125 Jahre Zum Guten Hirten

 

Die Kirche „Zum Guten Hirten“ am Friedrich-Wilhelm-Platz wurde am 10. November 1893 eingeweiht. 19 Jahre nach Gründung der Landhauskolonie hatte Friedenau eine eigene evangelische Kirche. Anlass genug, auf 125 Jahre zurückzublicken. Dass es innerhalb der Kirchengemeinde auch „Getrennte Wege“ gab, machte der Berliner Historiker Dr. Hansjörg Buss deutlich, der in der Kirche am 26. Oktober vor einem erstaunlich großen Publikum über die „Zeit des Nationalsozialismus“ sprach. Seine Ausführungen bekamen eine besondere Brisanz, da sich das Grab von Pfarrer Paul Vetter (1869-1938) auf dem Friedhof Stubenrauchstraße in einem erbärmlichen Zustand befindet.

 

Paul Vetter hatte sein Friedenauer Amt am 1. Juni 1910 angetreten. Mit den Pfarrern Otto Görnandt (1851-1918) und Rudolf Kleine (1870-1928) hatte der fortwährend im Wachstum begriffene Vorort nun einen dritten Geistlichen.

 

Paul Vetter wurde am 16. Oktober 1869 in Berlin geboren. Er besuchte das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, studierte Theologie an den Universitäten Tübingen, Halle und Berlin, bestand die erste theologische Prüfung 1892, die zweite 1894 in Berlin, war zwischen beiden Prüfungen Einjährig-Freiwilliger beim Infanterie-Regiment 35 in Brandenburg und besuchte das Lehrerseminar in Cammin. Von 1893 bis 1895 war er Mitglied des Predigerseminars in Wittenberg und 1895 bis 1896 Lehrvikar in Frankfurt an der Oder. Nach der Ordination am 6. November 1896 wurde er bis 1897 Hilfsprediger an der Lutherkirche und Pfarrverweser in Charlottenburg. 1898 wurde er Pfarrer in der Ofenstadt Velten. Mehr als 12 Jahre hat er dort gewirkt. Er wäre „gerne geblieben, wenn ihn nicht die Ausbildung seiner Kinder veranlasst hätte, von hier fortzugehen, da hier höhere Schulen noch fehlen“. Nach seiner Berufung zog er mit Frau Elisabeth und drei Kindern in das Friedenauer Gemeindehaus.

 

Elisabeth Vetter wurde in den Vorstand der „Ev. Frauenhilfe Friedenau“ gewählt. Er selbst übernahm bis 1917 die Leitung des „Christlichen Vereins Junger Männer“. Als Seelsorger war Vetter für den Bezirk III mit Büsing- 1-22, Frege- 25-27b, Goßler- 1-10, 24-30, Handjery- 44-66, Ill- 1-14, Kirch- 1-28, Rhein- 19-39a, 45-54, Ring- 15-42, Rönneberg- 1-17, Rotdorn- 1-17, Saar- 1-9, 14-21, Stubenrauch- 1-17, 59-73, Wiesbadener Straße 1-8, 83-89 sowie für Kaiserallee 76-130 und Friedrich-Wilhelm-Platz 8-9 zuständig.

 

 

Friedenau hatte inzwischen 39.400 Seelen. Eine vierte Pfarrstelle wurde nötig. Am 1. März 1916 trat Bruno Marquardt (geb. 1885), bisher Hilfsprediger an der Friedenskirche in Potsdam, sein Amt an. Nach dem Tod von Pfarrer Otto Görnandt übernahm Pfarrer Karl Foertsch (geb. 1883) im Jahr 1919 diese Stelle. Die freigewordene Stelle von Pfarrer Rudolf Kleine wurde nach seinem Tod 1928 mit Pfarrer Siegfried Nobiling (geb. 1891) besetzt.

 

Hier setzen die Forschungen von Hansjörg Buss an. Denn mit Pfarrer Nobiling hält die innerevangelische Glaubensbewegung der „Deutschen Christen“ Einzug in Friedenau. Sie ist von Anfang an eng mit den Nationalsozialisten verbunden und kann kurz nach deren Machtergreifung bei den reichsweiten Kirchenwahlen 1933 auch in Friedenau eine „satte Mehrheit“ für sich verbuchen. Repräsentiert wurden die Deutschen Christen in Friedenau von den Pfarrern Siegfried Nobiling, Bruno Marquardt und dem „farblosen“ Mitläufer Adolf Wolff. Hakenkreuz und Christenkreuz, so meinte 1934 Pfarrer Bruno Marquardt, seien keine Gegensätze: „Bringt das Christuskreuz unsere christliche Gesinnung zum Ausdruck, so fügt das Hakenkreuz dem unsere restlos deutsch-völkische Einstellung hinzu.“

