Name seit dem 22. Oktober 1875, benannt nach dem Fluss Albe in Lothringen, vorher Querstraße II. Am 10. Mai 1871 wurde in Frankfurt am Main der Friede von Frankfurt geschlossen. Der Vertrag beendete formell den Deutsch-Französischen Krieg und bestätigte den Verzicht Frankreichs auf größere Teile von Elsass und Lothringen. Die abgetretenen Gebiete wurden dem Deutschen Reich als Reichsland Elsaß-Lothringen unterstellt. Nachdem der damals zuständige Kreis Teltow dem Bebauungsplan des Landerwerb- und Bauvereins auf Actien zugestimmt und den geplanten Villenvorort am 9. November 1874 zur selbstständigen Landgemeinde des Landkreises erhoben hatte, wurden einige Friedenauer Straßen nach Flüssen in Elsass und Lothringen benannt.

 

Albestraße 1, 1950. Sammlung Staudt. Museum Schöneberg

Albestraße Nr. 1

 

Die Häuser Albestraße Nr. 1 und Lauterstraße Nr. 8 & Nr. 9 waren bis 1933 im Besitz der jüdischen Familie Kaplan in Riga und gingen danach an den Eigentümer H. Reisener, der es vom Oberleutnant über den Hauptmann (1936) bis zum Major (1943) brachte. Bei Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg wurden die Gebäude teilweise zerstört. Zur Geschichte von Albe-, Lauter- und Schnackenburgstraße gehört, dass der Unternehmer Albert Pfennig (1880-1956) das Mietswohnhaus Albestraße Nr. 3 im Jahr 1931 erwarb. Er hatte 1907 in Alt-Moabit ein Delikatessengeschäft gegründet. Auf dem Hofgelände in der Albestraße entstanden nun die Fabrikationsräume von Pfennigs Mayonnaisen- und Salatfabrik Porthmayonnais.

 

In den Nachkriegsjahren gelang es der Familie Pfennig die Grundstücke Albestraße Nr. 1, Lauterstraße Nr. Nr. 5 bis Nr. 9 und wohl auch Schnackenburgstraße Nr. 12 bis Nr. 16 zu erwerben. Auf dem Gelände entstand 1963 ein gewaltiger Baukomplex mit Wohnungen, Tiefgaragen und Parkplätzen im Hof, der als Fremdkörper für die  Friedenauer Bebauung anzusehen ist. 1998 zog sich die Firma Pfennig aus dem Feinkostgeschäft zurück und beschäftigt sich seither hauptsächlich mit der Vermietung eigener Gewerbeimmobilien und Wohnungen in Berlin und dem Umland.

 

Weiteres in Vorbereitung

Albestraße Nr. 3. Gedenktafel für Max Bruch

Albestraße Nr. 3

Max Bruch (1838-1920)

 

Der Komponist Max Bruch (1838-1920) zog mit Frau Clara geb. Tuczek und vier Kindern am 9. September 1890 in das Haus Albestraße Nr. 3. 30 Jahre lebte er hier bis zu seinem Tode. Sein populärstes Werk – das Violinkonzert in g-Moll, op. 26 – war 1868 entstanden. So sehr Bruch über den Erfolg erfreut war, so sehr wurde es zu einer Belastung, da sich alle nur noch auf dieses Konzert konzentrierten und andere Kompositionen nur ungenügende Würdigung fanden. Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger, schrieb er an seinen Verleger, alle vierzehn Tage kommt einer und will mir das erste Concert vorspielen: ich bin schon grob geworden und habe zu Ihnen gesagt: Ich kann dieses Concert nicht mehr hören - habe ich vielleicht nur dieses eine Concert geschrieben? Gehen Sie hin und spielen Sie einmal die anderen Concerte, die ebenso, wenn nicht besser sind! Als das nicht ausreichte, setzte er sich 1893 hin und forderte ein Verbot des Konzerts:

 

Da sich in neuester Zeit das erstaunliche Factum ereignet

Dass die Geigen von selbst spielten das erste Konzert

Machen wir schleunigst bekannt zur Beruhigung ängstlicher Seelen

Dass wir besagtes Concert verbieten mit Ernst.

