Rathaus Friedenau, 12.06.2017. Foto H&S

Rathaus Friedenau

 

1902 wird in der Gemeindevertretung über den Neubau eines Rathauses diskutiert. Gedacht wird an das 3.000 m² große Grundstück am Wilmersdorfer Platz (Renée-Sintenis-Platz), dass der Geh. Rechnungsrat und Gemeindevertreter Robert Hertel (1824-1886) der Gemeinde „überlassen“ hat.

 

1906 wird Regierungsbaumeister Hans Altmann (1871-1965) am 1. April Gemeindebaurat von Friedenau. Ein zuvor gestartetes „Preisausschreiben an die Architekten Deutschlands zur Erlangung eines Entwurfes für den Rathausbau am Wilmersdorfer Platz“ bringt nach Ansicht von Altmann „kein befriedigendes Ergebnis". Nur Altmanns Entwurf findet „die einstimmige Zustimmung“ der Gemeindevertreter. Beschlossen wird, „diesen Bauentwurf schnellstens auszuarbeiten“. Kaum waren die Baupläne so weit, dass „mit dem Bau hätte begonnen werden können, stellten „sich dringendere Bauaufgaben“, so dass vom Rathausbau einstweilen abgesehen wurde, und „die Mittel für den jetzt drängenden Schulbau Verwendung finden konnten“.

 

1911 hat Friedenau rund 40.000 Einwohner, was ein mehr an Verwaltung bedeutete. Der Rathausbau wird wieder aktuell. Vorgesehen wird nun der Standort Marktplatz, an dem die Gemeinde das Grundstück Niedstraße Nr. 2 besaß. Da sie das Anwesen Niedstraße Nr. 1 vom Geh. Sanitätsrat und Gemeindeverordneten Heinrich Sachs (1858-1922) hinzukaufen konnte, stand eine Fläche von 3.066 m² zur Verfügung – vorausgesetzt allerdings der Abbruch von zwei älteren Landhäuser. Die Gemeindevertretung plädierte am 16. November 1911 für den Bau am Marktplatz.

 

 

1913 war der Raumbedarf größer. Neben den Büros sollten Bürgermeisterwohnung, Feuerwache, Sparkasse, Ratskeller und Bürgerfestsaal entstehen, mit separaten Eingang, damit eine „Störung des Geschäftsbetriebes“ im Rathaus vermieden wird. Altmanns Pläne standen im Widerspruch zur Bauordnung: Die Höhe sollte um ein Geschoss überschritten und ein Straßenstück dem Baugrundstück hinzugeschlagen werden. Obwohl das eine Änderung der Baufluchtlinie um 12 Meter Tiefe zur Folge hatte, erteilte die Königlich-Preußischen Regierung zu Potsdam am 25. Juni 1913 die Genehmigung.

 

Marktplatz, 1906

Die Grundsteinlegung erfolgte am 18. Oktober 1913 um 12 Uhr – zum 100. Jahrestag der „Völkerschlacht“. Nach dem Glockengeläut der Kirche „Zum guten Hirten“ sprach Bürgermeister Erich Walger (1867-1945):

 

„Meine Herren! Der Glockenklang, der eben verhallt ist, erinnert daran, dass vor 100 Jahren unser Volk nach langer Leidenszeit sich die Freiheit  vom fremden Joch erkämpft hat, doch es bedurfte noch einer langen Entwicklung bis auf Leipzig Sedan folgen konnte, bis der jahrhundertelange Traum der Deutschen Erfüllung fand und der alte, im Kyffhäuser verzauberte Barbarossa in Gestalt Kaiser Wilhelm I. wiederkehrte. Die außerordentliche wirtschaftliche Entwicklung, die der Gründung des Reiches folgte, führte auch zur Gründung Friedenaus …

