Hier entstehen Eigentumswohnungen ...

Bennigsenstraße Nr. 4 & Hähnelstraße Nr. 3

 

Kaum hatte Irith Nehls Immobilien das Schild am Haus Bennigsenstraße Nr. 4 angebracht, wurde der Werbeslogan handschriftlich ergänzt: … und Mietwohnungen werden vernichtet. Binnen Stunden wurde das bereinigt: Nach revitalisierenden Sanierungsarbeiten wird der Altbau in altem West-Berliner-Charme erstrahlen. Im Vorderhaus und Seitenflügel entstehen 18 Eigentumswohnungen, von denen die 5 neuen Dachgeschosswohnungen mit Terrassen bereits am 7. August 2020 verkauft sind. Zu den umfangreichen baulichen Maßnahmen am Gemeinschaftseigentum zählen unter anderem die Anbringung neuer Balkone im grünen Hofbereich. Ein neuer, verglaster Aufzug erschließt komfortabel alle Wohnungen. Wohnungsgrößen von 98 bis 121 m² Wohnfläche mit 2 bis 4 Zimmern und unterschiedlichen Wohnungsvarianten stehen zur Verfügung. Durch Wohnungszusammenlegungen können auch größere Varianten mit ca. 230 m² Wohnfläche umgesetzt werden. Die Kaufpreise liegen zwischen 692.000 und 878.000 Euro. Erstbezug nach Sanierung, verfügbar ab 30.06.2021.

 

Vier Jahre vor Umwandlung dieser Miet- in Eigentumswohnungen erfuhren wir Details zur Geschichte des Hauses Bennigsenstraße 4: Ich habe mit großer Freude Ihr Buch ‚Friedenau - Geschichte & Geschichten‘ gelesen. Ich bin Jahrgang 1943 und in der Bennigsenstraße 4 aufgewachsen, in der Albestraße zur Schule gegangen und habe 1962 an der Rheingauschule mein Abitur gemacht. Das Haus hat mein Großvater, der Böttchermeister Friedrich Hermann Thärichen am 8. September 1906 für 116.000 Mark käuflich erworben. Finanzierung: 110.000 Mark übernommene Hypotheken, 1.000 Mark Barzahlung, 5.000 Mark abgetretene Hypothekenforderung auf Grundstück Oranienburg.

 

Verkäufer waren Frieda und Gertrud Haack, Tochter des Töpfermeisters Wilhelm Haack. Aus dem Grundbuch gehen als Vorbesitzer neben der ‚Baugesellschaft Wartestraße‘ der Maurermeister Heinrich Lehmann und der Steinmetzmeister August Nitze hervor, die bereits 1865 als Besitzer eingetragen waren. Im Grundbuch eingetragene Forderungen: 29.000 Mark Kaufgeld für Maurermeister Lehmann und Steinmetzmeister Nitze zu gleichen Teilen. 87.000 Mark für die Baugesellschaft Warthestraße.

 

Meine Großmutter Louise Thärichen hatte in der Bennigsenstraße 4 im Erdgeschoss links nach dem Tod ihres Mannes 1909 eine Vorkosthandlung betrieben. An die Lagerräume unter der Wohnung im Erdgeschoss kann ich mich noch erinnern. Nach dem Tod von Hermann Thärichen 1909 erfolgte am 29. November 1915 die Umschreibung auf Louise Thärichen. Als Folge der Inflation von 1923 wurden die Hypotheken neu bewertet: Alt 100.000 Mark, neu 25.000 Mark. 1930 gewährte der Mieter Gustav Heckendorf ein Darlehen über 3000 Mark. 1934 kam ein Öffentliches Darlehen der Stadt Berlin über 3000 Mark hinzu.

 

Nach dem Tod von Louise Thärichen gab es 1948 einen Erbauseiandersetzungsvertrag der fünf Geschwister, darunter Bernhard Thärichen, der seinen Anteil 1953 an Horst Thärichen, den Sohn von Walter Thärichen verkaufte und auch die auf dem Anteil liegenden Hypothekenlasten übernahm. Am 17. Februar 1966 erfolgte der Verkauf an den Installateurmeister Martius. Hier endet die Geschichte der Eigentümerfamilie Thärichen. Aus dem Friedenauer Adressbuch ist ersichtlich, dass die Mieterstruktur über Jahrzehnte erhalten blieb, darunter Witwen, Buchhalter, Magistratsassistent, Schlosser, Tischler, Postbeamter, Schriftsetzer, Landwirt, Rentner, Reichsbahner, Prokurist.

 

Nun wird auch in der Bennigsenstraße eintreten, was Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) befürchtet: Die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen ist häufig der erste Schritt zur Verdrängung alteingesessener Mieter, die seit vielen Jahren in ihren Stadtteilen leben und dort fest verwurzelt sind. Wohl nicht umsonst hat Bundesbauminister Horst Seehofer (CSU) ihre Formulierungsvorschläge in seinen Gesetzesentwurf aufgenommen, mit dem er die Umwandlung vor Immobilienspekulanten schützen und künftig nur noch ausnahmsweise erlauben möchte.

 

Entschiedener Gegner ist Jan-Marco Luczak. Der Vorsitzende der CDU Lichtenrade und stellvertretende Vorsitzende der CDU Tempelhof-Schöneberg ist Mitglied des Bundestages, dort Vorsitzender der Landesgruppe der CDU Berlin, rechtspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und obendrein auch Sprecher des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz. Für ihn ist der Ansatz falsch. Wir müssen den Menschen helfen, eine Eigentumswohnung zu kaufen, statt zu verhindern, dass solche Wohnungen auf den Markt kommen. Für Luczak sind Mieter bei einer Umwandlung schon heute gut geschützt. Auch nach Ablauf des zehnjährigen Schutzes vor Eigenbedarfskündigungen müsse der Vermieter doch nachweisen und gegebenenfalls gerichtlich durchsetzen, dass er tatsächlich Eigenbedarf hat. Außerdem hätten die Mieter das Recht, in den Kaufvertrag, den der Vermieter mit dem Interessenten geschlossen hat, einzutreten. Das ist oft eine günstige Gelegenheit für die Bildung von Wohneigentum, weil die Preise für vermietete Wohnungen niedriger sind als für freie Wohnungen.

 

Wo lebt der Christdemokrat eigentlich? Und warum wundert er sich noch, dass es auf sein Wohnhaus in Lichtenrade einen Farbanschlag gab und in seinem Bürgerbüro in der Kolonnenstraße die Scheiben eingeschlagen wurden – ohne diese Taten an dieser Stelle in irgendeiner Form rechtfertigen zu wollen: Tempelhof-Schöneberg ist meine Heimat. Hier bin ich aufgewachsen, hier lebe ich und bin tief verwurzelt. Ganz so tief kann er hier nicht verwurzelt sein. Immerhin hat er bei CDU/CSU und FDP das Quorum für die Normenkontrollklage der Bundestagsfraktionen beim Bundesverfassungsgericht gegen den Berliner Mietendeckel organisiert – und obendrein als Associate der Wirtschaftskanzlei Hengeler Mueller dafür gesorgt, dass seine Anwaltskollegen das lukrative Mandat für Karlsruhe erhielten. Wir wollen das von Rot-Rot-Grün verursachte wohnungspolitische Chaos schnellstmöglich beseitigen und für alle Beteiligten Rechtssicherheit schaffen.

 

Fakt ist doch, dass 2019 in Berlin 12689 Miet- in Eigentumswohnungen umgewandelt wurden, die sich im ersten Halbjahr 2020 um bis zu einem Drittel verteuert haben. Neubauten sind knapp. Was – wie auf dem Friedenauer Bahndamm – aus dem Boden gestampft wird, schreckt vom Einzug eher ab. Baufachleute aus dem Schöneberger Rathaus gestehen ein, dass die Bebauung auf dem Bahndamm sehr dicht ist. In der Konsequenz entstehen dort derzeit staatlich geförderte Wohnbauten für soziale Gruppen, die ihren Wohnungsbedarf nicht am freien Wohnungsmarkt decken können.

 

Den Besserverdienenden springen Hauseigentümer zur Seite, indem sie versuchen, bisherige Miet- in Eigentumswohnungen umzuwandeln. In Friedenau gehören dazu die Häuser Bennigsenstraße Nr. 4 und gleich um die Ecke Hähnelstraße Nr. 3 mit Vorderhaus und zwei Seitenflügeln. Nachdem Auszugsgelder geflossen waren, sind die Wohnungen nun weitgehend leergezogen. Andere Mieter sollen noch streiten. Derzeit entsorgen „hörbar“ osteuropäische Arbeiter die Hinterlassenschaften. Im Souterrain werden Türen, Treppengeländer sowie Holz-Paneele der Wandverkleidung saniert. Nach der Umwandlung müsste das nach unserer Rechnung in Vorderhaus und Seitenflügeln 18 Eigentumswohnungen inklusive der beiden neuen Dachgeschosswohnungen bringen.

 

Jan-Marco Luczaks Engagement für Tempelhof-Schöneberg ist nicht weniger fragwürdig wie der Berliner Mieterdeckel. Aus seinen Statements sind keine Perspektiven zu erkennen. Kein Wort zum Beispiel über die unsägliche Verdichtung der städtischen Quartiere, kein Wort zu Milieuschutzgebiete. Sicher eine heikle Angelegenheit, weil laut Baugesetz eine Milieuschutzverordnung wegen der damit verbundenen Eingriffe in die grundgesetzlich geschützten Eigentumsrechte nur erlassen werden kann, wenn die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung aus besonderen städtebaulichen Gründen erhalten werden soll. Dieser Bezug müsste aber mit konkreten Fakten durch Felduntersuchungen (Grobscreening für Wohngebiete) unterlegt werden. Für einzelne Schöneberger Bereiche nördlich der S-Bahn gab es das schon – nicht aber für Friedenau.

 

Luczak und seine CDU Tempelhof-Schöneberg könnten zumindest über BVV und Bezirksamt den Milieuschutzantrag für den Erhalt der sozialen Mietermischung stellen, damit die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen immerhin nur mit Zustimmung der Behörden erfolgen kann.

 

 

 

Sommergeschichte I

Wir waren in Italien

 

 

 

Natürlich präsentierte sich die ligurische Küste so elegant wie sonst auch, selbstredend luden Portofino, Rapallo, Santa Margherita, Chiavari, Sestri Levante und Moneglia zum Verweilen ein. Doch wir waren traurig, weil die Deutschen die Italiener ein zweites Mal verschmäht haben in diesem Jahr der Enttäuschungen. Wir waren in Italien und alleingelassen von unseren Landsleuten – wie die Italiener auch. Aus Europa waren nur wenige Touristen gekommen.

 

Was hat Covid angerichtet? Als die erste Welle der Pandemie Italien hart getroffen hatte, lauteten die deutschen Antworten Grenzen zu und Abschottung. Von Hilfe für das Sehnsuchtsland jenseits der Alpen keine Spur. Das war für die Italiener die erste Enttäuschung.

 

Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn? Als Italien sich für Gäste wieder öffnete, wagen sich wenige über den Brenner – allerdings nur nach Südtirol. Schon in Brixen verließen die Deutschen die Autostrada del Brennero ins sichere Pustertal. Die restlichen deutschen Kfz-Schilder verschwanden an den Ausfahrten zum Gardasee. Weiter kamen die Deutschen nicht. Schon gar nicht über Verona, Parma und den Apennin an die italienische Riviera.

 

Was waren das für Zeiten, als eine Reise nach Italien ein Muss der kultivierten europäischen Gesellschaft war. Mehr noch – als sich die Vertreter der einst verfeindeten Kriegsnationen 1922 zur Konferenz von Genua trafen, um das zertrümmerte Europa wieder zusammenzukitten. Für die deutsche Delegation von Außenminister Walter Rathenau waren dabei die Treffen mit den Sowjets im Grandhotel Imperial an der ligurischen Küste wichtiger. Hier gab es zwar keine Fortschritte in der Reparationsfrage, aber immerhin verschaffte der bilaterale Vertrag von Rapallo vom 16. April 1922 Deutschland außenpolitisch mehr Handlungsfreiheit. Der Salon, in dem Deutsche und Russen schließlich die Vereinbarung unterzeichneten, ist auch für Nicht-Gäste der mondänen Unterkunft in diesen Corona-Zeiten zu besichtigen.

