Wielandstraße Nr. 17. Das Foto von H&S entstand am 05.09.2017 um 10.55 Uhr, also vor den Baumfällungen und der Abtrennung des Bewuchses an der Brandwand.

 

 

Die Bezirksverordnete Frau Dr. Christine Scherzinger (DIE LINKE) informierte uns am 16. Oktober 2017 per E-Mail über ihre "mündliche Anfrage". Wir  veröffentlichen den Originaltext:

 

"Mündliche Anfrage der Bezirksverordneten Dr. Christine Scherzinger (DIE LINKE) zur Beantwortung für die kommende BVV-Sitzung am 18.10.2017

 

Baumfällungen in der Wielandstraße 17

 

1. Kann das Bezirksamt die Antwort von Stadtrat Oltmann auf die mdl. Frage der BV Elisabeth Wissel in der BVV am 19.07.2017 bestätigen, dass die Baugenehmigung für ein Gebäude mit 9 Wohnungen im Hinterhaus der Wielandstraße 17 bereits erteilt wurde – obwohl der Stadtrat sich beim Vor-Ort-Termin mit den AnwohnerInnen am 22.09.2017 nicht sicher war, ob sie erteilt wurde?

 

2. Ist dem Bezirksamt bekannt, dass am 12.10.2017 drei Bäume im Hinterhof der Wielandstraße 17 gefällt, sowie der Bewuchs an der Brandwand des Hinterhauses Fregestraße 73 an der Wurzel durchtrennt wurde?

 

Nachfragen:

1. Welche Einigungen und Auseinandersetzungen gibt es mit betroffenen NachbareigentümerInnen?

2. Wann und auf welcher Grundlage hat das Bezirksamt die Genehmigung zur Baumfällung bzw. Abtrennung des Bewuchses erteilt?

 

 

Foto vom 12. September 2017. Etwa in Höhe des Baggers gegenüber dem Bahnsteig des S-Bahnhofs Innsbrucker Platz müsste der Blindgänger liegen. Foto H&S

 

 

Wann kommt die nächste Bombe?

 

Nach umfangreicher Vorbereitung haben Spezialisten der Polizei in Berlin die Weltkriegsbombe auf dem ehemaligen Güterbahnhof Wilmersdorf unschädlich gemacht. Gegen 1 Uhr am 3. Oktober 2017 war es so weit. Die Entschärfung des 250 Kilogramm schweren Sprengkörpers sei erfolgreich verlaufen, teilten Feuerwehr und Polizei in der Nacht zum Dienstag beinahe zeitgleich mit. Schwierig war laut Polizei, dass die Bombe auf einem Erdhügel in Höhe einer S-Bahn-Trasse lag und nicht in einer Grube gesprengt werden konnte. Die 10 000 evakuierten Menschen konnten in ihre Wohnungen zurückkehren. Viele Friedenauer hatten in der Notunterkunft im Rathaus Schöneberg ausgeharrt, zahlreiche Nachbarn trafen sich aber auch im „Literaturhotel“ in der Fregestraße, um dort wenigstens einige Stunden schlafen zu können.

 

Gerade die älteren Bewohner waren sich einig: Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Bagger auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Wilmersdorf den nächsten Blindgänger aus der Erde fördern. So beruhigend es ist, dass nach über sieben Jahrzehnten eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt und unschädlich gemacht werden konnte, so beunruhigend ist aber auch der laxe Umgang von Deutsche Bahn AG, Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg und Bauherr BÖAG für ein Gelände, das bekanntermaßen am 30.01.1944 den schwersten Luftangriff ertragen musste.

 

Nach der Aktion in der Nacht zum 3. Oktober, bei der etwa 450 Beamte im Einsatz waren, um eine Evakuierung von rund 10.000 Menschen in einem Sperrkreis von 500 Metern zu organisieren, die Ringbahn zwischen Halensee und Südkreuz stillgelegt wurde, die S-und U-Bahnhöfe Innsbrucker Platz geschlossen sowie A100 und Hauptverkehrsstraßen gesperrt wurden, fragt man sich schon, ob die vorliegenden Kampfmittel- und Altlastengutachten von den Kommunalpolitikern in Tempelhof-Schöneberg allzu leichtfertig abgetan wurden.

 

Im Gutachten der „Luftbilddatenbank Dr. Carls GmbH Estenfeld“ zur „Kampfmittelvorerkundung“ vom 21.05.2015 wurde festgestellt:

 

„Der schwerste dokumentierte Angriff auf die Stadtteile Wilmersdorf, Schöneberg und Friedenau fand am 30.01.1944 statt. Bei diesem Angriff wurden 1.500 Sprengbomben, darunter Luftminen (ca. 1.300-1.500 kg Sprengstoff), sowie zahlreiche Brandbomben abgeworfen. Mit dem Auffinden von Bombenblindgängern sowie Handkampfmitteln und Granaten muss im Auswertungsgebiet gerechnet werden. Es besteht weiterer Erkundungsbedarf. Wir empfehlen die Konsultation des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Berlin oder einer Fachfirma für die Kampfmittelbeseitigung.“

 

„Bis Kriegsende wurden weitere Gebäude und abgestellte Waggons im gesamten Auswertungsgebiet zerstört. Teilweise sind diese Schäden sehr schnell wieder behoben worden und luftsichtig bereits nach kurzer Zeit nicht mehr nachvollziehbar, woraus Erkenntnislücken resultieren. Die zügigen Aufräumarbeiten sind der Grund dafür, dass trotz der Luftangriffe keine Bombentrichter bzw. Blindgängerverdachtspunkte im Untersuchungsgebiet identifiziert werden können. Diese Aussagen können nur auf die verwendeten Quellen bzw. die verfügbaren Luftaufnahmen bezogen werden und lassen keine darüber hinaus gehenden Schlussfolgerungen zu. Für die Ermittlung der tatsächlichen Kampfmittelbelastung kommen ausschließlich technische Methoden der Kampfmittelerkundung in Betracht.“

 

Das Berliner IMB Ingenieurbüro Majer & Bendzko merkte am 22.05.2008 im „Gutachten Liegenschaftsrisiko“ an, dass die „Tiefenbohrungen“ in 0,5 m Tiefe bzw. 1,9 m Tiefe abgebrochen wurden und nur einmal „bis 3,0 m Tiefe u. GOK (unter Geländeoberkante) erfolgreich“ waren.

