Margo Lion, Oskar Karlweis und Marlene Dietrich in Es liegt in der Luft, 1928. Archiv Margo Lion

 

Zum 25. Todestag von Marlene Dietrich

 

Bei dem traditionell geringen Marktanteil des RBB kann kaum davon ausgegangen werden, dass viele Berliner die „Abendschau“ am 11. November 2016 gesehen haben. Vor Volkstrauertag und Totensonntag hat sich der Sender wieder mal eine neue Serie ausgedacht. Es gab einen Drei-Minuten-Bericht von Christian Walther über den Friedhof an der Stubenrauchstraße. Résumé: Kurz, schnell und oberflächlich gemacht. Von dem promovierten Politologen hätte man zumindest das Wort Quartiersfriedhof erwarten können. Stattdessen wiederum die Schublade „Künstlerfriedhof“ und quasi als Beleg dafür die Hinweise auf Marlene Dietrich, Helmut Newton und Ferruccio Busoni.

Immerhin sind dem Reporter die Schilder „Nutzungsrecht abgelaufen. Bitte in der Friedhofsverwaltung vorsprechen“ auf - und die Anmerkung eingefallen, „wenn nicht bald jemand die Kosten übernimmt, wird das Grab eingeebnet“. Konkret bezog er sich auf die Ruhestätte von Josefine von Losch (Grabstelle 13-89): „Hier ruht in Gott unsere geliebte treusorgende Mutter und Großmutter Josefine von Losch geb. Felsing. * 27. Nov. 1875; † 3. Nov. 1845.“ Bemerkt hat er nicht die auffällige Schieflage des Grabsteins.

Josefine von Losch ist die Mutter von Marlene Dietrich. Sie war mit dem Polizeileutnant Louis Erich Otto Dietrich verheiratet und lebte mit den Töchtern Elisabeth (1900–1973) und Marlene (1901-1992) in der Sedanstraße 65 (heute Leberstraße) in Schöneberg. Nach dem Tod ihres Mannes heiratete Josefine Dietrich geborene Felsing den Leutnant Eduard von Losch (1875-1916).

Das Kriegsende erlebte Marlene Dietrich mit den amerikanischen Truppen in Pilsen. Kurze Zeit später hatte die Rote Armee im besetzten Berlin ihre Mutter Josefine von Losch ausfindig gemacht. Als die Amerikaner im Juli 1945 in Berlin eingerückt waren, konnte die Dietrich per US-Militärfunk mit ihrer Mutter sprechen. Ende September sahen sie sich zum ersten Mal seit 1931 in Berlin wieder. Vier Wochen später starb Josefine von Losch am 3. November 1945. Zur Beisetzung auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße flog Marlene Dietrich aus New York ein.

Marlene Dietrich starb am 6. Mai 1992 in Paris und es war ihr Wunsch, in Berlin begraben zu werden. Das geschah am 16. Mai 1992 in unmittelbarer Nähe zum Grab ihrer Mutter Josefine von Losch. Berlin hat sich in der Sache „Marlene“ nicht gerade mit Ruhm bekleckert.  Erst am 1. Dezember 1992 konnte sich der Senat von Berlin zu einer Ehrengrabstätte entschließen, erst zum 100. Geburtstag am 27. Dezember 2001 entschuldigte sich die Stadt (über den Chef der Senatskanzlei André Schmitz) für die Anfeindungen, die ihr nach dem Krieg in Deutschland entgegen geschlagen seien. Nichts von den Kontroversen über eine Straßenbenennung, nichts über die Absage der offiziellen Gedenkveranstaltung. Am 16. Mai 2002 wurde Marlene Dietrich postum zur Ehrenbürgerin von Berlin ernannt. An ihrem 20. Todestag im Jahr 2012 waren die Berliner über die nachlässige Grabpflege enttäuscht und empört - verantwortlich das Friedhofsamt von Tempelhof-Schöneberg.

Die Beispiele von Gräbern bedeutender Persönlichkeiten Berlins, die im Bestand gefährdet sind, ließe sich beliebig fortsetzen. Mit den Ruhestätten dieser Menschen verschwindet jeweils ein Teil des Stadt-Gedächtnisses. Erinnerung wird erschwert, wenn nicht ganz unmöglich gemacht. Die Pflege und Sicherung von Grabstellen bedeutender Persönlichkeiten darf nicht dem Zufall überlassen werden.

 

Vor 89 Jahren feierte eine damals noch unbekannte Marlene Dietrich an der Seite von Oskar Karlweis und Margo Lion ihren ersten großen Erfolg. Die Uraufführung der Revue "Es liegt in der Luft" mit dem Text von Marcellus Schiffer und der Musik von Mischa Spoliansky fand am 15. Mai 1928 in der Komödie am Kurfürstendamm statt. Das Terzett "Wenn die beste Freundin" gehört seither zu den unvergesslichen Songs dieser Revue.

 

 

Die Berliner Festwochen 1977 standen unter dem Thema "Die Zwanziger Jahre". Eingeladen hatten wir Marlene Dietrich, Margo Lion und Mischa Spoliansky. Trotz intensiver Bemühungen ist es uns nicht gelungen, Marlene Dietrich zu einer Reise von Paris nach Berlin zu bewegen. Margo Lion und Mischa Spoliansky gaben ein umjubeltes Konzert im Renaissancetheater. Das Lied von der besten Freundin gab es nicht. "Brova Mischa! Bravo Margo!", schrie Friedrich Luft aus dem Saal. Es lag alles plötzlich wieder in der Luft. Mischa Spoliansky starb 1985 in London, Margo Lion 1989 in Paris.

