Max Nagel

Entdeckungen zu einem bedeutenden Baumeister

 

Am 11. Januar 1889 stellen Grundstückseigentümer und Bauherr Friedrich Haselwander aus Berlin, Michaelkirchplatz Nr. 23, und der Unternehmer, Baumeister Max Nagel, ansässig am Friedrich-Wilhelm-Platz in Friedenau, beim Schöneberger Amtsvorsteher Bürgermeister Johann Adolph Albert Friedrich Feurig den Antrag zum Bau des Wohnhauses Fregestraße Nr. 57.

 

Heute ist der „Hausverein Fregestraße 57 e.V.“ Eigentümer des Gebäudes. Er hat uns seine Archive geöffnet und wir konnten bislang unbekannte Details aus dem Wirken dies bedeutenden Friedenauer Baumeisters Max Nagel ans Licht bringen - unter anderem Baupläne und handschriftliche Briefe - wie jener vom 11. Januar 1889 an Schönebergs Bürgermeister Feurig.

Karnickelställe statt Familienwohnungen

 

 

Das Bauschild an der Friedenauer Hauptstraße wirft Fragen auf. Für die Bebauung auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Wilmersdorf wurden unter dem Titel „Friedenauer Höhe Projekt GmbH Berlin“ von BÖAG Beteiligungs-AG, BÖAG Projekt AG, den BÖAG-Vorständen Lars Böge und Michael Streithorst sowie der OFB Projektentwicklung GmbH als hundertprozentige Tochter der HELABA- Immobiliengruppe sechs Firmen gegründet - mit Firmensitz Knesebeckstraße Berlin.

 

FHP Friedenauer Höhe Erste GmbH & Co. KG

FHP Friedenauer Höhe Zweite GmbH & Co. KG

FHP Friedenauer Höhe Dritte GmbH & Co. KG

FHP Friedenauer Höhe Vierte GmbH & Co. KG

FHP Friedenauer Höhe Fünfte GmbH & Co. KG

FHP Friedenauer Höhe Sechste GmbH & Co. KG

 

Warum nicht eine, sondern sechs Bauherrengesellschaften? Warum die gesellschaftsrechtliche Konstruktion GmbH & Co. KG?

 

Diese Firmengründungen erfolgten zwischen dem 10.07.2018 und 04.08.2018. Wenige Tage zuvor wurden am 21.06.2018 im Bundesrat „Änderungen zur Grunderwerbsteuer“ diskutiert, in denen es auch um Share Deals ging, jenem Erwerb von Geschäftsanteilen, bei dem die Grunderwerbssteuer (derzeit) noch entfällt.

 

Bei Share Deals - auch Grunderwerbssteuer-Vermeidungsmodell genannt - kaufen Investoren nicht Grundstück und Gebäude, sondern die Anteilsmehrheit eines Unternehmens – d h., aus einer Immobilie wird ein Unternehmen gemacht. Die gesetzlich (noch erlaubte) Regel dabei ist, dass die Transparenz der Transaktion unübersichtlich wird, da der Alteigentümer mit etwas mehr als 95 % 5 Jahre lang (künftig etwas mehr als 90 % 10 Jahre lang im Grundbuch stehen bleibt, während die restlichen knapp 95 % (künftig knapp 90 %) über verschachtelte GmbH-Unterkonstruktionen wie GmbH & Co. KG im Dunkeln bleiben und sich in Steuerparadiesen verlieren könnten. Es leuchtet ein, dass sich Gesellschaftsanteile anonymer und schneller als Immobilien kaufen und verkaufen lassen, da u.a. auch die Mitteilungs- und Anzeigepflicht der eingebundenen Notare entfällt. Über diese derart angelegte Geldwäsche könnten die Immobilienpreise und folglich auch die Mieten steigen.

 

Das könnte zu einer Befreiung von der Grunderwerbssteuer führen, so dass dem Land Berlin (möglicherweise auch mit Wissen und Unterstützung des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg) Steuern entgehen.

 

Da nach der Verfassung von Berlin (Artikel 28) „jeder Mensch das Recht auf angemessenen Wohn- raum hat“ und „das Land die Schaffung und Erhaltung von angemessenem Wohnraum, insbesondere für Menschen mit geringem Einkommen, sowie die Bildung von Wohnungseigentum fördert“, Stichwort sozialer Wohnungsbau, musste die „Friedenauer Höhe Projekt GmbH Berlin“ eine Lösung kreieren.

 

Da kam mit Ten Brinke ein bisher völlig Unbekannter ins Spiel: Laut „Immobilienzeitung“ vom 15.11.2018 wurden „245 Mietwohnungen des Wohnungsbauvorhabens Friedenauer Höhe an die städ­tische Wohnungsgesellschaft Howoge verkauft (die sich in den Jahren zuvor partout geweigert hatte, sich beim Bauprojekt zu beteiligen). Verkäufer ist der Projektentwickler Ten Brinke Ten Brinke Group B.V. Niederlande. Die kommunalen Vermieter übernehmen die überwiegend durch Förderung miet­preisgedeckelten Wohnungen nebst Kita schlüsselfertig“.

 

Der Wohnungsbau auf dem Bahndamm soll im Frühjahr 2019 starten, allerdings nicht mit den 1255 sonstigen Wohnungen, sondern mit den 245 staatlich subventionierten Wohnungen der Howoge. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

 

Die OFB (HELABA) investiert gegenwärtig in auffällig großformatige Werbeanzeigen: „Was Sie voran­bringt? Partnerschaft. Wer partnerschaftlich orientiert ist, kann Projekten einen kräftigen Extraschub verleihen Das bedeutet, Ihre Ziele und Anforderungen, die wir mit gebündelter Expertise und hochwertigen Finanzprodukten unterstützen, stehen für uns jederzeit im Fokus. So lässt sich das erreichen, was wirklich zählt: in jedem Fahrwasser auf Erfolgskurs zu bleiben. Unsere Kunden und Partner dau­erhaft voranzubringen, dafür stehen wir mit unseren Werten - regional verwurzelt und international verankert. “

Auf dem 6 ha großen Areal sollen nun 1500 statt ursprünglich 940 Wohnungen entstehen - ein Kunst­stück, das nun von den Berliner Architekturbüros Grüntuch Ernst und Tchoban Voss Architekten gefer­tigt wird. Statt Familienwohnungen nun also Karnickelställe, deren Bedarf und Größe sich die Bauher­ren „durch eine Studie“ bestätigen ließen. Bezirksbaustadtrat Jörn Oltmann (GRÜNE), bis zu seiner Wahl 2016 Immobilienhändler, „findet die Planungen sehr gut. Kleine Wohnungen werden im Bezirk dringend gebraucht“.

