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Kolumnen

Wir gratulieren Volkwin Marg zum 80. Geburtstag am 15. Oktober 2016

Der Rohbau ist abgeschlossen. Das Tragwerk für die Dachkonstruktion ist oben. Im September hat die Arena ihr Dach. Im Oktober zählt die FIFA die Plätze. Im Dezember erfolgt die Übergabe an die City of Cape Town. Das Stadion wird fertig. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika wird am 11. Juni 2010 eröffnet.

Wohl deshalb sitzen der Architekt Volkwin Marg und sein Bauleiter Robert Hormes an diesem 7. Januar 2009 ziemlich gelassen im 3. Rang des Stadions - natürlich nicht auf den zum Test montierten kunterbunten Sitzschalen, sondern demonstrativ auf „ihren“ hellgrauen Betonstufen. Über die Farbe ist noch nicht entschieden. Verraten wird, dass „es für die Sitze ein Zufallsmuster von vier Grautönen geben wird, von mittelgrau bis fast weiß. Es soll schillern und schimmern, wie das Perlmutt einer Muschel. Wir wollen den Innenraum neutral gestalten. Die eigentliche Farbigkeit kommt mit den Leuten ins Stadion“.

Volkwin Marg ist 1936 in Königsberg geboren, in Danzig aufgewachsen, in Ludwigslust zur Schule gegangen und nach der Nichtzulassung zum Studium in der DDR nach West-Berlin übergesiedelt. An der TU Berlin traf er seinen künftigen Büropartner Meinhard von Gerkan. Quasi aus dem Nichts erhielten sie den ersten Auftrag.

Zu den Idealen von Volkwin Marg gehört es, „die Dinge so einfach zu gestalten, dass sie inhaltlich und zeitlich Bestand haben“. Dieser Devise sind er und sein Partner Meinhard von Gerkan (Architekturbüro gmp) immer treu geblieben – seit 1974, als die jungen Architekten mit dem Flughafen Tegel einen geradezu sensationellen Start absolvierten. Dass noch heute, 42 Jahre nach dessen Eröffnung, noch immer von TXL geschwärmt wird, liegt an der Qualität des Entwurfs und der Belastbarkeit des ausgeführten Bauwerks. Danach war es für gmp nicht immer einfach in Berlin. Der Hauptbahnhof (2006) blieb mit dem verkürzten Dach und den Veränderungen im Tiefgeschoss ein Torso, und beim Umbau des Olympiastadions, bei dem es nach den Worten von Volkwin Marg nicht darum geht, „zu zerstören, sondern zu verstehen, zu bewältigen und darüber hinauszugehen“, setzte die dort doch nur als Mieter geduldete „Hertha“ für die Laufbahn ihre blaue Vereinsfarbe durch. Corporate Identity auf Kosten der Geschichte.

Dieser Kleingeist blieb den Architekten an der Atlantikküste erspart. Ihre architektonischen Selbstverständlichkeiten werden bereits in dieser Bauphase deutlich. Die Konstruktion ist plausibel. Der Bau passt in die Landschaft. Die Gebrauchstüchtigkeit wird sich alsbald herausstellen.

Kapstadt wurde zur großen Herausforderung. „Idealerweise buddelt man ein Stadion in die Erde hinein. Das bedeutet weniger Kosten, weil man das Ganze nicht hochbocken muss. Man hat wenig Arbeit, den Unterrang zu bauen. Das ging hier nicht, weil der Fels des Signal Hill bis hierher runter kommt. Wir haben nur zwei bis vier Meter Erde. Da aber die Entscheidung, was und wie gebaut wird, letztendlich die Gesellschaft trifft“, so Volkwin Marg, „haben wir Architekten die Verpflichtung, ja die Verantwortung, uns diesem Dialog zu stellen“.

Marg: „Was mich besonders stört, ist, dass nicht über Inhalte, sondern nur über die Form geredet wird. Erst wenn ich weiß, wie ich ein Gebäude nutze, weiß ich, welche Hülle ich brauche.“

Es ist eben nicht irgendeine Kiste, die in das Stadtbild von Kapstadt hineingestellt werden soll, sondern eine Architektur „mit geschwungenen Linien, deren Eleganz verblüfft“. Dazu gehört, dass die 72 Pylone (Stützpfeiler) nicht wie bei Kolonnaden- oder Kolosseumsbauten senkrecht, sondern schräg in den Boden gesetzt wurden. Der Bau erhält dadurch eine Dynamik, auch eine Leichtigkeit. Das Auffälligste und weithin Sichtbarste an diesem Stadion sind zwei unterschiedlich ausgeformte und sich überlagernde „Wellen“. Die stärker ausgeprägte Welle der Zuschauertribüne erhielt „vier Hochpunkte und vier Täler“, so dass an manchen Stellen mehr, an anderen weniger Reihen entstehen. Allein dieses Auf und Ab ist eine Augenweide. Über dem Ganzen liegt dann die Welle des Daches, von minimal vier Metern bis maximal 16 Metern über der jeweils letzten Sitzreihe. In der Architektensprache von Volkwin Marg heißt das: „Wir haben uns auf eine mathematisch darstellbare Form beschränkt, die nicht vom Architekten erdacht ist. Die Welle entsteht durch eine natürliche Verschneidung von Geometrie“.

Kapstadt gehört zu jenen Städten auf der Welt, in denen mehr Fotoshootings, mehr Werbeaufnahmen und mehr Filme gemacht werden als anderswo. Das hängt mit dem Licht zusammen. „Diesen besonderen Effekt wollen wir uns nicht entgehen lassen.“ Getreu dem Merkspruch „Im Osten geht die Sonne auf, im Süden nimmt sie ihren Lauf, im Westen will sie untergehn, im Norden ist sie nie zu sehn“, wird das jeweils anders einfallende Licht das Aussehen des Stadions permanent beeinflussen. In der Nacht, bei Flutlichtspielen sowieso, kommt das Licht von Innen nach Außen.

Als wir uns unbeobachtet fühlten, prüften, ob wir auf den Rängen über den Kopf des Vordermannes drüber ohne Einschränkung zum Spielfeld schauen könnten, werden wir ertappt. „Der Mensch braucht ungefähr 85 Zentimeter, um komfortabel zu sitzen, sein Sitz ist 40 Zentimeter hoch und sein Augenpunkt ist im Durchschnitt 1,20 Meter. So werden die Sichtlinien von jedem Sitz in den rund 70 Reihen ermittelt.“

Diesen Nachhilfeunterricht haben wir gerne absolviert.

Auf www.kuhlewampe.net fanden wir einen Beitrag von Dr. Christian G. Pätzold zur Berlin-Wahl 2016, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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