Rathaus Friedenau 1916 bis 2020 und so weiter

 

 

Gemeindeverwaltung Friedenau

 

Mit dem Erlass von Kaiser Wilhelm I. wird am 9. November 1874 die Abtrennung der Kolonie Friedenau vom Kommunalverband des Gutsbezirks Deutsch-Wilmersdorf und ihre Erhebung zu einer Landgemeinde unter dem Namen Friedenau genehmigt. Am 7. Dezember 1874 ernennt der Kreis Teltow den bisherigen Bürgermeister von Zossen Johann Adolph Albert Friedrich Feurig (1830-1890) zum Leiter des Amtsbezirks Schöneberg, Wilmersdorf und Friedenau. Er residiert im ersten Schöneberger Rathaus an der Bahnstraße (ab 1893 Kaiser-Wilhelm-Platz). Unter seinem Vorsitz findet am 11. Januar 1875 die erste Wahl der Gemeindeverordneten von Friedenau statt. Zum ersten ehrenamtlichen Gemeindevorsteher wird der Geheime Rechnungsrat Georg Roenneberg (1834-1895) gewählt. Die Amtsgeschäfte erledigt er in seinem Privathaus Moselstraße Nr. 4-5. Sprechzeiten täglich von 4 ½ bis 5 ½.

 

Die Gemeindevertretung tagte von 1875 bis 1889 in den Restaurants „Kaiser-Wilhelm-Garten" und „Casino“ in der Rheinstraße 10 und von 1889 bis 1892 im „Hohenzollern". So blieb es bis 1892. Da wurde sein Bruder, Major a. D. Albert Roenneberg (1842-1906) zum ersten (hauptamtlichen) Gemeindevorsteher gewählt. Unter seiner Ägide entsteht das Amts-Bureaux in der Feurigstraße Nr. 8 (Schnackenburgstraße) Ecke Handjerystraße Nr. 88. Im 1894 errichteten Mehrfamilienhaus von Eigentümer Maurermeister Binternagel ist in der 1. Etage das Büro der Amts- und Gemeindeverwaltung untergebracht. In den Wohnungen leben zur Miete Gärtner, Schlächtermeister, Rentiere, Kaufmann und Eisenbahnbeamter. Später mietet die Gemeinde das komplette Haus für die Verwaltung – zusätzlich noch Räume im Haus Handjerystraße Nr. 91-92. Von da an nutzte die Gemeindevertretung für ihre Sitzungen immerhin kommunale Einrichtungen, Schulhaus Albestraße 33 (1892-1898), altes kirchliche Gemeindehaus (1898-1902), Gymnasium am Maybachplatz (1902-1912), Aula Reformrealgymnasium (1912-1915). Zwischendurch versammelte sie sich auch mal im Amtsgebäude Feurigstraße.

 

Im Jahre 1904 entscheidet sich die Gemeinde Friedenau für die Berufung des ersten hauptamtlichen Bürgermeisters Bernhard Schnackenburg (1867-1924) sowie die Anstellung des Architekten Hans Altmann (1871-1965) zum Gemeindebaurat. Das Bauamt wird in der Lauterstraße Nr. 10 untergebracht. Seit geraumer Zeit wurde am Wilmersdorfer Platz (Reneé-Sintenis-Platz) das Grundstück Handjerystraße Nr. 33-36 Ecke Schmargendorfer Straße Nr. 27-29 für den Bau eines Rathauses freigehalten. Schnackenburg und Altmann starten einen Wettbewerb. Da es kein befriedigendes Ergebnis gibt, wird von dem Projekt einstweilen abgesehen.

 

1909 wird Bernhard Schnackenburg zum Oberbürgermeister von Altona gewählt. Erich Walger (1867-1945) wird neuer Bürgermeister. Der Rathausbau wird wieder aktuell. Am 16. November 1911 fällt die Entscheidung: Das Rathaus wird am Marktplatz errichtet. Dort besitzt die Gemeinde bereits das Grundstück Niedstraße Nr. 2. Von Kommerzienrat Heinrich Sachs (1858-1922) wird das Haus Nr. 1 hinzugekauft. Nach dem Abbruch von zwei Landhäusern steht für den Rathausbau eine Fläche von 3.066 m² zur Verfügung.

 

Marktplatz, 1906. Archiv Rüdiger Barasch

Das Rathaus wird am Marktplatz errichtet

 

Das war das Ergebnis der gestrigen 3 ½ stündigen lebhaften Aussprache über die abermalige Platzbestimmung für das Rathaus. Damit wurde der Beschluss vom 1. Juni d. Js. umgestoßen. Von den 12 Herren, die damals für die Errichtung des Rathauses auf dem Grundstück am Wilmersdorfer Platz stimmten, blieben 8 Herren diesem Beschlusse treu, 4 sind — um den von den Herren selbst angewendeten Ausdruck zu gebrauchen — „umgefallen“. Die entscheidende Abstimmung erfolgte mit 15 gegen 8 Stimmen.

 

Danach kam ein Antrag des Gemeindevertreters Kunow zur Abstimmung, der dahin ging, die Sache nochmals einem Ausschuss zu überweisen, der prüfen sollte, ob eine bessere Rechnung als die in der Denkschrift aufgemachte, aufzustellen möglich ist, ob das Marktgrundstück ohne Verlust für die Gemeinde weiter verkauft werden, ob das Bauprogramm verringert werden kann, ob eine derart große Reserve, wie geplant, zweckmäßig ist. Mit 9 gegen 14 Stimmen wurde dieser Antrag abgelehnt.

 

Es folgte die Abstimmung von 4 Anträgen des Gemeindevorstandes:

 

1. Das Rathaus der Gemeinde Friedenau wird auf den Grundstücken Niedstraße 1 und Lauterstraße 19/20 am Marktplatze errichtet und zwar unter der Bedingung, dass die Baufluchtlinie etwa 6 Meter über die jetzige Straßenfluchtlinie hinausgeschoben wird. Mithin wurde der Marktplatz mit 15 gegen 8 Stimmen als Bauplatz für das Rathaus gewählt.

2. Das vorgelegte Bauprogramm für das Rathaus wird um entsprechende Räume für eine geräumige Sparkasse vergrößert und unter dem gesetzlichen Vorbehalt späterer Änderung genehmigt. Für diesen Antrag stimmten also 14 gegen 9.

3. Dem vorgelegten Plane zur Änderung der Baufluchtlinie an der Niedstraße wird die Zustimmung erteilt. Dieser Antrag wurde durch Handaufheben angenommen. Friedenauer Lokal-Anzeiger, 17.11.1911

 

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Grundsteinlegung 1 Altmann, 2 Bache, 3 Walger, 4 Haberland, 5 Sachs, 6 Kunow, 7 Sadée

Grundsteinlegung

 

Nach dem Glockengeläut der Kirche Zum Guten Hirten spricht Bürgermeister Erich Walger (1867-1945) am 19. Oktober 1913 zur Grundsteinlegung am Marktplatz:

 

Meine Herren! Der Glockenklang, der eben verhallt ist, erinnert daran, dass vor 100 Jahren unser Volk nach langer Leidenszeit sich die Freiheit  vom fremden Joch erkämpft hat, doch es bedurfte noch einer langen Entwicklung bis auf Leipzig Sedan folgen konnte, bis der jahrhundertelange Traum der Deutschen Erfüllung fand und der alte, im Kyffhäuser verzauberte Barbarossa in Gestalt Kaiser Wilhelm I. wiederkehrte. Die außerordentliche wirtschaftliche Entwicklung, die der Gründung des Reiches folgte, führte auch zur Gründung Friedenaus …

 

 

 

 

Wenn wir heute den Grundstein zu unserem Rathaus legen, so ist dies umsomehr ein Tag hoher Freude, als die Vorgeschichte dieses Baues eine Leidensgeschichte ist, wie sie in der Historie der Rathäuser wohl selten zu finden sein dürfte. Schon vor vielen Jahren war der Bau eines Rathauses geplant, aber wegen dringenderer Aufgaben immer wieder verschoben worden. Als aber dann wirklich ans Werk gegangen werden sollte, und statt des bis dahin in Aussicht genommenen Bauplatzes ein neuer vorgeschlagen wurde, entbrannte ein Kampf, der teils von Interessenten, teils von Uneigennützigen mit allen Mitteln geführt wurde … Wir wollen dem Wunsch und der Hoffnung Ausdruck geben, dass dieser Bau glücklich und ohne Unfall vollendet werden möge, dass er ein Wahrzeichen für den einigen, aufopfernden Bürgersinn der Gemeinde werde, und dass in ihm die Selbständigkeit, die Wohlfahrt und das Glück der Bürgerschaft allzeit ernste Förderung und unerschrockene Verteidiger finden möge ...