 

Wer sich in diesem Sommer zudem auf die atemberaubende Küstenstraße nach Portofino getraut hätte, hätte dort über ein weiteres Kapitel deutsch-italienischer Geschichte erfahren können. Hoch oben auf dem Sattel von Portofino hatte Freiherr Alfons Mumm von Schwarzenstein neben der Kirche 1910 das Castello San Giorgio als Wohnsitz erworben. Der Ex-Diplomat und Spross der Wein- und Champagner-Dynastie G. H. Mumm Johannisberg und Reims empfing dort am 6. Mai 1914 wenige Wochen vor dem Ersten Weltkrieg nicht nur Kaiser Wilhelm II. nebst Gattin Auguste Viktoria, sondern nach dem Fiasko am 16. April 1922 Minister und Diplomaten, die in Genua und Rapallo am Verhandlungstisch saßen.

 

Wenige Wochen danach notierte er: Der schönen Worte wurden viele gewechselt, aber Europa vermisst noch die Tat, von der es den Wiederaufbau erhoffte. Nur allein Rathenau hat gehandelt, dabei aber die Töpfe zerschlagen, in denen das Essen für Deutschland gekocht werden sollte. Indessen wollen wir nicht unterschätzen, dass nach langen Jahren der Feindseligkeiten zum ersten Male wieder ein friedlicher Meinungsaustausch auf dem Boden der Gleichberechtigung zwischen uns und zu unseren bisherigen Gegnern angebahnt worden ist. Insofern aber haben die in Genua und Rapallo vertretenen Mächte endlich die Notwendigkeit erkannt, Deutschland im allgemeinen europäischen Interesse vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Und deshalb wollen wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Konferenz sich in der Folge doch als ein Meilenstein auf dem Weg zum wahren Frieden erweisen möge, und schließen uns daher gerne dem Schlusswort Rathenaus an, der unter stürmischer Zustimmung aller – außer den französischen – Delegierten ausgerufen hat: Ich rufe Frieden, Frieden, Frieden.“ Am 24. Juni 1922 wurde Walther Rathenau im Berliner Grunewald ermordet.

 

Alfons von Mumm starb am 10. Juli 1924. Portofinos Ehrenbürger wurde hinter der Kirche zum Heiligen Georg im protestantischen Teil des Dorffriedhofs begraben. Die Baronessa aber, Jeannie von Mumm, wurde zur Legende. Im April 1945 hielt sie den deutschen Wehrmachtskommandanten Ernst Reimers persönlich davon ab, das im Fischerdorf bereits überall deponierte Dynamit zur Explosion zu bringen und bewahrte den Ort damit vor der Zerstörung durch die abziehenden Deutschen. 1953 wurde sie im Grab ihres Mannes beigesetzt. Ehrenbürgerschaft und Gedenktafel erinnern bis heute an diese mutige Tat: ALLA BARONESSA VON MUMM; PERVASA DAL PROFUMO DEL MARE E DALLE CAREZZE DEL VENTO, CHE FERMO LA BARBARIE CON GESTO CORAGGIOSO, I CITTADINI DI POROFINO POSERO A MEMORIA:

 

Italien, Deutschland, Europa – auf der Küstenstraße nach Cinque Terre gibt es an vielen Ecken Anknüpfungspunkte – aber in diesem Jahr bleiben die Deutschen weg. Wer beobachtet, wie vorbildlich Hotels, Gaststätten und Läden die Corona-Regeln umsetzen, wie pflichtschuldig Masken in Chiavari selbst unter den Arkaden der Via Martini della Liberazione oder auf dem täglichen Markt der Piazza Mazzini getragen werden, kann die furchtgetriebene Zurückhaltung der Ausländer nicht verstehen – ja, muss sie verurteilen, weil sie weiteren menschlichen und wirtschaftlichen Schaden im Land anrichtet.

 

Dabei würde die schöpferische Kraft, die der Däne Hans-Christian Andersen 1833/34 in Sestri Levante tankte, auch manchem Nordländer heute guttun. Andersens Kleine Meerjungfrau mag nicht direkt aus der Baia di Silencia gestiegen sein, aber die Idee stammt aus dem kleinen ligurischen Ort, den der Dichter so liebte, der ihn schließlich auch zum Improvisator inspirierte, einem Roman großer Gefühle und Träume, in dem Andersen seinen Helden Antonio ausrufen lässt: Wollte ich die Welt schildern, so musste ich stärker in ihr leben.

 

Wir taten es, akzeptierten, dass Extra Vergine di Oliva, Aceta Balsamico und Parmigiano in Plastikbeuteln und Pane in Papiertüten serviert wurden, genossen bei DA SERGIO in Sestri Levante wie immer Cozze, Vongole und Acciughe in zuverlässiger Frische, stürzten uns am kleinen freien Sandstrand Rená in Riva Trigoso in die Wellen, registrierten, dass nebenan auf der Werft FINCANTIERI eine Fregatte für die italienische Küstenwache im Entstehen war, Modell Multipurpose Offshore Patrol Vessel, die schon bald auch für die Deutschen im Mittelmeer die europäische Außengrenze schützen würde. Dermaßen beruhigt entschlossen wir uns am frühen Abend zur Fahrt durch den für Autos freigegebenen ehemaligen Eisenbahntunnel nach Mognelia, um hoch über dem Ort und inmitten von Olivenhainen im L’ULIVETO ligurische Hausmannskost zu genießen: Ravioli di spinaci in salsa di ricotta e noci als Vorspeise und Arrosto di Vitello als Hauptgericht. O bella Italia. Schön wars. Den Deutschen ist etwas entgangen.

 

***

 

Sommergeschichte II

Zwei Italiener in Berlin

 

Ihre Biografien warten mit einigen Parallelen auf. Ferruccio Busoni und Valentino Casal waren Italiener. Beide kamen etwa zur gleichen Zeit nach Berlin. Casal 1891. Zwei Jahre später heiratete er die in Tilsit geborene Ida Eva Alexandra Sucht (1872-1948). Aus der Casalschen Ehe gingen die Kinder Leonora (1893), Eugenie (1896) und Peter (1900) hervor. Busoni kam 1894 mit seiner aus Schweden stammenden Ehefrau Gerda Sjöstrand (1862–1956) und Sohn Benvenuto (1892) an. 1900 kam Sohn Rafaello hinzu. Busonis Tätigkeiten als Pianist, Dirigent und Lehrer ermöglichten ihm einen hohen Lebensstandard. Abgesichert durch ein erhebliches Geldvermögen zog er 1910 mit Familie in die hochherrschaftliche Mietwohnung am Viktoria-Luise-Platz Nr. 11 – ausgestattet mit Musiksalon, zwei Flügeln, Bibliothek mit 5000 Büchern und einem persönlichen Aufzug in den 5. Stock.

 

Valentino Casal erwarb im Januar 1899 in Friedenau das Grundstück zwischen Wilhelmstraße Nr. 7 (Görresstraße) und Bachestraße Nr. 10. Die Gemeindevertretung genehmigte das Baugesuch zur Errichtung von Wohn- und Werkstattgebäuden. Bis 1901 entstanden dort im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. elf von 32 marmornen Monumenten für die Siegesallee im Tiergarten. Denkmale für Goethe, Moltke, Wagner, repräsentative Grabmale für die Friedenauer Albert Hirt und Wilhelm Prowe auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße folgten. Er konnte sich einen bemerkenswerten Besitz erarbeiten, besaß ein Grundstück mit Gebäuden ohne Schulden im Wert von 125.000 Mark, zuzüglich 55.000 Mark stabile Vermögenswerte, die durch Gold abgesichert waren. Ich hatte ein gut ausgestattetes Atelier mit einem reichhaltigen Lager an Marmor in einem Gesamtwert von 45.000 Mark. Ich hatte keine Schulden. Im März 1910 reiste er mit seiner Frau nach Florenz, wollte mit der Familie in dem schönen Land leben, in dem ich geboren wurde. Ich hatte die Absicht, eine Villa in Fiesole zu kaufen, aber meine Frau stimmte nicht zu. Ein Haus auf dem Lido di Venezia lehnte sie ebenso ab. In Venedig wären meine Verwandten, gute geehrte Menschen, aber kompliziert. Sie fürchtete sich vor der Isolation. 1912 und 1913 versuchte er es über die Töchter. Wir besuchten alle größeren Städte, sahen viele Kunstwerke und genossen die Schönheit der Natur. Frau und Kinder aber wollten in Berlin bleiben.

 

Es kam der 28. Juni 1914. In Sarajevo wurden Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie ermordet. Am 28. Juli 1914 erfolgte die Kriegserklärung von Österreich-Ungarn an Serbien. Italien als Mitglied des Dreibundes mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbündet, erklärte zunächst seine Neutralität und verhandelte in geheimen Treffen mit der Entente. Nachdem Italien mit dem Londoner Vertrag vom 26. April 1915 territoriale Zugeständnisse hinsichtlich Tirol, Trentino und Triest erreicht hatte, erfolgte am 23. Mai 1915 die Kriegserklärung an Österreich-Ungarn. Innerhalb weniger Tage wurde aus einem Lokalkrieg ein Kontinentalkrieg – da Österreich-Ungarn, Deutsches Kaiserreich, Osmanisches Reich, Bulgarien, dort Italien, Frankreich, Großbritannien, Russland, Serbien, Belgien, Rumänien – der Erste Weltkrieg.

 

Ferruccio Busoni und Valentino Casal wurden Personae non gratae. Hinzu kam die Aufforderung des Kaiserlichen Auswärtigen Amtes an die deutschen Kreditinstitute und Bankiers, wonach diese jeden italienischen Untertan als feindlichen Ausländer zu erachten hätten und jede Zahlung, die ihm etwa geschuldet sein sollte, hinanhalten sollten. Noch rechtzeitig reiste Casal am 7. Mai 1915 mit Sohn Peter nach Zürich. Vor Verlassen Berlins übergab ich meiner Frau 3000 Mark und eine Vollmacht (procura generale) für die Deutsche Bank, so dass sie unsere Interessen vertreten konnte. Im Juli 1915 hatte er ein schönes Haus am Zürichsee gefunden. Seine Frau aber wollte mit den Kindern in Friedenau bleiben. Casal gab nach und schickte den Sohn nach Berlin zurück.

 

Von Angst und Unsicherheit geplagt, auch um Zeit zu finden, seine delikate Lage zu überdenken als Mensch zwischen zwei Nationen, die sich nunmehr feindlich gegenüberstanden, entschloss sich Busoni bei Ausbruch des Krieges zu einer seit geraumer Zeit ins Auge gefassten Tournee in die Vereinigten Staaten. Doch schon im Sommer 1915 kehrte er nach Europa zurück. Er entschied sich, die Schweiz um politisches Asyl anzusuchen. Anfang Oktober 1915 bezieht er in Zürich eine Wohnung, übernimmt die Leitung des Tonhalle-Orchesters und kann mit Arlecchino und Turandot am 11. Mai 1917 seine ersten Opern- und Bühnenprojekte zur Uraufführung bringen.

 

Für Casal war es schwieriger. Da die Familie nicht in die Schweiz wollte, stellte ich im August 1916 den Antrag auf Wiedereinreise nach Deutschland. Er wurde abgelehnt. Ich sei unerwünscht. 1917 beantragte er in der Schweiz die Einbürgerung. Da meine Familie jedoch noch immer in Deutschland wohnhaft war, könnte mein Antrag nur angenommen werden, wenn ich mit meiner Familie in der Schweiz wohnhaft wäre. Als die Familie dann später Zuflucht bei mir in der Schweiz finden wollte, war es zu spät. Die Schweiz wollte keinem Ausländer die schweizerische Nationalität gewähren. Unmittelbar nach dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 fuhr ich nach Berlin zu meiner Familie. Das Anwesen Wilhelmstraße Nr. 7 (Görresstraße) war inzwischen beschlagnahmt. Laut Adressbuch ist von 1918 bis 1921 die Gemeinde Friedenau als Eigentümerin und als Mieter Obergärtner Piekowski und für das Atelier Bildhauer Heinrich Mißfeldt eingetragen. Casal zog 1919 vorerst mit Ehefrau Ida Eva, den Töchtern Leonora und Eugenie sowie Sohn Peter nach Lichterfelde in die Hortensienstraße Nr. 12. Mit Übernahme des Anwesens durch die Grundstücksverwaltung Schöneberg wurden am 22. März 1922 die auf die Bachestraße ragenden Bauten der Ateliers entfernt. 1923 ging das gesamte Grundstück an das Bezirksamt XI (Schöneberg) der Stadt Berlin. Am 18. Juni 1934 erklärte sich das Bezirksamt Schöneberg mit dem Abriss sämtlicher Gebäude auf dem Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 und der Schaffung einer Parkanlage einverstanden. Die Abrissarbeiten wurden 1935 ausgeführt. Es entstand der heutige Spielplatz zwischen Görres- und Bachestraße.