 

Zum Thema „Kampfmittel“ heißt es: „Im Rahmen der Festlegung der Bohransatzpunkte vor Ort am 23.04.2008 wurden alle 64 Bohransatzpunkte mittels Oberflächensondierung auf Kampfmittel untersucht. Es konnten nur 19 Punkte freigegeben werden. An 45 Bohransatzpunkten konnte die Freigabe nicht erteilt werden, da trotz überwiegend zurückgebauter Gleisanlagen weitere massive ferromagnetische Störungen im oberflächennahen Bereich vorhanden sind … In Abstimmung mit der Deutschen Bahn AG wurde eine bohrbegleitende Kampfmitteluntersuchung der nicht freigegeben Bohrpunkte in der Zeit vom 05. bis 06.05.2008 durchgeführt. Es konnte an allen 64 Bohrpunkten baubegleitend die Kampfmittelfreigabe erteilt werden und die geplanten Bohrarbeiten bis in den gewachsenen Bodenbereich durchgeführt werden.“

 

Aber war das wirklich ausreichend? Es gab offenbar keine weiteren Untersuchungen in der Tiefe, obwohl die BÖAG für ihren Bau von der heutigen Geländeoberkante mehr als 7 Meter in den Boden eindringt, weil eine Tiefgarage entstehen soll und die Neubauten die Höhe der Häuser Bennigsenstraße nicht überschreiten dürfen, wurden nur Bodenuntersuchungen bis zu 3 m Tiefe vorgenommen. Zu befürchten sind deshalb weitere Funde auf dem Gelände mit all den Folgen, die in der Nacht zum 3. Oktober die Friedenauer bereits einmal aufgeschreckt haben.

 

 

Bombe auf dem Güterbahnhof Wilmersdorf

 

Nach Polizeiangaben wurde am 2. Oktober 2017 gegen 11.30 Uhr ein Blindgänger auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Wilmersdorf entdeckt. Dieser liegt direkt an den Gleisen der Ringbahn nahe dem Innsbrucker Platz. Es handelt sich um eine 250-Kilo-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg.

 

Die S-Bahn teilte mit, dass der Verkehr auf der Ringbahn zwischen Halensee und Südkreuz unterbrochen ist. Die U9 fährt auf der Station Bundesplatz durch. Die U-Bahn-Station Innsbrucker Platz ist geschlossen. Die U4 fährt nur noch bis Rathaus Schöneberg. Für die Entschärfung soll ein 500-Meter-Sperrkreis um den Fundort gezogen werden. Nach Angaben der Polizei wird es auch zu Straßensperrungen kommen.

 

 

Aufnahme vom 10. Mai 2005. Foto H&S

 

Gutachten Liegenschaftsrisiko

 

Im Auftrag der Deutschen Bahn AG gab das Ingenieurbüro Majer & Bendzko am 22.05.2008 folgendes Gutachten ab:

 

"Im Zuge der Feldarbeiten wurden Hinweise auf eventuell durchzuführende Maßnahmen zur Tiefenenttrümmerung vorgefunden. Die folgenden Bohransatzpunkte mussten aufgrund von Bohrhindernissen verschoben werden ... Über die dargestellten Bohrhindernisse hinaus ist davon auszugehen, dass auf der gesamten Untersuchungsfläche weitere unterirdische Bauwerke (z.B. Fundamente, Schächte) vorhanden sind.

 

Kampfmittel

Im Rahmen der Festlegung der Bohransatzpunkte vor Ort mit dem Auftraggeber Deutsche Bahn AG am 23.04.2008 wurden alle 64 Bohransatzpunkte mittels Oberflächensondierung auf Kampfmittel untersucht. Es konnten nur 19 Punkte freigegeben werden. An 45 Bohransatzpunkten konnte die Freigabe nicht erteilt werden, da trotz überwiegend zurückgebauter Gleisanlagen weitere massive ferromagnetische Störungen im oberflächennahen Bereich vorhanden sind.

 

In Abstimmung mit dem Auftraggeber Deutsche Bahn AG wurde eine bohrbegleitende Kampfmitteluntersuchung der nicht freigegeben Bohrpunkte in der Zeit vom 05. bis 06.05.2008 durchgeführt. Es konnte an allen 64 Bohrpunkten baubegleitend die Kampfmittelfreigabe erteilt werden und die geplanten Bohrarbeiten bis in den gewachsenen Bodenbereich durchgeführt werden.

 

Zusammenfassende Ergebnisdarstellung

Im Ergebnis der Untersuchungen wird eingeschätzt, dass der Standort 1019 kein Gefährdungspotential bezüglich einer Altlastenrelevanz besitzt. Weitere Untersuchungen werden für nicht erforderlich gehalten. Für den Fall einer Umnutzung hinsichtlich einer sensibleren Verwendung der Flächen wird unter Beachtung der künftigen Nutzung eine erneute Überprüfung der Flächen erforderlich."

