Leonhard Sandrock, 1912

Leonhard Sandrock (1867-1945)

Wilhelmstraße Nr. 16 (heute Görresstraße Nr. 21)

 

Als Alfred Bürkner 1996 sein Buch Friedenau - Straßen, Häuser, Menschen veröffentlichte, wies er unter Görresstraße Nr. 21 (Wilhelmstraße Nr. 16) darauf hin, dass auf dem hinteren Teil des Grundstückes ein Atelierhaus steht, in dem die bildhauerische Tradition der Görresstraße mit dem Bildhauer Michael Schoenholtz (1937-2019) fortgeführt wird. Er meinte damit auch die Bildhauer Franz Rosse (1858-1900), Johannes Hoffart (1851-1921) und Edmund Gomansky (1854-1930), die die Ateliers zeitweise genutzt hatten, aber auch Schriftsteller, Zeichner, Kunstgewerbler und Maler.

 

Dass dieses Anwesen ein Künstlerdomizil wurde, hat wohl mit Otto Wesche zu tun, der einst für die Zwickauer Marienkirche den Engel und für seine Familie auf dem Friedhof ein Wandgrab geschaffen hatte. Wesche war Mitinhaber der Firma Wesche & Ramcke, die in Zwickau ab 1871 ein Bildhauerei und Stuckatur-Geschäft betrieb. 1901 legte er sich in Friedenau das Anwesen Wilhelmstraße Nr. 16 zu. Da die Stadt Meerane den Bildhauer Otto Wesche aus Berlin-Friedenau mit zwei Brunnenprojekten beauftragte, entstand um diese Zeit wohl auch das Atelierhaus. Bildhauerische Arbeiten sind allerdings von ihm nicht bekannt.

 

Ab 1909 mietete der Oberleutnant a. D. Leonhard Sandrock (1867-1945) das Atelier. Er war am 5. März 1867 im schlesischen Neumarkt geboren worden, hatte das Gymnasium in Schweidnitz besucht und war 1887 in die preußische Armee eingetreten. Ein Reitunfall beim Feldartillerie-Regiment in Verden beendete seine militärische Karriere. Der fortan gehbehinderte Mann zog mit Ehefrau Ellen geb. Schmidt nach Berlin und studierte ab 1894 Malerei. Er wurde Mitglied des Vereins Berliner Künstler, beteiligte sich ab 1899 regelmäßig an der Großen Berliner Kunst-Ausstellung und gehörte ab 1920 dem Künstlerbund Schöneberg-Friedenau an.

 

 

 

 

 

1912 entdeckte ihn der Kunstkritiker Max Osborn (1870-1946). In der Vossischen Zeitung bezeichnete er Sandrock als eins der stärksten und hoffnungsvollsten Talente der Berliner Malerzunft, von dem noch Vieles und Gutes zu erwarten ist. Sandrock wusste um den Einfluss der Zeitungen. Bereits am 28. Juni 1911 hatte er an Redakteur Ganske von der illustrierten Tageszeitung Der Tag geschrieben: Sie wollten mich doch immer einmal in meinem Atelier besuchen. Ich habe augenblicklich eine größere Zahl an Bildern da, so dass ich Ihnen doch wenigstens etwas zeigen kann. Passt es Ihnen an einem der kommenden Nachmittage? Ich würde mich jedenfalls sehr darüber freuen. Mein Atelier liegt Friedenau, Wilhelmstraße 16 in derselben Straße, wo die Ateliers von Martin Götz und Casal liegen. Vielleicht ist es am einfachsten, Sie telephonieren mich einmal an (Amt Pfalzburg 8401). Ich bin mit ziemlicher Sicherheit morgens bis 9 Uhr und dann nachmittags von 2 1/2-4 Uhr zu Hause zu erreichen. Zu Hause, das war von 1907 bis 1918 die Wohnung in der Stubenrauchstraße Nr. 58. Im Jahr 1919 zog das kinderlose Ehepaar in die Niedstraße Nr. 31. Dort wohnten sie bis zu ihrem Tod. Leonhard Sandrock starb mit 78 Jahren am 30. Oktober 1945 (unter bis heute ungeklärten Umständen), die sieben Jahre jüngere Ehefrau Ellen geb. Schmidt ein Jahr später am 8. Dezember 1946. Nicht bekannt ist, wo die beiden begraben wurden. Der Mietvertrag für das Atelier Wilhelmstraße Nr. 16 existierte bis 1945.

 

Leonhard Sandrock reiste viel, Hamburg, Nordsee, Ostsee, Adria, Mittelmeer. Vor Ort und in Ruhe entstanden Marinebilder, in Schlesien und Westfalen die Industriebilder der Stahlwerke, die wegen Hitze, Lärm, Dampf und Dreck vor Ort nur skizziert und später im Atelier in Öl umgesetzt werden konnten. Nach seinem Tod wurde Sandrock zum „vergessenen Maler des Impressionismus“. Da 29 Gemälde, Aquarelle und Graphiken dem Hamburger Hafen direkt zuzuordnen und von den übrigen Hafenbildern wahrscheinlich eine ganze Anzahl in Hamburg entstanden waren, gab es 1992 eine erste Ausstellung im Altonaer Museum. Die Kunsthistorikerin Dorothy von Hülsen steuerte dazu den Katalog Leonhard Sandrock - Ausgewählte Werke aus öffentlichem und privatem Besitz bei. Es ist ganz zweifellos ihr Verdienst, dass Werk und Leben von Leonhard Sandrock vor der Vergessenheit bewahrt wurden. Für Dorothy von Hülsen war Sandrock ein versierter Handwerker. Neben der Fähigkeit, das Gesehene naturgetreu malen zu können, besaß er die große Begabung, Wesentliches vom Nebensächlichen zu trennen, inhaltliche und malerische Akzente zu setzen, Bildausschnitte zu wählen, die den Beschauer direkt ins Bild führen. Zu seinen Lebzeiten hatten neben der Nationalgalerie Berlin einige deutsche Museen seine Gemälde erworben. Weitere Bilder entstanden im Auftrag der Industriewerke in Schlesien und Westfalen.