 

In Opposition dazu scharte sich in dieser Zeit eine Minderheit der Friedenauer Protestanten um Pfarrer Paul Vetter. Diese „Gemeindegruppe der Bekennenden Kirche“, so Buss, lehnte den Führungsanspruch der Nationalsozialisten innerhalb der Kirche ab und führte fortan ein „unabhängiges Gemeindeleben“ in den Räumen der benachbarten „Goßner Mission“ in der Handjerystraße. Damit war die Spaltung der Friedenauer Kirchengemeinde zu einer Tatsache geworden.

 

Historiker Hansjörg Buss führte in seinem Vortrag zahlreiche Beispiele für diese Spaltung an, die von Auseinandersetzungen und einem regelrechten „Kleinkrieg“ begleitet wurde. So füllt der Streit um die Nachfolge von Pfarrer Nobiling einen dicken Aktenordner. Am Ende setzte sich Lothar Nerger durch, Mitglied der Deutschen Christen und der SA. Führungspersönlichkeiten der Bekennenden Kirche in Friedenau seien als „Volks- und Staatsfeinde“ denunziert worden, so Buss. Pfarrer Paul Vetter durfte sogar sein 25-jähriges Gemeindejubiläum im Jahr 1935 nicht im angestammten Gemeindesaal feiern, sondern musste auf Räume der benachbarten Ev. Matthäus-Kirchengemeinde in Steglitz ausweichen.

Auch Hansjörg Buss konnte nicht restlos darüber aufklären, wie sich das alltägliche Nebeneinander der beiden Friedenauer Kirchengemeinden während der Zeit des Nationalsozialismus darstellte. Pfarrer Paul Vetter wurde häufig verbal attackiert und bei der Kirchenleitung „angeschwärzt“. Seine Frau verlor ihren Führungsposten innerhalb der Evangelischen Frauenhilfe Friedenau. Zur Verhaftung oder weitergehenden Sanktionen kam es aber nicht.

 

Pfarrer Paul Vetter starb 1938 und wurde auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beerdigt. Sein Grab ist erhalten, befindet sich aber in einem sehr schlechten Zustand. Die Gründe dafür konnten am Vortragsabend in der Kirche „Zum guten Hirten“ leider nicht geklärt werden. Pfarrer Peter Martins regte an, dass sich eine Arbeitsgruppe mit dem Thema beschäftigen solle, damit das Grab in Zukunft wieder in einen würdigen Stand versetzt wird. Die weiteren Entwicklungen müssen wir also abwarten.

 

Die Stelle von Pfarrer Vetter wurde nach 1938 übrigens zunächst nicht wieder besetzt. Die Friedenauer „Notgemeinde der Bekennenden Kirche“ setzte sich aber über die Blockade durch die Deutschen Christen hinweg und berief Pfarrer Wilhelm Jannasch, einen Gegner der Nationalsozialisten, zu ihrem Seelsorger. Jannasch war es dann, der die beiden Kirchengemeinden nach dem Ende des Kriegs als geschäftsführender Pfarrer wieder zusammenführte. Bis auf Bruno Marquardt schieden nach 1945 die Anhänger der Deutschen Christen aus ihren Pfarrämtern in Friedenau aus.

 

Der Vortrag von Hansjörg Buss und die anschließende Diskussion zeigten deutlich, dass noch viele Fragen zum Gemeindeleben in der Zeit des Nationalsozialismus nicht beantwortet sind. Wir wissen jetzt aber mehr über die Rolle, die Pfarrer Paul Vetter damals spielte. Umso wichtiger ist es, dass nun das Augenmerk auf seine Grabstelle auf dem Friedhof Stubenrauchstraße gerichtet wird. Die Erhaltung und würdige Gestaltung seiner Ruhestätte wäre ein wichtiges Signal dafür, dass die Kirchengemeinde sich aktiv mit ihrer Geschichte auseinandersetzt.

 

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Sobald uns Herr Dr. Buss den Vortrag in Schriftform übermittelt, werden wir diesen als PDF veröffentlichen.

 

 

Unter dem Menüpunkt Friedhof Stubenrauchstraße finden Sie den Beitrag zum Grab von Paul Vetter.

 

 

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