 

***

 

Unter dem Punkt "Dokumentierte Kriegsereignisse" wurde von den Gutachtern der LUFTBILDDATENBANK aufgeführt:

 

"Die Auswertung der Archivalien und der Fachliteratur führte zu dem Ergebnis, dass Berlin zwischen 1 940 und 1 945 stetiges Ziel strategischer und taktischer Alliierter Luftangriffe war. Der schwerste dokumentierte Angriff auf die Stadtteile Wilmersdorf, Schöneberg und Friedenau fand am 30.01.1944 statt. Bei diesem Angriff wurden 1.500 Sprengbomben, darunter Luftminen (ca. 1.300-1.500 kg Sprengstoff), sowie zahlreiche Brandbomben abgeworfen. Die Einnahme Berlins wurde von schweren Luft- und Bodenkämpfen begleitet. Ab dem 23.04.1945 wurde die Stadt sukzessive von Norden und Osten durch die Rote Armee eingenommen. Die vollständige Einnahme der Stadt war am 02.05.1945 abgeschlossen."

 

Gutachten Kampfmittelvorerkundung, 2015

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Gutachten Altlastenrisikountersuchung, 2008

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Quelle: Polizei

Laut Polizei müsse für die geplante Bombenentschärfung vor Ort ein Sperrkreis von 500 Metern eingerichtet werden. Es sei noch nicht abzuschätzen, wie viele Anwohner ihre Häuser verlassen müssten. Die A 100 sollte um die Abfahrt am Innsbrucker Platz in beide Richtungen gesperrt werden. Auch auf der vielbefahrenen Hauptstraße wird eine Unterbrechung des Verkehrs vorgesehen.

Pavillon Perelsplatz am 20. September 2017. Foto H&S

Die Pleite ist vorprogrammiert

 

Zum „Interessenbekundungsverfahren Fachwerkpavillon am Perelsplatz“ teilte das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg von Berlin, Abt. Stadtentwicklung und Bauen, Facility Management, am 19.09.2017 mit, „dass die Frist zur Abgabe eines Angebotes bzw. Konzeptes seitens der zuständigen Fachverwaltung bis zum 31.12.2017 verlängert worden ist“.

Wir hatten darüber informiert, dass die Sanierung der ehemaligen Bedürfnisanstalt am Perelsplatz vor dem Abschluss steht, und sich das Bezirksamt bemüht, einen Pächter zu finden, der dem Häuschen eine gastronomische Zukunft bietet.

Wir hatten bereits befürchtet, dass es bei den vom Bezirksamt errechneten Kosten von jährlich 5.590 Euro zuzüglich der Ausgaben für Möblierung, Küche und Grünflächenpflege – sowie der Verpflichtung, das Kleinod ganzjährig zu heizen – dem Pächter wohl nicht möglich sein wird, bei einem (wetterabhängigen) maximal halbjährigen Betrieb halbwegs wirtschaftlich über die Runden zu kommen.

Die Fristverlängerung macht deutlich, dass das Bezirksamt mit seinem Konzept gescheitert ist. Wer über eine halbe Million Euro für die Sanierung des unter Denkmalschutz stehenden Häuschens ausgibt, muss auch über eine „Subvention“ nachdenken, ohne die ein langfristiger Erhalt nicht möglich ist.

 

Die Buche in der Wielandstraße. Foto H&S, 2017

Die Evangelische Kirche reagiert

 

Von dem geplanten Neubau, der nicht hinnehmbaren Verdichtung und der Gefährdung einer mehr als 130-jährigen Buche in der Wielandstraße ist auch die „Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz“ als Eigentümerin des Grundstücks Wielandstraße Nr. 16 betroffen. Da die Kirche in dieser Angelegenheit bisher geschwiegen hat bzw. gar nicht informiert war, hatten wir Bischof Dr. Markus Dröge Mitte September 2017 schriftlich gebeten, tätig zu werden.

 

Inzwischen wurden wir von der Kirchenleitung darüber informiert, dass sich Bischof Dr. Markus Dröge mit einem Schreiben an das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg von Berlin wenden wird. Leider können wir über den Inhalt des Briefes nicht informieren, da die „Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz“ unserer Bitte nach einer Kopie bisher nicht nachgekommen ist.

Und wer rettet Friedenau?

 

Entdeckt am 14. September 2017 um 14.46 Uhr am Rathaus Friedenau. Foto H&S

Sanierung Rathaus Friedenau. Foto H&S, September 2017

Neues vom Rathaus Friedenau

 

In einem Bericht der „Senatsverwaltung für Finanzen Berlin“ vom 28. August 2017 zur „Unterbringung des Finanzamtes für Fahndung und Strafsachen (FA FuSt) im Rathaus Friedenau heißt es:

 

Der Plan konnte „ab Mitte 2015 aufgrund des dringenden Flächenbedarfs zur Flüchtlingsunterbringung nicht mehr umgesetzt werden. Wegen des drastischen Anstiegs der Flüchtlingszahlen bestand zu diesem Zeitpunkt die vordringlichste Aufgabe darin, leerstehende und grundsätzlich geeignete landeseigene Gebäude als Notunterkünfte kurzfristig den Geflüchteten zur Verfügung zu stellen.“

 

„Der Umzug des FA FuSt wurde nicht vollzogen, weil im Dezember 2015 das vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg freigezogene Rathaus Friedenau vom LAGeSo zur Flüchtlingsunterbringung sichergestellt wurde.“ Das „Projekt Rathaus Friedenau“ für das FA FuSt „wurde nach der Entwurfsplanung abgebrochen“.

 

 

 

Da der Mietvertrag für das FA FuSt am bisherigen Standort Ullstein-/Colditzstraße am 31.12.2016 endete, war es dringend erforderlich, den Mietvertrag bis zum 01.01.2027. Laut „paperpress“ herrscht nun „bei den Fahndern große Freude“, da der geplante Umzug nach Friedenau „gegen den Willen des Finanzamtes“ erfolgen sollte.