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn wir heute, am Tage der Schlacht bei Leipzig, die unserem Volke die Freiheit brachte, den Grundstein zu unserem Rathaus legen, so ist dies umsomehr ein Tag hoher Freude, als die Vorgeschichte dieses Baues eine Leidensgeschichte ist, wie sie in der Historie der Rathäuser wohl selten zu finden sein dürfte. Schon vor vielen Jahren war der Bau eines Rathauses geplant, aber wegen dringenderer Aufgaben immer wieder verschoben worden. Als aber dann wirklich ans Werk gegangen werden sollte, und statt des bis dahin in Aussicht genommenen Bauplatzes ein neuer vorgeschlagen wurde, entbrannte ein Kampf, der teils von Interessenten, teils von Uneigennützigen mit allen Mitteln geführt wurde … Wir wollen dem Wunsch und der Hoffnung Ausdruck geben, dass dieser Bau glücklich und ohne Unfall vollendet werden möge, dass er ein Wahrzeichen für den einigen, aufopfernden Bürgersinn der Gemeinde werde, und daß in ihm die Selbständigkeit, die Wohlfahrt und das Glück der Bürgerschaft allzeit ernste Förderung und unerschrockene Verteidiger finden möge.“

 

Die Urkunde zur Grundsteinlegung lautet: „Heute, am 18. Oktober 1913, am Tage der 100jährigen Wiederkehr der Völkerschlacht bei Leipzig, im Jubiläumsjahr der 25jährigen Regierung des Kaisers und Königs Wilhelm II. und im 39. Jahre des Bestehens der Gemeinde Friedenau legen wir den Grundstein zu einem Rathause, das ein dauernder Merkstein in der Geschichte des Ortes bleiben soll.“

 

1914 – neun Monate später – begann am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg. Trotz schwieriger Bedingungen wurde der Bau vorangetrieben. Im Juli 1915 zog die Feuerwache mit den Löschfahrzeugen in die Garagen Lauterstraße. Am 1. Oktober konnten einige Büros bezogen werden. Am 16. Dezember fand die erste Gemeindevertretersitzung im Sitzungssaal statt. Am 23. Dezember wurde der Ratskeller eröffnet.

 

Für Bürgermeister Walger ist das Rathaus „Wahrzeichen eines Gemeindewesens, das sich seiner Kraft und seiner Bedeutung bewusst ist“ und „ein Ort ernster Arbeit für die Beamten und die Gemeindevertreter, sowie eine Stätte der Erholung und froher Feste für die Bürgerschaft“.

 

1916 wurden im Seitenflügel an der Hauptstraße Festsaal und Sparkasse, der 71 Meter hohe Rathausturm und – da der Raumbedarf noch einmal gestiegen war – auch noch der Ausbau des Dachgeschosses zur Lauterstraße fertiggestellt.

 

Rathaus Front zur Niedstraße. Entwurf Hans Altmann, 1914. BA-TS

Die viergeschossige Vierflügelanlage umschließt einen quadratischen Innenhof. Zur Hauptstraße hin schließt sich der Seitenflügel mit der ehemaligen Sparkasse und darüber dem Festsaal an. An der Haupt- und Lauterstraße wird mit vielfältigen Bauformen und unterschiedlichstem Bauschmuck noch heute eine beeindruckende plastische Architekturgestaltung sichtbar, die vom Bildhauer Bernhard Butzke (1876-1952) geschaffen wurde.

                 

„Opulent“ soll auch das Gebäudeinnere gestaltet gewesen sein: Holz, Täfeleien, Keramik, Stuck, Werkstein, Schnitzereien, Bleiverglasung, Treppengeländer. Berichtet wurde über die Ausstattung des Sitzungssaals: „Die Wände sind in halber Höhe mit heller Holzvertäfelung versehen, die obere Wandhälfte mit grüner Stoffbespannung. Der Boden ist mit einem Teppich in schwarz-weißem Rosettenmuster bedeckt. Die Stühle sind grün gepolstert.“ Erwähnt wurde die Gestaltung des Festsaals mit Wappenschmuck und der „prächtige, säulenreiche Ratskellers, der zusammen mit diversen Trink- und Weinstuben das gesamte Kellergeschoss des Südriegels einnahm“.