 

In Zürich sehnte sich Ferruccio Busoni nach Berlin zurück. Berichtet wird, dass Stefan Zweig den Komponisten im Bahnhofsrestaurant traf. Er hatte sich mit zwei Flaschen Wein betäubt. Dann kommt der befreiende Ruf. Er soll die Leitung der Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste übernehmen. Im September 1921 kehrt er zurück. Fünf Studenten nimmt er an – darunter Edgar Varèse (1883-1965) und Kurt Weill (1900-1950). Er zieht wieder in die Wohnung am Viktoria-Luise-Platz. Montags und donnerstags empfängt er seine Schüler – eigentlich für eine bis anderthalb Stunden Unterricht, die aber erst am Abend beendet werden. Danach verabschiedet er sie, steigt in den Fahrstuhl, lässt sich die fünf Stockwerke hinunter tragen, hinein in die Gastwirtschaft des Hauses.

 

Busoni, der sein Geld den deutschen Banken anvertraut hatte, verlor durch die Inflation fast sein gesamtes Vermögen. Obendrein hatte seine Gesundheit unter dem reichlichen Genuss von Wein und Zigarren gelitten. Jakob Wassermann (1873-1934), der ihm im Dezember 1922 zum letzten Mal begegnete, erinnerte sich an einen Greis mit zerwühltem Gesicht und schneeweißem Haar. Für Busonis Assistenten, den Pianisten Gottfried Galston (1879-1950), ward dem Meister der Töne und dem herrlichen Geist großer Harmonien kein friedliches Sterben beschert. Immer in all diesen schweren, schweren zwei Jahren gab es hässlichen Kampf um ihn, mit ihm, er gegen alles, alles um ihn, in Streit und Keilerei. Eifersucht, Missgunst und Gereiztheit zerrissen die Luft bis zur allerletzten Stunde. Kurt Weill merkte an: Das war ein heidnisches Sterben. Busoni stirbt am 27. Juli 1924 im Alter von 58 Jahren. Einen Tag später nahm Bildhauer Kurt Kroner (1885-1929) die Gesichtsmaske. Sein Ehrengrab auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße wurde von Georg Kolbe (1877-1947) gestaltet.

 

Casals Familie war inzwischen von Berlin nach Heidelberg gezogen. Die Tochter war am Stadttheater Heidelberg als Sängerin engagiert, er arbeitete ab März 1923 als Porzellanmodellierer bei der „Königlich privilegierte Porzellanfabrik“ im oberfränkischen Tettau. Was ich dort verdiente, teilte ich zur Hälfte mit meinem Sohn Peter, der in Darmstadt studierte. Im Januar 1926 wurde ich zum Professor für Bildhauerei an der Art School von Padua ernannt – weit weg von meiner Familie. Am 22. Dezember 1927 entschied ich mich, für immer nach Heidelberg zurückzukehren.

 

Casal, der in Berlin enteignet wurde, dessen Konten von Treuhändern verwaltet und der Regierung von Rom übertragen wurden, musste, um gegen Deutschland auf Schadensersatz zu klagen, nach dem Vertrag von Versailles seine Rechte beim deutsch-italienischen Schiedsgerichtshof in Rom geltend machen. Im Dezember 1925 kam das Verfahren zum Abschluss. In Folge der Inflation reduzierten sich die Ansprüche: Ich erhielt italienische Lira als Gegenleistung für meinen Goldwert. Ich musste es hinnehmen, denn die miserable Rate wurde durch den berüchtigten Versailler Vertrag festgelegt.“ Nachdem das Reichsausgleichsamt die Entschädigung überwiesen hatte, kaufte das Ehepaar 1929 die Villa in der Heidelberger Scheffelstraße Nr. 1. Ehefrau Ida Eva gründete dort ein Töchterpensionat. Er legte sich in der Oberen Neckarstraße Nr. 29 ein Atelier zu. Dort entstanden Statuen und Reliefs in Gips, Terracotta, Marmor, Bronze. In Heidelberg sind sie beide gestorben, Ida-Eva Casal am 24. August 1948, Valentino Casal am 8. Juni 1951. Er war davon überzeugt, dass er mit seiner eigenen Kunst auch einen Namen hinterlassen haben würde, wenn es nicht 1914 den schrecklichen Weltkrieg gegeben hätte.

 

Ende der deutsch-italienischen Geschichte.

 

Mehr zu Ferruccio Busoni unter Friedhof Stubenrauchstraße

Mehr zu Valentino Casal unter Görresstraße

 

Dieter E. Zimmer, 1999. Foto Giovanni Castell, Webseite

Zum Tod von Dieter E. Zimmer

 

Die Geschichte von Dieter E. Zimmer ist kein Ruhmesblatt für DIE ZEIT. Der am 24. November 1934 in Pankow geborene Publizist wurde 1959 Redakteur der Wochenzeitung, 1973 sogar Feuilletonchef. 1977 wollte ihn die Kulturredaktion „nicht mehr schreiben lassen“. Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff sorgte wohl dafür, dass er weiterhin als ressortfreier Autor für das Blatt schrieb, über Psychologie, Biologie, Anthropologie, Medizin, Linguistik. Von 1989 bis 2017 fungierte er bei Rowohlt als Herausgeber der Gesammelten Werke von Vladimir Nabokov in 24 Bänden. Als freier Autor lebte er ab 2002 wieder in Berlin. Am 12. April 2006 startete er seine Webseite http://www.d-e-zimmer.de. Die letzten Beiträge stammen vom 28. November 2019.

 

Dort entdeckten wir den 2005 entstandenen Beitrag „Bombenkrieg“ mit den Stichworten Friedenau, Steglitz und Wilmersdorf. Auf diesen präzis formulierten und genau recherchierten Text wollten wir seit langem auf unserer Webseite hinweisen. Nun ist der große Publizist und Sprachliebhaber am 19. Juni 2020 in seiner Geburtsstadt Berlin im Alter von 85 Jahren gestorben. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet Dieter E. Zimmer im Nachruf  als den letzten Universalfeuilletonisten. Zimmers Stil verband Klarheit, Klugheit und Kürze. Beobachtungsgenauigkeit und Analysefähigkeit zeichnen ihn aus.

 

 

 

Aus Bombenkrieg von Dieter E. Zimmer (Auszug)

 

Ich habe mein Leben lang gedacht, ich hätte von den allerersten Fliegeralarmen kaum etwas gemerkt und sei erst bei dem dritten oder vierten aufgeschreckt worden, als ein Angriff ein in der Luftlinie siebenhundert Meter entferntes Wohnviertel in Friedenau traf. Nachts hatte es besonders laut und nahe gekracht, morgens schwirrten Gerüchte, in denen die Namen bekannter Straßen vorkamen, und nachmittags gingen die Eltern mit mir in eine der getroffenen Straßen, um den Schaden zu besehen. Es war die Stubenrauchstraße. Zwei Häuser waren von Sprengbomben ramponiert. Bei einem war die ganze Vorderfront abgerissen und lag als Schutthaufen im Vorgarten. Die möblierten Zimmer lagen frei da wie Puppenstuben in einem Puppenhaus. Die gutbürgerlichen fremden Wohnzimmer, jetzt unbetretbar und indiskreten Blicken ausgesetzt, versetzten mir einen tiefen Schreck. Ein paar Nächte lang konnte ich nicht schlafen. Alles konnte jetzt also von innen nach außen gekehrt werden und plötzlich in sich zusammenstürzen. Die Welt hatte ihre bisherige Solidität eingebüßt.

 

Erst jetzt habe ich eruiert, wann jene Bomben gefallen sind, die mir sozusagen den Urschreck meines Lebens versetzt haben: am Sonntag, dem 7. September 1941 war es. Um 23 Uhr 18 hatte es Voralarm gegeben, um 23.29 Alarm, um 3.47 Entwarnung. Es war einer der schwersten Angriffe bis dato: 199 Sprengbomben, davon 22 Blindgänger, 2000 Brandbomben, 57 Flakgranaten, davon 10 Blindgänger. Eine 1800-Kilo-Bombe hatte ein Haus am Pariser Platz zerstört, es gab 27 Tote. In Friedenau wurden getroffen: Stubenrauchstraße 58, Schwalbacher Straße 9-13, Rheingaustraße 7, Wilhelmshöher Straße 4/5, Hertelstraße 1, 2, 4, Homuthstraße 2-4.

 

Aber das war überhaupt nicht der dritte oder vierte, es war schon der 84. Fliegeralarm! In den Zeitungen jener Jahre ist es nicht festzustellen. Aber es gab eine pedantische Chronik – die vertraulichen Berichte der „Hauptluftschutzstelle“ beim Berliner Oberbürgermeister, die heute im Landesarchiv verwahrt sind. In den ersten Jahren listeten sie penibel jedes beschädigte Gebäude auf, wenn auch (wie ich am Beispiel der Steglitzer Markelstraße genau erkennen kann) zunehmend ungenau, da offen-bar bald niemand mehr die rechte Übersicht hatte. Nach diesen Berichten hatten wir seit Ende August 1940 jede dritte oder vierte Nacht im Keller verbracht. Die ersten Bomben waren ganz weit draußen gefallen, in Rosenthal und Wartenberg, man sagte: in Laubenkolonien, und lächelte überlegen und bänglich. Der erste veritable Luftangriff auf das Stadtgebiet hatte in der Nacht vom 28. auf den 29. August 1940 kurz nach Mitternacht stattgefunden und ein paar Häuser weit weg in Kreuzberg an der Kottbusser und der Mariannenstraße getroffen. In der nächsten Nacht war Neukölln an der Reihe, und während die Zeitungen Tag für Tag voll waren von Jubelberichten über den deutschen Bombenhagel auf England und gleichzeitig, teilweise unter einer gemeinsamen Überschrift, die britische Bomben auf deutsche Wohnviertel für unfair erklärten, gab es in den nächsten drei Wochen acht weitere Nachtangriffe auf Berlin: Wedding, Moabit, Pariser Platz, nördliche Vororte ...

 

Nach den fünf allerschwersten Angriffen vom 22. bis 26. November 1943 wurden in diesen Berichten keine einzelnen Gebäude mehr benannt, nur noch „bemerkenswerte Schadensstellen“ wie Fabriken, Dienststellen, Krankenhäuser, Schulen. Aber es wurde bis zum Ende genau gezählt: Vom 1. September 1939 bis zum 16. April 1945 gab es in Berlin 378 Alarme; die letzten zehn Tage des Krieges waren ein einziger Alarm, den keiner mehr registrierte. Sie begannen meist kurz vor Mitternacht und dauerten eine halbe bis zu fünf Stunden, die meisten etwa zwei. Ab August 1943 fielen auch „Luftminen“, die ganze Häuserreihen zum Einsturz brachten. Jene vertraulichen Berichte machen nebenbei klar, was meiner Erinnerung nach der Bevölkerung verschwiegen wurde: dass ein großer Teil dieser frühen Schäden gar nicht von britischen Bomben angerichtet wurde, sondern von deutschen Flakgranaten, die ihre Ziele verfehlt hatten und irgendwo im Häusermeer einschlugen. Ein besonders absurdes Beispiel ist der 14./15. November 1940. Da fielen insgesamt 20 britische Sprengbomben, von denen 15 „Blindgänger“ waren; gleichzeitig krepierten 36 Flakgeschosse am Boden, drei blieben irgendwo als Blindgänger stecken. In dieser Nacht wurde von diesem Flakgeballer ein britisches Flugzeug, eine Wellington, abgeschossen und stürzte auf die Domäne Dahlem, wo sie den Kuhstall in Brand setzte und mehrere Kühe tötete ...

 

Dabei waren die Einschläge 1940/41 schon mehrmals recht nahe gekommen. Am 23. September war eine Flakgranate ins Dachgeschoss der Holsteinischen Straße 25 eingeschlagen, am 5. Oktober 1940 waren in Steglitz vier Flakgranaten am Boden krepiert, am 7. Oktober hatte eine Bombe, eher auch eine Granate, eine Wand im Obergeschoss der Lepsiusstraße 99 durchschlagen, am 14. November war eine Flakgranate in der Feuerbachstraße 13 explodiert, am 20. Dezember eine Brandbombe in der Schloßstraße 42, und am Hindenburgdamm 64 hatte es vier Tote gegeben. Irgendwann war lange nach dem Alarm an der Ecke des Bornmarkts, gegenüber vom Eingang des Titania-Palasts, eine Zeitzünderbombe oder ein Blindgänger explodiert und hatte einen Haufen Menschen zerfetzt, die Körperteile lagen weit gestreut herum ...

