Ein Güterzug 05.07.2017 um 17.23 Uhr. Foto H&S

 

Kein Lärmschutz am Innenring

 

Bekannt wurde Anfang April 2018, dass die Deutschen Bahn AG den Antrag auf Planfeststellung für die Elektrifizierung des westlichen Güter-Innenrings zurückgezogen. Das ist bedauerlich für die gesamte Bahntrasse zwischen Westend und Tempelhof, das ist letztendlich auch eine schlechte Nachricht für die Wohnbebauung auf dem ehemaligen Güterbahnhof Wilmersdorf. Es wird also keine Verbesserungen beim Lärmschutz an der von S-Bahn, Bahn und Stadtautobahn stark belasteten Strecke geben. Auch Friedenau wird weiterhin mit den von Dieselloks gezogenen Güterzügen leben müssen.

 

Mit der Elektrifizierung des Innenrings hätten die bisherigen Anlagen ihren „Bestandsschutz“ verloren. Damit wäre die gesamte Trasse als „Neubau“ eingestuft worden, für die Lärmschutz nach aktuellen Maßstäben verpflichtend ist. Mit der Befürwortung des DB-Antrags wollten auch SPD und GRÜNE von Tempelhof-Schöneberg zwei Fliegen mit einer Klappe wollten schlagen, weil die DB damit für einen umfassenden Lärmschutz mit bis zu 6 Meter hohen Lärmschutzwänden hätte sorgen müssen.

 

Fakt wäre allerdings gewesen, dass die Deutsche Bahn AG nach der Elektrifizierung in der Lage gewesen wäre, ICE- und Güterzüge aus allen Himmelsrichtungen mitten durch die Stadt fahren zu lassen. Das hätte zweifellos zu einer Zunahme des Zugverkehrs geführt. Nach dieser „Pleite“ orientiert Tempelhof-Schöneberg „auf das kleinere Übel“: Mit dem Diesellokbetrieb „werden die Belastungen wohl auch in Zukunft überschaubar bleiben“.

 

Von einer Journalistin aus dem Haus Springer mit Wohnung Handjerystraße erhielten wir am 5. Mai 2018 folgende Nachricht: Ich vermute, dass www.friedenau-aktuell.de demnächst auch über den Bau-Stillstand auf der Friedenauer Höhe berichtet und die Gründe dafür nennt.

 

In der Tat fanden in den bisherigen Mai-Tagen keinerlei Bauarbeiten statt. Die Gründe dafür konnten wir bisher nicht herausfinden.

 

 

Was das Bezirksamt verschwiegen hat

 

Im BÖAG-Gutachten zum Bauprojekt „Güterbahnhof Wilmersdorf“ vom 7.12.2015 heißt es, dass „sich zwischen den S-Bahngleisen und der geplanten Bebauung noch zwei weitere Gleise befinden. Auf diesen ist zukünftig mit Güterzugverkehr zu rechnen. Gegenwärtig finden keine Vorbeifahrten statt, so dass keine Messdaten von Zugvorbeifahrten auf diesen Gleisen vorliegen“.

 

Und heute?

 

Die Isoldestraße ist 150 Meter lang und verläuft von der Handjerystraße am Perelsplatz zum Varziner Platz. Das Wohnhaus Nr. 9 liegt etwa in der Mitte und von der Bahntrasse rund 90 Meter entfernt – das Haus der „Friedenauer Kammerkonzerte“. Am 18. April 2017 schrieb der Bewohner Joachim Perle an die Deutsche Bahn: „Schon mehrmals fiel uns in der vergangenen Zeit eine kurzzeitige starke Erschütterung des Hauses auf. Endlich konnte ich einen Grund entdecken: Am Montag, 10. April um 19.04 Uhr war die mehrere sekundenlange Erschütterung wieder zu bemerken. Ich sah einen langen Güterzug in Richtung Schöneberg fahren. Die Erschütterungen waren so stark, daß die Kronleuchter schwankten, der Dielenfußboden zitterte und sogar auf dem Sofa sitzend war das Zittern zu bemerken. Ist der Bahn das Problem bekannt? Ich halte es nicht für normal, daß in einem so großen Abstand vom Bahnkörper so starke Erschütterungen zu spüren sind.“