 

 

1920 – drei Jahre nach der Vollendung – verlor das Rathaus seine Bestimmung. Mit der Bildung von Groß-Berlin am 1. Oktober 1920 war die selbstständige Gemeinde Friedenau nur noch Ortsteil von Schöneberg. Hans Altmann hatte sich bereits 1918 als Gemeindebaurat verabschiedet – nicht ohne sich am Seitenflügel in der Hauptstraße mit einer Porträtbüste zu verewigen. Sein Artikel im „Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger“ vom 9. November 1924 stimmt nachdenklich: „Seitdem Friedenau mit Erschaffung Groß-Berlins seine Selbständigkeit verloren hat, ist leider auch ein Teil des Geistes gestorben, der Friedenau so schnell und mit so gutem Erfolge hat vorwärts schreiten lassen.“

 

1920-1933: Während der Weimarer Republik und in der NS-Zeit wurde das Rathaus von der Schöneberger Verwaltung genutzt. Emil Berndt (1874-1954), Reichstagsabgeordneter der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und seit Frühjahr 1921 Bürgermeister von Schöneberg, bevorzugte für seinen Amtssitz das Rathaus Friedenau – bis 1933.

 

Rathaus Friedenau, 1945. Quelle PRS

1945: In den letzten Kriegstagen wurde das Rathaus teilweise zerstört. Unversehrt blieben der Seitenflügel zur Hauptstraße mit Festsaal und Sparkasse und Gebäudeteile entlang der Lauterstraße. Wenige Tage später unterstand Friedenau vom 29. April bis zum 30. Juni 1945 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Danach wurde der parteilose Rechtsanwalt Georg von Broich-Oppert (1897-1979) Bürgermeister von Schöneberg.

 

1949 bilanziert das Schöneberger Hochbauamt die Halbruine: „Der gesamte Gebäudeteil am Lauterplatz ist ausgebrannt. Das Eisenbinderdach ist eingestürzt, die Decken sind zerstört oder stark beschädigt. Stehen geblieben sind die Außenwände, ein Teil der inneren Eisenfachwerkkonstruktionen und die Treppenanlage am Hofvorbau.“

 

Hans Altmann sollte den Wiederaufbau begleiten. Er war mit der beabsichtigten „Vereinfachung“ und der Verfälschung seines Werkes nicht einverstanden. Es fehlte das Verständnis für diese Architektur: „Eine weitere Beauftragung an Altmann kommt nicht in Frage. Infolgedessen ist Herr Altmann auch nicht berechtigt, diesbezügliche Verhandlungen mit der Baupolizei zu pflegen. Für alle Angelegenheiten betr. Wiederaufbau ist nur das Hochbauamt Schöneberg zuständig. Etwaige Versuche des Herrn Altmann bzgl. Auskünften sind zurückzuweisen und ihn an das Hochbauamt zu verweisen“.

 

Die Fotografien von 1947 machen deutlich, dass die noch vorhandene Bausubstanz eine teilweise Wiederherstellung des alten Zustandes gerechtfertigt hätte. Nachdem bereits der Giebel und „überflüssige Details" abgetragen worden waren, begannen 1952 die Bauarbeiten. Herausragende architektur- und ortsgeschichtliche Details wurden ohne Not eliminiert, darunter Erker, Säulenportal und Quergiebel. Im Innern wurden Bürgermeisterwohnung und Sitzungssaal im ersten Obergeschoss zu Büroräumen umgewandelt. Am 7. Mai 1953 fand das Richtfest statt. Anstelle der lebendigen plastischen Außenfront entstand zum Lauterplatz hin eine gleichförmige Fassade.

 

 

 

 

 

 

 

2001: Nach der zwangsweisen Vereinigung von Tempelhof und Schöneberg mit den seit dem Berlin-Gesetz von 1920 bestehenden Ortsteilen Schöneberg, Tempelhof, Friedenau, Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade wurden Teile der Verwaltung im Rathaus Friedenau untergebracht. Nach dem Auszug der Feuerwehr wurden die Toreinfahrten zugemauert. Jugendfreizeitheim und Kantine kamen in den Ratskeller, dessen Haupteingang an der Ecke zur Hauptstraße zugemauert wurde.