 

Neun Monate später beginnt am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg. Trotz schwieriger Bedingungen wird der Bau vorangetrieben. Im Juli 1915 fahren die Löschfahrzeuge in die Einfahrt zur Feuerwache in der Lauterstraße. Am 1. Oktober können einige Büros bezogen werden. Am 16. Dezember gibt es die erste Gemeindevertretersitzung im Sitzungssaal. Am 23. Dezember wird der Ratskeller eröffnet. 1916 werden im Seitenflügel an der Hauptstraße Festsaal und Sparkasse, der 71 Meter hohe Rathausturm und zusätzliche Büroräume im Dachgeschoss fertiggestellt. (Ausführlicher Bericht als PDF)

 

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Das Bauprogramm

 

Bereits 1906 waren für die Gemeindevertreterversammlung beim Bau des neuen Rathauses folgende Räume vorzusehen:

 

A) 1. 1 Sitzungssaal für die Gemeindevertreterversammlung von etwa 160 Quadratmeter Fläche mit Tribüne für Zuhörer und Platz für die Presse. 2. 1 Vorraum, der auch zugleich als Garderoben- und Sitzungszimmer benutzt werden kann, von ca. 40 Quadratmeter. 3. 1 Ausschusszimmer, zugleich Sitzungszimmer für Kaufmanns- und Gewerbegericht, von mindestens 40 Quadratmeter. Die Räume 1—3 sind so zu gestalten, dass dieselben bei Festlichkeiten und Empfängen im Zusammenhang benutzt werden können. 4. 1 Sitzungszimmer für den Gemeindevorstand von ca. 40 Quadratmeter.

 

B) Allgemeine Verwaltung. 5. 1 Zimmer des Bürgermeisters von mindestens 30 Quadratmeter. 6. 1 Vorzimmer dazu von mindestens 20 Quadratmeter. 7. 1 Zimmer eines besoldeten Schöffen von mindestens 25 Quadratmeter. 8. 1 Zimmer für den Bürovorsteher von mindestens 20 Quadratmeter. 9. 2 Zimmer für 5 Beamte von mindestens 45 Quadratmeter. 10. 1 Zimmer für den Vorsteher der Registratur von mindestens 15 Quadratmeter. 11. 1 Zimmer für die Registratur mit 4 Arbeitsplätzen von mindestens 40 Quadratmeter. 12. 1 Zimmer für den Vorsteher der Kanzlei von mindestens 15 Quadratmeter. 13. 2 Zimmer für 5 Kanzlisten von zusammen mindestens 40 Quadratmeter. 14. 1 Zimmer für Schreibmaschinen von mindestens 15 Quadratmeter. 15. 1 Zimmer für den Vorsteher des Rechnungsbüros von mindestens 15 Quadratmeter. 16. 2 Zimmer für Hilfsarbeiter von zusammen mindestens 40 Quadratmeter. 17. 1 Materialienraum von 12 Quadratmeter. 18. 1 Bodenzimmer von mindestens 25 Quadratmeter. Und so weiter und so fort.

 

Es tat sich nichts, obwohl in den folgenden Jahren die Unterbringung der Gemeindeverwaltung immer unzulänglicher geworden war. Nach dem Beschluss, das Rathaus am Marktplatz zu errichten, wurde das Bauprogramm immer umfangreicher. Nun waren nicht nur die Diensträume, sondern auch die Feuerwehr, mehrere Dienstwohnungen, ein Ratskeller und eine Wohnung für den Bürgermeister unterzubringen. Unmittelbar vor dem Baubeginn beschloss die Gemeindevertretung, in das Rathaus einen Bürgersaal mit Nebensälen und den dazu gehörigen anderen Räumen einzubauen. Bei der Größe des Bauprogramms ... ergab sich, dass trotz Inanspruchnahme weitgehender Dispense für die Bauausführung das vorhandene Grundstück bei weitem nicht ausreichte, um den aufgestellten Anforderungen zu entsprechen. Es wurde deshalb zur Vergrößerung des Grundstückes ein Teil des Straßengeländes bis zu 12 Meter Tiefe durch Änderung der Baufluchtlinien zu dem Baugrundstück hinzugeschlagen ... Trotzdem dadurch der bereits aufgestellte Bauentwurf eine ganz wesentliche Änderung erfuhr, musste ohne Zeitverlust mit dem Bau begonnen werden. Als derselbe aus dem Erdreich herauswuchs, brach der Krieg aus. Trotz anfänglicher Bedenken wurde der Bau mit aller Energie fortgeführt und so beschleunigt, dass bereits im Jahre 1915 fast die ganze Verwaltung in das Haus hinein verlegt werden konnte. Auch der Ratskeller konnte gleichzeitig seiner Bestimmung übergeben werden. Im nächsten Jahre folgte dann die Fertigstellung des Festsaales und seiner Nebenräume und im Jahre 1917 die Fertigstellung des Turmes. So kam Friedenau noch im letzten Augenblick zu seinem so langersehnten Rathaus. Hans Altmann, 9. November 1924

 

Hans Altmann, Die bauliche Entwicklung Friedenaus, 09.11.1924

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Eingang Ratskeller Hauptstraße. Skulptur Heinrich Mißfeldt. Foto Emil Leiner, 1917

Der Bildschmuck an unserm neuen Rathaus

Friedenauer Lokal-Anzeiger, 31.01.1916

 

Der Erbauer unseres Rathauses, Herr Gemeindebaurat Altmann, hat auch dem Bildhauer reichlich Gelegenheit gegeben, sich an den Einzelausführungen für das prächtige Gebäude zu beteiligen. Wir berichteten schon, dass die künstlerische Gruppe am Eingang zum Ratskeller — Wein, Weib. Gesang darstellend — vom Bildhauer Herrn Heinrich Mißfeldt (1872-1945), Wilhelmstraße 7, stammt. Herr Baurat Altmann hat aber auch in der übrigen Ausschmückung des Rathauses darauf verzichtet, Schablonenhaftes zu verwenden und übertrug somit die Anfertigung allen Zierates der Hand des Bildhauers, der, aus dem Eigenen schöpfend, sich in vielfacher Art betätigen konnte. So sind einige Ornamente und die beiden Adler an der Hauptseite des Rathauses, aus der Werkstatt des Bildhauers Herrn Richard Emil Kuöhl (1880-1961) hervorgegangen.

 

Aller übriger Bildschmuck aber, in Stein, Holz und Keramik, sowohl an den Außenflächen des Rathauses wie innerhalb des Gebäudes, ist nach Modellen des Bildhauers Herrn Bernhard Butzke (1876-1952), Bornstr. 21, Kunstwerkstatt Fehlerstr. 11. angefertigt worden. Herr Butzke hat es in ausgezeichneter Weise verstanden, die ihm vom Baumeister gegebenen Ideen in künstlerischen Bildern zum Ausdruck zu bringen. Sehen wir uns zunächst die Westseite des Rathauses, an der Lauterstraße, an, so finden wir hier über den hohen Bogentüren des Heims unserer Feuerwehr Putten mit den Feuerwehremblemen ...

 

Die Eckbilder unterhalb des ersten Stockwerks an den Erkern, Lauter- und Niedstraße und Nied- und Rheinstraße, stellen, von der Lauterstraße ausgehend, dar: Krieg, Industrie, Handel und Landwirtschaft. Sehr reichen Bildschmuck trägt dann die Ostseite des Hauses an der Hauptstraße. Außer hübschen Ornamenten finden wir hier in der Höhe des zweiten Stocks die sprechend ähnlichen Köpfe hervorragender Deutscher: Wagner, Beethoven, Bismarck, Hindenburg, Goethe, Luther, Menzel und Schinkel.