 

Erfreulich für das einhundertjährige Friedenauer Rathaus: Die „Senatsverwaltung für Finanzen“ hat Hauptausschuss, Abgeordnetenhaus und Senat nahegelegt, die „bisher nicht in Anspruch genommenen Rücklagen in Höhe von 7.844.741 € für die Sanierung des Daches, der Fassade und der Wassererwärmungsanlage im Rathaus Friedenau“ einzusetzen. Da das Rathaus Friedenau „längerfristig als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden soll“, sind „unabhängig von der jeweiligen Nutzung dringend Sanierungsmaßnahmen für eine nachhaltige Nutzung erforderlich. Dazu gehören energetischen Sanierung und ein teilweiser Austausch der technischen Gebäudeausstattung. Die Maßnahmen umfassen auch Instandsetzung der Dachgauben, Erneuerung der Blitzschutzanlage und der geschädigten Hofkellerdecke. Ausgenommen sind notwendige bauliche Anpassungen im Rahmen der Beibehaltung der aktuellen Nutzung des Standorts als Flüchtlingsunterkunft.

 

Die SPD-Fraktion von Tempelhof-Schöneberg scheint diese Entwicklung bisher gar nicht mitbekommen zu haben. Wie sonst ist der Antrag von Marijke Höppner und Jan Rauchfuß vom 19.07.2017 zu verstehen, in dem das Bezirksamt aufgefordert wird, „sich bei den zuständigen Stellen dafür einzusetzen, dass das Rathaus Friedenau nach der Nutzung als Unterkunft für Menschen mit Fluchterfahrung als ein öffentlich zugängliches Haus weiterhin der Bevölkerung zur sozialen Nutzung zur Verfügung gestellt werden kann“. Zu fragen ist, was die beiden Volksvertreter bei den nun gegebenen Umständen unter einem „öffentlich zugänglichen Haus“ und „sozialer Nutzung für die Bevölkerung“ verstehen? Eine durchschaubare Farce vor der Bundestagswahl.

 

Schreiben der Senatsverwaltung für Finanzen vom 28.08.2017

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Güterzug am 5.7.2017 um 17.23 Uhr auf dem Bahninnenring. Foto H&S

 

Erschütterungen in der Isoldestraße

 

Im BÖAG-Gutachten von 7.12.2015 heißt es, dass „sich zwischen den S-Bahngleisen und der geplanten Bebauung noch zwei weitere Gleise befinden. Auf diesen ist zukünftig mit Güterzugverkehr zu rechnen. Gegenwärtig finden keine Vorbeifahrten statt, so dass keine Messdaten von Zugvorbeifahrten auf diesen Gleisen vorliegen“.

 

Und heute?

 

Die Isoldestraße ist 150 Meter lang und verläuft von der Handjerystraße am Perelsplatz zum Varziner Platz. Das Wohnhaus Nr. 9 liegt etwa in der Mitte und von der Bahntrasse rund 90 Meter entfernt – das Haus der „Friedenauer Kammerkonzerte“. Am 18. April 2017 schrieb der Bewohner Joachim Perle an die Deutsche Bahn: „Schon mehrmals fiel uns in der vergangenen Zeit eine kurzzeitige starke Erschütterung des Hauses auf. Endlich konnte ich einen Grund entdecken: Am Montag, 10. April um 19.04 Uhr war die mehrere sekundenlange Erschütterung wieder zu bemerken. Ich sah einen langen Güterzug in Richtung Schöneberg fahren. Die Erschütterungen waren so stark, daß die Kronleuchter schwankten, der Dielenfußboden zitterte und sogar auf dem Sofa sitzend war das Zittern zu bemerken. Ist der Bahn das Problem bekannt? Ich halte es nicht für normal, daß in einem so großen Abstand vom Bahnkörper so starke Erschütterungen zu spüren sind.“

 

Am 5. Mai 2017 antwortete die DB Netz AG: „Wir konnten keine ungewöhnlich lauten Emissionen oder Erschütterungen im betroffenen Bereich feststellen, die durch den Zugbetrieb verursacht werden könnten ... Ihr Gebäude kann durch vorbeifahrende Züge zur Anregung gebracht werden. Dies kann sich u.U. in verschiedener Art und Weise bemerkbar machen (z.B. Vibrationen etc.). In Ihrem beschriebenen Fall vom 10.04.2017 fuhr zur genannten Zeit ein Güterzug mit einer Maximalgeschwindigkeit von 90km/h auf der Strecke 6170. Diese genannte Strecke ist sowohl für Schienenpersonen- als auch für den Güterverkehr gewidmet. Wir weisen darauf hin, dass es sich hier um eine Bestandsstrecke handelt. Dadurch kann es beispielsweise durch Baumaßnahmen in umliegenden Bereichen (z.B. Ausbauknoten Berlin Nordkreuz-Karow) immer wieder zu temporären Schwankungen im Zugaufkommen durch Umleiterverkehre kommen. Uns ist bewusst, dass die Emissionen aus dem laufenden Eisenbahnbetrieb als störend empfunden werden und bitten Sie daher die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.“

 

Auf eine Nachfrage erhielt der Anwohner Joachim Perle am 22. Mai 2017 folgende Antwort: „Der Zug, der zur genannten Zeit die Strecke 6170 (südlicher Berliner Innenring) befuhr, war ein Güterzug, der mit Schotter/Steinen und mit einer Lok der Baureihe 250 (ADtranz DE-AC33C) bespannt war. Genauere Informationen liegen uns leider nicht vor.“

 

Vor einem Jahr haben SPD, CDU und GRÜNE von Tempelhof-Schöneberg dem Bebauungsplan „Güterbahnhof Wilmersdorf“ mit 940 Wohnungen zugestimmt. Jetzt fordert der Bezirksverordnete Christoph Götz (SPD) für die extrem belastete Stadtschneise entlang von A100, S-Bahn-Ring und Güter-Innenring umfassende Lärmschutzmaßnahmen, weil ihm klargeworden ist, dass die Deutsche Bahn mit der „Neubaumaßnahme Elektrifizierung Güter-Innenring samt Oberleitungsmasten“ nur dazu verpflichtet werden könnte, Schallschutz hinter den Güter-Innenring-Gleisen zu gewährleisten. Damit blieben S-Bahn-Trasse und A100 außen vor, so dass die Anwohner der dicht bebauten Wohngebiete zwischen Tempelhof und Westend dem Lärm völlig ungeschützt ausgesetzt sind.