 

Verlauten lassen OFB und BÖAG, dass „Eigentumswohnungen derzeit nicht angeboten werden, aber längerfristig nicht auszuschließen sind“. Sie könnten kommen, wenn ein bisschen Gras über die Sache gewachsen ist.

 

Der flauschige Name „Friedenauer Höhe“ sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Höhe gegenüber dem N.N. nur 7 Meter beträgt, ein Bahndamm ist und bleibt, auf dem sich einst ein reines Gewerbegebiet befand. Dies Umfeld hat sich gegenüber früher erheblich verschlechtert, da neben den Gleisen von Eisenbahn und S-Bahn-Ring noch 2 x 3 Fahrspuren der Stadtautobahn A100 hinzugekommen sind. Seither ist die Gegend in den Verkehrsmeldungen von früh bis spät und tagtäglich populär: „Stau und stockender Verkehr“ auf der 2,5 Kilometer langen Strecke zwischen Detmolder Straße, Wexstraße und Kreuz Schöneberg. Ob Richtung Charlottenburg oder Richtung Neukölln, am Tunnel Innsbrucker Platz und an der „Friedenauer Höhe“ geht nichts mehr. Die Strecke rangiert mit 162.900 Fahrzeugen pro Tag auf Platz 4 der am meisten befahrenen Straßen Deutschlands. Im schönsten Verwaltungsdeutsch heißt das: „Das Plangebiet ist in einem immissionsökologisch stark vorbelasteten Umfeld angesiedelt und erheblich durch Schall beaufschlagt.“

 

„Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt.“ Der Spruch stammt von Heinrich Zille. Bei BÄAG, OFB und ROT-GRÜN scheint auch das keinen Eindruck zu machen.

Netzwerk Friedenauer Höhe. Quelle www.northdata.de

Kampf um den Boden

 

In Tempelhof-Schöneberg haben SPD und GRÜNE dafür gesorgt, dass auf dem ehemaligen Gewerbegebiet Güterbahnhof Wilmersdorf Wohnungen gebaut werden dürfen. Damit ist der Wert des Grundstücks deutlich gestiegen. Im Laufe der Jahre sind wohl Anteile an der Grundstücksgesellschaft weiterverkauft und mit Gewinn versilbert worden. Das genaue Ausmaß ist auch im Fall „Friedenauer Höhe“ nicht bekannt, da die Besitzverhältnisse nicht transparent sind.

 

 

 

Ein Problem ist dabei, dass das deutsche Baurecht am Grundstück „klebt“. Das macht die Bodenspekulation für Investoren attraktiv. Abwarten und nichts tun. So konnten sich die Preise für Wohnungsbaugrundstücke in Charlottenburg von 900 Euro im Jahr 2014 auf aktuell 4000 Euro je Quadratmeter mehr als vervierfachen.

 

Haus und Grund in deutschen Großstädten sind seit der Finanzkrise in den Blick des globalen Anlagekapitals geraten. Seitdem müssen Mieter und junge Familien mit Eigentumswunsch nicht mehr nur mit anderen Mietern und Käufern konkurrieren, sondern auch mit Großinvestoren, die sichere Renditen in Zeiten niedriger Zinsen suchen.

 

Immobilienökonom Voigtländer nennt die Bodenpolitik daher eine „zentrale Stellschraube“, um eine solche Preisrally zu vermeiden und die Kosten im Neubau niedriger zu halten.

 

In der Diskussion um die Reform der Grundsteuer hat er das Konzept der Bodenwertsteuer favorisiert. Bei diesem werden bebaute und unbebaute Grundstücke nach dem ermittelten Bodenwert gleich hoch besteuert. Das verteuert Spekulation und schafft den Anreiz, zügiger zu bauen.

 

SPD und GRÜNE von Tempelhof-Schöneberg hätten andere Möglichkeiten gehabt, Grundstücke nicht zum Spekulationsobjekt zu machen, indem die Kommunen einen rechtlich verbindlichen Rahmen vorgeben. Der kann nicht nur vorsehen, dass die Stadt vom Wertzuwachs des Baulands profitiert. Zudem können die Städte mit dem sogenannten Entwicklungsrecht arbeiten und durchsetzen, dass das Recht zu bauen erlischt, wenn der Eigentümer es innerhalb eines bestimmten zeitlichen Rahmens nicht nutzt. Ein anderes Modell, um Bodenspekulation zu verhindern, ist, dass Kommunen ihr Land nicht verkaufen, sondern in Erbpacht an denjenigen geben, der es bebauen will.

 

Im Fall der Bebauung des ehemaligen Gewerbegebiets Güterbahnhof Wilmersdorf haben SPD und GRÜNE der Bodenspekulation Tür und Tor geöffnet. Die Folgen zeigen sich bereits jetzt: Wie verlautete, sollen auf dem Gelände zunächst nur die 245 staatlich subventionierten Wohnungen der „Howoge“ gebaut werden. Diese städtische Wohnungsbaugesellschaft hatte überraschenderweise Anteile am Projekt erworben, obwohl sie sich lange Zeit dagegen wehrte.

 

Die anderen, lukrativen Grundstücke bleiben also zunächst unbebaut. Die Preise für das Bauland werden weiter steigen, Anteile daran können damit immer wieder mit Gewinn weiterverkauft werden. Diese Spekulation könnte die Mieten und Wohnungskaufpreise weiter in die Höhe treiben – mit Wissen und Billigung der für die Politik in Tempelhof-Schöneberg verantwortlichen Parteien: SPD und GRÜNE. Der vollmundig verkündete Anspruch, sozialen Wohnungsbau zu forcieren, wird zur Farce – zu einem Feigenblatt für die ganz großen Immobilienspekulanten.