 

Gehen wir nun durch den Haupteingang in das Rathaus hinein, so fällt uns gleich oberhalb der Eingangstür das Kopfbildnis unseres jetzigen Amts- und Gemeindevorstehers, des Herrn Bürgermeisters Walger, auf, der hier als Amtsherr mit der Halskrause dargestellt ist. Im Innern des Rathauses sind dann die Türeinfassungen, das Treppengeländer, die Beleuchtungskörper, und im zweiten Stockwerk auch die Säulen in Keramik hergestellt, wozu ebenfalls Herr Butzke die Modelle geliefert hat. Modelliert hat er ferner für den Gemeindevertretersitzungssaal die in Holzbildhauerei ausgeführten Türrahmen, die Uhreinfassung, die Lehne des Bürgermeisterstuhls und den Zierat an den Tischen. Eine der besuchtesten Stätten unseres Rathauses aber ist der Ratskeller, an dessen Ausschmückung Herr Butzke gleichfalls hervorragend Anteil hat. Er modellierte die dort angebrachten Köpfe der Mitglieder des Wirtschaftsausschusses, die Putten über dem Büfett und im großen Vereinszimmer, das Wappen über der Tür zum Ratsstübl, die Keramiken der Beleuchtungskörper, die Verzierungen der Säulenköpfe, die Deckenrosetten, die sich in gleicher Form auch im Gemeindevertretersitzungssaal wiederfinden, kurz die gesamten Bildhauerarbeiten im Ratskeller. Für den noch im Bau befindlichen Bürgerfestsaal wird der Künstler einige Statuen, die die Leuchter halten, liefern. Noch nicht abgeschlossen ist das Hauptportal des Rathauses. Auch hierfür liegt bereits ein sinnreicher Entwurf von ihm vor ...

 

Feuerwache

 

Als begonnen wurde, den kreisrunden Wilmersdorfer Platz (Reneé-Sintenis-Platz) mit Mietshäusern zu bebauen, blieb das Grundstück an der Ecke Handjerystraße Nr. 33-36 und Schmargendorfer Straße Nr. 27-29 frei. Hier hatte die Gemeinde ursprünglich den Bau des Rathauses Friedenau vorgesehen. Da dieses dann am Lauterplatz (Breslauer Platz) entstand, wurde das Gelände 1914 der Reichspost verkauft.

 

Die Zeit drängte. Am 4. Februar 1915 gab es eine „Vorlage betreffend Verlegung der Feuerwache nach dem Rathause. Da das jetzige Grundstück der Gemeinde am Wilmersdorfer Platz, welches zurzeit noch von der Feuerwehr und dem Tiefbauamt benutzt wird, im neuen Rechnungsjahr sobald wie möglich geräumt werden muss, liegt es im Interesse der Gemeinde, zumal, da seitens der Postverwaltung für eine über den 1. April 1915 hinausgehende Benutzung des Grundstückes durch die Gemeinde eine unverhältnismäßig hohe Entschädigung gefordert wird, die Feuerwehr so schnell wie möglich nach dem neuen Rathausbau zu verlegen. Wenn es nun auch nach Lage der gegenwärtig erschwerenden Verhältnisse auf dem Baumarkt unmöglich ist, schon heute einen bestimmten Termin für die Fertigstellung der entsprechenden Räume im Rathaus-Neubau anzugeben, so dürfte es sich doch empfehlen, alle für eine schleunige Einrichtung der Räume erforderlichen Maßnahmen sobald als möglich zu treffen“.

 

Nach einer Bauzeit von 20 Monaten erfolgt bereits am 25. Juli 1915 der Umzug der Feuerwache vom Wilmersdorfer Platz ins neue Rathaus am Marktplatz. Die eigentliche Einweihung der neuen Wache an der Lauterstraße wird erst nach Friedensschluss stattfinden, da zurzeit von 45 Mann der Wehr 28 im Felde stehen. Friedenauer Lokal-Anzeiger, 25.07.2015

 

Gemeindesitzungssaal um 1917, Foto Emil Leitner. Quelle MTS

Im eigenen Heim

 

Die erste Sitzung unserer Gemeindevertretung im neuen Rathause am Donnerstag, dem 16. Dezember 1915. Das Rathaus steht! Es hat gestern durch den Einzug der Gemeindevertretung seine Weihe erhalten. Es ist fertig! Wenn auch der Turm noch nicht zu seiner vollen Höhe emporgestrebt ist, wenn auch der Bürgerfestsaal noch nicht ganz vollendet ist, und wenn auch hier und da noch die Hand des Handwerkers eingreifen muss. Das sind Nebensachen, die. nicht unbedingt zum Bau gehören. In seiner Hauptsache ist das Rathaus fertig …

 

Viele Verhandlungen waren nötig bis der Bau so weit gelang. Unsere Bürgerschaft hat sich lebhaft mit ihm beschäftigt. In Vereins- und öffentlichen Versammlungen, in Berichten in der Zeitung: immer wieder bildete das Rathaus einen beliebten Gesprächsstoff, der zu manchen, teilweise sehr erregten Auseinandersetzungen Anlass gab.

 

 

Noch ist der Bau nicht abgeschlossen, seine Kosten sind wahrlich nicht gering. Doch wir müssen sie tragen und wollen sie tragen! in dem stolzen Bewusstsein, dass auch eine kleine deutsche Gemeinde Großes zu leisten vermag. Unsere Gemeindevertretung hat nun endlich ihr Heim gefunden, das sie so lange vermisst hat. Vielfach ist sie im Laufe der Jahre zu Gast gewesen. Hierüber liegt uns eine Aufstellung vor, die wir unsern Lesern nicht vorenthalten möchten.

 

Die Gemeindevertretung tagte 14 Jahre (1875-1889) im „Kaiser-Wilhelm-Garten" und im „Friedenauer Casino“ Rheinstraße 10, 3 Jahre (1889-1892) im „Hohenzollern", 6 Jahre (1892-1898) im Schulhaus Albestraße 33, 4 Jahre (1898-1902) im alten kirchlichen Gemeindehaus, 10 Jahre (1902-1912) im Gymnasium und 3 Jahre (1912-1915) im Reformrealgymnasium. Zwischendurch hielt sie auch mal Sitzungen im Amtsgebäude Feurigstraße 8 und an anderen Orten ab. Nun haben diese Gastrollen für unsere Gemeindevertretung ihr Ende erreicht; sie ist in ihr eigenes prächtiges Heim eingezogen.

 

Ein großer, schöner, architektonisch wirkungsvoller Raum, der den Mitgliedern gute Bewegungsfreiheit gibt, steht der Gemeindevertretung jetzt für ihre Sitzungen zur Verfügung. Wände und Decke sind vollständig mit einer Hellen Holztäfelung bekleidet. Der Fußboden ist in seiner ganzen Ausdehnung mit einem Teppich in weiß-schwarzem Rosettenmuster belegt. Drei hohe buntverglaste Schiebefenster geben dem Raume am Tage das Licht, während des Abends eine aus matten Glühlampen bestehende Deckenbeleuchtung für ein angenehmes, ruhiges Licht sorgt.

 

Die Gemeindevertretung hat ihren Platz an einem großen kreisförmigen Tisch in etwas dunklerer Farbe als die Täfelung. Die Stühle sind grün gepolstert mit hoher Lehne. Am Kopfe des nach der Fensterseite offenen Kreises, mit dem Blick nach den Fenstern, sitzt der Vorsitzende, Herr Bürgermeister Walger, ihm zur Rechten und Linken folgen zunächst die Plätze der Schöffen, danach diejenigen der Gemeindeverordneten. Im Innern des Kreises hat nächst dem Bürgermeister der Schriftführer an einem besonderen Tische seinen Platz. Ein anderer, größerer Tisch im Innern ist für die Akten, zur Ausstellung von Modellen usw. bestimmt. An der Fensterseite befindet sich zu beiden Seiten der Fenster je eine Nische mit einem Tisch, einem Sofa und einigen Stühlen. Hierhin können sich die „Fraktionen" zu kurzen Besprechungen auch während der Sitzung zurückziehen. Vom Sitzungssaal durch eine Brustwehr getrennt befinden sich auf der rechten Seite des Saales in einer größeren Nische Plätze für die Presse und die Zuhörer. Im Anschluss an den Sitzungssaal finden wir ein kleines Sitzungszimmer (Fraktions- oder Vorstandszimmer), dahinter ein größerer Raum mit langem Tisch, Holztäfelung in halber Höhe der Wände und grüner Stoffbespannung der übrigen Wandhälfte Dieses Zimmer dient zu Ausschußsitzungen, zur Einnahme von Erfrischungen während der Sitzungen oder in den Pausen sowie als Garderobe. Von hier führt die Tür unmittelbar auf den Flur, während auch vom Sitzungssaal aus noch eine besondere Tür auf den Flur hinausführt. Für den Presse- und Zuschauerraum ist ein besonderer Eingang geschaffen. Friedenauer Lokal-Anzeiger, 17.12.1915

 

Rathausturm

 

Das Wahrzeichen Friedenaus, der weit über die Dächer unseres Ortes hinausschauende Rathausturm, ist jetzt vom Gerüst frei und zeigt sich nun dem Beschauer in seiner vollen Schönheit-Trotz seiner Massigkeit entbehrt der Turm doch auch nicht einer gewissen Schlankheit durch die gefällige, abgestufte Gliederung des Helms. Die Absicht unserer Bauleitung, das Turmdach mit Kupfer zu decken, konnte wegen der Kupferbeschlagnahme nicht ausgeführt werden. Es wurde daher der Helm bis zur Spitze mit graublauen Falzziegeln gedeckt. Hiermit hat sich Herr Dachdeckermeister Ventz, der auch bei der Deckung des Rathausdaches, namentlich der Erkertürmchen, künstlerisches Verständnis bewiesen hat, ein Denkmal gesetzt. Wir möchten sagen, das; gerade durch die Ziegeldachung der Rathausturm an seinem Aussehen noch besonders gewonnen hat. Das Wahrzeichen Friedenaus grüßt nach allen Richtungen: es schaut hinüber zum Wilmersdorfer-Schöneberger Stadtpark, wir sehen es auf dem Wege vom Breitenbachplatz nach Schmargendorf ans dem Häusermeer der westlichen Vororte heraus leuchten, es grüßt nach Steglitz bis zum Steglitzer Rathaus und ist auch im Osten weithin sichtbar. Eins fehlt dem Turin noch: das ist die Uhr. Aber auch sie wird bald eingebaut werden und dann den Friedenauern allezeit verkünden, wie viel die Glocke geschlagen hat.