 

Für Christoph Götz ist die Antwort der zuständigen Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz „unbefriedigend“, da diese „zunächst eine Prüfung der Lärmsituation durch die Deutsche Bahn (DB) als Bauherr der Elektrifizierung des Innenrings erwartet“. Ja mei! Haben denn zwischen 2015 und der Wiederaufnahme des Zugbetriebs auf dem Bahninnenring keine Lärmmessungen stattgefunden? Es ist nicht richtig, vom „Güter-Innenring“ zu sprechen, da die DB inzwischen verkündet hat, dass die Strecke nicht nur für den Güterverkehr, sondern auch für den Schienenpersonenverkehr gewidmet ist. Prognostiziert wurden für das Jahr 2025: „Güterzug tagsüber 13 Fahrten (6-22 Uhr), Güterzug nachts 10 Fahrten (22-6 Uhr). Weiterhin kommt es auf den Gleisen zu Fahrten von Leerzügen oder Rangierfahrten von Personenzügen: 3 tagsüber und 3 nachts.“

 

„Zur genauen Beurteilung“ waren für die Gutachter schon damals „weitere Messungen empfehlenswert“. Nun kommt mit Joachim Perle aus der Isoldestraße zusätzlich das Thema „Erschütterungen“ in die Diskussion. Die Politiker im Rathaus Schöneberg haben die Anwohner ganz schön verschaukelt.

 

Die Grundstücke Wielandstraße 16 und 17. Foto H&S, 2017

130-jährige Buche soll Neubau weichen

 

Am 2. September 2017 hatten wir darüber berichtet, dass Stadtentwicklungsstadtrat Jörn Oltmann (GRÜNE) die Baugenehmigung für eine Verdichtung im Blockinneren zwischen den Grundstücken Wielandstraße Nr. 16, Wielandstraße Nr. 17 und Fregestraße Nr. 72 erteilt hat. Gebaut werden sollen neun Wohneinheiten mit Tiefgarage.

 

Da wir davon ausgehen, dass weder Jörn Oltmann noch Abgesandte der Schöneberger Stadtplanung dieses Grundstück zuvor in Augenschein genommen, den Anwohnern bisher auch keine Baupläne vorliegen, sind wir einer Einladung der Anwohner zu einer Vorortbesichtigung am 5. September 2017 nachgekommen.

 

 

 

 

 

 

Es war ein Zufall, dass just in diesem Moment eine Fachfirma vor Ort war, die für das Bezirksamt bzw. den Investor ein Angebot für Garagenabriss und Baumfällen abgeben sollten. In diesem Fall war es gut, dass es noch Fachleute gibt, die „kein Angebot abgeben werden, da damit die Wurzeln der Buche angegriffen werden“.

 

Oltmanns Argumentation ist hanebüchen: „Politisch geht es mir darum, eine möglichst kompakte Bauweise auf möglichst versiegelten Flächen zu ermöglichen. Grün- und Freiflächen sollen möglichst erhalten bleiben. Wohnungsneubau soll mit Augenmaß geschehen. Im Fall der Wielandstraße halte ich eine Bebauung für angemessen.“

 

Besagte Buche steht auf dem Grundstück Wielandstraße Nr. 16. Es gehört der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Die Wielandstraße erhielt ihren Namen 1884. Das unter Denkmalschutz stehende Haus des ehemaligen Hofkunsthändlers Eduard Müller entstand 1887. Die Buche könnte also mindestens 130 Jahre alt sein. Unter Vorbehalt, denn niemand weiß, was diesem Baum im Laufe seiner Entwicklung widerfahren ist. Die Buche hat aktuell in einer Höhe von 1,70 Meter einen Umfang von 3,70 Meter. Sie überragt das unmittelbar danebenstehende sechsgeschossige Wohnhaus Wielandstraße Nr. 17 um ein vielfaches – und ragt auch mit ihrer weitausladenden Krone und dem Blattwerk weit in dieses Grundstück hinein.

 

Bekannt dürfte auch dem „grünen“ Jörn Oltmann sein, dass Buchen zur Gruppe der Herzwurzler gehören, die kaum Pfahlwurzeln bilden. Ihr Wurzelsystem besteht aus vielen kräftigen Haupt- und Nebenwurzeln, die mit den Jahren viele Meter überwinden und in alle Richtungen verlaufen. Die Wurzeln sind daher deutlich im Boden verankert. Bekannt müsste obendrein sein, dass die oberflächennahen Wurzeln keine starke Bodenbearbeitung oder Oberflächenverdichtung vertragen. Darauf reagieren sie äußerst empfindlich und können die Buche damit mittelfristig zum Absterben bringen.

 

Innerhalb der heutigen überbauten Toreinfahrt und drei Meter vom Buchenstamm entfernt müsste die Einfahrt zur Tiefgarage ausgebaggert werden. Spundwände werden dann die Wurzeln abtrennen. Da obendrein der gesamte Innenhof eine Tiefgarage erhalten soll, die schließlich auch ausgebaggert werden müsste, würde das weit verzweigte Wurzelwerk in hohem Maße beschädigt bzw. ganz entfernt werden. Das Ende der Buche kann Jörn Oltmann egal sein, weil er dann nicht mehr Stadtentwicklungsstadtrat sein wird.

 

Schlimmer noch: Oltmann nimmt mit seiner Baugenehmigung den Anwohnern Luft und Licht zum Atmen und der Buche das Leben. Es kann nicht sein, dass auf Grund des Wohnungsmangels der Politik nur die Verdichtung der innerstädtischen Wohnquartiere einfällt, und es kann auch nicht sein, dass die Politik mit diesem Neubau im Blockinneren die Zeit zurückdreht. Prenzlauer Berg mit Seitenflügeln, Hinterhäusern und Quergebäuden hatten wir schon einmal – das war die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

 

Sehr geehrte Bezirksverordnete, am 6., 7. und 19. September 2017 und am 20. September 2017 gibt es Sitzungen des Hauptausschusses bzw. der Bezirksverordnetenversammlung. Setzen Sie sich persönlich dafür ein, dass diese Baugenehmigung zurückgezogen wird.