Heinrich Dreidoppel

Zeichnungen vom Friedhof Stubenrauchstraße

 

Heinrich Dreidoppel (geb. 1938) studierte von 1958 bis 1962 an der Kunstakademie Düsseldorf Zeichnung, Malerei, Grafik, Kunsterziehung und von 1962 bis 1965 Germanistik an der Universität Köln. Von 1989 bis 2003 war er Professor für „Ästhetische Erziehung, Kunst- und Kulturwissenschaften“ an der Universität der Künste Berlin. Mit seiner freundlichen Erlaubnis zeigen wir seine Zeichnungen von Gräbern des Friedhofs Stubenrauchstraße erstmals auf dieser Website. 

 

Ehrengräber für Ottomar Anschütz und Jeanne Mammen

 

Am 6. November 2018 erreichte uns die Mitteilung, „dass der Senat von Berlin in seiner heutigen Sitzung mit Senatsbeschluss Nr. S-1667/2018 unter anderem auch die Anerkennung der Grabstätten von Ottomar Anschütz (1846-1907) und Jeanne Mammen (1890-1976) als Ehrengrabstätten des Landes Berlin für die Dauer von 20 Jahren beschlossen hat“.

 

Die Grabstätten von Ottomar Anschütz (31/23-24) und Jeanne Mammen (C45/97) befinden sich auf dem Friedhof Stubenrauchstraße. Während der Status Ehrengrabstätte des Fotopioniers Ottomar Anschütz im Jahr 2009 vom Land Berlin „gekündigt“ wurde und das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg daraufhin das Grab Zerstörung und Verfall überlassen hatte, definiert sich die Würdigung der Malerin Jeanne Mammen weniger über die Kenntnis ihrer Kunst als vielmehr über eine konzertierte „Besitznahme der Frauenbewegung“.

 

Laut Senatskanzlei „werden in nächster Zeit die Grabstätten als Ehrengrabstätten in der üblichen Form (brauner Stein mit Landeswappen und der Aufschrift „Ehrengrab Berlin“) kenntlich gemacht werden. Der Friedhof (also Tempelhof-Schöneberg) wird gebeten werden, am Eingang einen Hinweis auf die Grabstätten aufzunehmen“.

 

Das kann es nicht gewesen sein! Das Grab von Ottomar Anschütz sollte in den ursprünglichen Zustand von 1907 gebracht werden. Das Tiefgeschoss des Columbariums, in dem sich das Urnengrab von Jeanne Mammen befindet, hat das Bezirksamt verwahrlosen lassen.

Pfarrer Paul Vetter. Quelle ZGH

Auf den Spuren des Friedenauer Pfarrers Paul Vetter

 

Im Rahmen der Festivitäten zum 125. Kirchweihjubiläum Zum Guten Hirten hielt der Historiker Dr. Hansjörg Buss am 26. Oktober 2018 einen Vortrag zum Thema „Getrennte Wege - Die Kirchengemeinde Zum Guten Hirten" zur Zeit des Nationalsozialismus“. Die anschließende Diskussion mit dem doch recht zahlreich erschienenen Publikum machte deutlich, dass über die Rolle der Kirchengemeinde in dieser dunklen Zeit ein erheblicher Bedarf an Aufklärung besteht. Inzwischen hat sich eine Arbeitsgruppe rund um Pfarrer Peter Martins gebildet, die sowohl das Leben von Paul Vetter, als auch die Möglichkeit unter die Lupe nehmen will, Vetters vernachlässigte Grabstelle wieder in einen würdigen Zustand zu versetzen.

Seit dem 27. November 2018 ist die Brücke der Friedhofsbahn über den Teltowkanal nicht mehr

 

Jahre wurde um die Brücke gestritten. Die Deutsche Bahn bot Kleinmachnow und Stahnsdorf 2014 sogar den Kauf einer rund 75.000 m² großen Fläche von Bahntrasse und Brücke zum Kauf an. Auch die vom „Deutschen Wandertag“ diskutierte „Umrüstung zu einer Fußgängerbrücke“ scheiterte an den Finanzen. Der Abriss des „Denkmals“ war besiegelt, weil die Verkehrssicherheit nicht mehr gewährleistet werden kann und Gefahr für die Schiffe auf dem Teltowkanal besteht. 2018 gaben Kleinmachnow und Stahnsdorf ihre „Zustimmung zum Rückbau“.

 

Grab Familie Moeller 2006. Foto H&S

Wer war Hugo Moeller ?

 

Im Vergleich mit dem Erbbegräbnis der Familie von Loebell auf dem Wilmersdorfer Friedhof ist das ebenfalls im Jahr 1911 vom Bildhauer Hans Dammann geschaffene Grabmal der Familie Moeller auf dem Friedhof Stubenrauchstraße eher bescheiden. Es ist ein Wandgrab, dass gleichzeitig mit den dreiseitig eingefassten gleichhohen Seitenwänden und ihren Säulen auch den Eindruck eines „Tempelchens“ erweckt. Nach den noch lesbaren Inschriften haben dort „Hugo Moeller, Kgl. Preuss. Kommerzienrat, Geb. 26. Juni 1840; Gest.12. Nov. 1911, Ehrenbürger von Friedenau“, seine Ehefrau Bertha Moeller geb. Moeller und „Gina Ella Moeller 31.3.1891–16.5.1963) ihre letzte Ruhe gefunden.

Friedrich-Wilhelm-Platz. Entwurf Mettler Landschaftsarchitektur, 2018.

Zwischen Hoffen und Bangen

01.11.2018

 

„Da wird was passieren.“ Zutreffender konnte Vereinsvorstand Michael Haarmann die Aussichten für den Friedrich-Wilhelm-Platz nicht beschreiben. Seit Jahren bemüht sich die „Initiative“ die vom Schöneberger Bezirksamt zum „Straßenbegleitgrün“ degradierte Grünanlage wieder zu einem Ort zu machen, an dem „wir alle uns gerne treffen und aufhalten“ können. Dieses Engagement könnte sich nun auszahlen – zumindest teilweise.