Friedenauer Lokal-Anzeiger, 17.07.1916

 

Rathaus Friedenau, Bürgersaal, 1930. Foto Emil Leitner. Quelle MTS

 

Der Bürgersaal

 

Der Bürgersaal in unserm Rathaus ist nahezu fertig gestellt. Nur noch einige Malerarbeiten sind notwendig. Er ist in dem in die Rheinstraße vorspringenden Flügel des Rathauses errichtet. Beide Längsseiten haben hohe, buntverglaste Rundbogenfenster. Bis hinauf zur Decke ist der Saal mit einer dunkeln Holztäfelung versehen. Auch das Gestühl (Rohrstühle) weist die dunkle Farbe der Täfelung auf. Die Decke, eine Kassettendecke mit den elektrischen Beleuchtungskörpern, ist weiß. Sonst ist die hervortretende Farbe des Saales ein Purpurrot. Die Pfeiler zwischen den Fenstern weisen breite in dieser Farbe gehaltene Bänder auf, die mit schwarzen Arabesken bemalt sind. Auch die Decke unter der großen Galerie an der Rückseite des Saales hat diese Farbe. Purpurn sind auch die Fenstervorhänge (Gardinen) und die Bekleidungen der Bühne. Die Bühne ist außerordentlich klein geraten. Sie stellt eigentlich nur ein Podium dar. Theatervorführungen und ähnliche Veranstaltungen sind auf ihr nicht möglich, ebenso wenig kann ein Sängerchor auf ihr Platz nehmen. Sie dürfte sich also nur für Einzeldarbietungen eignen, da ihr auch die Nebenräume fehlen. Zu beiden Seiten der Bühne befinden sich je zwei übereinander gelegene Logen. Die große, fast ein Viertel des Saales überdachende Galerie mit einem Klappgestühl haben wir schon erwähnt. An den Pfeilern zwischen den Fenstern sind Wandleuchter angebracht, die von Kronen tragenden Halbfiguren gebildet werden. Der Fußboden ist ein Parkettstabboden. Zu beiden Seiten des Hauptsaales befindet sich je ein kleiner Nebensaal mit den Einrichtungen zur Einnahme von Erfrischungen während der Pausen. Auch zu kleinen Gesellschaften sind diese Nebensäle geeignet. Friedenauer Lokal-Anzeiger, 09.01.1917

 

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Um den 25. April 1945 wurde die Hauptfront des Friedenauer Rathauses teilweise zerstört. Alfred Bürkner schreibt in Friedenau - Straßen, Häuser, Menschen, dass das Rathaus nach Augenzeugenberichten von russischen Truppen in Brand gesetzt wurde. Möglich, aber an diesem Tag bombardierte auch die sowjetische Luftwaffe die von der Roten Armee eingeschlossene deutsche Hauptstadt. So schlimm waren die Schäden allerdings nicht, denn Bürkner teilte mit, dass im Inneren der frühere Bürgersaal mit seinem Wappenschmuck den Krieg unbeschadet überstanden hat und in ihm im August 1945 die erste Opernaufführung nach dem Krieg stattfand. Der aus den Niederlanden stammende Opernsänger Cornelis Bronsgeest (1878-1957) inszenierte den „Barbier von Sevilla“.

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Nachdem während des Kalten Krieges der Schlesische Bahnhof zum Ostbahnhof (1950), die Straße Am Schlesischen Bahnhof zu Am Ostbahnhof (1951) wurden und schließlich in Friedrichshain der Name Breslauer Straße (1964) aus dem Stadtplan verschwand, war das zu viel für jene, denen die Erinnerung an die deutschen Ostgebiete am Herzen lag. So beriet das Abgeordnetenhaus am 3. Juli 1964 über den Antrag der CDU-Fraktion: „Wir sind der Meinung, dass wir alles tun müssen, um die ostdeutschen Straßennamen in Berlin zu erhalten. Sie sind nicht nur eine Erinnerung für uns, sondern auch Mahnung und Verpflichtung.“ Die Konservativen siegten. Aus Marktplatz bzw. Lauterplatz wurde der Breslauer Platz und aus dem Bürgersaal im Rathaus Friedenau der Schlesiensaal. Ignoriert wurde, dass die Hauptstadt des aus historischer Sicht zweifellos von Deutschen geprägten Schlesiens seit 1945 zu Polen gehört und Wroclaw heißt.

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Im Jahr 2010 kam die SPD von Tempelhof-Schöneberg auf die Idee, am Eingang zum Schlesiensaal eine Hinweistafel aufzuhängen. Erläutert wird die Geschichte des Saales und seine Umbenennung 1964. Tatsächlich ist bis heute dort nachzulesen, dass die im Saal dargestellten Wappen und Gebietskörperschaften die Wechselbeziehungen deutscher und europäischer Geschichte symbolisieren. Darunter ohne Kommentar aufgelistet: Oberschlesien – Górny Śląsk, Schlesien – Śląsk, Oppeln – Opole, Waldenburg – Wałbrzych, Neisse – Nysa, Beuthen – Bytom, Breslau Wrocław, Liegnitz – Legnica. Der Name Schlesiensaal blieb – genutzt u. a. vom Tanzverein Blau-Weiß-Silber und dem Theater Morgenstern.

 

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Als Beitrag zur Haushaltskonsolidierung entschied das Bezirksamt 2011, das Objekt Rathaus Friedenau aufzugeben, weil der Investitionsbedarf für die Sanierung sehr hoch ist und die laufenden Kosten explodieren. Außerdem ist auf Grund des Personalabbaus der Raumbedarf jetzt insgesamt niedriger. Schöneberg „verscherbelte“ sein Eigentum zum Nulltarif, übergab das ehemalige Rathausgebäude dem Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) – für das Finanzamt für Fahndung und Strafsachen – ein Hochsicherheitstrakt mitten in Friedenau. Als sich andere Räume für Tanzverein und Theater nicht finden ließen, stellte das Finanzamt für Fahndung und Strafsachen klar: Um eine Nutzung des Schlesiensaals durch Dritte zu ermöglichen, muss dieser baulich und organisatorisch vollständig vom Mietbereich des Finanzamts abgetrennt werden. Die Erschließung des Saals muss derart angepasst werden, dass der Hauptzugang über ein Nebentreppenhaus erfolgt. Darüber hinaus muss ein zusätzlicher 2. Rettungsweg geschaffen werden.

 

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Es kam bekanntermaßen alles ganz anders. Im August 2017 stehen plötzlich Rücklagen in Höhe von 7.844.741 € für die Sanierung des Rathausbaus zur Verfügung. Seither prangt das Schild „Wir bauen für Berlin“ am Haus. Spätestens Ende 2024 ist Schluss mit der Flüchtlingsunterkunft. Was danach kommt, ist ungewiss.

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Fakt ist jedoch, dass der Bürgersaal mit seinen beiden Nebensälen für die Arbeit von freien Theatergruppen denkbar ungeeignet ist. Allein der Weg über das Treppenhaus hinauf in das 2. und 3. Obergeschoss ist mühsam. Im Saal dann hohe Rundbogenfenster, dunkle Holztäfelung an den Wänden, eine dominierende Kassettendecke und ein den Saal fast überdachender Zuschauerbalkon. Die eigentliche Bühne wird nicht genutzt. Auf den Parkettstabfußboden wurden Spielpodest und eine Tribüne für rund 200 Zuschauer gesetzt. Der denkmalgeschützte Saal fordert Tribut: Fenstervorhänge gegen das Tageslicht, Scheinwerferstative im Saal, schwarzer Molton vor den zu beiden Seiten der Bühne übereinander gelegenen Logen.