 

Am 16. Januar 1943 ruinierte eine Sprengbombe das Hinterhaus Schloßstraße 89, und Brandbomben zündeten in der Albrechtstraße. Am 1. März (der 101. Fliegeralarm) konzentrierte sich der bis dahin schwerste Angriff auf Steglitz. 257 viermotorige Maschinen erschienen um Viertel vor zehn am Himmel. Es war der erste Angriff, bei dem blockbusters (Wohnblockknacker) von 1800 Kilo Gewicht und Sprengbomben in Kombination mit Brandbomben eingesetzt wurden (die Sprengbomben rissen die Häuser auf, die dann umso leichter abbrannten). Eine erste Welle ging auf Wilmersdorf und die Gegend um den Prager Platz nieder. Dann folgte Steglitz. Allein in „unserer“ Gegend: Markelstraße 62 und 63 zerstört (tatsächlich nur die Nummer 62, die Ruine wurde nach dem Krieg von einem „Trecker“ abgerissen, heute steht dort eine Karstadt-Filiale), der Titania-Palast beschädigt, ferner Rheinstraße 56, Holsteinische Straße 10, Schloßstraße 73, 74, 121 (Ecke Feuerbachstraße), Feuerbachstraße 7/9, 19/21, 22, 23, 24, 54, Lepsiusstraße 102, 103, 104. In der Feuerbachstraße 62 stürzte der ÖLSR ein, drei Schwerverletzte ...

 

Es gab noch einen zweiten schweren Angriff auf Steglitz. Er leitete die Phase schwerster Angriffe ein, bei denen die Behörden dann bald die Übersicht verloren. Es war der 126. Fliegeralarm. Er begann am 23. August 1943 um 23 Uhr 42 und endete um 2 Uhr 35. Britische Halifax, Lancaster, Stirling und einige Mosquito hatten sich in sechstausend Meter Höhe über der Müritz gesammelt, Leuchtmarkierungen über Berlin gesetzt und ihre Fracht dann über dem ganzen Stadtgebiet von ausgeklinkt: 30 Minenbomben, 189 Sprengbomben, 50000 Brandbomben, auch wieder einige blockbusters. Es gab (die vollständigen Schadensberichte liefen erst in den folgenden Tagen ein) 476 Tote, davon 174 in Steglitz, 1227 Verletzte, 88 Vermisste, 34 977 Ausgebombte und insgesamt 2685 Schadenstellen, davon in Steglitz 2100. Die Zoogegend stand in Flammen. Am Potsdamer Platz brannten das Haus Vaterland, der Potsdamer Bahnhof und die Philharmonie, auch viele Häuser in der Wilhelm- und der Friedrichstraße. Die meisten Bombenteppiche oder „-fächer“ gingen auf Lichterfelde und Lankwitz nieder, die weniger dicht besiedelt waren als unsere Gegend von Steglitz. In dieser traf es die Schloßstraße 18, 28, 101. Ein Blindgänger fand sich in der Lepsiusstraße 8. In der Birkbuschstraße waren die Hausnummern 6, 91, 92, 94/95 zerstört. Wahrscheinlich war es bei dieser Gelegenheit, dass wir die Birkbuschstraße besichtigen gingen, da der Schaden von einer Luftmine herrühren sollte und wir wissen wollten, was uns blühte. Aber anders als damals in Friedenau wurde niemand in die Nähe gelassen. Wir sahen die „Schadenstelle“ nur von fern: tatsächlich, alles kaputt, ein großer Trümmerhaufen ...

 

Insgesamt hat der Bombenkrieg in Berlin 50 000 gezählte Tote und ungezählte Vermisste (Verschüttete, Verbrannte) gekostet. In 30 000 Wohngebäuden wurden 556 500 Wohnungen zerstört, 37 Prozent des Bestandes.

 

Den kompletten Text finden Sie auf nachfolgender PDF und auf der Webseite http://www.d-e-zimmer.de.

 

Bombenkrieg von Dieter F. Zimmer

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Protest I

Görresstraße

 

Anwohner der Görresstraße informierten uns am 19. Juni 2020 über die Entwicklung: In den letzten Wochen haben diverse Begehungen und Bestandsaufnahmen auf dem Gelände Görresstraße Nr. 21-23 stattgefunden. Vermutlich wurde auch die Wohnung des früheren Besitzers von Haus Nr. 23 ausgeräumt. Ein Architekt, der sich als Subunternehmer outete, soll alle Sträucher und Bäume erfasst haben. Er soll geäußert haben, dass alles wegkomme. Denkmalschutz sei eh nicht akzeptabel, weil dieser erst nachträglich erfolgte. Die Wohnungen des Landhauses wurden in Augenschein genommen. Ende des Monats laufen die Mietverträge für die Garagen aus, was darauf schließen lässt, dass es zunächst auf dem Grundstück Nr. 23 losgehen soll.

Der Baustadtrat ist informiert und hat seinen Juristen sowie das Bauamt eingeschaltet, was (noch) keine Bautätigkeit feststellen konnte. Das Büro von Baustadtrat Jörn Oltmann erklärte, dass man auf unsere Beobachtungen möglicher Abrissarbeiten setzt. Wir sollten dann umgehend das Amt aber auch den ODS sowie die Untere Denkmalschutzbehörde informieren. Das Amt selbst sei personell nicht in der Lage, ständig alle Projekte im Blick zu behalten.

Von einer Klage des Investors wissen wir noch nichts, nehmen aber an, dass sie läuft. Unabhängig vom Ausgang könnte es sein, dass in den stillen Sommerwochen einfach Fakten geschaffen werden sollen. Die betroffenen Leute scheinen kaum in der Lage oder willens, sich zu wehren.

 

Protest II

Friedrich-Wilhelm-Platz

 

Am Friedrich-Wilhelm-Platz ist nur noch Chaos. Unten betreibt die BVG trotz Einsprüchen von Denkmalschutz, Wissenschaftlern und Architekten mit historischem Fotomaterial aus einem Friedenauer Verlag eine lächerliche Hohenzollern-Nostalgie, obwohl gleich nebenan Bildhauer wie Valentino Casal, Johannes Götz, Ludwig Manzel, Wilhelm Haverkamp, Ludwig Isenbeck, Heinrich Mißfeldt, George Morin oder auch der kürzlich verstorbene Michael Schoenholtz über viele Jahre hinweg herausragende Kunstwerke geschaffen haben, oben wird eine wahrhaft engagierte Bürgerinitiative mit der Gestaltung des Platzes vom Bezirksamt für dumm verkauft.

 

 

 

 

 

 

Verlängerung der U 4 - alte und neue Ideen

 

Christoph Götz-Geene (SPD) ist Mitglied im Ausschuss für Stadtentwicklung der BVV Tempelhof-Schöneberg. Er fordert eine Verlängerung der U-Bahn Linie 4 über den Innsbrucker Platz hinaus zum S-Bahnhof Friedenau. Das ist grundsätzlich erfreulich, weil erstmals seit Jahrzehnten ein Sozialdemokrat den U-Bahn-Bau wieder auf die Tagesordnung setzt. In Erinnerung sei gerufen, dass sich Senatsbaudirektor Rainer G. Rümmler (1929-2004) ab Mitte der 1960er Jahre ziemlich für den Ausbau der U-Bahn-Linien in West-Berlin einsetzte und zugleich annähernd alle neu erbauten U-Bahnhöfe gestaltete. Nun sollen 1. die wenig frequentierte Schöneberger ‚Stummel-U-Bahn‘ (U4) aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt und 2. attraktive neue Netzverbindungen für Friedenau und Schöneberg geschaffen werden. Dafür soll eine Verlängerung aus dem bestehenden U-Bahnhof Innsbrucker Platz kommend zunächst nach Süd-Osten abknicken und dicht entlang der A100 geführt werden. Erst vor der Brücke der S1 würde dann die Autobahn in Hochlage gequert. Die Trasse soll parallel zur S1 verlaufen und in der Baumeisterstraße wieder in Tieflage geführt werden. Am Wannseebahnhof Friedenau müsste ein moderner Umsteigepunkt zur S-Bahn errichtet werden.

 

Seit Jahren wird über die U4 diskutiert. Der neuerliche Vorschlag von Christoph Götz-Geene hat zwei Vorläufer. Bei einer Variante müsste die U4 hinter dem Bahnhof Rathaus Schöneberg auf einem zu bauenden Tunnel einen Bogen schlagen, so dass unter dem Innsbrucker Platz der im Rohbau fertiggestellte Bahnsteig für die Planungslinie U10 genutzt werden könnte. In Höhe der Ceciliengärten würde die U4 unterirdisch weitergeführt werden. Eine andere Variante setzt auf die Wiederverwertung des Eisacktunnels südlich des Innsbrucker Platzes, der ehemaligen Betriebswerkstatt der Schöneberger U-Bahn. Nach dem Eisacktunnel könnte die U4 an die Oberflächte kommen und neben den S1-Gleisen oberirdisch verlaufen. Alle Varianten gehen davon aus, dass die Linie dann bis zu einem neuen U- und S-Bahnhof Friedenau geführt wird – verbunden mit enormen baulichen Maßnahmen.

 

Fakt ist, dass mit dem Autobahntunnel Innsbrucker Platz seit den 1970er Jahren eine geplante Weiterführung der Linie ins Schöneberger Südgelände nicht mehr möglich ist. Daher enden die Züge der U4 seit 1971 im U-Bahnhof Innsbrucker Platz.

 

Die Rettung der U4 braucht einen anderen Ansatz – und den gibt es am U-Bahnhof Nollendorfplatz. Dort wurde 1971 – ohne Notwendigkeit – die unterirdische Direktverbindung zwischen den Trassen der U4 (Innsbrucker Platz-Nollendorfplatz-Warschauer Straße) und U1 (Uhlandstraße-Warschauer Straße) unterbrochen, so dass es nach mehr als 45 Jahren nicht mehr möglich war, direkte Züge vom Innsbrucker Platz über Nollendorfplatz nach Warschauer Straße auf die Reise zu schicken. In dem immer noch vorhandenen Tunnel richtete die BVG eine Abstell- und Kehranlage ein, für die es durchaus andere Lösungen gegeben hätte.

 

Damit wurde der Niedergang für die wenig frequentierte Schöneberger ‚Stummel-U-Bahn‘ eingeläutet. Dem U-Bahnhof Nollendorfplatz wurde seine Geschichte genommen. Seit 1927 hielten hier die U-Bahn-Linien U1, U2, U3 und U4: Auf dem Hochbahnhof die Züge der U2 (Pankow-Ruhleben), im zweigeschossigen Tiefbahnhof die Züge der Linien U1 (Uhlandstraße-Warschauer Straße), U3 (Krumme Lanke-Warschauer Straße) und U4 (Innsbrucker Platz-Warschauer Straße). Kein anderer Berliner U-Bahnhof bot mehr Umsteigemöglichkeiten zwischen Ost und West. Technisch war es sogar möglich, die Schöneberger Züge in das Tiergartenviertel zu führen. Einziges Manko: Keine direkte Verbindung zum Potsdamer Platz.

 

Inzwischen wurde bekannt, dass die BVG auf die Abstell- und Kehranlage am Nollendorfplatz verzichten könnte. Damit wäre auf einer teilweise bereits vorhandenen Tunnelstrecke eine Verlängerung bis zum Magdeburger Platz möglich. Bekannt ist aber auch, dass über einen Parallelverkehr von U1 und U4 zwischen Warschauer Straße und Nollendorfplatz diskutiert wird. Wenn schon, denn schon: Dann könnten die Züge wieder zwischen Innsbrucker Platz über Nollendorfplatz bis zur Warschauer Straße geführt werden. Eine nicht aufwendige Lösung, die der U4 ein erhebliches Mehr an Fahrgästen bringen könnte.

 

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Die U10 – eine geplante Linie von Weißensee über Alexanderplatz, Potsdamer Platz, Kleistpark, Innsbrucker Platz, Rathaus Friedenau, Kaisereiche, Walther-Schreiber-Platz, Schloßstraße zum Rathaus Steglitz und weiter nach Lankwitz. Ausgerechnet nach der Wiedervereinigung der beiden Stadthälften wurden die Planungen 1993 verworfen. Allerdings waren inzwischen diverse Bauvorleistungen getroffen worden: Im Rohbau fertiggestellt sind die U10-Stationen Kleistpark, Innsbrucker Platz, Walther-Schreiber-Platz, Schloßstraße und Rathaus Steglitz. Unter dem Tunnel der U9 entstand ein zweiter Tunnel für die U10 zwischen Walther-Schreiber-Platz und Rathaus Steglitz – einst gebaut mit dem Geld aus Bonn.