 

Die „Senatsverwaltung für Stadtentwicklung“ hatte im Mai 2018 einen „Wettbewerb zur Freiraumgestaltung des Friedrich-Wilhelm-Platzes“ gestartet. Gegenstand war „die Neugestaltung des inneren Bereichs“. Gemeint war damit nur der ehemalige Schmuckplatz mit der Kirche Zum Guten Hirten, der mit dem Umbau der Bundesallee zur Schnellstraße systematisch „aufgegeben“ wurde.

 

Schaden genommen haben aber nicht nur die Anlage, sondern auch die angrenzenden Quartiere: Östlich zwischen Schmargendorfer und Sarrazinstraße mit diversen Baudenkmalen und westlich das Areal von der Görresstraße bis hin zur Goßlerstraße – ebenfalls mit herausragender Architektur aus den späten Jahren des 19. Jahrhunderts. Den Mut zu einer generellen „Stadtreparatur“ brachten Senat und Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg nicht auf.

 

Der erste Preis ging an das Büro „Mettler Landschaftsarchitektur Berlin“. Laut Preisgericht „präsentiert der Entwurf ein Strukturprinzip, das auf weitere Entwicklungen im Verlauf des Planungsprozesses flexibel antworten kann. Er birgt zudem das Potential, zu einem späteren Zeitpunkt auch die Flächen östlich der Bundesallee einzubinden“. Diese Formulierung stimmt nachdenklich, zumal die Jury den Preis mit einem Vorbehalt bedachte: „Zur Grundlage für die weitere Realisierung empfohlen“.

 

Auf dem Platz wurde ziemlich viel „untergebracht“, 1893 die „Kirche Zum Guten Hirten“, 1971 der U-Bahnhof mit fünf Zugängen und in der Folge Schallschutzmauern, Trafogebäude, BVG-Bus-Endstation, Busspur, Taxistand, Imbiss, City-Toilette, Spielplatz, Kfz-Stellplätze. Keine leichte Aufgabe, aus diesen Gegebenheiten eine „grüne Platzinsel“ zu schaffen, die den Bedürfnissen und Interessen der Anwohner entspricht. „Festgeschrieben“ ist jetzt jedenfalls, dass ein Zusammenhang zwischen Osten (Niedstraße), Platz (Friedenauer Mitte) und Westen (Wilhelmshöher Straße) besteht. Die „getrennten“ Quartiere sollen wieder „verbunden“ werden. Im Zentrum stehen daher die von Fußgängern und Radfahrern häufig genutzten Verbindungen. Für diese sollen nun Wege in wechselnden Breiten mit einem einheitlichen Pflaster geschaffen werden.

 

 

Schon das ist schwierig genug. Der U-Bahnhof hat einen 110 Meter langen und leicht gekrümmten Mittelbahnsteig, an dessen Enden Treppen zu einem Zwischengeschoss führen, von dem wiederum in alle Himmelsrichtungen fünf Treppenausgänge zu den Seitenstraßen führen. Da die Station nun einen barrierefreien Zugang erhalten soll, wird ein Personenaufzug eingebaut – auf dem Mittelstreifen der Bundesallee – aus bautechnischer Sicht der einzig mögliche Standort. Er wird auf Höhe der Niedstraße gebaut, was wiederum einen Übergang mit einer weiteren Ampelanlage erfordert.

 

Auf der Ansichtskarte von anno dazumal ist ersichtlich, dass es seinerzeit einen direkten (barrierefreien) Weg von der Niedstraße über den Schmuckplatz zur Wilhelmshöher Straße gab – in voller Straßenbreite. Das machte Sinn, weil damit auch der Zusammenhang der Quartiere unterstrichen wurde. Der vorliegende Plan von „Mettler“ greift dies nicht auf und schreibt den Nutzern, wenn auch nur geringfügig, kurvenreiche „Umwege“ vor.

 

Das Preisgericht vermisste in dem Entwurf „differenziertere Angebote für verschiedene Nutzergruppen insbesondere für Spiel und Aufenthalt“. Das ist einer der Schwachpunkte. Sicher, die unsäglichen Schallschutzmauern sollen abgerissen und Buschbepflanzung entfernt werden. Das alles bringt zusammen mit dem Setzen von (ergänzenden) jungen Bäumen Licht, Luft und Sicht auf und in die arg verschwiemelte Anlage. Nett gemeint ist, dass „die Einfassungen der Rasenflächen das Klinkermaterial des Kirchenbauwerks aufgreifen“ und „somit die gesamte Platzfläche in Bezug zu dem historisch prägenden Gebäude setzen“. Reicht das – neben der geringfügigen Verschiebung der Busendhaltestelle nach Norden – für einen „erlebbaren, räumlich abwechslungsreichen Grünraum“ aus?

 

Was aber soll mit Trafogebäude, Imbiss und City-Toilette geschehen? Sie wurden einst ziemlich willkürlich in die Landschaft gesetzt und können so nicht bestehen bleiben. Was soll mit dem östlichen Teil der Bundesallee mit ihren zwischen 1884 und 1911 entstandenen Baudenkmalen geschehen? Sie bleiben weiter vom Gesamtraum abgehängt.

 

Die Landschaftsarchitekten haben ein Konzept vorgelegt. Darauf lässt sich aufbauen. Da das Bezirksamt 2019 mit den Baumaßnahmen beginnen möchte, ist nun die „Initiative Friedrich-Wilhelm-Platz“ mit konkreten Ideen gefordert. „Da wird was passieren.“ Aber was?