 

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Eine persönliche Anmerkung

 

Einen Teil meines Berufslebens bei den Berliner Festspielen und am Frankfurter Theater am Turm hatte ich mit experimentierfreudigen, alternativen, freien Theatergruppen zu tun. Ob in Berlin Theatermanufaktur oder Tanzfabrik, in Amsterdam Mickery oder in New York Ellen Stewarts La MaMa Experimental Theatre Club oder Julian Becks Living Theatre, was freies Theater ist, braucht mir niemand zu erklären. Auf und Ab waren immer gegenwärtig. Was heute en vogue, ist morgen perdu. Freies Theater lebt von diesem Wechsel. Finanzielle Förderung führte zumeist zu einer Institutionalisierung und damit auch schon zum Ende einer kreativen Theaterarbeit.

 

Das Theater Morgenstern besteht aus einem Team von 3-4 SchauspielerInnen, einem Regisseur und absolviert ca. 120 Vorstellungen im Jahr, davon ca. 50 an außergewöhnlichen (anderen) Orten. Diese konkrete Arbeit sollte gefördert werden. Nun aber soll nach dem Willen von SPD, GRÜNEN und auf personelle Absicherung orientierte Gewerkschaften das Theater Morgenstern im ehemaligen Bürgersaal des Rathauses Friedenau eine feste Spielstätte erhalten. Die Förderung der kreativen Theaterarbeit soll institutionalisiert werden.

 

Der Bürgersaal im Rathaus Friedenau ist der falsche Ort. Sollte das Finanzamt für Fahndung und Strafsachen doch noch einziehen, dann werden Gebäude und Breslauer Platz aus Sicherheitsgründen nicht nur ringsum mit Videoüberwachung bestückt, sondern der Bürgersaal baulich und organisatorisch vollständig vom Mietbereich des Finanzamts abgetrennt. Der Zugang über den Haupteingang des Rathauses entfällt. Es bleibt als Zu- und Abgang nur noch das schmale und verwinkelte Treppenhaus in der Hauptstraße. Das dürfte als einziger Rettungsweg nicht ausreichen.

 

Dazu kommt, dass sich der Bürgersaal im 2. und 3. Obergeschoss befindet – im 2. OG die Parkettplätze, im 3. OG die Balkonplätze, die schon derzeit für Kinder und Jugendliche gesperrt sind. Die vorhandene Bühne befand der Friedenauer Lokal-Anzeiger schon 1917 als zu klein. Als Spielfläche für Kinder- und Jugendtheater kommt sie nicht in Betracht. In den ebenerdigen Saal müsste auf den Parkettstabfußboden sowohl ein Bühnenpodest für das Theaterspiel als auch eine ansteigende Zuschauertribüne gesetzt werden. Problematisch dürfte sich in diesem doch unter Denkmalschutz stehenden Bürgersaal auch Anbringung und Aufstellung von Licht- und Tontechnik gestalten.

 

Das Theater Morgenstern braucht eine geeignete Spielstätte und Friedenau einen Bürgersaal.

 

Ratskeller Friedenau. Speisekartee vom 21. Januar 1917. Archiv Rüdiger Barasch

Der Friedenauer Ratskeller

 

wird morgen für unsere Mitbürger geöffnet. Damit erhält Friedenau nicht nur eine erstklassige Gaststätte, die, in vornehmer Weise geleitet, den verwöhntesten Ansprüchen genüge leisten wird, sondern unsere Mitbürger finden in dieser Gaststätte gleichzeitig den Ort, der sie zu froher Geselligkeit und zu anregenden Besprechungen über Friedenaus Gemeindeangelegenheiten vereinen wird. So dürfte der Ratskeller gleichsam der Mittelpunkt für unser künftiges Gemeindeleben werden.

 

Der Haupteingang zu den im tiefen Erdgeschoss gelegenen Ratskellerräumen befindet sich an der Rheinstraße. Eine vom Bildhauer Heinrich Mißfeldt geschaffene prächtige künstlerische Gruppe in Muschel-Kalkstein: Bachantin mit der Weinschale, zu ihren Füßen eine Putte mit der Laute, gleichsam „Wein, Weib und Gesang" darstellend, krönt auf einem Sockel den Eingang. Durch eine amerikanische Drehtür gelangen wir in den Hauptsaal des Ratskellers. Ein Kreuzgewölbe mit heller Decke, die Wände mit hohen Holzpanelen, geben dem Raum im Verein mit den in gleicher Farbe der Holztäfelung gehaltenen Kleiderständern, die den großen Saal in kleine „Buchten" einteilen, etwas Ruhiges, Freundliches. Dieser Eindruck wird noch erhöht durch die künstlerischen. in hellblauer Farbe gehaltenen Kronen in Keramik sowie die Tischlampenbeleuchtung. Am Tage fällt das Licht durch helle, niedrige Bogenfenster in den Raum. Von der sogenannten Bierabteilung durch eine Galerie getrennt und einige Stufen höher gelegen, ist die Weinabteilung in dem nach der Lauterstraße zu liegenden Teil des Saales. Hier ist auch, nahe dem Zugang von der Lauterstraße, eine Kleiderablage geschaffen, die gleichzeitig für das große Vereinszimmer bestimmt ist. Inmitten des Ratskellers, an der Seite des Marktplatzes, wurde eine Ratslaube angelegt. Sie trägt rings an der Oberkante die Inschrift: Offen und wahr. Kühl in Gefahr. Bieder und stark, Deutsch bis ins Mark.

 

 

 

 

Den Mittelpunkt des Laubendachrandes bildet die in Holzbildhauerei ausgeführte wohlgelungene Nachbildung des Kopfes des Gemeindeschöffen von Wrochem. Solch bildhauerischen Schmuck treffen wir noch öfter im Ratskeller an. So an der Eingangstür zur Ratsstube die Köpfe der Gemeindeverordneten Ott und Sachs, und an der Eingangstür zum großen Vereinszimmer den Kopf des Gemeindeschöffen Sadèe und des Gemeindeverordneten Berger. Alle diese Bildwerke, die die Herren des Wirtshausausschusses unseres Ratskellers darstellen, sind außerordentlich natürlich und gut gelungen.

 

Gleich am Haupteingang neben dem Bierbüfett liegt der kleine Gesellschaftsraum, eine Bauernstube. Es ist ein mit roter Tapete bekleidetes Tonnengewölbe. In halber Höhe der Wände sind die vielfachen ländlichen Trachten in Aquarellen wiedergegeben. Ein hellblaues Möbel und dem Charakter des Raumes entsprechende Lampen sorgen dafür, dass der gewünschte Eindruck erzielt wird. Anschließend an das Bauernstübchen liegen die Küchen- und Wirtschaftsräume, dann folgt auf der rechten Seite des Kellers ein sogenanntes Kaltes Büfett und hiernach der Eingang zum Ratsstübl. Dieses ist vollständig in Holztäfelung gehalten. Eine große Geweihkrone sowie Deckenlampen spenden Licht. In die Wand eingelassen ist ein Büfettschrank, der eine kunstvolle Intarsienarbeit aufweist, die die Worte verzeichnet: „Im Kriegsjahre 1915 wurde diese Ratsstube erbaut.“

 

Glatte Holztische, die sich zu runder Hufeisenform vereinigen lassen, bilden das Möbel. Ein Prachtraum ist dann das große Vereinszimmer mit seiner hübschen elektrischen Krone und der ovalen Deckenbeleuchtung. In die hohen Holzpaneele sind zahlreiche unter Glas gelegte Bilder in Schwarz-Weiß-Malerei eingelegt, die uns das alte Friedenau vor Augen führen. So in der Erinnerung des Alten können unsere Mitbürger, die sich hier zu Rat und Tat zusammenfinden werden, für die Zukunft des Ortes wirken, getreu dem Spruche der hochseligen Kaiserin Augusta, dass man sich die Zukunft sichert, wenn man die Vergangenheit ehrt.

 

Die Wände über der Holztäfelung sind bunt ausgemalt mit stilisierten Blumen und Vögeln. Die Malerei wird zwischen Haupteingangstür und einem Wandschrank durch ein großes Aquarellbild von unserm Rathause unterbrochen. Zu dem Vereinszimmer, unmittelbar am Eingang von der Lauterstraße gelegen, gehören eine besondere Kleiderablage und besondere Aborträume. Die Bedürfnisanlagen sind in hellen, lichten Farben gehalten und mit Desinfektionsapparaten usw. versehen. Auch hier hat die Bauleitung an alles gedacht, so dass selbst das Becken für „Seekranke" nicht fehlt.

