Kaiser Wilhelm II. in Friedenau, Familienarchiv Ursula Mennerich

Klein Carrara

 

Die Gegend um die Wilhelmstraße (Görresstraße) in Friedenau wurde häufig als Klein Carrara bezeichnet. Die Namensgebung geht mutmaßlich auf Kaiser Wilhelm II. zurück. Es ist davon auszugehen, dass die Formulierung erstmals in der Berliner Illustrirte Zeitung, 8.Jg./1899, Nr.47 zu lesen war und immer weiter kolportiert wurde: Casals Atelier, die ‚größte Handlangerei der Kunst‘, wurde vom Kaiser scherzhaft als ‚Klein Carrara’ bezeichnet.

 

Urheber soll Chefredakteur Arthur Brehmer (1858–1923) sein. Ihm wird nachgesagt, dass er dem Wiener Schmäh eher verpflichtet schien als der Wahrheit. Entsprechend seinem Motto, Interessant sein ist alles, war er wohl dabei, als der Kaiser mit großem Gefolge am 7. November 1899 nachmittags in die Wilhelmstraße kam, um die von Bildhauer Max Baumbach modellierte Siegesallee-Gruppe in Augenschein zu nehmen, die im Atelier von Valentino Casal in Marmor gearbeitet wurde.

 

Während des Treffens hatte Brehmer vernommen, dass der besonders schöne und gleichmäßige Stein das kolossale Gewicht von 700 Centnern gehabt hätte. Unter diesen Umständen ist die Gruppe für das ‚Doppelstandbild Johannes I. und Ottos III.‘ mit Bewilligung Seiner Majestät in Carrara punktiert worden. Als der Marmorblock im September in Friedenau ankam, wog er immer noch 400 Centner. Es ist der größte Marmorblock, der nach Deutschland aus Carrara gesandt worden ist. Wilhelm interessierte sich lebhaft für die technische Marmorausführung, welche außerordentliche Schwierigkeiten verursacht. Als es um Details der Gestaltung ging und Baumbach bemerkte, er werde Einzelheiten (zu Berliner Stadtansichten) selbst noch genauer einmeißeln, warf der Kaiser ein: Aber nur das, was in jener Zeit schon gestanden hat, nicht etwa die elektrische Hochbahn oder den Sportpark von Friedenau. In diesem Zusammenhang fiel wohl auch das Wort Klein Carrara.

 

 

Kaiser Wilhelm II. hatte am 27. Januar 1895 verkündet, dass im Tiergarten eine Siegesallee mit 32 Marmor-Standbildern der Fürsten Brandenburgs und Preußens von Bildhauern des Kaiserreichs geschaffen werden sollte. Das war die Stunde von Valentino Casal. Er hatte den Umgang mit Marmor gelernt, konnte mit dem Punktierkreuz die Maße vom Gipsmodell auf den rohen Stein übertragen, beherrschte Konturieren und Ziselieren, und wusste die Qualitäten von Statuario, Bianco und Ordinario zu unterscheiden. Dazu kam sein Talent zum Improvisieren und Organisieren. Im Januar 1899 erwarb Casal ein großes Grundstück in Friedenau. Die Gemeinde Friedenau genehmigte am 16. März 1899 das Baugesuch zur Errichtung von Wohn- und Werkstattgebäuden an der Wilhelmstraße. Auf einer Fläche von 67,80 x 24,00 m entstand ein als Villa bezeichnetes Wohnhaus für die Familie Casal und dahinter – bis in die Mitte der später angelegten Bachestraße – das Atelier V. Casal, ein Bildhauerhof mit mehreren Ateliers, Büro, Umkleideräumen, Waschraum, Toiletten und Schuppen. Bis 1901 entstanden dort elf von insgesamt 32 marmornen Denkmalgruppen für die Siegesallee.

 

Bedeutende Bildhauer gaben sich bei Casal die Klinke in die Hand: Max Baumbach, Reinhold Begas, Johannes Boese, Ludwig Cauer, Gustav Eberlein, Emil Graf Görtz zu Schlitz, Johannes Götz, Ludwig Manzel, Max Unger, Joseph Uphues, und so kam es auch, dass sich Kaiser Wilhelm und Kaiserin Auguste Viktoria immer wieder nach Klein Carrara begaben, um den Weg vom Gipsentwurf zur Marmorskulptur zu erleben.

 

Zu den Mietern der Casal‘schen Ateliers gehörten 1901 die Bildhauer Paul G. Hüttig und Wilhelm Haverkamp. In ihrem Gefolge wartete eine Heerschar von Bildhauern mit einer (zeitweisen) Adresse Wilhelmstraße auf: Franz Rosse, Otto Wesche, Johannes Hoffart, Franz Metzner, Edmond Gomansky, Paul Hubrich, Eberhard Encke, Heinrich Mißfeldt, Ludwig Isenbeck, Johannes Hinrichsen, Georges Morin. Es folgten 1903 die Neubauten von Villen und Ateliers von Bildhauer Ludwig Manzel (Nr. 9), Landschaftsmaler August Dressel (Nr. 19) und 1905 von Bildhauer Johannes Götz (Nr. 6).

 

Um die Bedeutung der Wilhelmstraße (Görresstraße) als künstlerisches Zentrum Friedenaus im 20. Jahrhundert herauszustellen, haben wir uns entschlossen, auch wegen der Lesefreundlichkeit, die einzelnen Künstler unter Klein Carrara mit eigenen Menüpunkten vorzustellen.