 

***

 

PS Da uns - und auch der Initiative Friedrich-Wilhelm-Platz - die bisher veröffentlichten „Papiere“ für eine Diskussion über die Neugestaltung des Friedrich-Wilhelm-Platzes zu „dünn“ waren, baten wir „Mettler Landschaftsarchitektur Berlin“ um weitere Projektunterlagen. Dies wurde uns mit Hinweis auf den Bauherrn Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg verweigert. Angekündigt wurde, dass wir die Pläne mit einem Erläuterungstext „direkt vom Bauherrn bekommen“. So werden Mündige entmündigt. Wir vermuten allerdings, dass Bezirksbaustadtrat Jörn Oltmann (GRÜNE) die für den 16. November 2018 um 19.30 Uhr in der Kirche „Zum Guten Hirten“ vorgesehene Veranstaltung „Mitten in Friedenau - Bürgerdialog und Präsentation zukünftiger Planungen für den Friedrich-Wilhelm-Platz“ vorab nicht durch ein Zuviel an Information „belasten“ möchte.

 

125 Jahre Zum Guten Hirten

27.10.2018

 

Die Kirche „Zum Guten Hirten“ am Friedrich-Wilhelm-Platz wurde am 10. November 1893 eingeweiht. 19 Jahre nach Gründung der Landhauskolonie hatte Friedenau eine eigene evangelische Kirche. Anlass genug, auf 125 Jahre zurückzublicken. Dass es innerhalb der Kirchengemeinde auch „Getrennte Wege“ gab, machte der Berliner Historiker Dr. Hansjörg Buss deutlich, der in der Kirche am 26. Oktober vor einem erstaunlich großen Publikum über die „Zeit des Nationalsozialismus“ sprach. Seine Ausführungen bekamen eine besondere Brisanz, da sich das Grab von Pfarrer Paul Vetter (1869-1938) auf dem Friedhof Stubenrauchstraße in einem erbärmlichen Zustand befindet.

 

Paul Vetter hatte sein Friedenauer Amt am 1. Juni 1910 angetreten. Mit den Pfarrern Otto Görnandt (1851-1918) und Rudolf Kleine (1870-1928) hatte der fortwährend im Wachstum begriffene Vorort nun einen dritten Geistlichen.

 

Paul Vetter wurde am 16. Oktober 1869 in Berlin geboren. Er besuchte das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, studierte Theologie an den Universitäten Tübingen, Halle und Berlin, bestand die erste theologische Prüfung 1892, die zweite 1894 in Berlin, war zwischen beiden Prüfungen Einjährig-Freiwilliger beim Infanterie-Regiment 35 in Brandenburg und besuchte das Lehrerseminar in Cammin. Von 1893 bis 1895 war er Mitglied des Predigerseminars in Wittenberg und 1895 bis 1896 Lehrvikar in Frankfurt an der Oder. Nach der Ordination am 6. November 1896 wurde er bis 1897 Hilfsprediger an der Lutherkirche und Pfarrverweser in Charlottenburg. 1898 wurde er Pfarrer in der Ofenstadt Velten. Mehr als 12 Jahre hat er dort gewirkt. Er wäre „gerne geblieben, wenn ihn nicht die Ausbildung seiner Kinder veranlasst hätte, von hier fortzugehen, da hier höhere Schulen noch fehlen“. Nach seiner Berufung zog er mit Frau Elisabeth und drei Kindern in das Friedenauer Gemeindehaus.

 

Elisabeth Vetter wurde in den Vorstand der „Ev. Frauenhilfe Friedenau“ gewählt. Er selbst übernahm bis 1917 die Leitung des „Christlichen Vereins Junger Männer“. Als Seelsorger war Vetter für den Bezirk III mit Büsing- 1-22, Frege- 25-27b, Goßler- 1-10, 24-30, Handjery- 44-66, Ill- 1-14, Kirch- 1-28, Rhein- 19-39a, 45-54, Ring- 15-42, Rönneberg- 1-17, Rotdorn- 1-17, Saar- 1-9, 14-21, Stubenrauch- 1-17, 59-73, Wiesbadener Straße 1-8, 83-89 sowie für Kaiserallee 76-130 und Friedrich-Wilhelm-Platz 8-9 zuständig.

 

 

Friedenau hatte inzwischen 39.400 Seelen. Eine vierte Pfarrstelle wurde nötig. Am 1. März 1916 trat Bruno Marquardt (geb. 1885), bisher Hilfsprediger an der Friedenskirche in Potsdam, sein Amt an. Nach dem Tod von Pfarrer Otto Görnandt übernahm Pfarrer Karl Foertsch (geb. 1883) im Jahr 1919 diese Stelle. Die freigewordene Stelle von Pfarrer Rudolf Kleine wurde nach seinem Tod 1928 mit Pfarrer Siegfried Nobiling (geb. 1891) besetzt.

 

Hier setzen die Forschungen von Hansjörg Buss an. Denn mit Pfarrer Nobiling hält die innerevangelische Glaubensbewegung der „Deutschen Christen“ Einzug in Friedenau. Sie ist von Anfang an eng mit den Nationalsozialisten verbunden und kann kurz nach deren Machtergreifung bei den reichsweiten Kirchenwahlen 1933 auch in Friedenau eine „satte Mehrheit“ für sich verbuchen. Repräsentiert wurden die Deutschen Christen in Friedenau von den Pfarrern Siegfried Nobiling, Bruno Marquardt und dem „farblosen“ Mitläufer Adolf Wolff. Hakenkreuz und Christenkreuz, so meinte 1934 Pfarrer Bruno Marquardt, seien keine Gegensätze: „Bringt das Christuskreuz unsere christliche Gesinnung zum Ausdruck, so fügt das Hakenkreuz dem unsere restlos deutsch-völkische Einstellung hinzu.“

 

In Opposition dazu scharte sich in dieser Zeit eine Minderheit der Friedenauer Protestanten um Pfarrer Paul Vetter. Diese „Gemeindegruppe der Bekennenden Kirche“, so Buss, lehnte den Führungsanspruch der Nationalsozialisten innerhalb der Kirche ab und führte fortan ein „unabhängiges Gemeindeleben“ in den Räumen der benachbarten „Goßner Mission“ in der Handjerystraße. Damit war die Spaltung der Friedenauer Kirchengemeinde zu einer Tatsache geworden.