 

Der Friedenauer Ratskeller ist nach den Plänen unseres Gemeindebaurats, Herrn Altmann, angelegt worden. Bauleiter war Herr Architekt Peters, der auch die Bauleitung des ganzen Rathauses übernommen hatte, nachdem Herr Architekt Duntz davon zurückgetreten war. Für den Ausbau des Ratskellers wurde Herr Peters in letzter Zeit noch durch Herrn Architekt Heinze unterstützt.

 

So möge denn der Ratskeller, unter Leitung des Herrn Oekonomen Schwarz, dem als langjährigen Leiter des Hauses „Altbayern" in der Potsdamer Straße der Ruf eines guten Fachmannes vorausgeht, all die Hoffnungen erfüllen, die unsere Verwaltung in diesen Bau gesetzt hat; möge er vor allen Dingen immer fröhliche Menschen sehen, die nach einem Ausspruche von K. J. Weber nicht bloß glückliche, sondern in der Regel auch gute Menschen sein sollen. Und wenn dann diese fröhlichen, glücklichen und guten Menschen nach gutem Trunk und Bissen vom Ratskeller aus den Heimweg antreten, werden sie gewiss den kleinen Spruch beherzigen, der ihnen beim Ausgang an der Tür entgegen leuchtet: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, Drum Bürger lärme auf dem Heimweg nicht!" Friedenauer Lokal-Anzeiger, 22.12.1915

 

***

 

Unsere Gemeindevertretung versammelte sich gestern Abend zu einem kleinen Essen, das jeder Teilnehmer selbst bestritt, im neuen Ratskeller, um damit gleichermaßen die Einweihung der neuen prächtigen Gaststätte vorzunehmen. Außer den Schöffen und Gemeindeverordneten nahmen unser Gemeindeältester Herr Geheimrat Homuth sowie Herr Gemeindebaurat Altmann an der Tafel teil. In kurzen Worten begrüßte Herr Bürgermeister Walger bei Eröffnung der Tafel unsern Gemeindeältesten. Dann, nach dem Fisch, hielt Herr Bürgermeister Walger eine längere Ansprache, in der er näher auf den Rathausbau einging und besonders dem Bauherrn, Herrn Gemeindebaurat Altmann, Anerkennung und Dank für das in emsiger Arbeit Geleistete zollte. Er drückte seine Freude aus, dass es dem Herrn Baurat gelungen ist, trotz schwerer Zeit den schönen Bau zu vollenden. Sein Hoch galt Herrn Baurat Altmann. Der Gemeindeälteste Herr Geheimrat Homuth dankte für die freundliche Einladung und Begrüßung und gab alte Erinnerungen aus Friedenaus Vergangenheit zum Besten. In seinem Hoch gab er den Wünschen für weiteres Blühen, Wachsen und Gedeihen unseres lieben Friedenaus Ausdruck. Herr Baurat Altmann sagte für die ihm zuteil gewordenen ehrende Worte Dank, und hob seinerseits die Arbeit der Gemeindevertretung hervor ohne deren verständnisvolles Eingehen auf seine Pläne und deren Unterstützung er nichts hätte erreichen können. Ebenso zollte er seinen Mitarbeitern an den Bau Lob und Anerkennung. Er schloss mit einem Hoch auf die Gemeindevertretung. Im ferneren Verlaufe der Tafel wurden noch verschiedene Hochs ausgebracht und Reden, vielfach humoristischer Art gehalten. Ganz besonders Lob aber wurde dem Ratskellerwirt Herrn Ökonomen Schwarz für das ganz hervorragende Essen gespendet. Die Gemeindevertretung konnte sich in dieser lukullischen Darbietung davon überzeugen, dass sie in der Wahl des Wirtes den rechten Griff getan hat. Von heute ab ist nun der Ratskeller jedem Bürger zugängig. Wir wünschen dem Wirt die allerbesten Erfolge. Friedenauer Lokal-Anzeiger, 23.12.1915

 

 

1945 Rathaus Friedenau. Quelle MTS

Zerstörung und Wiederaufbau

 

Es muss um den 25. April 1945 geschehen sein, als die Hauptfront des Friedenauer Rathauses teilweise zerstört wurde. In seinem Buch Friedenau-Straßen, Häuser, Menschen scheibt Alfred Bürkner, dass das Rathaus nach Augenzeugenberichten von russischen Truppen in Brand gesetzt wurde“. Möglich, aber an diesem Tag bombardierte auch die sowjetische Luftwaffe die von der Roten Armee eingeschlossene deutsche Hauptstadt.

 

So „schlimm“ waren die Schäden allerdings nicht, denn Bürkner teilte mit, dass im Inneren der frühere Bürgersaal mit seinem Wappenschmuck den Krieg unbeschadet überstanden hat und in ihm im August 1945 mit dem „Barbier von Sevilla“ die erste Opernaufführung nach dem Krieg stattfand. Bestätigt wurde das auch Jahrzehnte später von der Architekturhistorikerin Susanne Willen: Die noch vorhandene Bausubstanz hätte eine Wiederherstellung des alten Zustandes in reduzierter Form sicherlich gerechtfertigt: sowohl das reich ausgeschmückte Hauptportal einschließlich Eingangstür, der Mittelgiebel als auch die beiden Eckerker waren in wesentlichen Teilen erhalten. Von dem üppigen plastischen Bauschmuck hatten sich im kriegsbeschädigten Kopfbau größere Fragmente bewahrt.

 

Das Schöneberger Hochbauamt stellte jedoch 1949 das Ausmaß der Schäden dramatischer dar: Der gesamte Gebäudeteil am Lauterplatz von der Rhein- bis zur Lauterstraße ist ausgebrannt. Das Eisenbinderdach ist eingestürzt, die Decken sind zerstört oder stark beschädigt. Stehen geblieben sind die Außenwände, ein Teil der inneren Eisenfachwerkkonstruktionen und die Treppenanlage am Hofvorbau.

 

 

Um das Gebäude für das Bezirksamt wieder nutzen zu können, wurde ein Wiederaufbau beschlossen. Hans Altmann (1871-1965), der Schöpfer des Rathauses wurde mit einem Vorentwurf beauftragt. Da er mit der vom Hochbauamt geplanten Vereinfachung der Fassade nicht einverstanden war – Abriss des mittleren Frontgiebels und der beiden Eckerker sowie eines einfachen Satteldaches – wurde ihm der Auftrag entzogen: Eine weitere Beauftragung an Altmann kommt nicht in Frage. Infolgedessen ist Herr Altmann auch nicht berechtigt, diesbezügliche Verhandlungen mit der Baupolizei zu pflegen. Für alle Angelegenheiten betr. Wiederaufbau ist nur das Hochbauamt Schöneberg zuständig ... etwaige Versuche des Herrn Altmann bzgl. Auskünften sind zurückzuweisen und ihn an das Hochbauamt zu verweisen.

 

Obwohl es auch im Hochbauamt noch 1951 Überlegungen „zu einer Rekonstruktion einiger besonders signifikanter Gliederungselemente gab, wurden Giebel und überflüssige Details abgetragen. Am 7. Mai 1953 fand das Richtfest für das wiederaufgebaute Rathaus statt. Die Architekturhistorikerin Susanne Willen schreibt dazu 2008: Der stark veränderte Wiederaufbauplanung unter radikaler Eliminierung noch bestehender An- und Aufbauten ist typisch für die herrschende architektonische Haltung in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Purifizierung zahlreicher historistischer Stuckfassaden in jenen Jahren belegt, dass das Verständnis für eine derart traditionsbezogene Architektursprache nicht mehr gegeben war. Der ausgeführte Entwurf zum Wiederaufbau des Rathauses steht somit in der Tendenz der Zeit und kann nicht nur auf Aspekte der Kostenersparnis zurückgeführt werden. Im Vergleich zur stark plastischen Fassadengestaltung des Altbaues wirkt die neue Platzfront gleichförmig und schlicht. Welche architektonische Vielgestaltigkeit das Rathaus einst besaß, lässt sich heute an den Seitenfassaden in der Lauterstraße und am Ostflügel in der Hauptstraße ablesen.