 

Mit freundlichen Grüßen

www.friedenau-aktuell.de

Peter Hahn & Jürgen Stich

 

Pläne und Fotos vom Ort

 

Mündliche Anfrage der BV Elisabeth Wissel vom 19.07.2017

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Antwort von Bezirksstadtrat Jörn Oltmann (DIE GRÜNEN) vom 19.07.2017

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Posteingang vom 06.09.2017
 
"Seit Jahren werben Architekten, wie ich für "städtebauliche Nachverdichtung", aus vielen Gründen, spätestens mit der DD-Wiedervereinigung waren dieSorgen erheblich, Berlin könne sich an den Rändern verhalten, wie ein "ungezogen Kind". Es ist eine Schande, an Ort und Stelle ein Exempel zu statuieren und kann nur der Regulierungswut gewisser Politiker geschuldet sein - mit dem Begriff der "Nachhaltigkeit" hat das nichts mehr zu tun, hier geht es nur noch um Spekulation, das war und sollte für uns kein Handlungsmotiv mehr darstellen!"
 

Wielandstraße Nr. 17

Vom Immobilienhändler zum Stadtentwickler

Jörn Oltmann von den GRÜNEN schlägt zu

 

 

Die GRÜNEN erleichtern uns die Wahl. Wenn sie eine Grünfläche als „eine überwiegend versiegelte Fläche“ betrachten und daher nun das Blockinnere zwischen den Grundstücken Wielandstraße Nr 17 und Fregestraße Nr. 72 verdichten und mit neun Eigentumswohnungen und einer Tiefgarage bebauen, dann steht die Wahlentscheidung schon vor dem 24. September fest.

 

Die „Berliner Woche“ hatte in ihrer Ausgabe vom 30. August 2017 über das „Projekt“ berichtet. Darin zeigen sich die Anwohner entsetzt. Denn die laut grünem Stadtentwicklungsstadtrat Jörn Oltmann „überwiegend versiegelte Fläche“ stellt sich als begrünter Innenhof heraus. „Der grüne Mann hat nur gesehen, was er sehen wollte, damit er den Bauantrag durchdrücken kann“, so ein Anwohner. Auch auf eine mehr als 200 Jahre alte Buche – älter als Friedenau! – will Oltmann keine Rücksicht nehmen. Er unterstellt laut „Berliner Woche“ den Anwohnern vielmehr, um den Verlust ihrer Stellplätze zu fürchten.

 

Wenn unsere Informationen zutreffen, dann wurde der Bauantrag einer ausländischen Investorengruppe vor mehr als sieben Jahren eingereicht und am 26.4.2010 vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg mit einem Vorbescheid bedacht. Wenn der Bauantrag erst jetzt bewilligt wurde, kann man sich vorstellen, dass Stadtplanung, Bauaufsicht und Denkmalschutz im Rathaus Schöneberg wohl in den vergangenen Jahren erhebliche Bedenken gegen die Bebauung hatten.

 

Es ist nun allerdings nicht das erste Mal, dass Oltmann, der selbst aus der Immobilienbranche kommt, genau dieser den Vorzug vor dem Erhalt Friedenauer Grünflächen gibt. Erinnert sei an das Mammutprojekt auf dem Bahndamm des ehemaligen Güterbahnhofs Wilmersdorf. Dort wird eine entwicklungsfähige und als Luftschneise dringend benötigte Freifläche zugebaut, ausdrücklich gefördert vom grünen Stadtrat.

 

„Politisch geht es mir darum, eine möglichst kompakte Bauweise auf möglichst versiegelten Flächen zu ermöglichen“, so der Dezernent in der „Berliner Woche“. „Grün- und Freiflächen sollen möglichst erhalten bleiben. Wohnungsneubau soll mit Augenmaß geschehen und trotzdem werden wir immer häufiger den Konflikt haben, dass Stellplätze wegfallen um Wohnungsbau zu ermöglichen. Dazu stehe ich in einem gewissen Rahmen. Ich mag keine Extreme. Doch im Fall der Wielandstraße halte ich eine Bebauung für angemessen.“

 

Die „politischen“ Ziele des grünen Stadtrats können die Bewohner der Wielandstraße 17 und mit ihnen viele Friedenauer angesichts der tatsächlichen Entscheidungen nur noch als Zynismus verstehen. Wenn die Immobilienbranche sich einen derart starken Einfluss im Stadtentwicklungsressort von Tempelhof-Schöneberg gesichert zu haben scheint, dann sollten bei den Bürgern alle Alarmglocken schrillen. Denn die Folgen davon betreffen die Wohnqualität aller Einwohner des Bezirks.

 

Weg von der Lauterstraße in die Grünanlage. Foto H&S 31-08.2017

Objektbesichtigung

 

Das Facility Management der Abteilung Stadtentwicklung und Bauen des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg von Berlin hatte für Donnerstag, den 31.08.2017 um 11 Uhr, zu einer Besichtigung der ehemaligen Bedürfnisanstalt am Perelsplatz eingeladen.

 

Das Häuschen, nach Entwürfen des Architekten und Friedenauer Gemeindebaurats Hans Altmann im Jahr 1909 errichtet, ließ das Bezirksamt seit September 2016 vom Architekturbüro Hagemann+Liss aufwändig sanieren. Wenn dann auch noch die Landschaftsarchitektin Anke Werner die Grünanlagen ringsherum wieder zu Grünanlagen gemacht hat, soll demnächst dort ein Café eröffnet werden.