 

Das alles ist in Vergessenheit geraten, als der rot-rot-grüne Senat nach der Wahl 2016 den Beschluss fasste, eine Straßenbahnstrecke vom Alexanderplatz über Potsdamer Platz in Richtung Innsbrucker Platz und Rathaus Steglitz zu bauen, weil diese die Qualität der ÖPNV-Anbindung in der südlichen Berliner Innenstadt deutlich verbessert. Es entstehen neue Direktverbindungen sowie neue Umsteigebeziehungen zu den in Nord-Süd-Richtung verkehrenden Regional- und S-Bahn-Linien. Die wachsende Stadt wird – trotz Ausbau von Radwegen und Rückbau von Straßen – nicht um die Weiterentwicklung des U-Bahn-Netzes herumkommen. Von daher ist der Vorschlag des Bau- und Verkehrsexperten Christoph Götz-Geene ein vernünftiger Ansatz. Die geforderte Verlängerung der U4 über den Innsbrucker Platz hinaus zu einem neuen S- und U-Bahnhof Friedenau halten wir – wie auch den wünschenswerten Weiterbau der U10 – unter den derzeitigen politischen Konstellationen für utopisch. Es wäre schon viel gewonnen, wenn die U4 wieder die Anbindung an die Hochbahn zur Warschauer Straße erhalten würde. Das ist kurzfristig und obendrein preiswert zu realisieren, vorausgesetzt, die BVG würde sich ihrer unzeitgemäßen Verkrustungen entledigen.

 

Material zur Schöneberger U-Bahn (U4)

 

Foto Friedrich Detlev Hardegen, 2020

Desaster am Friedrich-Wilhelm-Platz

 

Oben tut sich gar nichts. Gespräche zwischen Stadträtin Christiane Heiß und dem ausführenden Planungsbüro Mettler finden offenbar nicht mehr statt. Eine Fertigstellung ist nicht in Sicht. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Bezirksamt sind nun auch noch der Ansicht, dass die Miete für das Standrohr des Wasseranschlusses und die Bewässerungskosten für die angelegten Beete wegen der übernommenen Pflegevereinbarung von der Initiative Friedrich-Wilhelm-Platz zu finanzieren sind.

 

 

Unten hat die BVG vor Jahren begonnen, den unter Denkmalschutz stehenden U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz, der 1971 nach einem Entwurf von Rainer Gerhard Rümmler eröffnet wurde, zu zerstören – und damit eine durchgängig erkennbare Gestaltungder U9-Bahnhöfe Berliner Straße, Bundesplatz, Friedrich-Wilhelm-Platz, Walther-Schreiber-Platz, Schloßstraße (Entwurf Schüler & Witte) „von herausragender gestalterischer Qualität“ aufgegeben.

 

 

 

 

 

Doch damit nicht genug. Der U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz wird vom beauftragten Ingenieurbüro Vössing hinter den Gleisen mit großflächigen Fotografien dekoriert. Gezeigt werden Aufnahmen von Kronprinz Friedrich Wilhelm (1831-1888), der dem Platz den Namen gab und als 99-Tage-Kaiser Friedrich III. in die Geschichte einging, sowie Bilder vom alten Friedenau (inklusive Text und Noten eines Friedenauer Gassenhauers), mit denen unterirdisch an die oberirdische Schönheit von anno dunnemals erinnert werden soll. Oben kommt dann das graue Erwachen. Der zentrale Platz von Friedenau ist ruiniert. Eine städtebauliche Lösung gibt es bis heute nicht.

 

Wir vermuten, dass die Bildvorlagen bei einem Friedenauer Verlag erworben wurden, der auf diesem Geschäftsfeld schon häufiger tätig geworden ist. Offen bleibt, wer die Bildbeschriftungen geliefert hat. Die Rechtschreibeschwächen sind nicht zu übersehen.

 

Unter dem Bild von 1858 steht KRONPRINZENPALLAIS – mit einem „l“ zu viel, und unter dem Schmuckbild des Stationsnamensgebers steht KAISER-WILHELM – mit einem ganz und gar überflüssigen Bindestrich.

 

Ein Bild ist mit DREI KAISERGENERATIONEN betitelt. Offensichtlich war die Jahreszahl dahinter falsch – die Fliese fehlt nun. Die Beschriftung ist obendrein unglücklich: Abgelichtet sind drei Kaiser, aber auch vier Generationen der Hohenzollern: Wilhelm I. (1797-1888) mit seinem Sohn (links), dem späteren Kaiser Friedrich III. (1831-1888) und seinem Enkel (rechts), dem späteren Kaiser Wilhelm II. (1859-1941)), auf dem Schoß von Kaiser Wilhelm I. der Urenkel Friedrich Wilhelm (1882-1951). Die Aufnahme entstand 4. Juni 1882 durch Hofphotograph Hermann Selle.

 

Die FAMILIE DES KRONPRINZEN 1870 ist ein weiteres Beispiel: Die Jahreszahl stimmt nicht. Gezeigt wird ein Ausschnitt aus einem 1862 entstandenen Gemälde von Franz Xaver Winterhalter mit Kronprinz Friedrich und Kronprinzessin Victoria sowie ihren ältesten Kindern Wilhelm und Charlotte.

 

Falsch ist auch die Schreibweise FRIEDENAUER LOKALANZEIGER. Die Zeitung erschien von 1894 bis 1920 durchgängig als „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ – mit Bindestrich. Da die Beschriftungen auf Fliesen gefertigt wurden, müssen nun neue her. Wer bezahlt die Rechnung?

 

Ausstellung Hans Baluschek im Bröhan-Museum 26.3.-27.9.2020

Hans Baluschek zum 150. Geburtstag

 

Der Maler, Grafiker und Illustrator Hans Baluschek konfrontierte das Publikum mit ungewohnt realistischen Darstellungen des Berliner Lebens. Ihn interessierten die Folgen der Industrialisierung, der Alltag, Armut, Hunger und Verwahrlosung. Die Melodie seiner Bilder ist abgestimmt auf die Musik der kleinen Leute, auf die Disharmonien und die hässlichen Nebengeräusche. Kaiser Wilhelm diffamierte ihn 1901 als Rinnsteinkünstler und der völkisch-nationalistische Redakteur der Täglichen Rundschau Willy Pastor schloss sich an. Für ihn gingen die Kunstkritiker in der Ausstellung amüsiert von Bild zu Bild oder wandten sich ab, weil Baluschek zum geschmacklosen Volke der Naturalisten gehört und sich durch zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze auszeichnet.

 

Es wäre im Jahr 2020 Gelegenheit gewesen, das Werk von Hans Baluschek wieder in Erinnerung zu rufen, da außer seinem 150. Geburtstag am 9. Mai auch noch sein 85. Todestag ansteht. Die Chance wurde vertan. Die Stiftung Stadtmuseum Berlin, die im Depot neben seinen Arbeiten auch jene seiner Frau Irene Drösse-Baluschek (1891-1972) aufbewahrt, verkündete mit einer Zukunftsstrategie, wieder mehr im Stadtraum zu wirken, wieder an den Diskussionen der Stadt teilzunehmen, weil Geschichte dazu da ist, um in der Gegenwart zu leben und die Zukunft erkennen zu können. Nichts ist geschehen.

 

Das Schöneberg Museum erforscht Themen, in denen sich Politik-, Sozial- und Alltagsgeschichte bündeln, eigentlich genug Ansatz, sich mit Hans Baluschek zu beschäftigen. Wenn es überhaupt je einen „Schöneberger“ gab, dann war es Baluschek, der von seinen diversen Wohnungen Cherusker-, Klopstock-, Vorberg-, Akazien-, Haupt-, Bozener Straße und Ceciliengärten immer wieder Schöneberg in all seinen Facetten festhielt. Für die Leiterin der Museen Tempelhof-Schöneberg Irene von Götz ist es wohl wichtiger, sich um ihre Professur am Institut für Volkskunde an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu kümmern. So wird der Schöneberger Kunstbesitz im Depot verwahrt und ist nicht öffentlich zugänglich. Auf der Webseite erfährt man, dass dazu auch Schwarzes Land, Ölkreide auf Leinwand von 1922 gehört. Was in der umfangreichen Sammlung von Gemälden, Aquarellen, Gouachen, Graphiken und Plastiken überhaupt vorhanden ist, erfährt man nicht.

 

Zweifellos besitzt das (zum Glück noch immer künstlerisch autark geführte) Bröhan-Museum die umfangreichste Baluschek-Sammlung. Zu seinem 150. Geburtstag zeigt die Ausstellung nun unter dem Titel Zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze einen umfassenden Überblick und spannt dabei einen Bogen vom Kaiserreich bis in die Jahre der Weimarer Republik.

 

Hoffen wir, dass die Ausstellung am 26. April 2020 in der Charlottenburger Schloßstraße eröffnet werden kann. Nicht erklären können wir uns allerdings, dass die Türen am 27. September 2020, einen Tag vor dem 85. Todestag von Hans Baluschek, geschlossen werden sollen.

 

***

 

Aktuell: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Mai 2020

Die Phantome des Eisenbahnmalers

Berlin in Grau und Braun: Das Bröhan-Museum feiert den Künstler Hans Baluschek

 

Man kann sich sattsehen an Hans Baluschek. Das liegt nicht an seinen Themen - Berlin in Kaiserreich und Republik, Eisenbahnen und Industrielandschaften, Proletarier, Außenseiter, Elendsviertel - son­dern an seinem Stil. Auf Baluscheks Ölbild „Arbeiterinnen“ von 1900 strömen Frauen dicht gedrängt aus einer Fabrikhalle: Eine trägt eine Blindenbrille, eine zweite ein Kreuz um den Hals, eine dritte ein Medaillon, eine vierte hat ein Taschentuch um die Backe gebunden; man sieht schwarze, blonde, rote und braune Haare.

 

Wer aber länger hinschaut, erkennt, dass Baluschek dieselben drei Frauengesichter fünfzigmal auf der Leinwand verteilt hat, frontal, seitlich, im Dreiviertelprofil. Fabian Reifferscheidt, der Kurator der Baluschek-Ausstellung im Berliner Bröhan-Museum, spricht von einem „Baukastensystem“. Auch die Fabrik im Hintergrund ist ein Kasten, der die Menschen zu Arbeitskräften stanzt. Will der Maler den industriellen Moloch anprangem? Nein, denn er macht die Figuren einander ja nicht gleich, sondern künstlich unähnlich, hängt ihnen Ringe oder Perlen ans Ohr und jeder ein anderes Kleid über die Schultern. Auf den Baukosten der Moderne antwortet der Malkasten des Künstlers mit Nachahmung. Sein Thema ist ein Sujet, das sich bewirtschaften lässt, mit Stadtlandschaften, Familienszenen, schiefen Idyllen, Typenporträts.

 

Andererseits hat Baluscheks Werk eine Handschrift, die man unter Hunderten erkennt. 1923, im Inflationsjahr, malt er ein Paar, das durch Hinterhöfe läuft, die Füße verquer, die Hände ineinander verkrallt, der Mann ein Karl-Valentin-Verschnitt, die Frau eine Stummfilm-Kokotte. „Heimweg“ heißt das Bild, aber ein Zuhause ist nirgends zu sehen, nur Brandmauem, Schlote, zerschlagene Fenster, bekritzelte Wände. Sechs Jahre später, in der Abenddämmerung der Weimarer Republik entsteht der „Großstadtwinkel“, auf dem die Straßenbeleuchtung von Lesser Ury, das Personal aber von Fritz Lang und Otto Dix stammt: achtzehn Gelegenheits- und Dauerprostituierte; Edelschicksen, Mannweiber, Gören mit Mütze, Mütter mit Hut, in allerlei Posen arrangiert, als wollten sie zur „Schönheits-Concurrenz“ in den „Paradiessälen“ antreten, für die eine Leuchtschrift am linken Bildrand wirbt.

 

Wäre Berlin ein Genre wie das Rheintal oder Kythera, könnte keiner Baluschek darin das Wasser reichen, weil er immer den kürzesten Weg von der Gosse zur Gemütlichkeit und vom Tinnef zum Erhabenen nimmt. Man möchte Sozialdemokrat werden - Baluschek wurde es 1920 -, wenn man sieht, wie die Greisin in „Frühlingswind“ unter einem Sisley-Himmel zusammengesunken im Straßenstaub hockt oder die alte Säuferin („Elend“) an einer Laterne lehnt; aber dann leuchten die Laternen über den „Obdachlosen“ im Tiergarten so traulich, und in der „Bahnhofshalle“ am Lehrter Bahnhof dampfen die Züge so flott, dass man mit dem Maler lieber eine Molle zischen ginge. Ein Koch bietet Brühwürste feil, ein Herr mit Schiebermütze wuchtet einen Koffer, eine Dame mit Pelzkragen erwartet ihn: „Berlin Babylon“, die Serie, ist nicht mehr weit.

