Wird Ottomar Anschütz entsorgt?

 

Ottomar Anschütz (1846-1907) ist ein Pionier der Fototechnik. 1886 schuf er Serienfotos von einem Fuchs, die das Berliner Kunstgewerbemuseum als Studienmaterial erwarb, im Zweiten Weltkrieg verloren gingen, 2016 wieder auftauchten und sich nun wieder in den Staatlichen Museen zu Berlin befinden. 1894 fotografierte Anschütz den ersten Gleitflug von Otto Lilienthal am „Fliegeberg“ in Lichterfelde. Diese Momentaufnahmen bildeten 2016 die Grundlage für eine Sonderbriefmarke der Deutschen Post zum 125. Jahrestag des ersten Gleitflugs von Otto Lilienthal.

 

Einige Jahre zuvor strich der Berliner Senat mit den Stimmen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen im Jahre 2009 das Grab von Ottomar Anschütz auf dem Friedhof Stubenrauchstraße von der Ehrengrabliste. Das dennoch zuständige Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg überließ die Grabstätte sich selbst und dem Verfall.

 

In einer Pressemitteilung vom 18.10.2017 ließ das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg mitteilen, „dass die gesetzliche Ruhezeit gemäß § 11 Friedhofsgesetz auf den landeseigenen Friedhöfen Städtischer Friedhof Schöneberg I, Eisackstraße 40a, 10827 Berlin, sowie Städtischer Friedhof Schöneberg III, Stubenrauchstraße 43-45, 12161 Berlin, am 31. Dezember 2017 abläuft“.

 

Betroffen sind „Erd- und Urnen-Reihengrabstätten, Erd- und Urnen-Wahlgrabstätten, Erd- und Urnen-Familiengrabstätten und Urnenwandgrabstätten“ sowie auch „sämtliche Grabstätten, deren Ruhezeit schon früher erloschen ist. Die Einebnung beginnt ab Februar 2018“.

 

Da nach dem derzeitigen Berliner Friedhofsgesetz nur Ehrengrabstätten und unter Denkmalschutz gestellte Grabstätten auf längere Sicht „gesichert“ sind, nicht aber kulturgeschichtlich bedeutende und handwerklich hochwertige Grabstätten, haben wir alle in der BVV von Tempelhof-Schöneberg vertretenen Fraktionen auf die Gefahr einer weiteren „Entsorgung“ hingewiesen.

 

Konkret geht es uns auf dem Friedhof Stubenrauchstraße um die Grabstätte des Fotopioniers Ottomar Anschütz, dem vom Berliner Senat im Jahr 2009 der Status „Ehrengrab“ „entzogen“ wurde. Seither läßt das Bezirksamt das Grab verfallen. Es geht aber auch um die Grabstellen des Schauspielers Herbert Grünbaum oder der Schriftstellerin Dinah Nelken – nur als Beispiele genannt.

 

Da in der Vergangenheit gerade auf dem Friedhof Stubenrauchstraße regional- und kulturgeschichtlich bedeutende Grabstätten „abgeräumt“ wurden, obwohl auf allen Schöneberger Friedhöfen keinerlei Engpass an Begräbnisfläche besteht, befürchten wir, dass mit der geplanten Einebnung ohne fachliche Prüfung durch Historiker wiederum Geschichte entsorgt werden könnte – darunter beispielsweise die Grabstätten des Fotopioniers Ottomar Anschütz, des Schauspielers Herbert Grünbaum oder der Schriftstellerin Dinah Nelken.

 

Die Fraktion der CDU hat am 15.11.2017 dazu einen Antrag gestellt: In der Begründung heißt es: „Im Februar 2018 sollen auf einigen landeseigenen Friedhöfen zahlreiche abgelaufene Grabstätten eingeebnet werden. In der Vergangenheit sind durch solche „Routinevorgänge“ leider bereits einige Grabstätten der Nachwelt verloren gegangen, die von (kultur)geschichtlicher Bedeutung waren. Diesen Verlust an Zeugnissen der Kulturgeschichte gilt es künftig zu verhindern.“

 

 

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Anfrage Nr. 11 des Bezirksverordneten Ralf Olschewski (CDU)

 

Antwort von Bezirksstadträtin Christiane Heiß am 16.05.2018

 

1.

Frage
Ist Mündliche gesichert, dass das Grab bis zur endgültigen Klärung der Problematik der Frage der Ehrengräber fortbestehen wird?

 

 

Antwort
Seit August 2016 befindet sich die Grabstätte in der erneuten Prüfung zur Anerkennung als Ehrengrab. Der Bezirk wurde dringend gebeten von einer Abräumung des Grabes abzusehen.

Das Grab besteht weiter, wird aber aufgrund fehlender Ressourcen nicht gepflegt. Von Seiten noch vorhandener Angehöriger, Berufsverbänden oder interessierten Bürgern gab es bisher kein Engagement an der Pflegesituation etwas zu ändern.

 

2.

Frage
Welche Möglichkeiten sieht das Bezirksamt, dass es selbst oder andere Stellen eine Instandsetzung zum Erreichen eines angemessenen Erscheinungsbildes durchführen kann?

 

 

Antwort
Das Bezirksamt sieht keine Möglichkeit eigene Instandsetzungs-maßnahmen durchzuführen. Die voraussichtlichen Kosten wurden der Senatskanzlei im August 2016 mitgeteilt. Sollte die Grabstelle den Ehrengrabstatus erhalten, können die erforderlichen Mittel im Rahmen einer Basiskorrektur zur Verfügung gestellt werden.

 

 

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Ausführliches zu Ottomar Anschütz mit Texten Fotos und Dokumenten finden Sie unter seiner letzten Wohnadresse Wielandstraße Nr. 33.

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