 

Der Grabstein von Josefine von Losch am 28. Juli 2016. Foto Peter Hahn

Das Grab von Marlene Dietrichs Mutter ist gerettet

 

Der Friedhofsverwaltung von Tempelhof-Schöneberg war seit langem bekannt, dass die Nutzungsrechte an dem Grab von Josefine von Losch abgelaufen waren, das Grab daher über kurz oder lang vor seiner Einebnung stand und der in Schieflage geratene Grabstein obendrein auch noch für die Verwaltung "eine Gefährdung für die Öffentlichkeit" darstellte.

Für die Rettung musste erst der 25. Todestag von Marlene Dietrich und eine Spende des "Förderkreises des Museums für Film und Fernsehen" kommen. Nun ist die Grabstelle wieder hergerichtet. Peinlich für das rot-grüne Bezirksamt, peinlich auch für die in der BVV vertretenen Volksvertreter, die erst im Nachhinein den Verzicht auf die Grabnutzungsgebühr für weitere 20 Jahre "großzügig gewährten". Geld kostet es dem Bezirksamt nicht. Es kommt nur nichts rein. Die Arbeit vor Ort wird den Friedhofsgärtnern überlassen. So werden heute Taten verkauft!

 

Hier stehe ich an den Marken meiner Tage

Schöner ruhen mit Marlene Dietrich und Helmut Newton

Der Friedhof Friedenau im Südwesten Berlins

Frankfurter Allgemeine, 12. Oktober 2006

 

Friedenau sollte ein Geschäft werden. Für Künstler und Tod war da kein Raum. Zur rechten Zeit kaufte der Unternehmer Johann Anton Wilhelm Carstenn dem Rittergut Deutsch-Wilmersdorf einige hundert Morgen ab. Ein "Landerwerb- und Bauverein auf Actien" nahm die Parzellierung vor, der Architekt Johannes Otzen erstellte den Bebauungsplan, und 1871 stand die erste Villa. Am 9. November 1874 wurde Friedenau selbständige Gemeinde des Kreises Teltow. Der Vorort erlebte den Aufschwung und Carstenn den Konkurs. Da er Preußen aber einst das Land zum Bau der Preußischen Haupt-Kadettenanstalt geschenkt hatte, erhielt er von Kaiser Wilhelm I. den Adelstitel "von Carstenn-Lichterfelde" und einen Ehrensold bis zu seinem Tode 1896 in der Schöneberger Nervenheilanstalt.Anders als Mariendorf, Rixdorf, Wilmersdorf oder Zehlendorf geht Friedenau nicht auf einen historisch gewachsenen Kern mit Kirche und Kirchhof zurück. Der Ort entstand auf dem Reißbrett, konzipiert als Villensiedlung, später freigegeben zur Mietshausbebauung mit vier Geschossen. Doch die Hauptstadt des Deutschen Reiches breitete sich weiter aus, die Vororte wuchsen mit. Friedenau hatte noch immer keinen Friedhof, da die Bauherren darauf setzten, die Toten weiterhin in Wilmersdorf bestatten zu können.

Da aber auch dort der Begräbnisplatz knapp wurde, mußte der Friedenauer Gemeinderat 1881 im Karree Südwestkorso, Fehler-, Laubacher- und Stubenrauchstraße eine freigehaltene Fläche für einen gemeindeeigenen Friedhof opfern. Vorübergehend und provisorisch, wie festgeschrieben wurde, da für das Gelände als Pendant zum östlich gelegenen Perelsplatz eine wohlgestaltete Anlage vorgesehen war. Es blieb beim Plan. Mit der Beisetzung des Königlich Preußischen Stadtbauschreibers Eduard Roenneberg ging es im Januar 1888 los. Später fanden in diesem Grab auch Georg und Albert Roenneberg, der erste und zweite Gemeindevorsteher, ihre letzte Ruhe. Das Gittergrab der Familie markiert den Auftakt für den bürgerlichen Quartiersfriedhof. Danach folgten - mitunter in Ehrengräbern oder sogar als Ehrenbürger der Gemeinde Friedenau - Gemeindeältester, Baumeister, Apotheker, Kommerzienrat, Pfarrer, Rittergutsbesitzer, Schöffe, Ziegeleibesitzer, Studienrat, Polizeisekretär, Holzgroßkaufmann. Zwei Persönlichkeiten sind weit über diese Grenzen hinaus bekannt geworden: Carl Bamberg, der in seinen Askania-Werken Präzisionsinstrumente für Navigation, Zeitmessung, Geodäsie und Astronomie fertigte, und Ottmar Anschütz, der 1884 mit den Reihenfotografien von Störchen den Bildern "das Laufen beibrachte".

Wie sehr der Tod auch zum Leben gehört, kann die Gegend nicht deutlicher ausdrücken. Die Straßen ringsherum tragen die Namen jener Toten, Fehler, Hertel, Homuth, Roenneberg, auch Bache, Büsing, Frege, Hähnel, Handjery, Stier, Stubenrauch, die sich um die Siedlung verdient gemacht hatten. Im Süden lehnen sich die monumentalen Wandgräber an die Mietshäuser, im Westen stehen die rotglasierten Klinkerbauten von Urnenhalle und Gemeindeschulen Wand an Wand, über die Mauer schallen die anfeuernden Rufe für die Mannschaften des "Friedenauer TSC 1886 e.V.". Nördlich und östlich, wo sich einst die Comedian Harmonists fanden, schwappt das Balkonleben fast über die Friedhofsmauer. Ein anheimelnder Friedhof, ein Garten, beinahe wie bei Laubenpiepers ...

 

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