Wohnbauten an der Handjerystraße auf dem Bahndamm. Foto Hahn & Stich am 8. Mai 2020

 

Noch‘n Klotz

Wer will da schon wohnen?

 

Die Pächter Görse & Meichsner müssen aufgeben. Die EDEKA-Zentrale in Hamburg als Eigentümer des Grundstücks Handjerystraße 98-99 hat lange genug gepokert. Der Markt schließt am 16. Mai 2020 und wird abgerissen. Es kommt ein sechsstöckiger Neubau mit Tiefgarage, Supermarkt im Erdgeschoss und Wohnungen obendrüber. Obwohl Baufachleute aus dem Schöneberger Rathaus eingestehen, dass die Bebauung auf dem Bahndamm sehr dicht ist, wird jetzt an der Handjerystraße noch ein weiterer Klotz hochgezogen.

 

Nicht herauszufinden war, wer als Bauherr fungiert. Die BÖAG Hamburg ist es nicht. Sie hatte das 6,5 ha große Grundstück von der Deutschen Bahn wohl günstig gekauft und wohl noch günstiger verkauft. Nun ist es ein Projekt der OFB Projektentwicklung Berlin. Dahinter verbirgt sich die Helaba Immobiliengruppe, die Anlegern weismachen will, dass die Friedenauer Höhe im schönen Stadtteil Friedenau liegt, ein grünes, nahezu autofreies Quartier zum Wohnen und Arbeiten mit großzügigen Grünanlagen und Spielplätzen sowie einer exzellenten Verkehrsanbindung wirdein entspannt urbaner Lebensraum.

 

Nichts davon stimmt, und das vermuten inzwischen auch Investoren, die sich einfach nicht finden lassen. Das Areal liegt nicht im schönen Stadtteil Friedenau, sondern auf einem Damm mit Gleisen für den Innenstadtring der Deutschen Bahn, S-Bahn-Gleisen nebst Abstellanlage und dem Autobahnstadtring. Lärm rund um die Uhr. Kohlenstoffdioxid gratis. Wer will da sein Geld anlegen? Wer will da schon wohnen?

 

Wohnen, wenn davon überhaupt die Rede sein kann, ist nur möglich, weil zwischen Handjery- und Hauptstraße hautnah an Gleisen und Autobahn auf 600 Meter Länge Bauten entstehen, die erst einmal nichts anderes als ein Schallschutzriegel sind. Küche und Bad nach Norden, wohnen nach Süden mit Blick auf das 10 Meter entfernte Nachbarhaus. Für den entstehenden Riegel werden schon Bilder beschworen: Koloss von Prora der Organisation Kraft durch Freude von 1939, oder zeitnaher 1972, die 350 Meter lange und acht Stockwerke hohe Papageiensiedlung am Cherusker Weg direkt an der A 66 bei Frankfurt-Höchst – vor fünfzig Jahren als städtebauliche Sensation gefeiert, heute laut FAZ als Ghetto verrufen. Freiwillig kommt kaum jemand hierher. Viele Bewohner sind resigniert und wollen nur noch weg.

 

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Es steht nicht gut um das Projekt. Drei Viertel des Areals sind seit 2017 nur Sandwüste. Auf knapp einem Viertel wird seit April 2019 gebaut – mit einem politischen Trick, damit überhaupt etwas vorangeht. Dort entstehen auf 6000 Quadratmetern zwei Häuser mit 238 sozial geförderten 1-, 2-, 3- und 4-Zimmer-Wohnungen nebst Kita, die nach Vollendung von der HOWOGE schlüsselfertig übernommen werden. Das geht diesmal hoffentlich korrekt zu, denn nicht vergessen ist, dass das kommunale Wohnungsunternehmen schon einmal wegen Verletzung von Wohnrechtgesetz, unrechtmäßige Vergabe und fehlende europaweite Ausschreibung für Großaufträge aktenkundig geworden ist.

 

238 von geplanten 1500 Wohnungen sind ein mageres Ergebnis. Von den angekündigten Gewerbeflächen ist gar nichts mehr zu hören. LIDL kommt schon mal nicht. Das Unternehmen baut derzeit in der Hauptstraße Nr. 65 das gesamte Erdgeschoss des Bürocenter Innsbrucker Platz für einen neuen Supermarkt aus. ALDI dürfte auf dem weitaus attraktiveren (ausbaufähigen) Grundstück in der Wexstraße Nr. 16-18 bleiben. Für eine angedachte Herberge ist bei der derzeitigen Überkapazität an Hotelbetten keine Rendite zu erwarten.

 

Die von der SPD Tempelhof-Schöneberg für Friedenau abgestellte Dilek Kalayci, früher Dilek Kolat geborene Demirel – Motto Erst zuhören, dann gestalten – hatte 2019 von einem Highlight-Projekt gesprochen. Inzwischen ist die Dame (wie üblich) abgetaucht und überlässt die Suche nach einer neuen Strategie für das wahnwitzige Unternehmen der Abteilung Stadtentwicklung des Bezirksamts. Die OFB Projektentwicklung agiert auch hilflos: Wir sind in Gesprächen mit potenziellen Investoren, spüren aber bezüglich der Auswirkungen des Mietendeckels weiterhin eine große Verunsicherung am Markt. Schwache Argumentation, da diese Neubauten vom Mietendeckel ausgenommen sind. Corona und die nicht abschätzbaren wirtschaftlichen Auswirkungen müssen auch herhalten. Bezirksbaustadtrat Jörn Oltmann (GRÜNE) fordert, dass es nun endlich vorangeht und gebaut wird. Die Hoffnung auf Investoren hat er wohl längst aufgegeben. Nicht anders ist es zu verstehen, wenn er darüber nachdenkt, Wohnungen dem Land Berlin zum Kauf anzubieten. Bezahlbaren Wohnraum könnten fast nur städtische Wohnungsbaugenossenschaften garantieren. Die Pleite war vorprogrammiert. Warnungen wurden in den Wind geschlagen.

 

 

 

 

Verlängerung der U 4 - alte und neue Ideen

 

Christoph Götz-Geene (SPD) ist Mitglied im Ausschuss für Stadtentwicklung der BVV Tempelhof-Schöneberg. Er fordert eine Verlängerung der U-Bahn Linie 4 über den Innsbrucker Platz hinaus zum S-Bahnhof Friedenau. Das ist grundsätzlich erfreulich, weil erstmals seit Jahrzehnten ein Sozialdemokrat den U-Bahn-Bau wieder auf die Tagesordnung setzt. In Erinnerung sei gerufen, dass sich Senatsbaudirektor Rainer G. Rümmler (1929-2004) ab Mitte der 1960er Jahre ziemlich für den Ausbau der U-Bahn-Linien in West-Berlin einsetzte und zugleich annähernd alle neu erbauten U-Bahnhöfe gestaltete. Nun sollen 1. die wenig frequentierte Schöneberger ‚Stummel-U-Bahn‘ (U4) aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt und 2. attraktive neue Netzverbindungen für Friedenau und Schöneberg geschaffen werden. Dafür soll eine Verlängerung aus dem bestehenden U-Bahnhof Innsbrucker Platz kommend zunächst nach Süd-Osten abknicken und dicht entlang der A100 geführt werden. Erst vor der Brücke der S1 würde dann die Autobahn in Hochlage gequert. Die Trasse soll parallel zur S1 verlaufen und in der Baumeisterstraße wieder in Tieflage geführt werden. Am Wannseebahnhof Friedenau müsste ein moderner Umsteigepunkt zur S-Bahn errichtet werden.

 

Seit Jahren wird über die U4 diskutiert. Der neuerliche Vorschlag von Christoph Götz-Geene hat zwei Vorläufer. Bei einer Variante müsste die U4 hinter dem Bahnhof Rathaus Schöneberg auf einem zu bauenden Tunnel einen Bogen schlagen, so dass unter dem Innsbrucker Platz der im Rohbau fertiggestellte Bahnsteig für die Planungslinie U10 genutzt werden könnte. In Höhe der Ceciliengärten würde die U4 unterirdisch weitergeführt werden. Eine andere Variante setzt auf die Wiederverwertung des Eisacktunnels südlich des Innsbrucker Platzes, der ehemaligen Betriebswerkstatt der Schöneberger U-Bahn. Nach dem Eisacktunnel könnte die U4 an die Oberflächte kommen und neben den S1-Gleisen oberirdisch verlaufen. Alle Varianten gehen davon aus, dass die Linie dann bis zu einem neuen U- und S-Bahnhof Friedenau geführt wird – verbunden mit enormen baulichen Maßnahmen.

 

Fakt ist, dass mit dem Autobahntunnel Innsbrucker Platz seit den 1970er Jahren eine geplante Weiterführung der Linie ins Schöneberger Südgelände nicht mehr möglich ist. Daher enden die Züge der U4 seit 1971 im U-Bahnhof Innsbrucker Platz.