 

Das Ehepaar Sandrock hatte keine Kinder. So ging Dorothy von Hülsen der Frage nach, was aus dem Nachlass wurde. Etwa fünfzig Gemälde, Zeichnungen, Lithographien, Radierungen und Skizzenbücher waren früh in den Besitz des Sohnes der Cousine von Ehefrau Ellen Sandrock übergegangen. In den 1930er Jahren hatte der Berliner Kaufmann Heinrich König eine größere Anzahl an Gemälden von Sandrock erworben. Während des Weltkriegs zog er – mit den Bildern – in den Spreewald. Nach der Währungsreform übersiedelte die Familie in den Rheingau und vertraute den Transport der Sandrock-Gemälde der Tochter Melanie an. Ihr gelang es, die Bilder ohne Keilrahmen Stück für Stück aus der damals sowjetisch besetzten Zone nach West-Berlin zu bringen. Von dort gingen sie per Post nach Westdeutschland. Zehn Jahre nach dem Tod des Ehepaars König wurde der Nachlass mit über 300 Bildern dem Kunsthändler Eduard Sabatier in Verden angeboten. Dieser sorgte (nicht uneigennützig) dafür, dass das Werk des vergessenen Malers an die Öffentlichkeit kam. 1992 präsentierte das Altonaer Museum in Hamburg die Ausstellung Leonhard Sandrock 1867-1945: Ausgewählte Werke aus öffentlichem und privatem Besitz. 1997 folgte in der Zitadelle Spandau eine Würdigung Sandrocks mit Maschinen-Dampfdome-Arbeit. Und zu seinem 150. Geburtstag erinnerten 2017 gleich zwei Bremer Museen an den deutschen Impressionisten: Das Overbeck-Museum Bremen zeigte den Industriemaler und das Museum Schloss Schönebeck den Marinemaler. Das weitere Geschäft übernahmen Auktionshäuser, darunter die 1919 in Schöneberg gegründete Kunsthandlung Leo Spik. Sandrocks Werke, ob nun Darstellungen von Häfen, Schiffen, Lokomotiven oder Stahlwerken, gelten inzwischen als Geheimtipp. Berlin ist mit den Gemälden Im Krögelhof (1914), Bahnhof Schöneberg, Straßenbahndepot (1930), Schlesischer Bahnhof, U-Bahnbau bei Nacht in der Motzstraße (Berlin Museum), Gasometer, In der Zentrale der Berliner Elektrizitätswerke und Ansicht von Schloss Köpenick“ (o. J) etwas zu kurz gekommen.

 

 

 

Graphische Ausstellung im Schöneberger Rathaus, 1923

 

Mit der Entstehung von Groß-Berlin und der Übernahme von Friedenau in den Verwaltungsbezirk Schöneberg wurde 1920 auch der Künstlerbund Schöneberg-Friedenau gegründet. Leonhard Sandrock wurde Mitglied. Zu den Ereignissen dieser Jahre gehört die 1923 von der Bezirks-Kunstdeputation und dem Künstlerbund Schöneberg-Friedenau organisierte Ausstellung Graphische Ausstellung eines Schöneberger Sammlers“ in der Halle des Schöneberger Rathauses. Basis war die Sammlung von Sebastian Malz (1873-1945), darunter u.a. Werke von Adolph Menzel, Hans Thoma, Wilhelm Steinhausen, Richard Albitz, Fritz Ascher, Wilhelm Blanke, Fritz Geyer, Hans Hartig, Ernst Kolbe, Carl Kayser-Eichberg, Max Fabian, Alfred Liedtke, Franz Müller-Münster, Paul Plontke, Cornelia Paczka, Hermann Sandkuhl, Franz Stassen, Georg Wolters und Leonhard Sandrock.

 

Sebastian Malz war Inhaber der Kunstdruckerei Sebastian Malz und Sohn in der Gothaer Straße Nr. 16, die das lithografische Verfahren der Algraphie weiterentwickelt hatte. Der Begriff Algraphie setzt sich aus den Wörtern Aluminium und dem griechischen graphein (schreiben) zusammen, und weist daraufhin, dass bei diesem Verfahren eine gekörnte Aluminiumplatte verwendet wird. Malz hat bereits 1910 seine Erfahrungen mit dem Flachdruckverfahren zur Buchillustration in Die Techniken der Algraphie: mit besonderer Berücksichtigung der künstlerischen Herstellungsverfahren jeder Art und Behandlung derselben im Druck publiziert. Die Druckergebnisse von Malz und Sohn genossen bei Künstlern einen hervorragenden Ruf.

 

Nachtrag

Die Kunsthistorikerin Dorothy von Hülsen veröffentlichte 1992 in ihrem Katalog Leonhard Sandrock: Ausgewählte Werke aus öffentlichem und privatem Besitz ein bisher unbekanntes Foto. Es ist um 1925 entstanden und zeigt Leonhard Sandrock und seine Frau Ellen. Da die Sandrocks zu dieser Zeit in der Niedstraße Nr. 31 wohnten und hinter der Bank Birken zu sehen sind, liegt es nahe, dass dieses Foto im Birkenwäldchen auf dem Maybachplatz (Perelsplatz) aufgenommen wurde.