 

Historiker Hansjörg Buss führte in seinem Vortrag zahlreiche Beispiele für diese Spaltung an, die von Auseinandersetzungen und einem regelrechten „Kleinkrieg“ begleitet wurde. So füllt der Streit um die Nachfolge von Pfarrer Nobiling einen dicken Aktenordner. Am Ende setzte sich Lothar Nerger durch, Mitglied der Deutschen Christen und der SA. Führungspersönlichkeiten der Bekennenden Kirche in Friedenau seien als „Volks- und Staatsfeinde“ denunziert worden, so Buss. Pfarrer Paul Vetter durfte sogar sein 25-jähriges Gemeindejubiläum im Jahr 1935 nicht im angestammten Gemeindesaal feiern, sondern musste auf Räume der benachbarten Ev. Matthäus-Kirchengemeinde in Steglitz ausweichen.

Auch Hansjörg Buss konnte nicht restlos darüber aufklären, wie sich das alltägliche Nebeneinander der beiden Friedenauer Kirchengemeinden während der Zeit des Nationalsozialismus darstellte. Pfarrer Paul Vetter wurde häufig verbal attackiert und bei der Kirchenleitung „angeschwärzt“. Seine Frau verlor ihren Führungsposten innerhalb der Evangelischen Frauenhilfe Friedenau. Zur Verhaftung oder weitergehenden Sanktionen kam es aber nicht.

 

Pfarrer Paul Vetter starb 1938 und wurde auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beerdigt. Sein Grab ist erhalten, befindet sich aber in einem sehr schlechten Zustand. Die Gründe dafür konnten am Vortragsabend in der Kirche „Zum guten Hirten“ leider nicht geklärt werden. Pfarrer Peter Martins regte an, dass sich eine Arbeitsgruppe mit dem Thema beschäftigen solle, damit das Grab in Zukunft wieder in einen würdigen Stand versetzt wird. Die weiteren Entwicklungen müssen wir also abwarten.

 

Die Stelle von Pfarrer Vetter wurde nach 1938 übrigens zunächst nicht wieder besetzt. Die Friedenauer „Notgemeinde der Bekennenden Kirche“ setzte sich aber über die Blockade durch die Deutschen Christen hinweg und berief Pfarrer Wilhelm Jannasch, einen Gegner der Nationalsozialisten, zu ihrem Seelsorger. Jannasch war es dann, der die beiden Kirchengemeinden nach dem Ende des Kriegs als geschäftsführender Pfarrer wieder zusammenführte. Bis auf Bruno Marquardt schieden nach 1945 die Anhänger der Deutschen Christen aus ihren Pfarrämtern in Friedenau aus.

 

Der Vortrag von Hansjörg Buss und die anschließende Diskussion zeigten deutlich, dass noch viele Fragen zum Gemeindeleben in der Zeit des Nationalsozialismus nicht beantwortet sind. Wir wissen jetzt aber mehr über die Rolle, die Pfarrer Paul Vetter damals spielte. Umso wichtiger ist es, dass nun das Augenmerk auf seine Grabstelle auf dem Friedhof Stubenrauchstraße gerichtet wird. Die Erhaltung und würdige Gestaltung seiner Ruhestätte wäre ein wichtiges Signal dafür, dass die Kirchengemeinde sich aktiv mit ihrer Geschichte auseinandersetzt.

 

***

Unter dem Menüpunkt Friedhof Stubenrauchstraße finden Sie einen Beitrag zum Grab von Paul Vetter.

Neues vom Bahndamm: 1500 statt 940 Wohnungen

24.10.2018

 

 

 

Am 24.07.2018 teilte Bezirksstadtrat Jörn Oltmann (DIE GRÜNEN) mit, dass „die bauliche Neuentwicklung auf dem ehemaligen Güterbahnhof Wilmersdorf ein sehr umfangreiches Projekt für den Bauherrn und das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg“ darstellt. Aktuell ist die Verwaltung mit den Bauherrn in der finalen Abstimmung über die Bauanträge. Es ist davon auszugehen, dass die Baumaßnahmen unverzüglich nach Erteilung der Genehmigungen starten werden“.

 

Zur Geschichte gehört, dass ursprünglich 940 Wohnungen und 780 Tiefgaragenstellplätze geplant waren. Die „finale Abstimmung“ mit dem Bezirksamt führt nun dazu, dass den Bauherrn 1500 Wohnungen, 360 Tiefgaragenstellplätze, 1800 Fahrradstellplätze und eine Kita gestattet werden. Gesetzlich ist das gedeckt, aber diese Durchsetzungspolitik des ehemaligen Immobilienhändlers Oltmann unter dem Deckmantel Demokratie hat nichts mehr mit dem grünen Streben nach einer ökologisch nachhaltigen Gesellschaft zu tun.

 

1. Um Bauen günstiger zu machen und ein Mehr an preiswerten Wohnungen zu erreichen, hat das Land Berlin die Baupflicht für Stellplätze abgeschafft.

2. Bei der Genehmigung des Wohnbauprojekts werden die in der Nähe liegenden Stationen des öffentlichen Nahverkehrs herangezogen. Bezirksamt und Bauherrn gehen davon aus, dass die zukünftigen Bewohner auf ein Auto verzichten und die Stationen S- und U-Bahnhof Innsbrucker Platz (S41, S42, S46, U4) bzw. S- und U-Bahnhof Bundesallee (U9) sowie die Bushaltestellen von M48, M85, 248 und 187 nutzen.

3. Der Bebauungsplan wurde dahingehend verändert, dass nun kleinere Wohnungen zwischen 25 und 80 Quadratmeter entstehen sollen.

 

Abgesehen davon, dass Friedenau mit 28.145 Einwohnern der am dichtesten besiedelte Ortsteil von Berlin ist, kommen künftig 2000 bis 3000 neue Bewohner hinzu. Den Bauherrn muss es nicht mehr interessieren, wenn die 360 Tiefgaragenplätze doch nicht ausreichen sollten, und die Autos dann im ohnehin mit Parkplätzen nicht gesegneten Friedenau herumkurven und einen Stellplatz suchen. Dem Bezirksamt dürfte das eigentlich nicht egal sein!