 

Die Rettung der U4 braucht einen anderen Ansatz – und den gibt es am U-Bahnhof Nollendorfplatz. Dort wurde 1971 – ohne Notwendigkeit – die unterirdische Direktverbindung zwischen den Trassen der U4 (Innsbrucker Platz-Nollendorfplatz-Warschauer Straße) und U1 (Uhlandstraße-Warschauer Straße) unterbrochen, so dass es nach mehr als 45 Jahren nicht mehr möglich war, direkte Züge vom Innsbrucker Platz über Nollendorfplatz nach Warschauer Straße auf die Reise zu schicken. In dem immer noch vorhandenen Tunnel richtete die BVG eine Abstell- und Kehranlage ein, für die es durchaus andere Lösungen gegeben hätte.

 

Damit wurde der Niedergang für die wenig frequentierte Schöneberger ‚Stummel-U-Bahn‘ eingeläutet. Dem U-Bahnhof Nollendorfplatz wurde seine Geschichte genommen. Seit 1927 hielten hier die U-Bahn-Linien U1, U2, U3 und U4: Auf dem Hochbahnhof die Züge der U2 (Pankow-Ruhleben), im zweigeschossigen Tiefbahnhof die Züge der Linien U1 (Uhlandstraße-Warschauer Straße), U3 (Krumme Lanke-Warschauer Straße) und U4 (Innsbrucker Platz-Warschauer Straße). Kein anderer Berliner U-Bahnhof bot mehr Umsteigemöglichkeiten zwischen Ost und West. Technisch war es sogar möglich, die Schöneberger Züge in das Tiergartenviertel zu führen. Einziges Manko: Keine direkte Verbindung zum Potsdamer Platz.

 

Inzwischen wurde bekannt, dass die BVG auf die Abstell- und Kehranlage am Nollendorfplatz verzichten könnte. Damit wäre auf einer teilweise bereits vorhandenen Tunnelstrecke eine Verlängerung bis zum Magdeburger Platz möglich. Bekannt ist aber auch, dass über einen Parallelverkehr von U1 und U4 zwischen Warschauer Straße und Nollendorfplatz diskutiert wird. Wenn schon, denn schon: Dann könnten die Züge wieder zwischen Innsbrucker Platz über Nollendorfplatz bis zur Warschauer Straße geführt werden. Eine nicht aufwendige Lösung, die der U4 ein erhebliches Mehr an Fahrgästen bringen könnte.

 

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Die U10 – eine geplante Linie von Weißensee über Alexanderplatz, Potsdamer Platz, Kleistpark, Innsbrucker Platz, Rathaus Friedenau, Kaisereiche, Walther-Schreiber-Platz, Schloßstraße zum Rathaus Steglitz und weiter nach Lankwitz. Ausgerechnet nach der Wiedervereinigung der beiden Stadthälften wurden die Planungen 1993 verworfen. Allerdings waren inzwischen diverse Bauvorleistungen getroffen worden: Im Rohbau fertiggestellt sind die U10-Stationen Kleistpark, Innsbrucker Platz, Walther-Schreiber-Platz, Schloßstraße und Rathaus Steglitz. Unter dem Tunnel der U9 entstand ein zweiter Tunnel für die U10 zwischen Walther-Schreiber-Platz und Rathaus Steglitz – einst gebaut mit dem Geld aus Bonn.

 

Das alles ist in Vergessenheit geraten, als der rot-rot-grüne Senat nach der Wahl 2016 den Beschluss fasste, eine Straßenbahnstrecke vom Alexanderplatz über Potsdamer Platz in Richtung Innsbrucker Platz und Rathaus Steglitz zu bauen, weil diese die Qualität der ÖPNV-Anbindung in der südlichen Berliner Innenstadt deutlich verbessert. Es entstehen neue Direktverbindungen sowie neue Umsteigebeziehungen zu den in Nord-Süd-Richtung verkehrenden Regional- und S-Bahn-Linien. Die wachsende Stadt wird – trotz Ausbau von Radwegen und Rückbau von Straßen – nicht um die Weiterentwicklung des U-Bahn-Netzes herumkommen. Von daher ist der Vorschlag des Bau- und Verkehrsexperten Christoph Götz-Geene ein vernünftiger Ansatz. Die geforderte Verlängerung der U4 über den Innsbrucker Platz hinaus zu einem neuen S- und U-Bahnhof Friedenau halten wir – wie auch den wünschenswerten Weiterbau der U10 – unter den derzeitigen politischen Konstellationen für utopisch. Es wäre schon viel gewonnen, wenn die U4 wieder die Anbindung an die Hochbahn zur Warschauer Straße erhalten würde. Das ist kurzfristig und obendrein preiswert zu realisieren, vorausgesetzt, die BVG würde sich ihrer unzeitgemäßen Verkrustungen entledigen.

 

Material zur Schöneberger U-Bahn (U4)

 

Foto Friedrich Detlev Hardegen, 2020

Desaster am Friedrich-Wilhelm-Platz

 

Oben tut sich gar nichts. Gespräche zwischen Stadträtin Christiane Heiß und dem ausführenden Planungsbüro Mettler finden offenbar nicht mehr statt. Eine Fertigstellung ist nicht in Sicht. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Bezirksamt sind nun auch noch der Ansicht, dass die Miete für das Standrohr des Wasseranschlusses und die Bewässerungskosten für die angelegten Beete wegen der übernommenen Pflegevereinbarung von der Initiative Friedrich-Wilhelm-Platz zu finanzieren sind.

 

 

Unten hat die BVG vor Jahren begonnen, den unter Denkmalschutz stehenden U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz, der 1971 nach einem Entwurf von Rainer Gerhard Rümmler eröffnet wurde, zu zerstören – und damit eine durchgängig erkennbare Gestaltungder U9-Bahnhöfe Berliner Straße, Bundesplatz, Friedrich-Wilhelm-Platz, Walther-Schreiber-Platz, Schloßstraße (Entwurf Schüler & Witte) „von herausragender gestalterischer Qualität“ aufgegeben.

 

 

 

 

 

Doch damit nicht genug. Der U-Bahnhof Friedrich-Wilhelm-Platz wird vom beauftragten Ingenieurbüro Vössing hinter den Gleisen mit großflächigen Fotografien dekoriert. Gezeigt werden Aufnahmen von Kronprinz Friedrich Wilhelm (1831-1888), der dem Platz den Namen gab und als 99-Tage-Kaiser Friedrich III. in die Geschichte einging, sowie Bilder vom alten Friedenau (inklusive Text und Noten eines Friedenauer Gassenhauers), mit denen unterirdisch an die oberirdische Schönheit von anno dunnemals erinnert werden soll. Oben kommt dann das graue Erwachen. Der zentrale Platz von Friedenau ist ruiniert. Eine städtebauliche Lösung gibt es bis heute nicht.

 

Wir vermuten, dass die Bildvorlagen bei einem Friedenauer Verlag erworben wurden, der auf diesem Geschäftsfeld schon häufiger tätig geworden ist. Offen bleibt, wer die Bildbeschriftungen geliefert hat. Die Rechtschreibeschwächen sind nicht zu übersehen.

 

Unter dem Bild von 1858 steht KRONPRINZENPALLAIS – mit einem „l“ zu viel, und unter dem Schmuckbild des Stationsnamensgebers steht KAISER-WILHELM – mit einem ganz und gar überflüssigen Bindestrich.

 

Ein Bild ist mit DREI KAISERGENERATIONEN betitelt. Offensichtlich war die Jahreszahl dahinter falsch – die Fliese fehlt nun. Die Beschriftung ist obendrein unglücklich: Abgelichtet sind drei Kaiser, aber auch vier Generationen der Hohenzollern: Wilhelm I. (1797-1888) mit seinem Sohn (links), dem späteren Kaiser Friedrich III. (1831-1888) und seinem Enkel (rechts), dem späteren Kaiser Wilhelm II. (1859-1941)), auf dem Schoß von Kaiser Wilhelm I. der Urenkel Friedrich Wilhelm (1882-1951). Die Aufnahme entstand 4. Juni 1882 durch Hofphotograph Hermann Selle.

 

Die FAMILIE DES KRONPRINZEN 1870 ist ein weiteres Beispiel: Die Jahreszahl stimmt nicht. Gezeigt wird ein Ausschnitt aus einem 1862 entstandenen Gemälde von Franz Xaver Winterhalter mit Kronprinz Friedrich und Kronprinzessin Victoria sowie ihren ältesten Kindern Wilhelm und Charlotte.

 

Falsch ist auch die Schreibweise FRIEDENAUER LOKALANZEIGER. Die Zeitung erschien von 1894 bis 1920 durchgängig als „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ – mit Bindestrich. Da die Beschriftungen auf Fliesen gefertigt wurden, müssen nun neue her. Wer bezahlt die Rechnung?