 

2008: In diesen Jahren wurde über eine Sanierung des Rathauses nachgedacht. Es gab „umfangreiche bauhistorische Untersuchungen. Im Rahmen eines Denkmalpflegewerkes sollen Leitlinien zum Umgang mit der historischen Substanz und ihren Veränderungen erarbeitet werden. In einem ersten Bauabschnitt ist die Sanierung der Außenhülle vorgesehen“. Das Résumé der Architekturhistorikerin Dr. Susanne Willen von 2008: „Der aktuelle Bauzustand macht Instandsetzungsarbeiten dringend erforderlich.“ Es tat sich nichts.

 

2011: Als Beitrag zur Haushaltskonsolidierung hat das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg 2011 entschieden, das „Objekt Rathaus Friedenau“ aufzugeben, weil der Investitionsbedarf für die Sanierung sehr hoch ist und die laufenden Kosten explodieren. Außerdem ist auf Grund des Personalabbaus der Raumbedarf jetzt insgesamt niedriger. Für den kommunalpolitischen Pressedienst „paperpress“ eine „Fehlentscheidung, weil die Büroräume in absehbarerer Zeit fehlen werden. Und wenn es dann soweit ist, wird man wieder andernorts für teures Geld Büroräume anmieten müssen“.

 

2013 sind die „Berliner Immobilienmanagement GmbH“ (BIM) und das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg übereingekommen, im Rathaus Friedenau das „Finanzamt für Fahndung und Strafsachen“ unterzubringen. Das Grundstück Niedstr. Nr. 1 & 2 wurde zum 01.01.2013 dem „Sondervermögen Immobilien des Landes Berlin“ zugewiesen. Als Mietbeginn ist der 01.01.2017 vorgesehen. Bis zu diesem Zeitpunkt werden die Mietflächen von der BIM GmbH hergerichtet. Die baulichen Maßnahmen umfassen Anpassung des Flächenzuschnitts, Herstellung der erforderlichen Raumqualitäten, Ertüchtigung der Brandschutzmaßnahmen sowie Bauwerksunterhaltung (vorrangig an Außenhülle und Dach). Neben einem zusätzlichen Außenaufzug im Innenhof sind im gesamten Dienstgebäude Treppenlifte vorgesehen. Die geschätzten Baukosten betragen rd. 8,4 Mio. € zzgl. rd. 670.000 € für Umzugs- und umzugsbedingte Folgekosten. Der Mietvertrag wird mit einer Laufzeit von 10 Jahren abgeschlossen werden. Die Mietfläche wird ca. 12.025 m² umfassen – inkl. der bisherigen Gerhart-Hauptmann-Bibliothek. Ausgenommen war der Festsaal, der bei einer Nutzung durch Dritte „baulich und organisatorisch vollständig vom Mietbereich des Finanzamtes abgetrennt werden muss.

 

Das Nutzungskonzept sieht die Einrichtung von 13 Stellplätzen vor. Die Dienstfahrzeuge sollen im Rathaushof untergebracht werden. Für die Anlieferung hat das Bezirksamt angeboten, die „Einrichtung von ca. vier Dauerstellplätzen vor der ehemaligen Sparkasse in der Hauptstraße zu prüfen“ – bei gleichzeitig beabsichtigter Aufgabe der Parkplätze auf dem Breslauer Platz.

 