 

Vielleicht kommt man Baluschek am nächsten, wenn man ihn biographisch liest. Als einziger Sohn eines Eisenbahningenieurs entdeckt er mit fünfzehn die Malerei und besucht mit zwanzig die Berliner Kunstakademie, aber die Liebe zur Eisenbahn verlässt ihn nicht. Schon früh sammelt er Modelle von Lokomotiven und Waggons, die er in seine Bilder einfügt.

 

ln Schöneberg, damals noch ein Vorort von Berlin; wächst Baluschek auf und stirbt dort auch, von den Nationalsozialisten verpönt, fünfundsechzigjährig im September 1935. Der Innsbrucker Platz, das Gasometer, die Trasse der Potsdamer Bahn, das Reichsbahngelände am Landwehrkanal sind wiederkehrende Motive seiner Malerei. Wenn Berlin in Baluscheks Lebenszeit zur Weltstadt wurde, dann sieht man davon bei ihm nichts. Seine Kunst kennt keine Weite, sondern nur Naheliegendes, Fabriken, Fassaden, Bahnhöfe, davor Passanten oder Züge als Repoussoir. Bei größeren Formaten packt Baluschek der Horror vacui: Seine „Großstadtlichter“ von 1931 sind mit Figuren und Architekturen vollgestopft wie ein Geschenkkorb. Man möchte zu gern ein Zeitbild der Weltwirtschaftskrise darin sehen, aber der Maler erstickt die Stimmung durch Masse. Er zeigt Berlin, als stünde es als Kulisse in Babelsberg.

 

Aber dieser enge Blick ist auch eine Stärke. Gerade im Kleinen, im Milieu, ist Baluschek groß. Bereits an der Akademie, unter der Knute des Hofmalers Anton von Werner, hat er angefangen, sich für das Leben der Unterschichten zu interessieren. In „Malschule“ (1894) stellt er sich noch zu den Kunststudenten, die das proletarische Modell begaffen, danach findet er seinen Standpunkt auf der Straße, unter den Menschen, die er zeigt. Um das Graubraun der Arbeitersiedlungen festzuhalten, erfindet er eine eigene Mischtechnik, die die Schärfe der Federzeichnung mit der Vagheit Aquarells verbindet. Manche Köpfe auf dem „Feierabend“ von 1895 könnten von Menzel sein, andere von Käthe Kollwitz, aber die Farbgebung ist reiner Baluschek, bleiern, verschattet, fatal.

 

Das Blatt entstand als Beitrag für den Kalender „Kunst und Leben“. Das Illustrative, Serielle ist das Betriebsgeheimnis von Baluscheks Kunst. Die erste Monographie über ihn erschien 1904 in der Reihe „Moderne Illustratoren“, sie stellte Baluschek neben Munch, Beardsley und Thomas Theodor Heine. Das Massenpublikum, das seine Arbeiterbilder nicht fanden, bescherten ihm die gefällig-verträumten Illustrationen „Peterchens Mondfahrt“. Aber auch seine schärfste Anklage gegen die Industriemoderne hat Baluschek in einer Serie formuliert, dem Zyklus „Opfer“ von 1906. Weil er anders als Zille keinen Funken Humor besaß, fehlt diesen Zeichnungen von Geisteskranken, Selbstmörderinnen, Prostituierten und Alkoholikem jedes Augenzwinkern, sie sind das nackte, heulende Elend. Das Bröhan-Museum, das neben dem Berliner Stadtmuseum den größten Bestand an Baluschek-Werken überhaupt besitzt, hat gut daran getan, diese Blätter aus dem Kupferstichkabinett zu leihen. Sie zeigen die Kehrseite von Baluscheks Wimmelbildern und Modelleisenbahnlandschaften, ihren finsteren, unterirdischen Kern.

 

Das Meisterwerk dieses Malers und dieser Ausstellung ist dennoch ein Ölgemälde der „Berliner Rummelplatz“ von 1914. Frühsommerabend, ein Karussell dreht sich, Familien im Sonntagsstaat eilen wie aufgezogen in Rückenansicht zu der blinkenden Attraktion. Im Vordergrund werfen sich ein Junge mit Schiebermütze und Zigarette und ein Knabe mit Strohhut misstrauische Blicke zu. Die Szene strömt eebenjene Mischung aus Amüsierwut und Gereiztheit aus, die Thomas Mann im vorletzten Kapitel des „Zauberbergs“ beschrieben hat und die schon den Zeitgenossen gegenwärtig war. Wir wissen, was im Sommer 1914 geschah. Hans Baluschek wusste es nicht. Aber er ahnte es. ANDREAS KILB, FAZ, 13. Mai 2020

 

Wenig Parfüm, viel Pfütze. Hans Baluschek zum 150. Geburtstag. Im Bröhan-Museum Berlin; bis zum 27. September. Der Katalog kostet 25 Euro.

 

Görresstraße 21-23. Darstellung in der Denkmalkarte Berlin. Quelle BA TS

Görresstraße vor dem Abriss???

 

Per Einschreiben/Rückschein vom 11.02.2020 wurde dem Mieter der Garage von der Firma „Bauwert Görresstraße GmbH“ der Garagenplatz gekündigt: „Hiermit kündigen wir als Ihr Vermieter form- und fristgerecht den o.g. gewerblichen Mietvertrag über die Garage-Nr. XX auf dem Grundstück Görresstraße 23 in 12161 Berlin nach den mietvertraglichen Regelungen i.V.m. § 580a BGB mit Wirkung zum 30.06.2020 ... Die Fläche wird ab dem 01.10.2020 für andere Bebauungen dringend benötigt.“

 

Nun haben Untere Denkmalschutzbehörde von Tempelhof-Schöneberg und Landesdenkmalamt Berlin ein Problem, weil „andere Bebauungen“ ohne Genehmigung und Zustimmung des Denkmalschutzes seit Erhebung des Grundstücks Görresstraße 21/23 zum Denkmal vom 13.05.2019 „eigentlich“ nicht möglich sind.

 

 

 

 

 

 

Neu dürfte für die Friedenauer in der Görresstraße sein, dass inzwischen nicht mehr Eigentümer Jürgen Leibfried auftritt, sondern die „Bauwert Görresstraße GmbH“ mit Sitz in Bad Kötzting, deren Gegenstand mit „Projektentwicklung von gewerblichen Immobilien und Wohn-Immobilien und alle damit in direktem oder indirektem Zusammenhang stehenden Dienstleistungen“ beschrieben wird.

 

Am 13.05.2019 verkündete das Landesdenkmalamt Berlin zum Anwesen Görresstraße 21/23, dass „sich der Denkmalschutz auf die Baudenkmale und den Denkmalbereich, bestehend aus: Vorgärten, freiem Hofraum, Garagen und Garten erstreckt“.

 

Nachdem Jürgen Leibfried in der „Abendschau“ vom 07.07.2019 erklärt hatte, dass das Thema Denkmalschutz (im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg) zigmal abgeklärt und die Denkmalwürdigkeit von der (Unteren) Denkmalschutzbehörde (des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg) immer wieder verneint wurde, hielten wir es für sehr wahrscheinlich, dass es zu einem Rechtsstreit kommen wird. Wir befürchteten, dass das Stadtentwicklungsamt Tempelhof-Schöneberg, vertreten durch Stadtrat Jörn Oltmann und Stellvertreter Gerrit Reitmeyer, zugleich Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde, für diesen Fall schon an einem Kompromiss „basteln“, um die von ihren Mitarbeitern getroffenen Fehleinschätzungen zu kaschieren und der juristischen Auseinandersetzung auszuweichen.

 

Der Abriss von Fuhrhof, Garagen, Landhaus und Atelier ist also trotz Denkmalschutz keineswegs vom Tisch.

 

Was sagen die Behörden dazu?

Was unternehmen die Anwohner?

 

S-Bahn Berlin. Bearbeitung Hahn & Stich, 2020

CDU Tempelhof-Schöneberg ohne Weitblick

 

300.000 Menschen pendeln täglich zwischen Berlin und Brandenburg. Ein Viertel von Berlin ins Umland, drei Viertel in die umgekehrte Richtung. Der Landkreis Dahme-Spreewald ist mit 21.291 Pendlern dabei, Teltow-Fläming mit 19.138, Oder-Spree mit 13.159 und Potsdam-Mittelmark mit 10.184. Potsdam wartet allein mit 18.200 Pendlern auf. Von Stahnsdorf und Kleinmachnow pendeln täglich 5.667 nach Berlin, umgekehrt sogar 9.663 Menschen. (Quelle Arbeitsagentur, Juni 2018).

 

Die Probleme werden nicht geringer, da in dreißig Jahren Teltow von 14.000 auf 27.000, Kleinmachnow von 11.600 auf 20.600 und Stahnsdorf von 5.800 auf 15.200 Einwohner gewachsen sind. Tendenz steigend. Dazu kommen Überlegungen des Senats, dort draußen auf den Flächen der Berliner Stadtgüter Wohnsiedlungen zu bauen.

 

Verständlich, dass die Tempelhof-Schöneberger CDU den zweigleisigen Ausbau von 6,00 km eingleisiger Strecke der S 2 von Lichtenrade nach Blankenfelde fordert, um den Mariendorfer Damm von den Autos aus den brandenburgischen Landkreisen zu befreien.

 

Bedenklich allerdings, dass die Koryphäen um Patrick Liesener, Jan-Marco Luczak, Roman Simon und Christian Zander allesamt mit Wohnsitz in Lichtenrade, Mariendorf und Marienfelde aufwarten. Hier soll zu den Wahlen 2021 eine Klientel bedient werden – eine Politik der Ausklammerung, bei der die Ortsteile Friedenau, Schöneberg und Tempelhof außen vorbleiben. Diese Christdemokraten denken nicht daran, dass Zehlendorfer Damm, Unter den Eichen, Goerzallee, Ostpreußendamm, Tempelhofer Damm, Teltower Damm, Unter den Eichen und Westtangente eine ähnliche Misere zu ertragen haben.

 

Wer den zweigleisigen Ausbau der S 2 fordert, sollte berücksichtigen, dass Tempelhof-Schöneberg auch von den S-Bahn-Linien S1 Wannsee-Schöneberg-Oranienburg, S25 Teltow Stadt-Südkreuz-Hennigsdorf und S26 Teltow Stadt-Südkreuz-Waidmannslust durchfahren wird. 75 Jahre nach der sowjetischen Gleis-Demontage und 30 Jahre nach dem Mauerfall gibt es auf diesen Trassen noch immer eingleisige S-Bahn-Strecken.

 

Größtes Ärgernis ist hierbei die 9,89 km lange eingleisige Strecke zwischen Potsdam und Wannsee. So kommt es, dass diese Trasse nur von der S7 Potsdam-Friedrichstraße-Ahrensfelde/Wartenberg (Stadtbahn) befahren werden kann und die Fahrgäste von Potsdam, Babelsberg und Griebnitzsee, wenn sie denn nach Zehlendorf, Steglitz, Friedenau und Schöneberg wollen, in Wannsee in die S1 (Wannseebahn) umsteigen müssen.

 

Ärgernis Nummer zwei sind die Linien S25 & S26 von Teltow Stadt über Lichterfelde-Süd und Südkreuz nach Hennigsdorf/Waidmannslust. Die Strecke wurde 2005 eröffnet. Zwischen Lichterfelde Süd und Teltow Stadt auf 3,30 km allerdings nur eingleisig, obendrein mit einer Straßenbrücke über den Heinersdorfer Weg mit Platz für ein Gleis. Entgegen der ursprünglichen Planung wurde auf den Bau der Station Teltow-Seehof verzichtet.

 

Hinzukommt, dass hinter dem Bahnhof Teltow Stadt seit 1939 eine 6,3 km lange Vorhaltetrasse mit den angedachten Stationen Iserstraße und Stahnsdorf existiert. Eine Einrichtung dürfte rein rechtlich unproblematisch sein.

 

Die Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf zeigt mehr Weitblick als ihre Parteifreunde in Tempelhof-Schöneberg. Cerstin Richter-Kotowski (CDU) bringt den Weiterbau der U-Bahnlinie U9 ins Gespräch, da seinerzeit beim Bau des U-Bahnhofs Rathaus Steglitz für eine Verlängerung über Steglitz hinaus nach Lankwitz Kirche bzw. Hildburghauser Straße Bauvorleistungen auf einer Gesamtlänge von 1536 Metern getroffen wurden.