 

Ausstellung Hans Baluschek im Bröhan-Museum 26.3.-27.9.2020

Hans Baluschek zum 150. Geburtstag

 

Der Maler, Grafiker und Illustrator Hans Baluschek konfrontierte das Publikum mit ungewohnt realistischen Darstellungen des Berliner Lebens. Ihn interessierten die Folgen der Industrialisierung, der Alltag, Armut, Hunger und Verwahrlosung. Die Melodie seiner Bilder ist abgestimmt auf die Musik der kleinen Leute, auf die Disharmonien und die hässlichen Nebengeräusche. Kaiser Wilhelm diffamierte ihn 1901 als Rinnsteinkünstler und der völkisch-nationalistische Redakteur der Täglichen Rundschau Willy Pastor schloss sich an. Für ihn gingen die Kunstkritiker in der Ausstellung amüsiert von Bild zu Bild oder wandten sich ab, weil Baluschek zum geschmacklosen Volke der Naturalisten gehört und sich durch zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze auszeichnet.

 

Es wäre im Jahr 2020 Gelegenheit gewesen, das Werk von Hans Baluschek wieder in Erinnerung zu rufen, da außer seinem 150. Geburtstag am 9. Mai auch noch sein 85. Todestag ansteht. Die Chance wurde vertan. Die Stiftung Stadtmuseum Berlin, die im Depot neben seinen Arbeiten auch jene seiner Frau Irene Drösse-Baluschek (1891-1972) aufbewahrt, verkündete mit einer Zukunftsstrategie, wieder mehr im Stadtraum zu wirken, wieder an den Diskussionen der Stadt teilzunehmen, weil Geschichte dazu da ist, um in der Gegenwart zu leben und die Zukunft erkennen zu können. Nichts ist geschehen.

 

Das Schöneberg Museum erforscht Themen, in denen sich Politik-, Sozial- und Alltagsgeschichte bündeln, eigentlich genug Ansatz, sich mit Hans Baluschek zu beschäftigen. Wenn es überhaupt je einen „Schöneberger“ gab, dann war es Baluschek, der von seinen diversen Wohnungen Cherusker-, Klopstock-, Vorberg-, Akazien-, Haupt-, Bozener Straße und Ceciliengärten immer wieder Schöneberg in all seinen Facetten festhielt. Für die Leiterin der Museen Tempelhof-Schöneberg Irene von Götz ist es wohl wichtiger, sich um ihre Professur am Institut für Volkskunde an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu kümmern. So wird der Schöneberger Kunstbesitz im Depot verwahrt und ist nicht öffentlich zugänglich. Auf der Webseite erfährt man, dass dazu auch Schwarzes Land, Ölkreide auf Leinwand von 1922 gehört. Was in der umfangreichen Sammlung von Gemälden, Aquarellen, Gouachen, Graphiken und Plastiken überhaupt vorhanden ist, erfährt man nicht.

 

Zweifellos besitzt das (zum Glück noch immer künstlerisch autark geführte) Bröhan-Museum die umfangreichste Baluschek-Sammlung. Zu seinem 150. Geburtstag zeigt die Ausstellung nun unter dem Titel Zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze einen umfassenden Überblick und spannt dabei einen Bogen vom Kaiserreich bis in die Jahre der Weimarer Republik.

 

Hoffen wir, dass die Ausstellung am 26. April 2020 in der Charlottenburger Schloßstraße eröffnet werden kann. Nicht erklären können wir uns allerdings, dass die Türen am 27. September 2020, einen Tag vor dem 85. Todestag von Hans Baluschek, geschlossen werden sollen.

 

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Aktuell: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Mai 2020

Die Phantome des Eisenbahnmalers

Berlin in Grau und Braun: Das Bröhan-Museum feiert den Künstler Hans Baluschek

 

Man kann sich sattsehen an Hans Baluschek. Das liegt nicht an seinen Themen - Berlin in Kaiserreich und Republik, Eisenbahnen und Industrielandschaften, Proletarier, Außenseiter, Elendsviertel - son­dern an seinem Stil. Auf Baluscheks Ölbild „Arbeiterinnen“ von 1900 strömen Frauen dicht gedrängt aus einer Fabrikhalle: Eine trägt eine Blindenbrille, eine zweite ein Kreuz um den Hals, eine dritte ein Medaillon, eine vierte hat ein Taschentuch um die Backe gebunden; man sieht schwarze, blonde, rote und braune Haare.

 

Wer aber länger hinschaut, erkennt, dass Baluschek dieselben drei Frauengesichter fünfzigmal auf der Leinwand verteilt hat, frontal, seitlich, im Dreiviertelprofil. Fabian Reifferscheidt, der Kurator der Baluschek-Ausstellung im Berliner Bröhan-Museum, spricht von einem „Baukastensystem“. Auch die Fabrik im Hintergrund ist ein Kasten, der die Menschen zu Arbeitskräften stanzt. Will der Maler den industriellen Moloch anprangem? Nein, denn er macht die Figuren einander ja nicht gleich, sondern künstlich unähnlich, hängt ihnen Ringe oder Perlen ans Ohr und jeder ein anderes Kleid über die Schultern. Auf den Baukosten der Moderne antwortet der Malkasten des Künstlers mit Nachahmung. Sein Thema ist ein Sujet, das sich bewirtschaften lässt, mit Stadtlandschaften, Familienszenen, schiefen Idyllen, Typenporträts.

 

Andererseits hat Baluscheks Werk eine Handschrift, die man unter Hunderten erkennt. 1923, im Inflationsjahr, malt er ein Paar, das durch Hinterhöfe läuft, die Füße verquer, die Hände ineinander verkrallt, der Mann ein Karl-Valentin-Verschnitt, die Frau eine Stummfilm-Kokotte. „Heimweg“ heißt das Bild, aber ein Zuhause ist nirgends zu sehen, nur Brandmauem, Schlote, zerschlagene Fenster, bekritzelte Wände. Sechs Jahre später, in der Abenddämmerung der Weimarer Republik entsteht der „Großstadtwinkel“, auf dem die Straßenbeleuchtung von Lesser Ury, das Personal aber von Fritz Lang und Otto Dix stammt: achtzehn Gelegenheits- und Dauerprostituierte; Edelschicksen, Mannweiber, Gören mit Mütze, Mütter mit Hut, in allerlei Posen arrangiert, als wollten sie zur „Schönheits-Concurrenz“ in den „Paradiessälen“ antreten, für die eine Leuchtschrift am linken Bildrand wirbt.

 

Wäre Berlin ein Genre wie das Rheintal oder Kythera, könnte keiner Baluschek darin das Wasser reichen, weil er immer den kürzesten Weg von der Gosse zur Gemütlichkeit und vom Tinnef zum Erhabenen nimmt. Man möchte Sozialdemokrat werden - Baluschek wurde es 1920 -, wenn man sieht, wie die Greisin in „Frühlingswind“ unter einem Sisley-Himmel zusammengesunken im Straßenstaub hockt oder die alte Säuferin („Elend“) an einer Laterne lehnt; aber dann leuchten die Laternen über den „Obdachlosen“ im Tiergarten so traulich, und in der „Bahnhofshalle“ am Lehrter Bahnhof dampfen die Züge so flott, dass man mit dem Maler lieber eine Molle zischen ginge. Ein Koch bietet Brühwürste feil, ein Herr mit Schiebermütze wuchtet einen Koffer, eine Dame mit Pelzkragen erwartet ihn: „Berlin Babylon“, die Serie, ist nicht mehr weit.

 

Vielleicht kommt man Baluschek am nächsten, wenn man ihn biographisch liest. Als einziger Sohn eines Eisenbahningenieurs entdeckt er mit fünfzehn die Malerei und besucht mit zwanzig die Berliner Kunstakademie, aber die Liebe zur Eisenbahn verlässt ihn nicht. Schon früh sammelt er Modelle von Lokomotiven und Waggons, die er in seine Bilder einfügt.

 

ln Schöneberg, damals noch ein Vorort von Berlin; wächst Baluschek auf und stirbt dort auch, von den Nationalsozialisten verpönt, fünfundsechzigjährig im September 1935. Der Innsbrucker Platz, das Gasometer, die Trasse der Potsdamer Bahn, das Reichsbahngelände am Landwehrkanal sind wiederkehrende Motive seiner Malerei. Wenn Berlin in Baluscheks Lebenszeit zur Weltstadt wurde, dann sieht man davon bei ihm nichts. Seine Kunst kennt keine Weite, sondern nur Naheliegendes, Fabriken, Fassaden, Bahnhöfe, davor Passanten oder Züge als Repoussoir. Bei größeren Formaten packt Baluschek der Horror vacui: Seine „Großstadtlichter“ von 1931 sind mit Figuren und Architekturen vollgestopft wie ein Geschenkkorb. Man möchte zu gern ein Zeitbild der Weltwirtschaftskrise darin sehen, aber der Maler erstickt die Stimmung durch Masse. Er zeigt Berlin, als stünde es als Kulisse in Babelsberg.

 

Aber dieser enge Blick ist auch eine Stärke. Gerade im Kleinen, im Milieu, ist Baluschek groß. Bereits an der Akademie, unter der Knute des Hofmalers Anton von Werner, hat er angefangen, sich für das Leben der Unterschichten zu interessieren. In „Malschule“ (1894) stellt er sich noch zu den Kunststudenten, die das proletarische Modell begaffen, danach findet er seinen Standpunkt auf der Straße, unter den Menschen, die er zeigt. Um das Graubraun der Arbeitersiedlungen festzuhalten, erfindet er eine eigene Mischtechnik, die die Schärfe der Federzeichnung mit der Vagheit Aquarells verbindet. Manche Köpfe auf dem „Feierabend“ von 1895 könnten von Menzel sein, andere von Käthe Kollwitz, aber die Farbgebung ist reiner Baluschek, bleiern, verschattet, fatal.