 

Schöneberg wird Tempelhof-Schöneberg

 

Mit der Bildung von Groß-Berlin am 1. Oktober 1920 wurden die Stadt Schöneberg (123.680 Einwohner) und die Gemeinde Friedenau (28.355 Einwohner) Teil von Berlin und bildeten den 11. Verwaltungsbezirk Schöneberg. Nach Wiedervereinigung der beiden Stadthälften und dem Ende der Bonner Zuschüsse führte die Finanzkrise zu einer Verwaltungsreform, bei der die Anzahl der Bezirke durch Zusammenlegung von 23 auf 12 reduziert wurde. Gleichzeitig wurde der Stellenbestand der Verwaltung halbiert – von 207.000 im Jahr 1991 auf 108.000 Beschäftigte im Jahr 2008. Unter diesen Gegebenheiten entstand zum 1. Januar 2001 das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg.

 

Wie wenig durchdacht diese Verwaltungsreform war, wie fern von den Bürgern, die sich doch als Schöneberger oder Tempelhofer und eben nicht als Tempelhofer-Schöneberger fühlen, lässt sich allein schon an der Desavouierung der Wappen von Schöneberg und Tempelhof ablesen. Anstatt den „Neuanfang“ mit einem neuen Logo zu würdigen, wurde vom Senat eine Kombination der beiden Wappen verfügt: Vom goldenen Schild Schönebergs den grünen Berg mit dem braunen Kiefernstamm und einem schreitenden roten Hirschen, vom silbernen Schild Tempelhofs das rote Kreuz des Templerordens, den einstigen Gründern der Landgemeinde.

 

Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg wartet seither mit drei Dienstsitzen auf. Im Rathaus Schöneberg residieren Bezirksbürgermeister (zuständig auch für Finanzen, Personal, Wirtschaftsförderung) und Stellvertreter (zuständig für Stadtentwicklung, Bauen), im Rathaus Tempelhof zwei Bezirksstadträte (zuständig für Bürgerdienste, Ordnung, Straßen, Grünflächen bzw. für Bildung, Kultur, Soziales) sowie (nach dem Auszug aus dem Friedenauer Rathaus) seit März 2016 im Verwaltungsgebäude Alarichstraße als Mieter der Immobiliengesellschaft UniCredit WealthCap ein Bezirksstadtrat (zuständig für Jugend, Umwelt, Gesundheit, Schule, Sport).

 

Bis zum Jahr 2000 verwaltete das Bezirksamt Schöneberg 152.035 Einwohner. Ab 2001 war das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg für 351.644 Einwohner zuständig. Auf einer Fläche von 53,1 m2 lag die Bevölkerungsdichte bei 6.624 Einwohnern pro m2 und damit über dem Berliner Durchschnitt. Die prognostizierten Bevölkerungen liegen für 2030 bei 3.828.000 Einwohnern.

 

Die auf kurzfristige Einsparungen abzielende Konsolidierungspolitik - im Zusammenhang mit dem gravierenden Stellenabbau - führte vor allem bei Personal und Management auch im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg zu erheblichen Defiziten. Strukturelle und prozessuale Maßnahmen der Neuorganisation blieben aus. Neueinstellungen sind auf Grund der Arbeitsmarktlage kaum möglich. Viele Stellen im Bereich des Stadtentwicklungsamtes tragen den Vermerkr N.N. Das alles wirkt sich heute zuvörderst als Bremse der Modernisierung aus.

 

Instandsetzung dringend erforderlich

 

Im Jahr 2008 gab das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg die Broschüre Das Rathaus Friedenau heraus. Im Vorwort von Siegmund Kroll, dem damaligen Leiter des Amtes für Planen, Genehmigen und Denkmalschutz, stehen bemerkenswerte Sätze:

 

Das Rathaus am Breslauer Platz markiert das Zentrum von Friedenau. Der gewaltige Baukomplex prägt gleich drei Straßenzüge - sein hoch aufragender Turm bildet nicht nur eine Dominante im Bereich von Haupt- und Rheinstraße, sondern er ist auch weit über die Ortsgrenzen hinaus als städtebauliche Landmarke wirksam. In seinen beachtlichen Dimensionen kündet der Bau auch heute noch vom Bürgerstolz der für kurze Zeit selbständigen Landgemeinde; seine Geschichte ist eng verknüpft mit der Entwicklung von Friedenau. Mit der Bildung der Einheitsgemeinde Groß-Berlin 1920 verlor Friedenau seine kommunale Eigenständigkeit und gehörte fortan zum Bezirk Schöneberg. Das stolze Rathaus diente nunmehr Verwaltungszwecken innerhalb des neuen Bezirksamtes. Trotzdem hat sich seine Bezeichnung Rathaus Friedenau bis heute gehalten.

 

Für die Bewohner Friedenaus bilden Rathaus und der ihm vorgelagerte Breslauer Platz einen wichtigen Identifikationsort. In Hinblick auf die anstehende Sanierung gilt es, die architektonischen Qualitäten beider Bauphasen herauszuarbeiten und sichtbar zu machen.Die vorliegende Broschüre möchte die Geschichte des Friedenauer Rathauses wieder ins Bewusstsein bringen.

 

 

Aus der anstehenden Sanierung wurde bekanntlich nichts. Stattdessen wurde das Eigentum des Bezirks auf Betreiben von Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) einfach gedankenlos abgegeben. Geblieben ist eine eindrucksvolle Dokumentation mit Fotografien, Bauzeichnungen und Detailaufnahmen, die von der Architekturhistorikerin Dr. Susanne Willen erarbeitet wurde. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen wurde diese Broschüre der größeren Öffentlichkeit vorenthalten. Da die Publikation bis heute nur im Geschäftszimmer des Stadtentwicklungsamts im Rathaus Schöneberg erhältlich ist, haben wir uns entschlossen, auf nachfolgender PDF den interessierten Bürgern wenigstens den Text zu offerieren.

 

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Objekt Rathaus Friedenau wird aufgegeben

 

Als Beitrag zur Haushaltskonsolidierung entschied das Bezirksamt 2011, das Objekt Rathaus Friedenau aufzugeben, weil der Investitionsbedarf für die Sanierung sehr hoch ist und die laufenden Kosten explodieren. Außerdem ist auf Grund des Personalabbaus der Raumbedarf jetzt insgesamt niedriger. Für den kommunalpolitischen Pressedienst paperpress eine Fehlentscheidung, weil die Büroräume in absehbarerer Zeit fehlen werden. Und wenn es dann soweit ist, wird man wieder andernorts für teures Geld Büroräume anmieten müssen.

 

2013 sind die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) und das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg übereingekommen, im Rathaus Friedenau das Finanzamt für Fahndung und Strafsachen unterzubringen. Das Grundstück Niedstr. Nr. 1 & 2 wurde vom Schöneberger Eigentümer zum 01.01.2013 dem Sondervermögen Immobilien des Landes Berlin zugewiesen. Als Mietbeginn ist der 01.01.2017 vorgesehen. Bis zu diesem Zeitpunkt werden die Mietflächen von der BIM hergerichtet.

 

 

Die Maßnahmen umfassen Anpassung des Flächenzuschnitts, Herstellung der Raumqualitäten, Ertüchtigung des Brandschutzes sowie Bauwerksunterhaltung. Neben einem zusätzlichen Außenaufzug im Innenhof sind im gesamten Dienstgebäude Treppenlifte vorgesehen. Die geschätzten Baukosten betragen rd. 8,4 Mio. € zzgl. rd. 670.000 € für Umzugs- und umzugsbedingte Folgekosten. Der Mietvertrag wird mit einer Laufzeit von 10 Jahren abgeschlossen werden. Die Mietfläche wird ca. 12.025 m² umfassen – inkl. der bisherigen Gerhart-Hauptmann-Bibliothek. Ausgenommen war der Festsaal, der bei einer Nutzung durch Dritte „baulich und organisatorisch vollständig vom Mietbereich des Finanzamtes abgetrennt werden muss.

 

Der Umzug des Finanzamtes wurde nicht vollzogen, weil im Dezember 2015 das Bezirksamt das inzwischen „freigezogene Rathaus Friedenau für das LAGeSo zur Flüchtlingsunterbringung sichergestellt hatte. Das Finanzamt hat danach die Pläne für das Projekt Rathaus Friedenau abgebrochen. Laut paperpress herrschte bei den Fahndern große Freude, da der geplante Umzug nach Friedenau gegen den Willen erfolgen sollte. Die Senatsverwaltung für Finanzen hat Hauptausschuss, Abgeordnetenhaus und Senat nahegelegt, die bisher nicht in Anspruch genommenen Rücklagen in Höhe von 7.844.741 € für die Sanierung des Daches, der Fassade, der Blitzschutzanlage, der geschädigten Hofkellerdecke und der Wassererwärmungsanlage im Objekt Niedstraße 1/2, ehemaliges Rathaus Friedenau einzusetzen. Davon zeugen die gegenwärtigen Baumaßnahmen.