 

Das Treffen hatte sich schnell herumgesprochen, und so kamen nicht nur jene, die dort als Pächter ein Geschäft wittern, sondern auch die Friedenauer Nachbarschaft, denen das Kleinod am Herzen liegt.

 

 

 

Das „Interessenbekundungsverfahren zur Nutzung des denkmalgeschützten Fachwerkpavillons“ kommt zur unrechten Zeit. Das Bezirksamt müsste eigentlich gewarnt sein. Mit enormem Aufwand wurde vor einigen Jahren Altmanns zweite Bedürfnisanstalt mit Kiosk und Gärtchen am Südwestkrso (Liane-Berkowitz-Platz) aus dem Jahre 1920 rekonstruiert, in dem dann eine „Kaiserdiele“ die gastronomische Betreuung übernahm. Drinnen 20, draußen 40 Plätze. Nach kurzer Pachtzeit musste der Wirt erkennen, „die Winter sind wirtschaftlich schwierig“. Es muss wohl so gewesen sein, denn das Etablissement hat längst wieder dicht gemacht - und das Bezirksamt streitet.

 

Eher skeptisch waren denn auch die Kommentare und Meinungen zum Betrieb des Häuschens nach der Besichtigung. Der geplante Abriss der benachbarten Turnhalle der Friedrich-Bergius-Schule würde den Café-Betrieb für längere Zeit stark beeinträchtigen – und das vielleicht gerade in der Startphase, war zu hören. Die Auflagen und Beschränkungen im denkmalgeschützten Häuschen und innerhalb des Gartendenkmals seien sehr gravierend. Ob sich ein am Ende doch nur möglicher Sommerbetrieb rechnen werde, sei mehr als unsicher.

 

Bis zum 30. September sollen nun Konzepte eingereicht werden. Wer auch immer den Versuch startet, Altmanns Bedürfnisanstalt mit Leben zu erfüllen – das Risiko des Scheiterns dürfte sehr hoch sein. Dagegen stehen die gewaltigen Investitionen des Bezirks in das Häuschen und das Gartendenkmal. Das Bezirksamt wird sich also so oder so nicht aus der Verantwortung ziehen können. Ein aufwändig sanierter Leerstand ist das Letzte, was am bislang arg vernachlässigten Perelsplatz gebraucht wird.

 

 

Interessenbekundungsverfahren Perelsplatz

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Am Ostrand des heutigen Perelsplatzes hat der Friedenauer Gemeindebaurat und Architekt Hans Altmann 1909 eine eingeschossige Bedürfnisanstalt errichtet. Der Fachwerkpavillon mit geschwungenem und schiefergedecktem Bohlenbinderdach hatte zwei Zugänge. Im Osten zur Lauterstraße hin befand sich der Eingang zum Pissoir für das Stehpinkeln von Männern. Zum Westen hin entstand als halboffene Laube ein Vorraum zum Toilettenzugang für Damen.

 

Das unter Denkmalschutz stehende Häuschen war lange Zeit als „Parkoase“ ein beliebter Treffpunkt. Da der private Betreiber und das Bezirksamt keine Einigung für das unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten äußerst schwierig zu betreibende Café erzielen konnten, gab der Pächter auf – zurück blieb ein jahrelanger Schandfleck.

 

Der Perelsplatz hieß von 1873 bis 1884 Berliner Platz, danach bis 1961 Maybachplatz, benannt nach dem preußischen Handelsminister und Minister für öffentliche Arbeiten Albert von Maybach (1822-1904). Über viele Jahrzehnte wurde die Grünanlage auch als „Birkenwäldchen“ bezeichnet, da die ursprüngliche Bepflanzung von Birken dominiert war. Die Gestaltung des Platzes wurde 1907 nach einem Entwurf von Gartenbaudirektor Fritz Zahn (1872-1942) ausgeführt. Das Typische ist verloren gegangen, weil inzwischen eine große Artenvielfalt an Bäumen und Sträuchern entstanden ist. 1961 wurde die Anlage in Perelsplatz umbenannt, zur Erinnerung an Friedrich Justus Perels (1910-1945), der von 1920 bis 1929 Schüler des damaligen Gymnasiums war. Der Widerstandskämpfer und Jurist der „Bekennenden Kirche“ wurde am 2. Februar 1945 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945 erschossen.

 

 

 

 

Die ehemalige Bedürfnisanstalt wurde seit Anfang September 2016 saniert. Da die Arbeiten nun langsam zum Abschluss kommen, hat das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg nun ein Interessenbekundungsverfahren eingeleitet. Darüber soll ergründet werden, ob sich ein privater Pächter für das Kleinod finden läßt, der dem Bezirk die Ausgaben für Unterhalt und Betrieb erspart. Bei vom Bezirksamt errechneten Kosten von jährlich 5.590 EUR zuzüglich Kostenübernahme für Möblierung, Küchenausstattung, Umlufthaube, weitere Innenraumleuchten, Telefon, fachgerechte Pflege und Unterhaltung der zur Pachtfläche gehörenden Außenflächen einschließlich definierter Teilflächen des öffentlichen Straßenlandes sowie der öffentlichen Grünanlage sehen wir ziemlich schwarz und gar nicht rot-grün. Bei einem halbjährigen Betrieb, mehr läßt das Wetter wohl nicht zu, müssten monatlich allein 1.000 EUR für die Deckung der Kosten erwirtschaftet werden - zuzüglich der Personalausgaben. 

 

Auch wenn der Plan aufgehen sollte, es dort ab 2018 wieder ein Café geben sollte, wird der Perelsplatz ringsum auf absehbare Zeit eine einzige Baustelle bleiben - denn der momentane Zustand kann nicht bleiben.