 

Das Blatt entstand als Beitrag für den Kalender „Kunst und Leben“. Das Illustrative, Serielle ist das Betriebsgeheimnis von Baluscheks Kunst. Die erste Monographie über ihn erschien 1904 in der Reihe „Moderne Illustratoren“, sie stellte Baluschek neben Munch, Beardsley und Thomas Theodor Heine. Das Massenpublikum, das seine Arbeiterbilder nicht fanden, bescherten ihm die gefällig-verträumten Illustrationen „Peterchens Mondfahrt“. Aber auch seine schärfste Anklage gegen die Industriemoderne hat Baluschek in einer Serie formuliert, dem Zyklus „Opfer“ von 1906. Weil er anders als Zille keinen Funken Humor besaß, fehlt diesen Zeichnungen von Geisteskranken, Selbstmörderinnen, Prostituierten und Alkoholikem jedes Augenzwinkern, sie sind das nackte, heulende Elend. Das Bröhan-Museum, das neben dem Berliner Stadtmuseum den größten Bestand an Baluschek-Werken überhaupt besitzt, hat gut daran getan, diese Blätter aus dem Kupferstichkabinett zu leihen. Sie zeigen die Kehrseite von Baluscheks Wimmelbildern und Modelleisenbahnlandschaften, ihren finsteren, unterirdischen Kern.

 

Das Meisterwerk dieses Malers und dieser Ausstellung ist dennoch ein Ölgemälde der „Berliner Rummelplatz“ von 1914. Frühsommerabend, ein Karussell dreht sich, Familien im Sonntagsstaat eilen wie aufgezogen in Rückenansicht zu der blinkenden Attraktion. Im Vordergrund werfen sich ein Junge mit Schiebermütze und Zigarette und ein Knabe mit Strohhut misstrauische Blicke zu. Die Szene strömt eebenjene Mischung aus Amüsierwut und Gereiztheit aus, die Thomas Mann im vorletzten Kapitel des „Zauberbergs“ beschrieben hat und die schon den Zeitgenossen gegenwärtig war. Wir wissen, was im Sommer 1914 geschah. Hans Baluschek wusste es nicht. Aber er ahnte es. ANDREAS KILB, FAZ, 13. Mai 2020

 

Wenig Parfüm, viel Pfütze. Hans Baluschek zum 150. Geburtstag. Im Bröhan-Museum Berlin; bis zum 27. September. Der Katalog kostet 25 Euro.

 

Görresstraße 21-23. Darstellung in der Denkmalkarte Berlin. Quelle BA TS

Görresstraße vor dem Abriss???

 

Per Einschreiben/Rückschein vom 11.02.2020 wurde dem Mieter der Garage von der Firma „Bauwert Görresstraße GmbH“ der Garagenplatz gekündigt: „Hiermit kündigen wir als Ihr Vermieter form- und fristgerecht den o.g. gewerblichen Mietvertrag über die Garage-Nr. XX auf dem Grundstück Görresstraße 23 in 12161 Berlin nach den mietvertraglichen Regelungen i.V.m. § 580a BGB mit Wirkung zum 30.06.2020 ... Die Fläche wird ab dem 01.10.2020 für andere Bebauungen dringend benötigt.“

 

Nun haben Untere Denkmalschutzbehörde von Tempelhof-Schöneberg und Landesdenkmalamt Berlin ein Problem, weil „andere Bebauungen“ ohne Genehmigung und Zustimmung des Denkmalschutzes seit Erhebung des Grundstücks Görresstraße 21/23 zum Denkmal vom 13.05.2019 „eigentlich“ nicht möglich sind.

 

 

 

 

 

 

Neu dürfte für die Friedenauer in der Görresstraße sein, dass inzwischen nicht mehr Eigentümer Jürgen Leibfried auftritt, sondern die „Bauwert Görresstraße GmbH“ mit Sitz in Bad Kötzting, deren Gegenstand mit „Projektentwicklung von gewerblichen Immobilien und Wohn-Immobilien und alle damit in direktem oder indirektem Zusammenhang stehenden Dienstleistungen“ beschrieben wird.

 

Am 13.05.2019 verkündete das Landesdenkmalamt Berlin zum Anwesen Görresstraße 21/23, dass „sich der Denkmalschutz auf die Baudenkmale und den Denkmalbereich, bestehend aus: Vorgärten, freiem Hofraum, Garagen und Garten erstreckt“.

 

Nachdem Jürgen Leibfried in der „Abendschau“ vom 07.07.2019 erklärt hatte, dass das Thema Denkmalschutz (im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg) zigmal abgeklärt und die Denkmalwürdigkeit von der (Unteren) Denkmalschutzbehörde (des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg) immer wieder verneint wurde, hielten wir es für sehr wahrscheinlich, dass es zu einem Rechtsstreit kommen wird. Wir befürchteten, dass das Stadtentwicklungsamt Tempelhof-Schöneberg, vertreten durch Stadtrat Jörn Oltmann und Stellvertreter Gerrit Reitmeyer, zugleich Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde, für diesen Fall schon an einem Kompromiss „basteln“, um die von ihren Mitarbeitern getroffenen Fehleinschätzungen zu kaschieren und der juristischen Auseinandersetzung auszuweichen.

 

Der Abriss von Fuhrhof, Garagen, Landhaus und Atelier ist also trotz Denkmalschutz keineswegs vom Tisch.

 

Was sagen die Behörden dazu?

Was unternehmen die Anwohner?

 

Christoph Meckel. Foto Dietmar Bührer, 1974

Im Zentrum die Poesie

Zum Tod des Autors und Grafikers Christoph Meckel

 

Klein wie eine Zigarettenschachtel, doch viel, viel dünner ist der Gedichtband, mit dem ein herausfordernd dreinblickender junger Mann 1956 die Bühne betrat: sechzehn unpaginierte Seiten, mit Drahtklammern geheftet Als Christoph Meckel sich viel später anschaute was wir für die Publikation der „Gesammelten Gedichte“ Zusammentragen hatten, der Autor und sein Lektor, wählte der Achtzigjährige für den tausendseitigen Band den gleichen Titel wie für den prähistorischen Erstling: „Tarnkappe“. Kann man Anfang und Ende eines langen Künstlerlebens deutlicher verknüpfen? Und doch, zwei Jahre nach der poetischen Summe kam ein neuer Gedichtband, und sein Titel „Kein Anfang und kein Ende“ setzte wiederum ein Zeichen: Eine Schlussbilanz kann es für den Künstler nicht geben, solange er noch Künstler ist. Am Mittwoch ist Christoph Meckel, der Dichter und Grafiker gestorben. Er wurde 84 Jahre alt.

 

Am 12. Juni 1935 in Berlin geboren, ist Meckel immer ein Berliner Nachkriegskind geblieben, herausfordernd, respektlos, manchmal launenhaft. immer überschwänglich und von tiefer Herzlichkeit, doch sofort mit konzentriertem Ernst, wenn es um ein Manuskript ging. Die frühe Entscheidung für die Kunst hat er mit störrischem Eigensinn durchgehalten. Viele Jahre lebte er im südfranzösischen Rémuzat, Departement Drôme, unvergesslich beschrieben in „Ein unbekannter Mensch. Und eine ganze Generation fand sich wieder in seiner berühmtesten Erzählung „Licht“, die eine tragische Liebesgeschichte so romantisch erzählt, dass man ihr bitteres Ende fast vergisst.

 

Trotzdem, im Mittelpunkt seines Werkes stand die Poesie. Immer hatte der junge Meckel „die Taschen voller unveröffentlichter Gedichte“; aus einer, beiläufigen Beobachtung, einem Eindruck, einem Gedanken wurden ein paar notierte Worte, ein Satz, schließlich der Anfang eines Verses. Ohne den Anstoß des gelebten Augenblicks sind die meisten Werke Meckels gar nicht vorstellbar – und ebenso wenig ohne seine Phantasie, seine Genauigkeit in der Gestaltung, die dann aus der Skizze erst das wirkliche Gedicht macht.

 

Jetzt geht die Erinnerung zurück zu vielen Begegnungen, bei Lesungen, bei der Arbeit an dem engen, stets einzeilig getippten Schreibmaschinenskript, an die mit bunten  Vögeln oder huttragenden Männlein verzierten Briefe, an den Wind und den hohen Himmel über dem Cabanon in Rémuzat. Weltabgewandt war Meckel auch dort oben nie, im Gegenteil, seine Worte sind oft hart, bitter, und dass es so etwas wie ein abgeschlossenes Lebenswerk geben könne, hat er nie geglaubt. Schon in jenem ersten Bändchen stehen die Verse: „Der Regen meint es gut mit mir, / er geht auf dem Dach der Welt / in leisen Pantoffeln spazieren. / Aber der liebe Gott hat Siebenmeilenstiefel an / und übergeht die Jahre, in denen ich lebe.“ Nach einem langen Leben hat der liebe Gott ihn nun eingeholt. Salut, Christoph, alter Freund! WOLFGANG MATZ

 

Der Autor betreute Christoph Meckel als Lektor im Hanser-Verlag. Der Text erschien am 31. Januar 2020 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung.