2015: „Der Umzug des Finanzamtes wurde nicht vollzogen, weil im Dezember 2015 das Bezirksamt das inzwischen „freigezogene Rathaus Friedenau für das LAGeSo zur Flüchtlingsunterbringung sichergestellt hatte.“ Das Finanzamt hat danach die Pläne für das „Projekt Rathaus Friedenau abgebrochen. Da der Mietvertrag für das Finanzamt am bisherigen Standort Ullstein- Colditzstraße am 31.12.2016 endete, war es dringend erforderlich, eine alternative Unterbringung ab 01.01.2017 sicherzustellen. Der Hauptausschuss beschloss daher die Verlängerung dieses Mietvertrages bis zum 01.01.2027. Laut „paperpress“ herrscht nun „bei den Fahndern große Freude“, da der geplante Umzug nach Friedenau „gegen den Willen“ erfolgen sollte. Die „Senatsverwaltung für Finanzen“ hat Hauptausschuss, Abgeordnetenhaus und Senat nahegelegt, die „bisher nicht in Anspruch genommenen Rücklagen in Höhe von 7.844.741 € für die Sanierung des Daches, der Fassade, der Blitzschutzanlage, der geschädigten Hofkellerdecke und der Wassererwärmungsanlage im „Objekt Niedstraße 1/2, ehemaliges Rathaus Friedenau“ einzusetzen. Davon zeugen die gegenwärtigen Baumaßnahmen.

 

Die „eigentlichen“ Führer der SPD-Fraktion von Tempelhof-Schöneberg, Marijke Höppner und Lebensgefährte Jan Rauchfuß, scheinen diese Entwicklung nicht mitbekommen zu haben. Wie sonst ist ihr Antrag an das Bezirksamt vom 19.07.2017 zu verstehen, „sich bei den zuständigen Stellen dafür einzusetzen, dass das Rathaus Friedenau nach der Nutzung als Unterkunft für Menschen mit Fluchterfahrung als ein öffentlich zugängliches Haus weiterhin der Bevölkerung zur sozialen Nutzung zur Verfügung gestellt werden kann“.

 

Wieder einmal ein Schnellschuss? „Öffentlich zugängliches Haus“ und „soziale Nutzung durch die Bevölkerung“ bedeutet nach unserem Verständnis, dass das Bezirksamt handlungsfähig ist. Fakt ist doch aber, dass das Rathaus Friedenau an die „Berliner Immobilienmanagement GmbH“ (BIM) bzw. an das „Sondervermögen Immobilien des Landes Berlin“ abgegeben wurde. Oder lässt sich daraus ableiten, dass die Beschlüsse von 2011 und 2013 in absehbarer Zeit wieder rückgängig gemacht werden sollen? Sinnvoll wäre es ohnehin, die rot-grüne Fehlentscheidung zu korrigieren und aus dem Rathaus Friedenau wieder ein Haus für Bürgerdienste zu machen, bevor auf Grund der nun wieder herrschenden Raumknappheit im Schöneberger Rathaus „andernorts für teures Geld Büroräume“ angemietet werden.

 

Rathaus Friedenau, 1945. Quelle PRS

1945: In den letzten Kriegstagen wurde das Rathaus teilweise zerstört. Unversehrt blieben der Seitenflügel zur Hauptstraße mit Festsaal und Sparkasse und Gebäudeteile entlang der Lauterstraße. Wenige Tage später unterstand Friedenau vom 29. April bis zum 30. Juni 1945 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Danach wurde der parteilose Rechtsanwalt Georg von Broich-Oppert (1897-1979) Bürgermeister von Schöneberg.

 

1949 bilanziert das Schöneberger Hochbauamt die Halbruine: „Der gesamte Gebäudeteil am Lauterplatz ist ausgebrannt. Das Eisenbinderdach ist eingestürzt, die Decken sind zerstört oder stark beschädigt. Stehen geblieben sind die Außenwände, ein Teil der inneren Eisenfachwerkkonstruktionen und die Treppenanlage am Hofvorbau.“

 

Hans Altmann sollte den Wiederaufbau begleiten. Er war mit der beabsichtigten „Vereinfachung“ und der Verfälschung seines Werkes nicht einverstanden. Es fehlte das Verständnis für diese Architektur: „Eine weitere Beauftragung an Altmann kommt nicht in Frage. Infolgedessen ist Herr Altmann auch nicht berechtigt, diesbezügliche Verhandlungen mit der Baupolizei zu pflegen. Für alle Angelegenheiten betr. Wiederaufbau ist nur das Hochbauamt Schöneberg zuständig. Etwaige Versuche des Herrn Altmann bzgl. Auskünften sind zurückzuweisen und ihn an das Hochbauamt zu verweisen“.