 

Sie plädiert vor allem für die Wiederinbetriebnahme der historischen Stammbahnstrecke für Regional-Express-Züge (RE) von Potsdam über Griebnitzsee, den Teltowkanal bei Kohlhasenbrück, Dreilinden-Kleinmachnow, (Europarc), Düppel, Zehlendorf, Steglitz, Friedenau und Schöneberg in die Berliner Stadtmitte.

 

Für die Bezirksbürgermeisterin ist das ein wichtiges Infrastrukturprojekt für die Region, allerdings muss der Bezirk auch etwas davon haben. Es kann nicht sein, dass die Züge zwischen Potsdam und Mitte durchrauschen, und in Steglitz-Zehlendorf winken wir noch hinterher. Sie fordert Regio-Halte am Rathaus Steglitz und in Zehlendorf, einen neuen S-Bahnhof Düppel, mehr Park & Ride vor den Bezirksgrenzen sowie eine Ausweitung der Tarifzone AB.

 

PS

Während die Alteingesessenen von Kleinmachnow die Wiederinbetriebnahme der Stammbahn begrüßen, fährt der „Förderverein LSG Buschgraben/Bäketal“ um die Vorsitzende Ursula Theiler dagegen große Geschütze auf.

 

Weil „auf einer Fernbahntrasse viel Schienenverkehr an uns vorfahren wird“

Weil „Bürger keinen größeren Nutzen von der Strecke haben werden“

Weil „deutliche Lärm- und neue Verkehrsbelastungen“ kommen werden

Weil „mit dem Bau einer Fernbahntrasse erheblichen Eingriffe in die Natur verbunden wären“

Weil „diese ein wesentlich massiveres Bauwerk darstellen als eine S-Bahn-Trasse“

Weil „dies sowohl die durchfahrenen Orte als auch den Dreilindener Forst betrifft“

Weil „diese weit teurer ist als die derzeit auch diskutierte S-Bahn-Variante“

Weil „damit erheblicher Verkehr auf der Strecke zu erwarten ist“

 

Deshalb beschloss der Verein im September 2019, sich „für eine klima-, natur- und ressourcen-schonende Alternative zum Neubau der Stammbahn einzusetzen“ - die Nutzung des vorhandenen und wenig befahrenen Gleispaares neben der Trasse der S1 zwischen Wannsee und Zehlendorf“. Damit werden allerdings Einzelinteressen vor Gemeinnutz gesetzt. Für den Förderverein haben „die gravierenden Auswirkungen auf Mensch und Natur“ natürlich auch damit etwas zu tun, dass entlang der Kleinmachnower Straße „An der Stammbahn“ und parallel zur zweigleisigen Bahntrasse ab 1930 beidseitig Einfamilienhäuser der „Bürgerhaussiedlung Zehlendorf-Kleinmachnow“ entstanden. Zur besseren Anbindung wurde 1939 der Bahnhof Düppel eröffnet. Nach Mauerbau und Stilllegung der Stammbahn avancierte die Siedlung zur wahren Idylle für Bevorzugte des sozialistischen Staates. Nach 1991 waren in Kleinmachnow fast 70 Prozent aller Häuser und Wohnungen von Restitution betroffen. Rechte an Grundstücken waren oft schwer zu klären. Nach dem PrinzipRückgabe vor Entschädigung“ und dem nachfolgenden Verkauf der Alteigentümer an Zugezogene kam eine seltsame Mischung von Altbesitzern und Neubesitzern zustande, die sich nun - wie der „Förderverein LSG Buschgraben/Bäketal“ unter der trassenahen Kleinmachnower Adresse Rudolf-Breitscheid-Straße 62 - dagegen wehren, dass ihre Häuschen mit dem neuen Zugverkehr einen erheblichen Wertverlust erleiden würden.

 

Selbstverständlich „unterstützt der Förderverein die Entwicklung und Verbesserung der ÖPNV-Anbindung der Region und erkennt den wachsenden Pendlerbedarf an“, selbstverständlich sind sie nicht gegen „die alte Stammbahn“ und selbstverständlich wollen sie ihren „Umgehungsvorschlag" an der S1 „nur als schnelle und kostengünstige Zwischenlösung“ verstanden wissen. Ursula Theiler, im Hauptberuf Chief Executiv Officer (CEO) bei „Risk Training", obendrein für ihre Dissertation „Risiko-Rendite-Optimierung des Bankportfolio" ausgezeichnet, hätte eigentlich erkennen müssen, dass die Metropolenregion Berlin um die Wiederinbetriebnahme der Stammbahntrasse – seit dem Mauerbau nur stillgelegt, aber nie entwidmet – nicht „herumkommen“ wird. Mit der Devise „Nicht vor der eigenen Haustür“ erhöht der Verein für viele Beteiligte das „Risiko“, dass die dringend erforderlichen Verkehrslösungen weiter verzögert werden.

 

Bürgerinitiative Stammbahn, Dezember 2019

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Förderverein, 17.09.2019

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Friedrichswerdersche Kirche am 18. Januar 2020. Foto Hahn & Stich

Friedrichswerdersche Kirche öffnet wieder für Publikum

 

Viele Berliner haben auf diesen Moment gewartet und deshalb war es nicht überraschend, dass sich am 18. Januar 2020 hunderte Menschen im Kirchenraum der Friedrichswerderschen Kirche drängten. Mehr als sieben Jahre war der Schinkel-Bau geschlossen, weil Schäden behoben werden mussten, die durch benachbarte Baustellen verursacht worden waren. Was die Besucher am ersten Tag der Wiedereröffnung erwartete, war ein leerer Kirchenraum mit verwaisten Podesten für die ausgelagerten Skulpturen. Erst im Laufe des Jahres 2020 sollen wieder Stücke aus der Alten Nationalgalerie im Kirchenraum gezeigt werden.

 

Unübersehbar sind die Narben, die die Rücksichtslosigkeit des benachbarten Bauherrn, der Bauwert AG, und das parallele Versagen der Berliner Behörden der Kirche beigebracht haben. Die grob verkitteten Risse rund um den Altar sind den Besuchern nicht verborgen geblieben und sorgten für Kopfschütteln. Eingestürzt ist die Kirche nicht, aber sie wird auf Dauer genau beobachtet werden müssen, um die Schäden langfristig in den Griff zu bekommen.

 

 

Tröstende Worte zur Wiedereröffnung fand Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie. So sei die befürchtete Verdunkelung des Kircheninneren durch die Randbebauung weit weniger eingetreten als befürchtet.

 

Pfarrer Stephan Frielinghaus ist in seinem Urteil da schon mutiger. Bei ihm bleiben trotz der Wiederherstellung der Kirche viele Fragen offen. Etwa danach, wie es möglich war, dass so dicht an das historische Gebäude heran gebaut werden durfte. Hätte man sich an das Berliner Denkmalgesetz gehalten, wäre der Schaden – ein Riss vom Portal bis zum Altar – nicht passiert, so der Pfarrer. Im RBB kritisierte er die Behörden, die diese Bauten genehmigt hatten. Dem können wir uns in der Hoffnung anschließen, dass die Verursacher des Desasters endlich klar benannt und zur Verantwortung gezogen werden.

 

 

Dokumentation der Schäden

Angelika Schöttler. Quelle www.berlin.de. Bild Foto Huber

Schlechte Nachricht

Weiter so mit Angelika Schöttler

 

Auf die Frage der Zeitung Berliner Woche, ob sie vorhabe, bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus 2021 ins Rennen um die SPD-Kandidatur zu gehen, um Regierende Bürgermeisterin zu werden, antwortete Angelika Schöttler im Januar 2020: Ich sage Ihnen ganz klar: Ich möchte im Bezirk bleiben. Mir macht mein Job Spaß. Ich habe keine Ambitionen auf die Landes- oder Bundesebene. Meine Ebene ist der Bezirk. Da bin ich gerne.

 

Es mag ja sein, dass Angelika Schöttler (SPD) gern in diesem Bezirk ist, aber nach 32 Jahren Tempelhof-Schöneberg, davon allein 10 Jahre als Bezirksbürgermeisterin, sollte es 2021 genug sein. Das will die heute 57-Jährige nicht einsehen, weil ihr für die Rente noch ein paar Jährchen fehlen, und ihr zweiter Job als Landeskassiererin der Berliner SPD wohl zu unsicher ist.

 

Die studierte Informatikerin trat 1982 in die Schöneberger SPD ein. Seit 1889 gehörte sie (irgendwie immer) der Bezirksverordnetenversammlung an. 2001 wurde sie Vorsitzende des Sozialausschusses, 2002 Städträtin für Familie, Jugend und Sport, 2011 Bezirksbürgermeisterin und 2016 für eine zweite Amtsperiode erneut gewählt. Genug ist genug. Ihre Bilanz ist dünn. Weder für den Bereich Familie, Jugend und Sport, der inzwischen von dem noch unglücklicher agierenden Oliver Schworck (SPD) gehandelt wird, noch als derzeitige Leiterin der Abteilung Finanzen, Personal und Wirtschaftsförderung konnte sie Impulse setzen. Die Probleme in Tempelhof-Schöneberg sind bekannt. Da braucht es keine weiteren Worte.

 

Ein Signal in Richtung Aufbruch mit mutiger Erneuerung ist von der Kandidatur nicht zu erwarten. In die neue Zeit der SPD geht es damit nicht. 08.01.2020

 

Quelle DIE GRÜNEN

Wer nicht pariert, wird abberufen

Der Fall Jessica Mroß

 

Abgeordnete werden in freier und geheimer Wahl gewählt. Sie sind an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.

 

Die GRÜNEN von Tempelhof-Schöneberg sehen das anders. Die in freien Wahlen in die BVV gewählte Abgeordnete Jessica Mroß (GRÜNE) hatte bei der Abstimmung über den Bezirkshaushalt 2020/2021 für sämtliche Änderungsanträge der CDU votiert. Das geht nach Ansicht des GRÜNEN-Fraktionsvorsitzenden Rainer Penk gar nicht.

 

Natürlich „ist und bleibt das Recht, nach seiner Überzeugung auch gegen die Fraktion abzustimmen“, aber wenn sich derartige Entscheidungen „zu einem systematischen Verhalten ausweiten, ist die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit verloren“. Dementsprechend wurde mobil gemacht. Jessica Mroß wurde zuerst als „Sprecherin für den Bereich Frauen, Queer und Inklusion“ abgewählt und in einem zweiten Schritt aus allen Ausschüssen abberufen. Dafür stimmten alle Bezirksverordneten der GRÜNEN, namentlich Astrid Bialluch-Liu, Bertram von Boxberg, Marius Feldkamp, Ulrich Hauschild, Dr. Wolfgang Höckh, Elisabeth Kiderlen, Ralf Kühne, Fritz Matschulat, Rainer Penk, Aferdita Suka, Annabelle Wolfsturm und Martina Zander-Rade. Diese Namen sollten sich die Wähler für die Wahl 2021 merken.

 

Wenn Jessica Mroß (GRÜNE) und Daniel Dittmar (CDU) – nur beispielsweise – gemeinsam dafür eintreten, das Areal des Allianz-Stadions in Mariendorf zu erwerben und langfristig für den Sport zu sichern, da im Bezirk sowieso ein Mangel an Sportflächen besteht, dann scheint für die GRÜNEN offensichtlich schon „eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht möglich“. Auf ihrer Webseite formulierten sie am 5. November 2019: „Im Sportausschuss als auch in anderen Ausschüssen agierte sie regelmäßig gegen die anderen Mitglieder der grünen Fraktion und die von denen eingebrachten Anträge. Insgesamt habe das Verhalten von Frau Mroß in den vergangenen Monaten Grund genug für einen Fraktionsausschluss geboten. Davon haben wir noch Abstand genommen.“

 

Wer nicht pariert, wird abberufen. Folgt demnächst der Fraktionsausschluss? 30.12.2019

 

Friedrichswerdersche Kirche, 2019. Foto David von Becker

Wir machen Bauwerke zu Bauwerten

Friedrichswerdersche Kirche

 

Wir haben ordentlich was angerichtet, aber wir haben es auch wieder in Ordnung gebracht. Vier Jahre später stellt sich heraus, dass Jürgen Leibfried, Chef der Bauwert AG, zum Richtfest der Kronprinzengärten an der Friedrichswerdersche Kirche am 28. September 2015 doch gelogen hat, da der Berliner Senat am 7. August 2018 eingestehen musste, dass es durch die Bauarbeiten westlich des Kirchengebäudes zu erheblichen Bewegungen der Kirchenfundamente kam, auch eine Verformung insbesondere des Deckengewölbes gegeben hat, die nicht korrigiert werden kann. Die Sanierung erfolgte zur statischen Sicherung des Gebäudes und zur Schließung von Rissen sowie der Wiederherstellung des historischen optischen Gesamteindrucks des Gebäudes. Die bleibende Gebäudeverformung dürfte hingegen dessen statische Reserven dauerhaft reduziert haben.