 

Christoph Meckel wurde am 12. Juni 1935 in Berlin geboren. Er lebte an der Sonnhalde im badischen Freiburg, mitunter im südfranzösischen Rémuzat, aber seit 1974 auch in der Brünnhildestraße Nr. 3. Kein anderer Schriftsteller hat es so lange in Friedenau ausgehalten. Nun ist der Lyriker und Grafiker am 29. Januar 2020 in Freiburg gestorben. Im Verlag der Friedenauer Presse erschienen seine ersten Werke: Die Dummheit liefert uns ans Messer (1967) und Kraut und Gehilfe (1970). Nachdem Christoph Meckel Friedenauer wurde, konnte ihn der Fotograf Dietmar Bührer 1974 porträtieren. Wir danken Herrn Bührer für die Erlaubnis, seine wohl bisher nicht publizierten Aufnahmen auf dieser Webseite zu veröffentlichen.

 

S-Bahn Berlin. Bearbeitung Hahn & Stich, 2020

CDU Tempelhof-Schöneberg ohne Weitblick

 

300.000 Menschen pendeln täglich zwischen Berlin und Brandenburg. Ein Viertel von Berlin ins Umland, drei Viertel in die umgekehrte Richtung. Der Landkreis Dahme-Spreewald ist mit 21.291 Pendlern dabei, Teltow-Fläming mit 19.138, Oder-Spree mit 13.159 und Potsdam-Mittelmark mit 10.184. Potsdam wartet allein mit 18.200 Pendlern auf. Von Stahnsdorf und Kleinmachnow pendeln täglich 5.667 nach Berlin, umgekehrt sogar 9.663 Menschen. (Quelle Arbeitsagentur, Juni 2018).

 

Die Probleme werden nicht geringer, da in dreißig Jahren Teltow von 14.000 auf 27.000, Kleinmachnow von 11.600 auf 20.600 und Stahnsdorf von 5.800 auf 15.200 Einwohner gewachsen sind. Tendenz steigend. Dazu kommen Überlegungen des Senats, dort draußen auf den Flächen der Berliner Stadtgüter Wohnsiedlungen zu bauen.

 

Verständlich, dass die Tempelhof-Schöneberger CDU den zweigleisigen Ausbau von 6,00 km eingleisiger Strecke der S 2 von Lichtenrade nach Blankenfelde fordert, um den Mariendorfer Damm von den Autos aus den brandenburgischen Landkreisen zu befreien.

 

Bedenklich allerdings, dass die Koryphäen um Patrick Liesener, Jan-Marco Luczak, Roman Simon und Christian Zander allesamt mit Wohnsitz in Lichtenrade, Mariendorf und Marienfelde aufwarten. Hier soll zu den Wahlen 2021 eine Klientel bedient werden – eine Politik der Ausklammerung, bei der die Ortsteile Friedenau, Schöneberg und Tempelhof außen vorbleiben. Diese Christdemokraten denken nicht daran, dass Zehlendorfer Damm, Unter den Eichen, Goerzallee, Ostpreußendamm, Tempelhofer Damm, Teltower Damm, Unter den Eichen und Westtangente eine ähnliche Misere zu ertragen haben.

 

Wer den zweigleisigen Ausbau der S 2 fordert, sollte berücksichtigen, dass Tempelhof-Schöneberg auch von den S-Bahn-Linien S1 Wannsee-Schöneberg-Oranienburg, S25 Teltow Stadt-Südkreuz-Hennigsdorf und S26 Teltow Stadt-Südkreuz-Waidmannslust durchfahren wird. 75 Jahre nach der sowjetischen Gleis-Demontage und 30 Jahre nach dem Mauerfall gibt es auf diesen Trassen noch immer eingleisige S-Bahn-Strecken.

 

Größtes Ärgernis ist hierbei die 9,89 km lange eingleisige Strecke zwischen Potsdam und Wannsee. So kommt es, dass diese Trasse nur von der S7 Potsdam-Friedrichstraße-Ahrensfelde/Wartenberg (Stadtbahn) befahren werden kann und die Fahrgäste von Potsdam, Babelsberg und Griebnitzsee, wenn sie denn nach Zehlendorf, Steglitz, Friedenau und Schöneberg wollen, in Wannsee in die S1 (Wannseebahn) umsteigen müssen.

 

Ärgernis Nummer zwei sind die Linien S25 & S26 von Teltow Stadt über Lichterfelde-Süd und Südkreuz nach Hennigsdorf/Waidmannslust. Die Strecke wurde 2005 eröffnet. Zwischen Lichterfelde Süd und Teltow Stadt auf 3,30 km allerdings nur eingleisig, obendrein mit einer Straßenbrücke über den Heinersdorfer Weg mit Platz für ein Gleis. Entgegen der ursprünglichen Planung wurde auf den Bau der Station Teltow-Seehof verzichtet.

 

Hinzukommt, dass hinter dem Bahnhof Teltow Stadt seit 1939 eine 6,3 km lange Vorhaltetrasse mit den angedachten Stationen Iserstraße und Stahnsdorf existiert. Eine Einrichtung dürfte rein rechtlich unproblematisch sein.

 

Die Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf zeigt mehr Weitblick als ihre Parteifreunde in Tempelhof-Schöneberg. Cerstin Richter-Kotowski (CDU) bringt den Weiterbau der U-Bahnlinie U9 ins Gespräch, da seinerzeit beim Bau des U-Bahnhofs Rathaus Steglitz für eine Verlängerung über Steglitz hinaus nach Lankwitz Kirche bzw. Hildburghauser Straße Bauvorleistungen auf einer Gesamtlänge von 1536 Metern getroffen wurden.

 

Sie plädiert vor allem für die Wiederinbetriebnahme der historischen Stammbahnstrecke für Regional-Express-Züge (RE) von Potsdam über Griebnitzsee, den Teltowkanal bei Kohlhasenbrück, Dreilinden-Kleinmachnow, (Europarc), Düppel, Zehlendorf, Steglitz, Friedenau und Schöneberg in die Berliner Stadtmitte.

 

Für die Bezirksbürgermeisterin ist das ein wichtiges Infrastrukturprojekt für die Region, allerdings muss der Bezirk auch etwas davon haben. Es kann nicht sein, dass die Züge zwischen Potsdam und Mitte durchrauschen, und in Steglitz-Zehlendorf winken wir noch hinterher. Sie fordert Regio-Halte am Rathaus Steglitz und in Zehlendorf, einen neuen S-Bahnhof Düppel, mehr Park & Ride vor den Bezirksgrenzen sowie eine Ausweitung der Tarifzone AB.

 

PS

Während die Alteingesessenen von Kleinmachnow die Wiederinbetriebnahme der Stammbahn begrüßen, fährt der „Förderverein LSG Buschgraben/Bäketal“ um die Vorsitzende Ursula Theiler dagegen große Geschütze auf.

 

Weil „auf einer Fernbahntrasse viel Schienenverkehr an uns vorfahren wird“

Weil „Bürger keinen größeren Nutzen von der Strecke haben werden“

Weil „deutliche Lärm- und neue Verkehrsbelastungen“ kommen werden

Weil „mit dem Bau einer Fernbahntrasse erheblichen Eingriffe in die Natur verbunden wären“

Weil „diese ein wesentlich massiveres Bauwerk darstellen als eine S-Bahn-Trasse“

Weil „dies sowohl die durchfahrenen Orte als auch den Dreilindener Forst betrifft“

Weil „diese weit teurer ist als die derzeit auch diskutierte S-Bahn-Variante“

Weil „damit erheblicher Verkehr auf der Strecke zu erwarten ist“

 

Deshalb beschloss der Verein im September 2019, sich „für eine klima-, natur- und ressourcen-schonende Alternative zum Neubau der Stammbahn einzusetzen“ - die Nutzung des vorhandenen und wenig befahrenen Gleispaares neben der Trasse der S1 zwischen Wannsee und Zehlendorf“. Damit werden allerdings Einzelinteressen vor Gemeinnutz gesetzt. Für den Förderverein haben „die gravierenden Auswirkungen auf Mensch und Natur“ natürlich auch damit etwas zu tun, dass entlang der Kleinmachnower Straße „An der Stammbahn“ und parallel zur zweigleisigen Bahntrasse ab 1930 beidseitig Einfamilienhäuser der „Bürgerhaussiedlung Zehlendorf-Kleinmachnow“ entstanden. Zur besseren Anbindung wurde 1939 der Bahnhof Düppel eröffnet. Nach Mauerbau und Stilllegung der Stammbahn avancierte die Siedlung zur wahren Idylle für Bevorzugte des sozialistischen Staates. Nach 1991 waren in Kleinmachnow fast 70 Prozent aller Häuser und Wohnungen von Restitution betroffen. Rechte an Grundstücken waren oft schwer zu klären. Nach dem PrinzipRückgabe vor Entschädigung“ und dem nachfolgenden Verkauf der Alteigentümer an Zugezogene kam eine seltsame Mischung von Altbesitzern und Neubesitzern zustande, die sich nun - wie der „Förderverein LSG Buschgraben/Bäketal“ unter der trassenahen Kleinmachnower Adresse Rudolf-Breitscheid-Straße 62 - dagegen wehren, dass ihre Häuschen mit dem neuen Zugverkehr einen erheblichen Wertverlust erleiden würden.

