dort heißt: „Wir hoffen, dass Ihnen die vorgesehenen Neugestaltungen Freude bereiten“, dann fühlen sich die Menschen schlicht auf den Arm genommen.

 

 

 

Im Vorfeld dieser Fällaktion gab es weder Informationen aus Ihrem Fachbereich noch aus dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg. Dabei werden von dort täglich Presseinformationen herausgeschickt, zuletzt „1a Kiezspaziergang mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler“ oder „Aufgrund von internen Fortbildungsmaßnahmen bleibt das Bürgeramt Schöneberg am Mittwoch, den 30. Oktober 2019 sowie am Freitag, den 29. November 2019 ganztägig geschlossen. Dokumente können an diesem Tag nicht abgeholt werden.“

 

Diese Informationspolitik zum Perelsplatz ist nicht tragbar und ignoriert die mündigen Bürger. Weder wurden sie rechtzeitig unterrichtet, noch an der Entscheidung, die zu diesem Kahlschlag führte, beteiligt. Eine Politik des Faktenschaffens, ausgerechnet unter bündnisgrüner Führung, ist nicht mehr zeitgemäß und wird von den Menschen auch nicht mehr akzeptiert.

 

Es bleibt für uns unverständlich, warum Sie durch diese Handlungsweise das Vertrauen der Menschen in die kommunale Politik und zu den politischen Entscheidungsträgern weiter schwächen. Die Gestaltung des Perelsplatz kann nicht Sache eines offenbar von Ihnen engagierten Büros „Landschaftsarchitektur Werner“ sein, sie ist Sache der Menschen, die in Friedenau leben und den Park täglich nutzen. Doch sie wurden nicht gefragt!

 

Ist Ihnen die Gefühlslage der unmittelbaren Anwohner Lauter-, Handjerystraße/Perelsplatz überhaupt klar? Lauter- und Handjerystraße wurden im Bereich des Parks vor Wochen ohne Vorwarnung abgesperrt und aufgerissen, weil unmittelbar daneben ein Mega-Bauprojekt auf dem Bahndamm trotz Bürgerwiederstand durchgezogen wird. Der von Kindern und Jugendlichen reichlich genutzte Sportplatz an der Lauterstraße soll verschwinden und die Anwohner wurden unlängst damit konfrontiert, dass an seiner Stelle eine riesige Wettkampfhalle gebaut werden soll. Und jetzt der Kahlschlag im Park vor der Haustür. Wie erklären Sie den Bürgern diesen „Irrsinn“?

 

Wir fordern Sie deshalb in diesem offenen Brief im Namen zahlreicher Friedenauer auf, die Motive für diese gravierenden Fällungen offenzulegen. Auch wenn es bereits zu spät ist, darf ein solcher massiver Eingriff in das Lebensumfeld der Bewohner nicht ohne öffentliche Erklärung der zuständigen Bezirksstadträtin durchgeführt werden.

 

Mit freundlichen Grüßen

Peter Hahn & Jürgen Stich

www.friedenau-aktuell.de

 

Michael Schoenholtz. Foto Dietmar Bührer, 2012

Michael Schoenholtz ist tot

 

Am 30. September 2019 ist der Bildhauer und Zeichner Michael Schoenholtz im Alter von 82 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit in Berlin gestorben. Bis zum Ausbruch seiner Krankheit wirkte er jeden Tag in seinem Atelier in Berlin-Friedenau mit seiner außergewöhnlichen Energie und Schaffenskraft.

 

Michael Schoenholtz wurde 1937 in Duisburg geboren, studierte ab 1956 Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Köln, ab 1957 Kunst an der Hochschule der Künste in Berlin, wo er von 1962 bis 1963 Meisterschüler von Ludwig Gabriel Schrieber war. Von 1971 bis 2005 hatte er dort eine Professur inne. Seit 1996 war er Mitglied der Akademie der Künste, von 1997 bis 2003 Direktor der Sektion Bildende Kunst. Am Gelingen der Vereinigung der Akademien Ost und West wirkte und gestaltete er maßgeblich mit.

 

 

 

 

 

Im Nachruf der Akademie der Künste heißt es: Schoenholtz war durch und durch Steinbildhauer, der seine Arbeiten in reduzierter Formensprache nach großformatigen Kohlevorzeichnungen ausführte. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Skulpturen in den fünf Kapellen der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche, die Zerstörung und Neubeginn thematisieren. Zahlreiche seiner Skulpturen befinden sich in Privatsammlungen und im öffentlichen Raum unter anderem in Heilbronn, Nordhorn, Soest und Berlin. Michael Schoenholtz hat zu Lebzeiten sein Archiv der Akademie der Künste vermacht. „Lust auf die Materie – Spaß am Machen – Appetit auf Form – Misstrauen gegenüber der Erscheinung – Angst um die Form – Erschrecken vor der Vergänglichkeit – Festhalten der vergehenden Form – Furcht vor der zerstörten Form – Reiz der zerstörten Form“, so beschrieb er die Voraussetzungen seines Schaffens. Die Akademie der Künste trauert um ihr Mitglied.

 

Michael Schoenholtz arbeitete bis zu seinem Tod in dem vom Architekten Otto Rehnig im Jahr 1900 entworfenen Ateliergebäude auf dem ehemaligen Pählchenschen Grundstück Görresstraße Nr. 21 (Wilhelmstraße). Die Ateliers gerieten in die Schlagzeilen, als die Bauwert AG die Gebäude auf den Grundstücken Görresstraße Nr. 21 und Nr. 23 abreißen lassen und durch Neubauten ersetzen wollte. Das Landesdenkmalamt stellte das gesamte Anwesen im Mai 2019 unter Denkmalschutz, und merkte (mit Bedauern an), dass bei der letzten Überprüfung der Erfassung Friedenaus im Zuge der Topographie im Jahr 2000 das Anwesen keine Berücksichtigung fand. Daher unterblieben weitere Forschungen. Die geschichtlichen Hintergründe, Zusammenhänge mit dem Fuhrhof und der Bildhauerkolonie in der Wilhelmstraße mussten daher verborgen bleiben. Nun heißt es: Geschichtliche Bedeutung hat die Anlage auch, weil das Atelier das letzte erhaltene Zeugnis der um die Jahrhundertwende entstandenen Bildhauerkolonie in der Wilhelmstraße ist und eine ungebrochene Nutzungskontinuität durch namhafte Künstler nachgewiesen werden kann. Die Bedeutung des Ortes für die Künstler sowie die mit diesem Ort verbundenen Kunstwerke bedürfen noch eingehender Forschungen. Von dieser Bildhauerkolonie, nach Kaier Wilhelm II. das Klein Carrara in Froiedenau, mit einer nachgewiesenen Nutzungskontinuität bis heute, ist das Atelierhaus das einzige erhaltene bauliche Zeugnis, nachdem der Bildhauerhof von Valentino Casals im Ersten Weltkrieg enteignet wurde und 1935 abgerissen wurde. Durch die Viten der dort tätig gewesenen Künstler kommt dem Ort eine geschichtliche Bedeutung zu.

 

Michael Schoenholtz, in dessen Atelier u. a. die Skulpturen für die Krypta der Dresdener Frauenkirche entstanden, ist ein Teil dieser Geschichte. Der in Friedenau lebende Fotograf Dietmar Bührer hat Michael Schoenholtz im Jahr 2012 im Atelier Görressstraße Nr. 21 fotografiert. Als wir anfragten, ob wir diese Aufnahme hier veröffentlichen dürfen, kam die prompte Antwort: Selbstverständlich. Wir danken Herrn Bührer.