55 Jahre Philippus-Kirche

 

Die Evangelische Philippus-Nathanael-Kirche wurde zwischen 1959 und 1962 nach einem Entwurf von Hansrudolf Plarre (1922-2008) gebaut. Sie entstand auf den Grundstücken Stierstraße 17-19. Dort standen Wohnhäuser, die den Weltkrieg nicht überlebt und eine große Baulücke hinterlassen hatten. Am 24. Juni 1962 konnte der Kirchenneubau geweiht werden. Pfingsten 2010 wurde die Philippuskirche baupolizeilich gesperrt, weil das Dach einzustürzen drohte. 2012 konnte das Gotteshaus wieder geöffnet werden. Zum 55-jährigen Bestehen der Philippuskirche lädt die Gemeinde am Samstag, 24. Juni 2017, ab 14 Uhr, zu einem Gemeindefest rund um die Kirche ein und am Sonntag, 25. Juni 2017, 10. Uhr, zu einem Festgottesdienst.

 

Die Philippus-Kirche in Berlin-Friedenau erhebt sich über einem sechseckigen Grundriss mit leicht ausgestellten Längswänden, der in kirchlicher Tradition nach Osten ausgerichtet ist. Von den zwei Stirnwänden ist jene zum Gemeindehaus klar verglast, die andere – östliche - Altarwand, von Florian Breuer großflächig in leuchtend blauen und grünen Farben gestaltet. Wie in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist auch diese zu etwa 60 Prozent in Licht aufgelöste und durch die blau-grüne Farbglasfläche dynamisierte Stirnwand gleichsam „selbst-leuchtend“. Der Raumeindruck der Philippus-Kirche wird also wesentlich von dieser Farbverglasung geprägt, die den um zwei Stufen erhöhten Altarraum hinterfängt. Der Altar ist flankiert von Kanzel und Taufbecken. Auch ein Detail wie die geschlossene, in der Mitte geknickte Bankreihe ist ohne Vergleich und nimmt die Besonderheit des Grundrisses auf. Bemerkenswert ist auch das Kreuz von Waldemar Otto, das anfangs recht kontrovers diskutiert wurde. Die Licht- und Schattenwirkung erinnert an Golgatha! Das klarglasige Fenster auf der Westseite erhellt das als Begegnungsraum dienende Foyer. An den Kirchenraum - mit der Schuke-Orgel auf der frei in den Raum gestellten Empore - schließen sich auf der Nordseite der Seminarraum und auf der Südseite eine Folge kleinerer Räume an. Das an ein Zelt erinnernde Kirchengebäude fügt sich in die Formensprache nachkriegsmoderner Kirchen ein. (Zitiert nach Klaus Wittmann).

 

Prominentester Nachbar der Philippus-Kirche mit Wohnung Stierstraße Nr. 3 war in den 1960er Jahren der Schriftsteller Uwe Johnson (1934-1984). der die DDR 1959 verlassen musste. Am 19. November 1969 schrieb er seine „Rede zum Bußtag“, die wir hier mit ihren Bezügen zur Philippus-Kirche als Auszug veröffentlichen. Die vier letzten Worte „und gehe nicht hinein“ wollen wir aber nicht als Aufforderung verstanden wissen, die Jubiläumsveranstaltungen nicht zu besuchen.

 

Ich lebe in einer Berliner Straße, aus der die Bomben drei Miethäuser herausgetrennt haben, gegenüber der einstmals leeren Fläche, auf der die evangelische Kirche ein Haus für den Dienst an Gott und eins für die Geselligkeit hat hochziehen lassen, in einer recht modeseligen Auffassung von Baukunst, und nicht nur die auswärtigen Besucher stehen versonnen an meinem gemieteten Fenster und sprechen unverhofft von einem Ski-Übungshang. Dennoch sind unsere Beziehungen zu dieser Niederlassung Gottes verblüffend innig. Das kommt von dem frei stehenden Glockenturm, der, besonders am Freitag, zu oft knalligen Lärm in die Schallkanäle zwischen den vierstöckigen Häusern drückt, die Fenster dröhnen macht und nicht nur Kleinkindern Ohrenschmerzen bereitet. Einer Fluggesellschaft würde die Bürgerschaft zumindest fahrlässige, wahrscheinlich vorsätzliche Körperverletzung vorwerfen. Aber diese Körperschaft des öffentlichen Rechts nimmt ein jungmädchenhaft gekränktes Wesen an, wenn man sie behandelt wie eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, und ich habe nicht angefangen, Unterschriften zu sammeln. Und wenn diese Kirche nicht nach mir ruft in ihrer grobianischen Manier, traue ich mich in ihre Nähe und lese die Ankündigungen im Schaukasten, die Farblichtbildervorträge über die Seilstraßenbahnen in San Francisco oder die Erstickung des Individuums in den Zwängen und Isolierungen der modernen Industriegesellschaft, mit Diskussion, und bin regelmäßig verdutzt durch die Hartnäckigkeit, mit der dies Institut die feuilletonistischen Entwicklungen verfolgt, nicht nur in der Architektur, auch in der zeitgemäßen Reform seines Betriebsauftrags, der in der Erklärung der Welt für Mitglieder und Schwankende besteht. Und wie viele meiner Nachbarn drücke ich meine Hochachtung schweigend aus, und gehe nicht hinein.

 

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