 

Ein öffentlich zugängliches Haus

 

Unmittelbar danach gab es am 19.07.2017 einen Antrag der SPD-Fraktionsführer von Tempelhof-Schöneberg Marijke Höppner und Lebensgefährte Jan Rauchfuß an das Bezirksamt, sich bei den zuständigen Stellen dafür einzusetzen, dass das Rathaus Friedenau nach der Nutzung als Unterkunft für Menschen mit Fluchterfahrung als ein öffentlich zugängliches Haus weiterhin der Bevölkerung zur sozialen Nutzung zur Verfügung gestellt werden kann.

 

„Öffentlich zugängliches Haus“ und „soziale Nutzung durch die Bevölkerung“? Lässt sich daraus ableiten, dass die Übertragung des Schöneberger Eigentums an die BIM von 2011 wieder rückgängig gemacht werden soll? Da die Flächen knapper werden und die Bodenpreise immer weiter steigen, „will der Senat nun sogar Grundstücke auf Reserve kaufen und damit sicherstellen, dass auch in zehn oder 20 Jahren noch ausreichend Flächen vorhanden sind.“ Nun müssen sogar „konkrete Nutzungspläne für die Areale beim Ankauf nicht zwingend vorliegen. Es gehe vielmehr darum, langfristig strategische Stadtentwicklungsziele zu sichern“.

 

Sinnvoll wäre es ohnehin, die rot-grüne Fehlentscheidung zu korrigieren und aus dem Rathaus Friedenau wenigstens teilweise wieder ein Haus für Bürger zu machen.

 

 

Goerz-Höfe, Rheinstraße 45-46. Foto Hahn & Stich, 2018

Bürgeramt in der Rheinstraße

 

Im November 2019 überraschten CDU und SPD mit der Nachricht, ein Bürgeramt in der Rheinstraße zu eröffnen, weil es in den drei Bürgerämtern von Tempelhof-Schöneberg keine Platzreserven mehr gibt, um weitere Mitarbeiter unterbringen bzw. Kunden dort bedienen zu können und weil es in diesem sehr dicht bevölkerten Ortsteil derzeit keine bezirkliche Einrichtung gibt.

 

Für diese Misere haben CDU und SPD selbst gesorgt. Mit einem Bürgeramt in der Rheinstraße - vielleicht in der seit 2018 leerstehenden ehemaligen Filiale der Deutschen Bank in den Goerzhöfen Nr. 45-46 - werden die Probleme nicht gelöst. Friedenau hat 28.355 Einwohner. Mit 1500 Wohnungen auf dem Bahndamm, Verdichtungen in Wohnvierteln und Dachausbauten könnten es bald 35.000 sein. Für Berlin sieht es nicht besser aus: Die prognostizierten Bevölkerungen liegen für 2030 bei 3.828.000 Einwohnern.

 

 

 

 

 

 

Friedenaus Gemeindebaurat Hans Altmann hat das Rathaus als multifunktionales Bürgerhaus geplant, ausgestattet mit Bürgermeisterbüro, Sitzungssälen, Verwaltungsräumen, darunter Standesamt, Einwohnermeldebüro, Sanitätswache, Hauptregistratur, Polizeiwache, Hochbau-, Baupolizei-, Tiefbau-, Katasteramt, Schulbüro, Armen- und Waisenbüro, Rechnungsbüro, Steuerbüro, Lebensmittelbüro, Gewerbeamt, Feuerwache, Sparkasse, Bücherei, Ratskeller und Bürgersaal mit Bühne, Besuchergalerie und Nebensälen.

 

Einiges davon wäre auch heute sinnvoll. Schon in den 1950er Jahren wurde der Ausbau des Verwaltungsgebäudes angemahnt, da die Kapazität des Schöneberger Rathauses bei weitem nicht ausreiche. Stattdessen wurde auf Nachbarschaftshäuser, Seniorentreffs und AWO gesetzt. Sie können ein Rathaus nicht ersetzen. Schon für Cicero, den berühmtesten Redner Roms, lang ist‘s her, aber mehr denn je gültig, waren Stadtplatz und Stadthaus unentbehrlich, weil sich erst dort die zusammengelaufene Stadtgesellschaft zur politischen Einheit zusammenredet und zusammenrauft.

 

Die Aufgabe öffentlicher Räume bedeutet doch auch das Verschwinden ihrer historischen und demokratischen Symbolik. Bereits 2012 ging auch der Friedenauer Ed Koch, Herausgeber des paperpress (und Freund der Schöneberger Sozialdemokraten zu nennen) auf die Barrikaden: Der Bezirk macht es sich mit der Aufgabe der Immobilie recht einfach. Keine Alternativplanung in eigener Regie. Auch hier wäre die Überlegung nicht falsch, sich das Rathaus mit anderen zu teilen, ehe man es völlig aufgibt. Ein Rathaus hat eine wichtige Bedeutung im Kiez. Ständig weniger werdende Beschäftigte führen offenbar zu der Erkenntnis, dass man nicht mehr drei Rathäuser benötigt, sondern nur zwei, ganz abgesehen von zahlreichen Nebenstellen, die über den Bezirk verstreut sind. Mit wie wenig Mitarbeiter eine Bezirksverwaltung ihre Aufgaben überhaupt noch erfüllen kann, wird nur am Rande diskutiert.

 

 

Wir bauen für Berlin

 

Das Schild am Friedenauer Rathaus weist als Bauherrn die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) aus. Das ist korrekt, da das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg auf Betreiben von Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) 2013 das Gebäude der BIM überlassen hat und damit aus dem Schöneberger Eigentum Sondervermögen Immobilien des Landes Berlin wurde.

 

Sieben Jahre später neue Töne. Nachdem jahrelang Grundbesitz und Immobilien zu Geld gemacht wurden, soll nun gekauft und zurückgekauft werden. Dafür wurde ein Berliner Bodenfonds beschlossen, der auf Einkaufstour gehen soll, um die Herausforderungen der wachsenden Stadt zu stemmen. Das nennt sich nun Aufbau einer strategischen Reserve für künftige Generationen, wobei bei Ankauf die Nutzung nicht feststehen muss.

 

Das könnte auch für das Rathaus Friedenau gelten. Was dort derzeit für Berlin gebaut wird, beschränkt sich wesentlich auf Äußeres: Denkmalgerechte Sanierung der Fassaden und Dachflächen sowie denkmalgerechte Instandsetzung des Turmes und der Turmuhr. Die Bauzeit wird für 2018 bis 2020 angegeben. Tätig sind dort Restaurierungswerkstatt Thomas Schubert Berlin für baubegleitende Maßnahmen, RSU Steinunion GmbH Berlin für Natursteinarbeiten sowie Potsdamer Sanierungsbau für Maurer- & Putzarbeiten. Die Einrüstung besorgte B+P Gerüstbau Wandlitz GmbH. Koordiniert werden die Arbeiten von der Architektin Pirkko Helena Petrovic vom Büro plandesign architekten Hähnel- Ecke Stierstraße.

 

Falls diese Bauarbeiten – wie angekündigt – 2020 abgeschlossen sind, wird Äußerlich wohl erst einmal Ruhe einkehren. Im Innern kann nichts getan werden, da das Gebäude noch bis zum 31. Dezember 2024 als Flüchtlingsunterkunft herhalten muss. Erst danach kann mit dem aufwändigen Ausbau für den Hochsicherheitstrakt Finanzamt für Fahndung und Strafsachen begonnen werden.

 

Für die viergeschossige Vierflügelanlage mit Innenhof und Seitenflügel zur Hauptstraße sind dann vorgesehen: Sanierung der Heizung und Kellerdecken, Verbesserungen im Sinne der Barrierefreiheit, Anpassung des Flächenzuschnitts, Herstellung der Raumqualitäten, Ertüchtigung des Brandschutzes sowie Bauwerksunterhaltung. Neben einem zusätzlichen Außenaufzug im Innenhof sind im gesamten Dienstgebäude Treppenlifte vorgesehen. Das Nutzungskonzept sieht die Einrichtung von 13 Stellplätzen für Dienstfahrzeuge im Rathaushof vor. Für die Anlieferung ist die „Einrichtung von ca. vier Dauerstellplätzen vor der ehemaligen Sparkasse in der Hauptstraße vorgesehen. Der Bürgersaal als Spielstätte für das Theater Morgenstern muss baulich und organisatorisch vollständig vom Mietbereich des Finanzamtes abgetrennt werden, was wohl auch den Einbau eines zweiten Treppenhauses über vier Stockwerke als Fluchtweg zur Folge hätte. Laut BIM soll diese Sanierung fast 9 Millionen Euro kosten.

 

28.08.2017 Verwendung restlicher Rücklagen

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