Breslauer Platz, 8.8.2017. Foto H&S

Verschrobene Einzelinteressen finden keine Mehrheit

 

Die Debatte um einen Brunnen für den Breslauer Platz treibt weiter Blüten. Wie wir aus einem Schreiben der „Initiative Breslauer Platz e.V.“ vom 4. Juli 2018 erfahren, fordert Initiativensprecher Joachim Glässel jetzt eine „ehrliche Bürgerbeteiligung“ ein und wirft den GRÜNEN vor, das Projekt „Brunnen“ verhindert zu haben. Merkwürdig. Nach unserer Wahrnehmung hat dieselbe Initiative eine „ehrliche Bürgerbeteiligung“ beim Bauprojekt „Güterbahnhof Wilmersdorf“ so gar nicht vermisst und die dafür verantwortlichen grünen Stadträte geradezu gefeiert. Holen die Initiative jetzt das eigene Unvermögen und die politische Taktiererei ein?

 

In der Sache geht es darum, dass eine Mehrheit der Bezirksverordneten sich vor einigen Wochen gegen einen großen Schmuckbrunnen entschieden hat und allenfalls für die Aufstellung eines Trinkbrunnens auf dem Breslauer Platz zu begeistern ist. Wenn überhaupt!

 

 

 

Da nützt es auch nichts, wenn Glässel in besagtem Schreiben der SPD für ihren „beharrlichen Einsatz“ für einem „richtigen und multifunktionalen Marktbrunnen“ und „das Durchhaltevermögen“ dankt. Die Verbrüderung der Initiative mit der SPD ist schiefgegangen, weil es schlicht kein „Bürger-Votum“ für den unsinnigen Brunnen gegeben hat. „Protest auf allen Ebenen“, wie es sich Glässel im Namen der Initiative nun wünscht, wird es nicht geben. Allzu klar und deutlich haben Markthändler und Friedenauer zu verstehen gegeben, dass sie nichts von einem „richtigen, städtebaulichen Marktbrunnen“ (O-Ton Initiative) halten.

 

„Der Breslauer Platz ist 137 Jahre lang ohne Brunnen ausgekommen. Und er wird auch ohne Brunnen weiter funktionieren“, hatte Marktleiter König am 23. März 2018 in einer Bürgerversammlung deutlich gemacht. Und er warnte davor, die Händler mit einem solchen Bauwerk zu behindern. „Die Händler beleben diesen Platz. Wenn kein Wochenmarkt stattfindet, dann tut sich dort nämlich nichts. Ich sehe an marktfreien Tagen kaum einen Menschen.“

 

Hätte es eine „ehrliche Bürgerbeteiligung“ zum Brunnen-Projekt der Initiative gegeben, die Sache wäre längst vom Tisch. Dann wäre auch die von der Initiative geförderte Umgestaltung des Breslauer Platzes in einen seelenlosen „Aufmarschplatz“ verhindert worden und die nur dekorative Aufstellung von modisch-schwarzen Beton-Pflanzenkübeln wäre ebenfalls unterblieben.

 

Joachim Glässel und die Initiative Breslauer Platz haben sich in eine Sackgasse manövriert. Von echter Bürgerbeteiligung hielten sie nie viel, schon eher von politischen Bündnissen – mal ROT, mal GRÜN. Beim Thema „Brunnen“ ist das nun Gott sei Dank gescheitert, auch weil besonnene Friedenauer dagegen sprachen und verschrobene Einzelinteressen sich damit nicht durchsetzen konnten.

 

BI-Sprecher Joachim Glässel am 23.03.2018 im Rathaus Schöneberg. Foto H&S

Aus für den Brunnen auf dem Breslauer Platz

 

Der Brunnen auf dem Breslauer Platz ist in weite Ferne gerückt. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass überhaupt kein Brunnen errichtet werden wird. Das ist das Ergebnis einer öffentlichen Diskussion, zu der Bezirksstadträtin Christiane Heiß (Bündnis90/Die Grünen) für den 23. März 2018 in das Rathaus Schöneberg eingeladen hatte.