 

Die Fotografien von 1947 machen deutlich, dass die noch vorhandene Bausubstanz eine teilweise Wiederherstellung des alten Zustandes gerechtfertigt hätte. Nachdem bereits der Giebel und „überflüssige Details" abgetragen worden waren, begannen 1952 die Bauarbeiten. Herausragende architektur- und ortsgeschichtliche Details wurden ohne Not eliminiert, darunter Erker, Säulenportal und Quergiebel. Im Innern wurden Bürgermeisterwohnung und Sitzungssaal im ersten Obergeschoss zu Büroräumen umgewandelt. Am 7. Mai 1953 fand das Richtfest statt. Anstelle der lebendigen plastischen Außenfront entstand zum Lauterplatz hin eine gleichförmige Fassade.

 

 

 

 

 

 

 

Rathaus Friedenau, Foto H&S 10.09.2017

2001: Nach der zwangsweisen Vereinigung von Tempelhof und Schöneberg mit den seit dem Berlin-Gesetz von 1920 bestehenden Ortsteilen Schöneberg, Tempelhof, Friedenau, Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade wurden Teile der Verwaltung im Rathaus Friedenau untergebracht. Nach dem Auszug der Feuerwehr wurden die Toreinfahrten zugemauert. Jugendfreizeitheim und Kantine kamen in den Ratskeller, dessen Haupteingang an der Ecke zur Hauptstraße zugemauert wurde.

 

2008: In diesen Jahren wurde über eine Sanierung des Rathauses nachgedacht. Es gab „umfangreiche bauhistorische Untersuchungen. Im Rahmen eines Denkmalpflegewerkes sollen Leitlinien zum Umgang mit der historischen Substanz und ihren Veränderungen erarbeitet werden. In einem ersten Bauabschnitt ist die Sanierung der Außenhülle vorgesehen“. Das Résumé der Architekturhistorikerin Dr. Susanne Willen von 2008: „Der aktuelle Bauzustand macht Instandsetzungsarbeiten dringend erforderlich.“ Es tat sich nichts.

 

 

 

 

 

 

 

2011: Als Beitrag zur Haushaltskonsolidierung hat das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg 2011 entschieden, das „Objekt Rathaus Friedenau“ aufzugeben, weil der Investitionsbedarf für die Sanierung sehr hoch ist und die laufenden Kosten explodieren. Außerdem ist auf Grund des Personalabbaus der Raumbedarf jetzt insgesamt niedriger. Für den kommunalpolitischen Pressedienst „paperpress“ eine „Fehlentscheidung, weil die Büroräume in absehbarerer Zeit fehlen werden. Und wenn es dann soweit ist, wird man wieder andernorts für teures Geld Büroräume anmieten müssen“.

 

2013 sind die „Berliner Immobilienmanagement GmbH“ (BIM) und das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg übereingekommen, im Rathaus Friedenau das „Finanzamt für Fahndung und Strafsachen“ unterzubringen. Das Grundstück Niedstr. Nr. 1 & 2 wurde zum 01.01.2013 dem „Sondervermögen Immobilien des Landes Berlin“ zugewiesen. Als Mietbeginn ist der 01.01.2017 vorgesehen. Bis zu diesem Zeitpunkt werden die Mietflächen von der BIM GmbH hergerichtet. Die baulichen Maßnahmen umfassen Anpassung des Flächenzuschnitts, Herstellung der erforderlichen Raumqualitäten, Ertüchtigung der Brandschutzmaßnahmen sowie Bauwerksunterhaltung (vorrangig an Außenhülle und Dach). Neben einem zusätzlichen Außenaufzug im Innenhof sind im gesamten Dienstgebäude Treppenlifte vorgesehen. Die geschätzten Baukosten betragen rd. 8,4 Mio. € zzgl. rd. 670.000 € für Umzugs- und umzugsbedingte Folgekosten. Der Mietvertrag wird mit einer Laufzeit von 10 Jahren abgeschlossen werden. Die Mietfläche wird ca. 12.025 m² umfassen – inkl. der bisherigen Gerhart-Hauptmann-Bibliothek. Ausgenommen war der Festsaal, der bei einer Nutzung durch Dritte „baulich und organisatorisch vollständig vom Mietbereich des Finanzamtes abgetrennt werden muss.