 

Selbstverständlich „unterstützt der Förderverein die Entwicklung und Verbesserung der ÖPNV-Anbindung der Region und erkennt den wachsenden Pendlerbedarf an“, selbstverständlich sind sie nicht gegen „die alte Stammbahn“ und selbstverständlich wollen sie ihren „Umgehungsvorschlag" an der S1 „nur als schnelle und kostengünstige Zwischenlösung“ verstanden wissen. Ursula Theiler, im Hauptberuf Chief Executiv Officer (CEO) bei „Risk Training", obendrein für ihre Dissertation „Risiko-Rendite-Optimierung des Bankportfolio" ausgezeichnet, hätte eigentlich erkennen müssen, dass die Metropolenregion Berlin um die Wiederinbetriebnahme der Stammbahntrasse – seit dem Mauerbau nur stillgelegt, aber nie entwidmet – nicht „herumkommen“ wird. Mit der Devise „Nicht vor der eigenen Haustür“ erhöht der Verein für viele Beteiligte das „Risiko“, dass die dringend erforderlichen Verkehrslösungen weiter verzögert werden.

 

Bürgerinitiative Stammbahn, Dezember 2019

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Förderverein, 17.09.2019

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Friedrichswerdersche Kirche am 18. Januar 2020. Foto Hahn & Stich

Friedrichswerdersche Kirche öffnet wieder für Publikum

 

Viele Berliner haben auf diesen Moment gewartet und deshalb war es nicht überraschend, dass sich am 18. Januar 2020 hunderte Menschen im Kirchenraum der Friedrichswerderschen Kirche drängten. Mehr als sieben Jahre war der Schinkel-Bau geschlossen, weil Schäden behoben werden mussten, die durch benachbarte Baustellen verursacht worden waren. Was die Besucher am ersten Tag der Wiedereröffnung erwartete, war ein leerer Kirchenraum mit verwaisten Podesten für die ausgelagerten Skulpturen. Erst im Laufe des Jahres 2020 sollen wieder Stücke aus der Alten Nationalgalerie im Kirchenraum gezeigt werden.

 

Unübersehbar sind die Narben, die die Rücksichtslosigkeit des benachbarten Bauherrn, der Bauwert AG, und das parallele Versagen der Berliner Behörden der Kirche beigebracht haben. Die grob verkitteten Risse rund um den Altar sind den Besuchern nicht verborgen geblieben und sorgten für Kopfschütteln. Eingestürzt ist die Kirche nicht, aber sie wird auf Dauer genau beobachtet werden müssen, um die Schäden langfristig in den Griff zu bekommen.

 

 

Tröstende Worte zur Wiedereröffnung fand Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie. So sei die befürchtete Verdunkelung des Kircheninneren durch die Randbebauung weit weniger eingetreten als befürchtet.

 

Pfarrer Stephan Frielinghaus ist in seinem Urteil da schon mutiger. Bei ihm bleiben trotz der Wiederherstellung der Kirche viele Fragen offen. Etwa danach, wie es möglich war, dass so dicht an das historische Gebäude heran gebaut werden durfte. Hätte man sich an das Berliner Denkmalgesetz gehalten, wäre der Schaden – ein Riss vom Portal bis zum Altar – nicht passiert, so der Pfarrer. Im RBB kritisierte er die Behörden, die diese Bauten genehmigt hatten. Dem können wir uns in der Hoffnung anschließen, dass die Verursacher des Desasters endlich klar benannt und zur Verantwortung gezogen werden.

 

 

Dokumentation der Schäden

Angelika Schöttler. Quelle www.berlin.de. Bild Foto Huber

Schlechte Nachricht

Weiter so mit Angelika Schöttler

 

Auf die Frage der Zeitung Berliner Woche, ob sie vorhabe, bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus 2021 ins Rennen um die SPD-Kandidatur zu gehen, um Regierende Bürgermeisterin zu werden, antwortete Angelika Schöttler im Januar 2020: Ich sage Ihnen ganz klar: Ich möchte im Bezirk bleiben. Mir macht mein Job Spaß. Ich habe keine Ambitionen auf die Landes- oder Bundesebene. Meine Ebene ist der Bezirk. Da bin ich gerne.

 

Es mag ja sein, dass Angelika Schöttler (SPD) gern in diesem Bezirk ist, aber nach 32 Jahren Tempelhof-Schöneberg, davon allein 10 Jahre als Bezirksbürgermeisterin, sollte es 2021 genug sein. Das will die heute 57-Jährige nicht einsehen, weil ihr für die Rente noch ein paar Jährchen fehlen, und ihr zweiter Job als Landeskassiererin der Berliner SPD wohl zu unsicher ist.

 

Die studierte Informatikerin trat 1982 in die Schöneberger SPD ein. Seit 1889 gehörte sie (irgendwie immer) der Bezirksverordnetenversammlung an. 2001 wurde sie Vorsitzende des Sozialausschusses, 2002 Städträtin für Familie, Jugend und Sport, 2011 Bezirksbürgermeisterin und 2016 für eine zweite Amtsperiode erneut gewählt. Genug ist genug. Ihre Bilanz ist dünn. Weder für den Bereich Familie, Jugend und Sport, der inzwischen von dem noch unglücklicher agierenden Oliver Schworck (SPD) gehandelt wird, noch als derzeitige Leiterin der Abteilung Finanzen, Personal und Wirtschaftsförderung konnte sie Impulse setzen. Die Probleme in Tempelhof-Schöneberg sind bekannt. Da braucht es keine weiteren Worte.

 

Ein Signal in Richtung Aufbruch mit mutiger Erneuerung ist von der Kandidatur nicht zu erwarten. In die neue Zeit der SPD geht es damit nicht. 08.01.2020

 

Quelle DIE GRÜNEN

Wer nicht pariert, wird abberufen

Der Fall Jessica Mroß

 

Abgeordnete werden in freier und geheimer Wahl gewählt. Sie sind an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.

 

Die GRÜNEN von Tempelhof-Schöneberg sehen das anders. Die in freien Wahlen in die BVV gewählte Abgeordnete Jessica Mroß (GRÜNE) hatte bei der Abstimmung über den Bezirkshaushalt 2020/2021 für sämtliche Änderungsanträge der CDU votiert. Das geht nach Ansicht des GRÜNEN-Fraktionsvorsitzenden Rainer Penk gar nicht.

 

Natürlich „ist und bleibt das Recht, nach seiner Überzeugung auch gegen die Fraktion abzustimmen“, aber wenn sich derartige Entscheidungen „zu einem systematischen Verhalten ausweiten, ist die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit verloren“. Dementsprechend wurde mobil gemacht. Jessica Mroß wurde zuerst als „Sprecherin für den Bereich Frauen, Queer und Inklusion“ abgewählt und in einem zweiten Schritt aus allen Ausschüssen abberufen. Dafür stimmten alle Bezirksverordneten der GRÜNEN, namentlich Astrid Bialluch-Liu, Bertram von Boxberg, Marius Feldkamp, Ulrich Hauschild, Dr. Wolfgang Höckh, Elisabeth Kiderlen, Ralf Kühne, Fritz Matschulat, Rainer Penk, Aferdita Suka, Annabelle Wolfsturm und Martina Zander-Rade. Diese Namen sollten sich die Wähler für die Wahl 2021 merken.

 

Wenn Jessica Mroß (GRÜNE) und Daniel Dittmar (CDU) – nur beispielsweise – gemeinsam dafür eintreten, das Areal des Allianz-Stadions in Mariendorf zu erwerben und langfristig für den Sport zu sichern, da im Bezirk sowieso ein Mangel an Sportflächen besteht, dann scheint für die GRÜNEN offensichtlich schon „eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht möglich“. Auf ihrer Webseite formulierten sie am 5. November 2019: „Im Sportausschuss als auch in anderen Ausschüssen agierte sie regelmäßig gegen die anderen Mitglieder der grünen Fraktion und die von denen eingebrachten Anträge. Insgesamt habe das Verhalten von Frau Mroß in den vergangenen Monaten Grund genug für einen Fraktionsausschluss geboten. Davon haben wir noch Abstand genommen.“

 

Wer nicht pariert, wird abberufen. Folgt demnächst der Fraktionsausschluss? 30.12.2019

 

Friedrichswerdersche Kirche, 2019. Foto David von Becker

Wir machen Bauwerke zu Bauwerten

Friedrichswerdersche Kirche

 

Wir haben ordentlich was angerichtet, aber wir haben es auch wieder in Ordnung gebracht. Vier Jahre später stellt sich heraus, dass Jürgen Leibfried, Chef der Bauwert AG, zum Richtfest der Kronprinzengärten an der Friedrichswerdersche Kirche am 28. September 2015 doch gelogen hat, da der Berliner Senat am 7. August 2018 eingestehen musste, dass es durch die Bauarbeiten westlich des Kirchengebäudes zu erheblichen Bewegungen der Kirchenfundamente kam, auch eine Verformung insbesondere des Deckengewölbes gegeben hat, die nicht korrigiert werden kann. Die Sanierung erfolgte zur statischen Sicherung des Gebäudes und zur Schließung von Rissen sowie der Wiederherstellung des historischen optischen Gesamteindrucks des Gebäudes. Die bleibende Gebäudeverformung dürfte hingegen dessen statische Reserven dauerhaft reduziert haben.