 

In Erinnerung sei gerufen, dass die BÖAG das Gelände von der DB erworben hat. Da sich die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften nicht beteiligen wollten, war die BÖAG gezwungen, die „HELABA Immobiliengruppe“ und ihre „OFB Projektentwicklung GmbH“ ins Boot zu holen. Daraus entstand ein Bauherrn-Joint-Venture mit OFB Projektentwicklung GmbH und BÖAG Projekt AG. Seit Mitte Oktober prangt in der Hauptstraße eine Werbetafel: „Friedenauer Höhe. Im Herzen Berlins, entsteht ein Zukunftsquartier, das die Vorzüge eines schönen, historisch gewachsenen Stadtteils harmonisch mit den Ansprüchen an wegweisend urbanes Leben verbindet.“ Den Marketingbegriff „Friedenauer Höhe“ müssen die Friedenauer ertragen. Das fällt unter Privatsache des Eigentümers. Wohl aber sind die Interessenten darüber aufzuklären, dass diese „Höhe“ 7 m über dem Niveau von Friedenau liegt und eigentlich ein Bahndamm ist. Hinter den Häusern gibt es Gleise für S-Bahn, Güter- und Personenverkehr und den sechsspurigen Autobahnring – zweifellos ein „Quartier mit exzellenter Verkehrsanbindung“, aber keinesfalls wie die Werbung behauptet, „ein ruhiges Quartier“.

 

Für den Bau haben die Partner diverse Firmen gegründet: Die FHP Friedenauer Höhe Erste GmbH & Co. KG am 10.07.2018, die FHP Friedenauer Höhe Zweite GmbH & Co. KG am 11.07.2018, die FHP Friedenauer Höhe Dritte GmbH & Co. KG am 04.08.2018, die FHP Friedenauer Höhe Vierte GmbH & Co. KG am 01.08.2018, die FHP Friedenauer Höhe Fünfte GmbH & Co. KG am 01.08.2018 und die FHP Friedenauer Höhe Sechste GmbH & Co. KG am 10.07.2018. Alle zu erreichen über die Firmenadresse Knesebeckstraße 59/61, 10719 Berlin.

 

Das kann „einiges“ bedeuten. Am leichtesten zu durchschauen ist, dass bei dieser gesellschaftsrechtlichen Konstruktion Haftungsrisiken für die hinter der Gesellschaft stehenden Personen ausgeschlossen bzw. begrenzt werden. Wir sind keine Steuerfachleute, fragen uns aber, ob damit auch Steuerzahlungen an den Fiskus begrenzt und Schwarzgeld reingewaschen werden kann.

 

Unter den Partnern wurde offensichtlich die Baufläche aufgeteilt. Wir gehen davon aus, dass WA 1 - WA 2 nach Entwürfen von „Grüntuch Ernst Planungsgesellschaft GmbH“ und WA 5 – WA 6 nach Entwürfen von „Tchoban Voss Architekten GmbH“ entsteht. Für die Baufelder WA 3 und WA 4 gibt es keine Angaben. Ist auch egal. Entstehen wird ein entsetzlicher Gebäuderiegel zwischen Haupt- und Handjerystraße, ein Fremdkörper, der mit Friedenau niemals etwas gemein hat. Die Architekten werden es sich gefallen lassen müssen, dass ihre Bauten - wie die „Papageiensiedlung" an der A 66 bei Frankfurt-Höchst oder auch der Schöneberger  „Sozialpalast“ - zu jenen Orten gehören werden, die „man nicht sehen möchte, die es am besten nicht geben sollte“.

 

 

Titelseite Stadtentwicklungsplanung, 2018

Stadtentwicklungsplanung in Tempelhof-Schöneberg

03.08.2018

 

Der Titel ist gewaltig: „Stadtentwicklungsplanung in Tempelhof-Schöneberg 1990-2020. Zwischen City West und Dorfanger. Urbane Strategien, Konzepte und Projekte“. Idee, Konzept und Koordination Siegmund Peter Kroll. Das alles auf 304 Seiten. Im Bezirksamt läuft das Buch unter „Kroll“. Gemeint ist damit Dipl. Ing. Siegmund Peter Kroll, der von 1993 bis 2016 als Amtsleiter für die Stadtentwicklungsplanung verantwortlich war. 48 Beiträge hat er schreiben lassen, darunter 11 von ihm selbst, 15 von Mitarbeitern des Bezirksamts und 5 von Bezirksbaustadträten – alles nach dem Motto, „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“.

 

Einer fehlt, und das spricht weder für die Souveränität von Kroll noch für das vom Bezirksamt finanzierte Buchprojekt: Von 2011 bis 2016 war Dipl. Ing. Daniel Krüger Bezirksbaustadtrat, dessen „Makel“ nun darin besteht, dass sich der frühere CDU-Politiker 2017 von der AfD zum (gegenwärtig parteilosen) Bezirksstadtrat von Pankow hat wählen lassen.

 

Wie meist bei Büchern des Bezirksamts, scheint es nicht für die Öffentlichkeit bestimmt zu sein. Wie üblich ist auch diese Publikation im Raum 3008 des Schöneberger Rathauses erhältlich. Es soll auch „in den Museen des Bezirks und in Buchhandlungen“ zu erwerben sein. Da bestehen Zweifel, weil die Mitarbeiterin am 1. August 2018 erst einige Haustelefonate führen musste, um sich sachkundig zu machen. Wir bekamen Buch und Zettel mit Stempel: „20 € erhalten für Buch Stadtentwicklungsplanung“. Es ist davon auszugehen, dass in diesem Betrag der ermäßigte Steuersatz für Bücher in Höhe von 7 % enthalten ist. Keine ISBN-Nummer. Das „Werk“ ist für Buchhandel und Bibliotheken nicht existent.

 

Friedenau wird mit drei Beiträgen abgehandelt: „Von bezahlbarem Wohnraum, Nachverdichtung und Grünflächen“ von Baustadträtin a.D. Sibyll Klotz, „Vom ehemaligen Güterbahnhof Wilmersdorf  BWohnpark Friedenauer Höhe“ von Investor Lars Böge sowie „Breslauer Platz – Geschichte einen Platzerneuerung“ von der „Bürgerinitiative Breslauer Platz“ und den Herren Joachim Glässel & Peter Lemburg. Die Lektüre all dieser Artikel lohnt nicht.