 

Am 5. Mai 2017 antwortete die DB Netz AG: „Wir konnten keine ungewöhnlich lauten Emissionen oder Erschütterungen im betroffenen Bereich feststellen, die durch den Zugbetrieb verursacht werden könnten ... Ihr Gebäude kann durch vorbeifahrende Züge zur Anregung gebracht werden. Dies kann sich u.U. in verschiedener Art und Weise bemerkbar machen (z.B. Vibrationen etc.). In Ihrem beschriebenen Fall vom 10.04.2017 fuhr zur genannten Zeit ein Güterzug mit einer Maximalgeschwindigkeit von 90km/h auf der Strecke 6170. Diese genannte Strecke ist sowohl für Schienenpersonen- als auch für den Güterverkehr gewidmet. Wir weisen darauf hin, dass es sich hier um eine Bestandsstrecke handelt. Dadurch kann es beispielsweise durch Baumaßnahmen in umliegenden Bereichen (z.B. Ausbauknoten Berlin Nordkreuz-Karow) immer wieder zu temporären Schwankungen im Zugaufkommen durch Umleiterverkehre kommen. Uns ist bewusst, dass die Emissionen aus dem laufenden Eisenbahnbetrieb als störend empfunden werden und bitten Sie daher die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.“

 

Auf eine Nachfrage erhielt der Anwohner Joachim Perle am 22. Mai 2017 folgende Antwort: „Der Zug, der zur genannten Zeit die Strecke 6170 (südlicher Berliner Innenring) befuhr, war ein Güterzug, der mit Schotter/Steinen und mit einer Lok der Baureihe 250 (ADtranz DE-AC33C) bespannt war. Genauere Informationen liegen uns leider nicht vor.“

 

Vor einem Jahr haben SPD, CDU und GRÜNE von Tempelhof-Schöneberg dem Bebauungsplan „Güterbahnhof Wilmersdorf“ mit 940 Wohnungen zugestimmt. Jetzt fordert der Bezirksverordnete Christoph Götz (SPD) für die extrem belastete Stadtschneise entlang von A100, S-Bahn-Ring und Güter-Innenring umfassende Lärmschutzmaßnahmen, weil ihm klargeworden ist, dass die Deutsche Bahn mit der „Neubaumaßnahme Elektrifizierung Güter-Innenring samt Oberleitungsmasten“ nur dazu verpflichtet werden könnte, Schallschutz hinter den Güter-Innenring-Gleisen zu gewährleisten. Damit blieben S-Bahn-Trasse und A100 außen vor, so dass die Anwohner der dicht bebauten Wohngebiete zwischen Tempelhof und Westend dem Lärm völlig ungeschützt ausgesetzt sind.

 

Für Christoph Götz ist die Antwort der zuständigen Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz „unbefriedigend“, da diese „zunächst eine Prüfung der Lärmsituation durch die Deutsche Bahn (DB) als Bauherr der Elektrifizierung des Innenrings erwartet“. Ja mei! Haben denn zwischen 2015 und der Wiederaufnahme des Zugbetriebs auf dem Bahninnenring keine Lärmmessungen stattgefunden?

 

Es ist nicht richtig, vom „Güter-Innenring“ zu sprechen, da die DB inzwischen verkündet hat, dass die Strecke nicht nur für den Güterverkehr, sondern auch für den Schienenpersonenverkehr gewidmet ist. Prognostiziert wurden für das Jahr 2025: „Güterzug tagsüber 13 Fahrten (6-22 Uhr), Güterzug nachts 10 Fahrten (22-6 Uhr). Weiterhin kommt es auf den Gleisen zu Fahrten von Leerzügen oder Rangierfahrten von Personenzügen: 3 tagsüber und 3 nachts.“

 

„Zur genauen Beurteilung“ waren für die Gutachter schon damals „weitere Messungen empfehlenswert“. Nun kommt mit Joachim Perle aus der Isoldestraße zusätzlich das Thema „Erschütterungen“ in die Diskussion. Die Politiker im Rathaus Schöneberg haben die Anwohner ganz schön verschaukelt.

 

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