 

 

 

Kultursenator Klaus Lederer (DIE LINKE) hat den Umgang mit der Friedrichswerderschen Kirche als abschreckendes Beispiel für einen nicht funktionierenden Denkmalschutz bezeichnet. Die Friedenauer können dem zustimmen. Als die Bauwert AG die Grundstücke Görresstraße Nr. 21 und 23 erwerben konnte und dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg Pläne für Abriss und Neubau präsentierte, verneinte die Untere Denkmalschutzbehörde mit ihrem Leiter Gerrit Reitmeyer eine Denkmalwürdigkeit des Areals. Bauwert-Chef Jürgen Leibfried formulierte es so: Das Thema Denkmalschutz wurde ja zigmal abgeklärt. Es ist ja nicht so, dass man überraschend sieht, hoppla, wir haben ein Denkmal vergessen, sondern dieses Ensemble wurde mehrfach abgefragt von der Denkmalbehörde und immer wieder wurde eine Denkmalwürdigkeit verneint. Bezogen auf die Untere Denkmalschutzbehörde war das nicht gelogen. Erst nach Bürgerprotesten sah sich (der vorgesetzte) Baustadtrat Jörn Oltmann (GRÜNE) schließlich gezwungen, das Landesdenkmalamt Berlin um ein Gutachten zu bitten.

 

Daraufhin wurde in Windeseile bescheinigt, dass bei der letzten Überprüfung im Jahr 2000 das Landhaus in der Görresstraße keine Berücksichtigung fand. Daher unterblieben weitere Forschungen. Die geschichtlichen Hintergründe mussten daher verborgen bleiben. Am 13. Mai 2019 wurde bescheinigt, dass die beiden ursprünglich zusammengehörigen Grundstücke ein einzigartiges Zeugnis für Friedenau sind, weil ihre Bebauung bis heute noch aus den ursprünglichen Baukörpern mit Vorgärten besteht, ohne weitere nennenswerte Nachverdichtung. Das Ensemble dokumentiert anschaulich den Bruch zwischen Landhauskolonie und geschlossener Miethausbebauung. Das Ensemble bildet im städtebaulichen Kontext einen sprechenden Kontrast.

 

Noch ist die Sache Görresstraße nicht geklärt. Es ist allerdings davon auszugehen, dass das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg alles tun wird und nach einem Kompromiss sucht, um mögliche Ansprüche der Bauwert AG abzuwehren. Das Desaster mit der zu dichten Bebauung für Luxuswohnungen rund um die Friedrichswerdersche Kirche ist einmalig und sicher nicht mit dem Bauwert-Projekt Görresstraße zu vergleichen. Die Tendenz aber bleibt.

 

Am 18. und 19. Januar 2020 jeweils von 10 bis 16 Uhr kann Schinkels Meisterwerk wieder betreten werden. Erwartet werden kann ein leergeräumter Kirchenraum, da die dort beheimatete Skulpturen-Ausstellung der Alten Nationalgalerie frühestens im Sommer 2020 eröffnet werden kann. Zu besichtigen ist aber auch, was die Architekten Sergei Tchoban, Ekkehard Voss, Rafael Moneo, Axel Schultes, Charlotte Frank, Norbert Hemprich und Julia Tophof auf dem Friedrichswerder angerichtet haben. 30.12.2019

 

Foto Hahn & Stich, 07.12.2019

 

Der Riegel kommt - Friedenau wird abgeschnürt

 

Spätestens jetzt, nachdem der erste Gebäuderiegel auf dem Bahndamm in die Höhe wächst, dürfte jedem Friedenauer einleuchten, dass die Luftzufuhr für den stark besiedelten Ortsteil nicht mehr gewährleistet ist. Wie wird es erst sein, wenn das gesamte Areal bis hin zur Hauptstraße bebaut ist. SPD und GRÜNE haben die vorab geäußerten Bedenken der Anwohner in den Wind geschlagen. Es macht sich gut, von Klima zu reden, aber wirklich etwas dafür zu tun, steht auf einem anderen Blatt.

 

Dass die Einsprüche zahlreicher Friedenauer ohne Folgen blieben, liegt auch an der damals erstellten Gutachterlichen Stellungnahme zu den klimaökologischen und lufthygienischen Auswirkungen des Bebauungsplans 7-68 im Bezirk Tempelhof-Schöneberg, Ortsteil Friedenau in Berlin, die zwar Bedenken offenbarte, das Bauprojekt aber am Ende als nicht so schlimm durchwinkte.

 

Dabei hieß es im Gutachten eindeutig: Während das Planareal selbst eine geringe bis mäßige Belastungssituation aufweist, liegt innerhalb der südlich angrenzenden Siedlungsfläche von Friedenau eine bioklimatisch ungünstige Situation vor. Dies ist auf das Durchlüftungsdefizit sowie die hohe Baumasse und die versiegelten Flächen zurückzuführen, welche sich während sommerlicher Strahlungswetterlagen stark aufheizen und in der Nacht die Wärme wieder an die Luft abgeben." Doch obwohl nun für alle sichtbar das Durchlüftungsdefizit noch größer wird, kam das Gutachten zu einem überraschenden Schluss: "Eine Umsetzung der vorgesehenen Bebauung würde den nächtlichen Luftaustausch voraussichtlich nicht beeinflussen. Voraussichtlich??

 

Weiter heißt es im Gutachten: Die mit dem Bebauungsplan 7-68 – Güterbahnhof Wilmersdorf verbundenen Zusatzverkehre führen insbesondere im direkten Umfeld der östlichen Gebietsanbindung zu einer signifikanten Erhöhung der Luftschadstoffkonzentration. Dies ist auf das relativ hohe zusätzliche Verkehrsaufkommen auf diesem Abschnitt sowie die planbedingte Einschränkung der Durchlüftungsbedingungen zurückzuführen. Eine planbedingte Einschränkung der Durchlüftungsbedingungen wird also zugegeben. Doch die sogenannten Gutachter gaben dennoch grünes Licht für die massive Bebauung auf dem Bahndamm - ein Schelm, wer Böses dabei denkt. 07.12.2019

 

Foto Hahn & Stich, 07.12.2019

Endlich würdig

 

Jahrelang hat das Bezirksamt von Tempelhof-Schöneberg den Platz vor der Gedenktafel für den von den Nazis am 23. April 1945 ermordeten Widerstandskämpfer Friedrich Justus Perels an der Friedrich-Bergius-Schule verwahrlosen lassen - trotz wiederholter Mahnungen der Schulleitung. Nun ist wieder ein würdiger Gedenkort entstanden. Fragt sich nur, ob das von Bezirksstadträtin Christiane Heiß (GRÜNE) geleitete Grünflächenamt sich demnächst auch um die weitere Pflege kümmert.

07.12.2019

 

Hat die Intransparenz Methode?

 

Nur sechs Stunden hat Bezirksstadträtin Christiane Heiß für eine Antwort auf unseren Offenen Brief zur Fällaktion auf dem Perelsplatz gebraucht, um letztendlich triumphierend mitzuteilen, dass der Tagesspiegel schneller war und bereits am 1.10.2019 diese Meldung in Absprache mit uns veröffentlicht hat. Damit tut sie so, als ob eine Meldung im Tagesspiegel eine rechtzeitige Information der Bevölkerung ersetzen würde. Aber genau darum geht es: Die Fällaktion ist ohne Absprache mit den Bürgern durchgezogen worden, eine Beteiligung der Anwohner zur Gestaltung des Parks hat nie stattgefunden. Der Verweis auf eine Tagesspiegel-Meldung kann nicht im Ernst die Antwort auf diese nun wiederholt geübte Intransparenz des Bezirksamts sein.