 

Was sehr schnell klar wurde: Die Gründe für das Scheitern der Brunnen-Pläne sind vielfältig. Hauptverantwortlich scheint jedoch die Bürgerinitiative Breslauer Platz (BI) zu sein. Sie hat in den vergangenen Jahren widersprüchlich, mit unterschiedlichen Stimmen und ungeschickt agiert. Im Gegenzug haben auch Bezirksamt und Bezirksverordnetenversammlung keine klare Haltung entwickelt. Der SPD-Antrag „Passender Brunnen für den Breslauer Platz“, der am 26. März im Verkehrs- und Umweltausschuss behandelt werden soll, hat nach dem Verlauf der Debatte wohl keine Chance auf Umsetzung.

 

 

 

 

 

Seit 2012 wird über den Brunnen gestritten. Das waren Jahre der Missverständnisse und gegenseitigen Beschuldigungen. „Wir wollten einen richtigen Brunnen auf dem Platz“, sagte BI-Sprecher Joachim Glässel in Richtung der Bezirksstadträtin Heiß – und meinte damit wohl jenen mittelalterlich angehauchten „Schmuckbrunnen“, mit dem die BI seit 2012 hausieren ging – und der nun sang- und klanglos auf der BI-Website gelöscht wurde. Alles sei bereits besprochen worden und dann habe die BI „so nebenher“ erfahren, dass das Bezirksamt bereits einen kleinen „Trinkbrunnen“ bestellt und auch noch den Standort anders gewählt hätte, „als wir das vorschlagen“.

 

Glässel kritisierte, dass er und die BI auch zur Veranstaltung am 24. März nicht ordentlich eingeladen worden wären. „Ich bin irritiert“, so der BI-Vertreter. Doch auch Bezirksstadträtin Heiß zeigte sich irritiert. „Ich rede ständig mit Mitgliedern der Bürgerinitiative und bekomme immer unterschiedliche Meinungen zu hören. So geht das nicht.“ Heiß kündigte an, solche individuellen Gespräche in Zukunft abzulehnen und nur noch auf öffentliche und transparente Diskussionsveranstaltungen zu setzen.

 

Unklar blieb, wer überhaupt einen Brunnen auf dem Breslauer Platz fordert. Für die Händler des Wochenmarkts machte Marktmeister König klar: „Der Breslauer Platz ist 137 Jahre lang ohne Brunnen ausgekommen. Und er wird auch ohne Brunnen weiter funktionieren.“ König warnte davor, die Händler mit einem solchen Bauwerk zu behindern. „Die Händler beleben diesen Platz. Wenn kein Wochenmarkt stattfindet, dann tut sich dort nämlich nichts. Ich sehe an marktfreien Tagen kaum einen Menschen.“

 

Die Belange der Händler und technische Voraussetzungen sind die Grundlage dafür, dass das Bezirksamt sich allenfalls einen kleinen Trinkbrunnen auf der Westseite des Platzes vorstellen kann. Als Bauherr und Betreiber des Trinkwasserspenders würden die Berliner Wasserbetriebe einspringen. Ein Vertrag ist bereits geschlossen worden. Allerdings wäre dieser Mini-Brunnen nur von April bis Oktober in Betrieb – BI und SPD fordern eine ganzjährige Nutzung.

 

Breit diskutiert wurde auch über das zu favorisierende Trinkwasserbrunnen-Modell. Doch ob es nun das vom Bezirksamt bevorzugte „Berliner Modell“, oder das von der BI heiß ersehnte „Wiener Modell“ sein könnte - es bleibt dabei: Der große Schmuckbrunnen, den es übrigens auf dem Breslauer Platz nie gab, ist vom Tisch. Und selbst die Lilliput-Lösung wird wohl in der Schublade verschwinden.

 

Was bleibt stattdessen? Es bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass sich eine Bürgerinitiative mit unklarer Struktur und mannigfacher Stimmenvielfalt in eine Sackgasse manövrierte. Es bleibt die Beobachtung, dass ein Bezirksamt den Dialog mit den Bürgern nicht einmal im Ansatz beherrscht. Und es bleibt die Freude darüber, dass den Friedenauern Unsinniges erspart bleibt.

 

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