 

Das Nutzungskonzept sieht die Einrichtung von 13 Stellplätzen vor. Die Dienstfahrzeuge sollen im Rathaushof untergebracht werden. Für die Anlieferung hat das Bezirksamt angeboten, die „Einrichtung von ca. vier Dauerstellplätzen vor der ehemaligen Sparkasse in der Hauptstraße zu prüfen“ – bei gleichzeitig beabsichtigter Aufgabe der Parkplätze auf dem Breslauer Platz.

 

2015: „Der Umzug des Finanzamtes wurde nicht vollzogen, weil im Dezember 2015 das Bezirksamt das inzwischen „freigezogene Rathaus Friedenau für das LAGeSo zur Flüchtlingsunterbringung sichergestellt hatte.“ Das Finanzamt hat danach die Pläne für das „Projekt Rathaus Friedenau abgebrochen. Da der Mietvertrag für das Finanzamt am bisherigen Standort Ullstein- Colditzstraße am 31.12.2016 endete, war es dringend erforderlich, eine alternative Unterbringung ab 01.01.2017 sicherzustellen. Der Hauptausschuss beschloss daher die Verlängerung dieses Mietvertrages bis zum 01.01.2027. Laut „paperpress“ herrscht nun „bei den Fahndern große Freude“, da der geplante Umzug nach Friedenau „gegen den Willen“ erfolgen sollte. Die „Senatsverwaltung für Finanzen“ hat Hauptausschuss, Abgeordnetenhaus und Senat nahegelegt, die „bisher nicht in Anspruch genommenen Rücklagen in Höhe von 7.844.741 € für die Sanierung des Daches, der Fassade, der Blitzschutzanlage, der geschädigten Hofkellerdecke und der Wassererwärmungsanlage im „Objekt Niedstraße 1/2, ehemaliges Rathaus Friedenau“ einzusetzen. Davon zeugen die gegenwärtigen Baumaßnahmen.

 

Die „eigentlichen“ Führer der SPD-Fraktion von Tempelhof-Schöneberg, Marijke Höppner und Lebensgefährte Jan Rauchfuß, scheinen diese Entwicklung nicht mitbekommen zu haben. Wie sonst ist ihr Antrag an das Bezirksamt vom 19.07.2017 zu verstehen, „sich bei den zuständigen Stellen dafür einzusetzen, dass das Rathaus Friedenau nach der Nutzung als Unterkunft für Menschen mit Fluchterfahrung als ein öffentlich zugängliches Haus weiterhin der Bevölkerung zur sozialen Nutzung zur Verfügung gestellt werden kann“.

 

Wieder einmal ein Schnellschuss? „Öffentlich zugängliches Haus“ und „soziale Nutzung durch die Bevölkerung“ bedeutet nach unserem Verständnis, dass das Bezirksamt handlungsfähig ist. Fakt ist doch aber, dass das Rathaus Friedenau an die „Berliner Immobilienmanagement GmbH“ (BIM) bzw. an das „Sondervermögen Immobilien des Landes Berlin“ abgegeben wurde. Oder lässt sich daraus ableiten, dass die Beschlüsse von 2011 und 2013 in absehbarer Zeit wieder rückgängig gemacht werden sollen? Sinnvoll wäre es ohnehin, die rot-grüne Fehlentscheidung zu korrigieren und aus dem Rathaus Friedenau wieder ein Haus für Bürgerdienste zu machen, bevor auf Grund der nun wieder herrschenden Raumknappheit im Schöneberger Rathaus „andernorts für teures Geld Büroräume“ angemietet werden.

 

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Letzte Dokumente zum „Fall Rathaus Friedenau“

 

23.01.2015 Umgang mit dem Rathaus Friedenau

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19.07.2017 Antrag der SPD-Fraktion

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28.08.2017 Verwendung restlicher Rücklagen

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