 

Immerhin erfahren wir jetzt, dass derzeit ein dritter Bauabschnitt der gartendenkmalpflegerischen Wiederherstellung der Grünanlage realisiert wird. Laut Heiß stammt die Gestaltung des Platzes aus dem frühen 20. Jahrhundert, wesentlicher Bestandteil des Platzes war unter anderem ein lichtes Birkenwäldchen, das jetzt überarbeitet werde. Nach den Vorgaben des Denkmalschutzes sind Rückschnitte und Fällungen an Eiben notwendig, die sich zumeist selbst ausgesät haben. Sechs stark geschädigte Bäume, fünf Birken und ein Zierapfel, die alle in schlechtem Zustand seien, sowie 28 Eiben werden gefällt. 25 weitere Eiben werden stark zurückgeschnitten. Die Birken sollen ersetzt werden. Auch andere Strauchgruppen werden beschnitten. Ziel sei eine mehrstufige Vegetationsschicht mit entsprechend höherer ästhetischer und ökologischer Wertigkeit und die Wiederherstellung des denkmalpflegerischen Zustands. Klingt erst einmal vernünftig. Den Unmut der Bürger hätte sich die GRÜNE ersparen können, wenn sie vorher informiert hätte. So aber bleibt der Eindruck von einer überforderten Bezirksstadträtin. 07.12.2019

 

Perelsplatz 09.10.2019. Foto Hahn & Stich

Kahlschlag am Perelsplatz – Was steckt dahinter?

Offener Brief an Bezirksstadträtin Christiane Heiß

Friedenau, 10. Oktober 2919

 

Sehr geehrte Frau Heiß,

 

Fassungslos haben die Friedenauer in den vergangenen Tagen die massiven Baumfällungen auf dem Perelsplatz registriert. Zahlreiche Menschen haben uns vor Ort angesprochen und ihrer Empörung Ausdruck gegeben.

 

Über die Motive dieses Kahlschlags wird spekuliert. Da helfen auch die paar Hinweisschildchen an den Bauzäunen nicht, aus denen wenig Verständliches hervorgeht. Wenn es dort heißt: Wir hoffen, dass Ihnen die vorgesehenen Neugestaltungen Freude bereiten, dann fühlen sich die Menschen schlicht auf den Arm genommen.

 

 

 

 

 

Im Vorfeld dieser Fällaktion gab es weder Informationen aus Ihrem Fachbereich noch aus dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg. Dabei werden von dort täglich Presseinformationen herausgeschickt, zuletzt 1a Kiezspaziergang mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler oder Aufgrund von internen Fortbildungsmaßnahmen bleibt das Bürgeramt Schöneberg am Mittwoch, den 30. Oktober 2019 sowie am Freitag, den 29. November 2019 ganztägig geschlossen. Dokumente können an diesem Tag nicht abgeholt werden.

 

Diese Informationspolitik zum Perelsplatz ist nicht tragbar und ignoriert die mündigen Bürger. Weder wurden sie rechtzeitig unterrichtet, noch an der Entscheidung, die zu diesem Kahlschlag führte, beteiligt. Eine Politik des Faktenschaffens, ausgerechnet unter bündnisgrüner Führung, ist nicht mehr zeitgemäß und wird von den Menschen auch nicht mehr akzeptiert. Es bleibt für uns unverständlich, warum Sie durch diese Handlungsweise das Vertrauen der Menschen in die kommunale Politik und zu den politischen Entscheidungsträgern weiter schwächen. Die Gestaltung des Perelsplatz kann nicht Sache eines offenbar von Ihnen engagierten Büros Landschaftsarchitektur Werner sein, sie ist Sache der Menschen, die in Friedenau leben und den Park täglich nutzen. Doch sie wurden nicht gefragt!

 

Ist Ihnen die Gefühlslage der unmittelbaren Anwohner Lauter-, Handjerystraße/Perelsplatz überhaupt klar? Lauter- und Handjerystraße wurden im Bereich des Parks vor Wochen ohne Vorwarnung abgesperrt und aufgerissen, weil unmittelbar daneben ein Mega-Bauprojekt auf dem Bahndamm trotz Bürgerwiederstand durchgezogen wird. Der von Kindern und Jugendlichen reichlich genutzte Sportplatz an der Lauterstraße soll verschwinden und die Anwohner wurden unlängst damit konfrontiert, dass an seiner Stelle eine riesige Wettkampfhalle gebaut werden soll. Und jetzt der Kahlschlag im Park vor der Haustür. Wie erklären Sie den Bürgern diesen „Irrsinn“?

 

Wir fordern Sie deshalb in diesem offenen Brief im Namen zahlreicher Friedenauer auf, die Motive für diese gravierenden Fällungen offenzulegen. Auch wenn es bereits zu spät ist, darf ein solcher massiver Eingriff in das Lebensumfeld der Bewohner nicht ohne öffentliche Erklärung der zuständigen Bezirksstadträtin durchgeführt werden.

 

Mit freundlichen Grüßen

Peter Hahn & Jürgen Stich

www.friedenau-aktuell.de

 

Michael Schoenholtz. Foto Dietmar Bührer, 2012

Michael Schoenholtz ist tot

 

Am 30. September 2019 ist der Bildhauer und Zeichner Michael Schoenholtz im Alter von 82 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit in Berlin gestorben. Bis zum Ausbruch seiner Krankheit wirkte er jeden Tag in seinem Atelier in Berlin-Friedenau mit seiner außergewöhnlichen Energie und Schaffenskraft.

 

Michael Schoenholtz wurde 1937 in Duisburg geboren, studierte ab 1956 Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Köln, ab 1957 Kunst an der Hochschule der Künste in Berlin, wo er von 1962 bis 1963 Meisterschüler von Ludwig Gabriel Schrieber war. Von 1971 bis 2005 hatte er dort eine Professur inne. Seit 1996 war er Mitglied der Akademie der Künste, von 1997 bis 2003 Direktor der Sektion Bildende Kunst. Am Gelingen der Vereinigung der Akademien Ost und West wirkte und gestaltete er maßgeblich mit.

 

 

 

 

 

Im Nachruf der Akademie der Künste heißt es: Schoenholtz war durch und durch Steinbildhauer, der seine Arbeiten in reduzierter Formensprache nach großformatigen Kohlevorzeichnungen ausführte. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Skulpturen in den fünf Kapellen der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche, die Zerstörung und Neubeginn thematisieren. Zahlreiche seiner Skulpturen befinden sich in Privatsammlungen und im öffentlichen Raum unter anderem in Heilbronn, Nordhorn, Soest und Berlin. Michael Schoenholtz hat zu Lebzeiten sein Archiv der Akademie der Künste vermacht. „Lust auf die Materie – Spaß am Machen – Appetit auf Form – Misstrauen gegenüber der Erscheinung – Angst um die Form – Erschrecken vor der Vergänglichkeit – Festhalten der vergehenden Form – Furcht vor der zerstörten Form – Reiz der zerstörten Form“, so beschrieb er die Voraussetzungen seines Schaffens. Die Akademie der Künste trauert um ihr Mitglied.

 

Michael Schoenholtz arbeitete bis zu seinem Tod in dem vom Architekten Otto Rehnig im Jahr 1900 entworfenen Ateliergebäude auf dem ehemaligen Pählchenschen Grundstück Görresstraße Nr. 21 (Wilhelmstraße). Die Ateliers gerieten in die Schlagzeilen, als die Bauwert AG die Gebäude auf den Grundstücken Görresstraße Nr. 21 und Nr. 23 abreißen lassen und durch Neubauten ersetzen wollte. Das Landesdenkmalamt stellte das gesamte Anwesen im Mai 2019 unter Denkmalschutz, und merkte (mit Bedauern an), dass bei der letzten Überprüfung der Erfassung Friedenaus im Zuge der Topographie im Jahr 2000 das Anwesen keine Berücksichtigung fand. Daher unterblieben weitere Forschungen. Die geschichtlichen Hintergründe, Zusammenhänge mit dem Fuhrhof und der Bildhauerkolonie in der Wilhelmstraße mussten daher verborgen bleiben. Nun heißt es: Geschichtliche Bedeutung hat die Anlage auch, weil das Atelier das letzte erhaltene Zeugnis der um die Jahrhundertwende entstandenen Bildhauerkolonie in der Wilhelmstraße ist und eine ungebrochene Nutzungskontinuität durch namhafte Künstler nachgewiesen werden kann. Die Bedeutung des Ortes für die Künstler sowie die mit diesem Ort verbundenen Kunstwerke bedürfen noch eingehender Forschungen. Von dieser Bildhauerkolonie, nach Kaier Wilhelm II. das Klein Carrara in Froiedenau, mit einer nachgewiesenen Nutzungskontinuität bis heute, ist das Atelierhaus das einzige erhaltene bauliche Zeugnis, nachdem der Bildhauerhof von Valentino Casals im Ersten Weltkrieg enteignet wurde und 1935 abgerissen wurde. Durch die Viten der dort tätig gewesenen Künstler kommt dem Ort eine geschichtliche Bedeutung zu.

 

Michael Schoenholtz, in dessen Atelier u. a. die Skulpturen für die Krypta der Dresdener Frauenkirche entstanden, ist ein Teil dieser Geschichte. Der in Friedenau lebende Fotograf Dietmar Bührer hat Michael Schoenholtz im Jahr 2012 im Atelier Görressstraße Nr. 21 fotografiert. Als wir anfragten, ob wir diese Aufnahme hier veröffentlichen dürfen, kam die prompte Antwort: Selbstverständlich. Wir danken Herrn Bührer. 28.10.2019