 

 

 

Kultursenator Klaus Lederer (DIE LINKE) hat den Umgang mit der Friedrichswerderschen Kirche als abschreckendes Beispiel für einen nicht funktionierenden Denkmalschutz bezeichnet. Die Friedenauer können dem zustimmen. Als die Bauwert AG die Grundstücke Görresstraße Nr. 21 und 23 erwerben konnte und dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg Pläne für Abriss und Neubau präsentierte, verneinte die Untere Denkmalschutzbehörde mit ihrem Leiter Gerrit Reitmeyer eine Denkmalwürdigkeit des Areals. Bauwert-Chef Jürgen Leibfried formulierte es so: Das Thema Denkmalschutz wurde ja zigmal abgeklärt. Es ist ja nicht so, dass man überraschend sieht, hoppla, wir haben ein Denkmal vergessen, sondern dieses Ensemble wurde mehrfach abgefragt von der Denkmalbehörde und immer wieder wurde eine Denkmalwürdigkeit verneint. Bezogen auf die Untere Denkmalschutzbehörde war das nicht gelogen. Erst nach Bürgerprotesten sah sich (der vorgesetzte) Baustadtrat Jörn Oltmann (GRÜNE) schließlich gezwungen, das Landesdenkmalamt Berlin um ein Gutachten zu bitten.

 

Daraufhin wurde in Windeseile bescheinigt, dass bei der letzten Überprüfung im Jahr 2000 das Landhaus in der Görresstraße keine Berücksichtigung fand. Daher unterblieben weitere Forschungen. Die geschichtlichen Hintergründe mussten daher verborgen bleiben. Am 13. Mai 2019 wurde bescheinigt, dass die beiden ursprünglich zusammengehörigen Grundstücke ein einzigartiges Zeugnis für Friedenau sind, weil ihre Bebauung bis heute noch aus den ursprünglichen Baukörpern mit Vorgärten besteht, ohne weitere nennenswerte Nachverdichtung. Das Ensemble dokumentiert anschaulich den Bruch zwischen Landhauskolonie und geschlossener Miethausbebauung. Das Ensemble bildet im städtebaulichen Kontext einen sprechenden Kontrast.

 

Noch ist die Sache Görresstraße nicht geklärt. Es ist allerdings davon auszugehen, dass das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg alles tun wird und nach einem Kompromiss sucht, um mögliche Ansprüche der Bauwert AG abzuwehren. Das Desaster mit der zu dichten Bebauung für Luxuswohnungen rund um die Friedrichswerdersche Kirche ist einmalig und sicher nicht mit dem Bauwert-Projekt Görresstraße zu vergleichen. Die Tendenz aber bleibt.

 

Am 18. und 19. Januar 2020 jeweils von 10 bis 16 Uhr kann Schinkels Meisterwerk wieder betreten werden. Erwartet werden kann ein leergeräumter Kirchenraum, da die dort beheimatete Skulpturen-Ausstellung der Alten Nationalgalerie frühestens im Sommer 2020 eröffnet werden kann. Zu besichtigen ist aber auch, was die Architekten Sergei Tchoban, Ekkehard Voss, Rafael Moneo, Axel Schultes, Charlotte Frank, Norbert Hemprich und Julia Tophof auf dem Friedrichswerder angerichtet haben. 30.12.2019

 

Foto Hahn & Stich, 07.12.2019

 

Der Riegel kommt - Friedenau wird abgeschnürt

 

Spätestens jetzt, nachdem der erste Gebäuderiegel auf dem Bahndamm in die Höhe wächst, dürfte jedem Friedenauer einleuchten, dass die Luftzufuhr für den stark besiedelten Ortsteil nicht mehr gewährleistet ist. Wie wird es erst sein, wenn das gesamte Areal bis hin zur Hauptstraße bebaut ist. SPD und GRÜNE haben die vorab geäußerten Bedenken der Anwohner in den Wind geschlagen. Es macht sich gut, von Klima zu reden, aber wirklich etwas dafür zu tun, steht auf einem anderen Blatt.

 

Dass die Einsprüche zahlreicher Friedenauer ohne Folgen blieben, liegt auch an der damals erstellten Gutachterlichen Stellungnahme zu den klimaökologischen und lufthygienischen Auswirkungen des Bebauungsplans 7-68 im Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Ortsteil Friedenau in Berlin, die zwar Bedenken offenbarte, das Bauprojekt aber am Ende als nicht so schlimm durchwinkte.

 

Dabei hieß es im Gutachten eindeutig: Während das Planareal selbst eine geringe bis mäßige Belastungssituation aufweist, liegt innerhalb der südlich angrenzenden Siedlungsfläche von Friedenau eine bioklimatisch ungünstige Situation vor. Dies ist auf das Durchlüftungsdefizit sowie die hohe Baumasse und die versiegelten Flächen zurückzuführen, welche sich während sommerlicher Strahlungswetterlagen stark aufheizen und in der Nacht die Wärme wieder an die Luft abgeben." Doch obwohl nun für alle sichtbar das Durchlüftungsdefizit noch größer wird, kam das Gutachten zu einem überraschenden Schluss: "Eine Umsetzung der vorgesehenen Bebauung würde den nächtlichen Luftaustausch voraussichtlich nicht beeinflussen. Voraussichtlich??

 

Weiter heißt es im Gutachten: Die mit dem Bebauungsplan 7-68 – Güterbahnhof Wilmersdorf verbundenen Zusatzverkehre führen insbesondere im direkten Umfeld der östlichen Gebietsanbindung zu einer signifikanten Erhöhung der Luftschadstoffkonzentration. Dies ist auf das relativ hohe zusätzliche Verkehrsaufkommen auf diesem Abschnitt sowie die planbedingte Einschränkung der Durchlüftungsbedingungen zurückzuführen. Eine planbedingte Einschränkung der Durchlüftungsbedingungen wird also zugegeben. Doch die sogenannten Gutachter gaben dennoch grünes Licht für die massive Bebauung auf dem Bahndamm - ein Schelm, wer Böses dabei denkt. 07.12.2019

 

Foto Hahn & Stich, 07.12.2019

Endlich würdig

 

Jahrelang hat das Bezirksamt von Tempelhof-Schöneberg den Platz vor der Gedenktafel für den von den Nazis am 23. April 1945 ermordeten Widerstandskämpfer Friedrich Justus Perels an der Friedrich-Bergius-Schule verwahrlosen lassen - trotz wiederholter Mahnungen der Schulleitung. Nun ist wieder ein würdiger Gedenkort entstanden. Fragt sich nur, ob das von Bezirksstadträtin Christiane Heiß (GRÜNE) geleitete Grünflächenamt sich demnächst auch um die weitere Pflege kümmert.

07.12.2019

 

Hat die Intransparenz Methode?

 

Nur sechs Stunden hat Bezirksstadträtin Christiane Heiß für eine Antwort auf unseren Offenen Brief zur Fällaktion auf dem Perelsplatz gebraucht, um letztendlich triumphierend mitzuteilen, dass der Tagesspiegel schneller war und bereits am 1.10.2019 diese Meldung in Absprache mit uns veröffentlicht hat. Damit tut sie so, als ob eine Meldung im Tagesspiegel eine rechtzeitige Information der Bevölkerung ersetzen würde. Aber genau darum geht es: Die Fällaktion ist ohne Absprache mit den Bürgern durchgezogen worden, eine Beteiligung der Anwohner zur Gestaltung des Parks hat nie stattgefunden. Der Verweis auf eine Tagesspiegel-Meldung kann nicht im Ernst die Antwort auf diese nun wiederholt geübte Intransparenz des Bezirksamts sein.

 

Immerhin erfahren wir jetzt, dass derzeit ein dritter Bauabschnitt der gartendenkmalpflegerischen Wiederherstellung der Grünanlage realisiert wird. Laut Heiß stammt die Gestaltung des Platzes aus dem frühen 20. Jahrhundert, wesentlicher Bestandteil des Platzes war unter anderem ein lichtes Birkenwäldchen, das jetzt überarbeitet werde. Nach den Vorgaben des Denkmalschutzes sind Rückschnitte und Fällungen an Eiben notwendig, die sich zumeist selbst ausgesät haben. Sechs stark geschädigte Bäume, fünf Birken und ein Zierapfel, die alle in schlechtem Zustand seien, sowie 28 Eiben werden gefällt. 25 weitere Eiben werden stark zurückgeschnitten. Die Birken sollen ersetzt werden. Auch andere Strauchgruppen werden beschnitten. Ziel sei eine mehrstufige Vegetationsschicht mit entsprechend höherer ästhetischer und ökologischer Wertigkeit und die Wiederherstellung des denkmalpflegerischen Zustands. Klingt erst einmal vernünftig. Den Unmut der Bürger hätte sich die GRÜNE ersparen können, wenn sie vorher informiert hätte. So aber bleibt der Eindruck von einer überforderten Bezirksstadträtin. 07.12.2019

 

Perelsplatz 09.10.2019. Foto Hahn & Stich

Kahlschlag am Perelsplatz – Was steckt dahinter?

Offener Brief an Bezirksstadträtin Christiane Heiß

Friedenau, 10. Oktober 2919

 

Sehr geehrte Frau Heiß,

 

Fassungslos haben die Friedenauer in den vergangenen Tagen die massiven Baumfällungen auf dem Perelsplatz registriert. Zahlreiche Menschen haben uns vor Ort angesprochen und ihrer Empörung Ausdruck gegeben.

 

Über die Motive dieses Kahlschlags wird spekuliert. Da helfen auch die paar Hinweisschildchen an den Bauzäunen nicht, aus denen wenig Verständliches hervorgeht. Wenn es dort heißt: Wir hoffen, dass Ihnen die vorgesehenen Neugestaltungen Freude bereiten, dann fühlen sich die Menschen schlicht auf den Arm genommen.

 

 

 

 

 

Im Vorfeld dieser Fällaktion gab es weder Informationen aus Ihrem Fachbereich noch aus dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg. Dabei werden von dort täglich Presseinformationen herausgeschickt, zuletzt 1a Kiezspaziergang mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler oder Aufgrund von internen Fortbildungsmaßnahmen bleibt das Bürgeramt Schöneberg am Mittwoch, den 30. Oktober 2019 sowie am Freitag, den 29. November 2019 ganztägig geschlossen. Dokumente können an diesem Tag nicht abgeholt werden.

 

Diese Informationspolitik zum Perelsplatz ist nicht tragbar und ignoriert die mündigen Bürger. Weder wurden sie rechtzeitig unterrichtet, noch an der Entscheidung, die zu diesem Kahlschlag führte, beteiligt. Eine Politik des Faktenschaffens, ausgerechnet unter bündnisgrüner Führung, ist nicht mehr zeitgemäß und wird von den Menschen auch nicht mehr akzeptiert. Es bleibt für uns unverständlich, warum Sie durch diese Handlungsweise das Vertrauen der Menschen in die kommunale Politik und zu den politischen Entscheidungsträgern weiter schwächen. Die Gestaltung des Perelsplatz kann nicht Sache eines offenbar von Ihnen engagierten Büros Landschaftsarchitektur Werner sein, sie ist Sache der Menschen, die in Friedenau leben und den Park täglich nutzen. Doch sie wurden nicht gefragt!

 

Ist Ihnen die Gefühlslage der unmittelbaren Anwohner Lauter-, Handjerystraße/Perelsplatz überhaupt klar? Lauter- und Handjerystraße wurden im Bereich des Parks vor Wochen ohne Vorwarnung abgesperrt und aufgerissen, weil unmittelbar daneben ein Mega-Bauprojekt auf dem Bahndamm trotz Bürgerwiederstand durchgezogen wird. Der von Kindern und Jugendlichen reichlich genutzte Sportplatz an der Lauterstraße soll verschwinden und die Anwohner wurden unlängst damit konfrontiert, dass an seiner Stelle eine riesige Wettkampfhalle gebaut werden soll. Und jetzt der Kahlschlag im Park vor der Haustür. Wie erklären Sie den Bürgern diesen „Irrsinn“?

 

Wir fordern Sie deshalb in diesem offenen Brief im Namen zahlreicher Friedenauer auf, die Motive für diese gravierenden Fällungen offenzulegen. Auch wenn es bereits zu spät ist, darf ein solcher massiver Eingriff in das Lebensumfeld der Bewohner nicht ohne öffentliche Erklärung der zuständigen Bezirksstadträtin durchgeführt werden.

 

Mit freundlichen Grüßen

Peter Hahn & Jürgen Stich

www.friedenau-aktuell.de