 

Soll nicht die Grünanlage komplett saniert und wieder wie einst mehr als "Birkenwäldchen" ausgerichtet werden? Soll nicht das nach Regen kaum noch nutzbare Wegenetz erneuert werden? Soll nicht der marode Sintflutbrunnen rekonstruiert werden? Soll nicht die alte Sporthalle dahinter abgerissen und durch eine neue ersetzt werden? Soll nicht der Zaun für den Spielplatz erhöht werden, damit den Hunden das "Geschäft" im Sand vermasselt wird? Sollen nicht die Grundmauern der Friedrich-Bergius-Schule komplett frei- und trockengelegt werden? Und soll nicht am Ende der Lauterstraße von der BÖAG ein "bomforzionöser" Treppenaufgang zum projektierten Wohngebiet auf dem Bahndamm entstehen?. 

 

In eigener Sache

 

Vielleicht wundern sich einige Leser unserer Website, dass wir am 2. September 2017 der Einladung der CDU Friedenau gefolgt sind, bei einem Kiezrundgang in Friedenau die Führung zu übernehmen. Keine Angst: Die Website www.friedenau-aktuell.de bleibt parteiunabhängig, kritisch und frei. Dennoch fanden wir es gut, dass sich Kommunalpolitiker an uns gewandt haben, weil sie mehr über Friedenau in Geschichte und Gegenwart erfahren wollten. Da war uns die Partei zweitrangig, weil es darum geht, auf aktuelle Probleme hinzuweisen. Wenn wir dazu beitragen können, dann tun wir das gern. Was daraus wird, werden wir – wie immer kritisch – dokumentieren.

Sintflutbrunnen. Foto H&S, 16. Juni 2017

Denkmal in Not: Sintflutbrunnen

 

In einem Beitrag im sozialdemokratischen Kampfblatt „Paperpress“ hieß es kürzlich: „Und während auf dem Campus rund um den Schöneberger Gasometer beim G20-Afrika-Gipfel die Entwicklung voranschreitet, verkommt die Grünfläche davor. Die Welt schaut auf den Campus, der Bezirk Tempelhof-Schöneberg schaut weg. Ist Rot-Rot-Grün die Stadt eigentlich egal?“

 

Zuständig ist als Leiterin von Straßen- und Grünflächenamt Bezirksstadträtin Christiane Heiß (Bündnis 90/Die Grünen). Die Diplom-Ingenieurin für Landschaftsplanung hat sich viel mit Umwelt, Verwaltung und Akten beschäftigt und dabei die Menschen aus dem Blick verloren. Ihre Vorlieben für Gutachten, und Konzeptionen in Ehren, aber für den Job im Schöneberger Rathaus braucht es Managerqualitäten. Die hat sie nicht. Straßen und Grünflächen würden nicht so aussehen wie sie aussehen. Wie soll man diese politische Fahrlässigkeit verstehen? Zweimal hatten wir die Bezirksstadträtin schriftlich um Auskunft zum „Sintflutbrunnen“ gebeten. Die Grüne aber hüllte sich in Stillschweigen.

 

 

Nun nimmt sich die Fraktion der AfD von Tempelhof-Schöneberg dem Problem an. In zwei BVV-Anträgen vom 19.07.2017 wird das Bezirksamt ersucht, „Grünanlagen und Sintflutbrunnen auf dem Perelsplatz“ zu sanieren.

 

Was wird in der ersten öffentlichen BVV-Sitzung nach der Sommerpause am 20. September 2017 geschehen?

 

Variante 1: Die Zählgemeinschaft aus SPD und GRÜNEN lehnt mit ihrer Mehrheit beide AfD-Anträge ab.

Variante 2: SPD und GRÜNE formulieren weitergehende Anträge mit im Prinzip dem gleichen Inhalt und lassen diese zuerst abstimmen, damit sie um die AfD-Anträge "herumkommen".

Variante 3: Die beiden AfD-Anträge werden mit Stimmen von CDU, FDP, DIE LINKE, AfD, und möglicherweise Abweichlern aus SPD und GRÜNEN angenommen.

 

Wir lassen uns überraschen!

 

AfD-Antrag zur Restaurierung des Sintflutbrunnens

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AfD-Antrag zur Sanierung des Perelsplatzes

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Uwe Johnson – ein deutsch-deutscher Dichter, ein DDR-Flüchtling, ein Bewohner von Friedenau mit Atelierwohnung in der Niedstraße Nr. 14 und Familienwohnung in der Stierstraße Nr. 3, ein Avantgardist der Erzählperspektiven, ein Verfasser von Dokumentarromanen? Abstempeln oder ruhigstellen ließ und lässt er sich nie.

 

 

 

 

 

 

 

Uwe Johnsons Monumentalwerk „Jahrestage“ – ein Romanbericht „Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ – erzählt einen Zeitraum von achtzig Jahren – beginnend im Dreikaiserjahr 1888, endend mit dem Einmarsch der Warschauer Truppen in die Tschechoslowakei am 21. August 1968. Fünf Gesellschaftssysteme wirken auf die Protagonisten: das Kaiserreich, die Weimarer Republik, der deutsche Faschismus, die DDR sowie die westlichen kapitalistischen Staaten. Das fiktive Jerichow, zwischen Lübeck und Wismar angesiedelt, bildet als Beispiel deutscher, west- wie ostdeutscher Geschichte einen der Pole der Erzählung, das reale New York den anderen.

 

Die Romanhandlung beginnt am 20. August 1967. Zum 50-jährigen Jubiläum möchte der Suhrkamp Verlag die Möglichkeit bieten, diesen Romanbericht noch einmal zu entdecken. Interessierte Leser können mit dem „Suhrkamp-Jahrestage-Abo“ den ersten Monat des 365 Tage umfassenden Romans Tag für Tag lesen. Der Suhrkamp Verlag sendet nach Anmeldung über jahrestage@suhrkamp.de kostenlos und unverbindlich einen Monat lang täglich einen „Jahrestag“ per E-Mail zu – und „mit etwas Glück gewinnen Sie die ‚Jahrestage‘ im Schuber und die Verfilmung von Margarethe von Trotta im DVD-Paket dazu.

 

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