 

Den aufschlussreichsten Beitrag liefert Ronald Eckert mit „Aktivierung von Wohnungsbaupotenzialen in Tempelhof-Schöneberg“. Der Dipl. Ing. ist seit 2014 Sachbearbeiter für Entwicklungsplanung im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg. Er beginnt mit einem bemerkenswerten Satz: „Berlin wächst. Und auch Tempelhof-Schöneberg wächst und muss den vielen Neu-Berlinern dringend benötigten Wohnraum zur Verfügung stellen.“ Muss?

 

Der Entwicklungsfachmann negiert jegliche Bedenken von Stadtplanern und Bürgern und liefert den unter dem selbstauferlegten Zwang stehenden Politikern die zukünftige Strategie: „Vor dem Hintergrund der aktuellen Rahmenbedingungen sollte eine bauliche Nachnutzung dieser Flächen nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden.“ Er meint damit die „Nachverdichtung größerer Siedlungseinheiten“, die in den fünfziger und sechziger Jahren „mit einem hohen Freiraumanteil“ und „vergleichsweise geringer Dichte realisiert“ wurden und „für eine Nachverdichtung sprechen“. Diese könnten durch „einfaches Anbauen an den Stirnseiten, auf dem Dach, aber auch an den Längsseiten“ für Wohnungsbau aktiviert werden. Doch damit nicht genug: Eckert bringt auch „Umnutzungen von Gewerbe-, Bahn-, Verkehrs-, Friedhofs- und Kleingartenflächen“ ins Gespräch, die „Verlagerung von öffentlichen Einrichtungen“, also Rathäuser, Bürgerämter, Polizeireviere, Museen, Bibliotheken, Post, Krankenhäuser demnächst jotwede? Auch „die Umnutzung landwirtschaftlich genutzter Flächen oder Waldflächen“ scheint nicht mehr tabu zu sein.

 

Konzentrieren wir uns auf das, was für Friedenau wirklich relevant ist. „Die Potenziale im Bezirk“, so Ronald Eckert, „sind deshalb vor allem im Bestand, auf eher kleinteiligen und zum Teil ‚schwierigen‘ Flächen zu suchen“. Das sind auf Friedenau bezogen „Dachgeschossausbauten, Dachaufstockungen, Baulückenschließungen sowie die Umnutzung von Nichtwohngebäuden“. Dieser Ausbau zu Wohnzwecken bietet „ein erhebliches Potenzial zur kurzfristigen Ausweitung des Wohnungsangebotes, ohne dass hierfür neue Flächen in Anspruch genommen bzw. neuer umbauter Raum geschaffen werden müssen“.

 

Der entscheidende Satz: „Auch wenn die Vorhaben in der Regel planungsrechtlich aufgrund überschreitender Nutzungsmaße nicht zulässig sind, so ist es im Bezirk gängige Praxis, den vorgesehenen Ermessungsspielraum zu nutzen und im Rahmen der im Baugesetzbuch vorgesehenen ‚Befreiung‘ Dachgeschossausbauten und Dachaufstockungen zu genehmigen, wenn bestimmte ‚Nutzungswerte‘ nicht überschritten werden und gleichzeitig ‚ökologische Ausgleichsmaßnahmen‘ auf den oft versiegelten Grundstücken erfolgen.“ Wie das?

 

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt hat sich in einer Studie von 2015 bescheinigen lassen, dass im Bezirk Tempelhof-Schöneberg für Dachausbauten „noch ein Potenzial von knapp 3.000 Wohneinheiten“ vorhanden ist, mit „Baulückenschließungen“ können noch „ca. 300 Wohneinheiten“ geschaffen werden. Friedenau kann sich also noch auf einiges gefasst machen.

 

Eckert gesteht allerdings ein, dass diese Bauten „trotz nicht notwendiger Grunderwerbskosten selten geeignet sind, um preiswerten Wohnraum zu schaffen. Der ‚Ausbau im Bestand‘ ist bezogen auf den Quadratmeter Wohnfläche in der Regel teurer als ein kompletter Neubau“.

 

Das Buch schließt mit Bezirksstadtentwicklungsstadtrat Jörn Oltmann (GRÜNE): „Herausforderung der Zukunft: Bezahlbares Wohnen in Berlin und Tempelhof-Schöneberg“. Eilfertig schreibt das der SPD nahestehende Organ „paperpress“ schon zwei Tage nach der Buchpräsentation: „Über Jörn Oltmann hört man viel Gutes. Er hat sich vor allem das bezahlbare Wohnen im Bezirk auf die Fahne geschrieben.“ Das klingt gut, wenn nicht Misstrauen angesagt wär, da er bis Herbst 2016 die Geschäfte eines Immobilienhändlers betrieben hat. Es kommt noch schlimmer: „Es ist unsere politische Aufgabe, das Interesse des Gemeinwohls in jedem Bauvorhaben wieder zu finden.“

 

In Friedenau fand in den vergangenen Jahrzehnten bereits ein Ausbau von Dachräumen in erheblichem Umfang statt. Seit seinem Amtsantritt ist verstärkt die „Wiedergeburt“ von Dachausbauten im Gang, nun noch verbunden mit irrsinniger „Nachverdichtung“, wofür die Projekte Wielandstraße 17 (eine Gegend mit Gründerzeitvillen) und Innsbrucker Straße 19 (unmittelbar am Volkspark) beispielhaft stehen.

 

Für das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung sind Dachausbauten selten geeignet, um preiswerten Wohnraum zu schaffen. Diese „Umwandlungsprojekte“ sind in erster Linie auf ein „gehobenes Marktsegment“ ausgerichtet. So viel zum Gemeinwohl!

 

Soziale, ökologische und klimatische Aspekte spielen im Buch keine Rolle. Dies vor dem Hintergrund, dass Friedenau „bei der Versorgung mit wohnungsnahen Grünflächen mit 39% nicht versorgter Einwohner weit abgeschlagen den letzten Platz in Berlin einnimmt“. Eine Erfolgsgeschichte sieht anders aus.

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© friedenau-aktuell, 2017