 

Der Ärger mit dem berühmten Werk ging weiter. Nachdem der Musikverleger August Alwin Cranz das Hamburgische Musikalien-Leih-Institut von seinem Vater übernommen hatte, überließ ihm Bruch die Partitur für 250 Taler. Cranz verkaufte sie später mit Gewinn. Irgendwann gelang das Original an Mary Flagler, Erbin von Standard Oil und Sammlerin von Spielkarten und Musikhandschriften. Einhundert Jahre nach der Uraufführung ging die Originalpartitur 1968 an The Mary Flagler Cary Music Collection at the Morgan Library in New York. In Friedenau entstanden einige bedeutende Kompositionen, u. a. Violinkonzert Nr. 3 (1891), Schwedische Tänze (1892), Serenade für Violine und Orchester (1899), Konzertstück für Violine und Orchester (1910), Konzert für Klarinette, Viola und Orchester (1911), Romanze für Viola und Orchester (1912), Konzert für 2 Klaviere und Orchester (1915). Die Gemeinde war stolz. Sein achtzigster Geburtstag wurde am 6. Januar 1918 im Haus in der Albestraße gefeiert, der Bürgermeister verlieh ihm die Ehrenbürgerwürde, der Kultusminister im Auftrag des Kaisers den Kronenorden zweiter Klasse und die Berliner Universität den Ehrendoktor der Philosophie und der Theologie. Max Bruch duldete keine andersgeartete Überzeugung neben sich. Das artete, wie die Vossische Zeitung schrieb, mitunter zu äußerster Intoleranz aus. Für die nachkommenden Komponisten Richard Strauß, Hugo Wolf, Max Reger und Hans Pfitzner hatte er kein Verständnis. Er lehnte sie ab: Die bedeutenden Leute, mit denen man gelebt hat, gehen Einer nach dem Anderen dahin. Was im 20. Jahrhundert aus der Kunst werden soll, das wissen die Götter. Max Bruch starb am 2. Oktober 1920. Begraben wurde er auf dem St. Matthäus-Friedhof in der Großgörschenstraße. Zur Trauerfeier erklang selbstverständlich – das Adagio seines Violinkonzertes Nr. 1.

 

Albestraße 5, um 1895

Albestraße Nr. 5

Max Schreck (1879-1936)

Baudenkmal Wohnhaus

Entwurf Zimmermannsmeister W. Spieß

Bauherr Gustav Schreck

1885

 

Das zweigeschossige, vierachsige Landhaus wurde auf einem klassischen Sechsfelder-Grundriss errichtet. Der Hauseingang befindet sich im Bauwich an der Westseite. Der rote Sichtziegelbau erhebt sich auf einem niedrigen Souterrain, dem zweiachsigen Mittelrisalit mit erhöhtem Quergiebel ist im Hochparterre eine Veranda mit vier gemauerten Pfeilern vorgesetzt, auf der im Obergeschoß ein Balkon und darauf wiederum ein schmiedeeiserner Altan vor dem Quergiebel des Dachgeschosses angeordnet ist. Der Quergiebel zeigt ein Zierhängewerk. Von der Veranda führt eine Treppe mit Stufenwangen in den Vorgarten hinab. Die originalen Fenster mit Halbsäulen, kleinen Kapitellen und Basen an den Schlagleisten sind gut erhalten. Über dem Hochparterre läuft ein Keramik-Zierfries um das Haus. Auch das Vorgartengitter ist gut erhalten. Das Haus stellt ein Musterbeispiel für ein größeres Rohziegel-Landhaus aus der zweiten Friedenauer Bebauungsphase dar.

Topographie Friedenau, 2000

 

 

 

 

 

 

Im Jahr 1885 errichtete der Zimmermannsmeister Spieß für den Bauherrn Gustav Ferdinand Schreck, seines Zeichens beamteter Topograph der Königlich Preußischen Landesaufnahme beim Generalstab, das zweigeschossige Landhaus Albestraße Nr. 5. Nach der Fertigstellung des roten Sichtziegelbaus zogen Vater Schreck, Mutter Pauline geb. Michaelis und der am 6. September 1879 geborene Sohn Max von der Kaiserin-Augusta-Straße 75/76 in Tiergarten – zusammen mit Onkel und Großvater – in das Friedenauer Vier-Parteien-Haus. Von Vorgarten und Souterrain führt eine Treppe zur Veranda im Hochparterre, über dem im Obergeschoss ein Balkon angeordnet ist. 130 Jahre alt ist das Haus, es steht noch immer – eines der ältesten von Friedenau.

 

Das Umfeld war für den sechsjährigen Max Schreck günstig. Gleich gegenüber befand sich die Schule, anfangs mit nur einer, später mit drei und schließlich auch mit einer Gymnasial-Klasse. Der junge Mann wollte Schauspieler werden. Er absolvierte die Schauspielschule des Preußischen Staatstheaters und machte sich auf die theatralischen Wanderjahre durch die Provinz. Seine sorgfältig gestalteten Chargenrollen, scharf gezeichnete Typen, fanden bei den Theaterkritikern kaum Beachtung, weder in der Spielzeit 1917/18 bei Max Reinhardt (1873-1943) noch in den Jahren von 1922 bis 1930 am Staatstheater unter den Regisseuren Jürgen Fehling (1885-1968) und Leopold Jessner (1878-1945). Der Kritiker Alfred Kerr (1867-1948) begnügte sich mit dem (lang)bewährten Max Schreck und im Berliner Börsen-Courier war er für Herbert Ihering (1888-1977) einer, von dem etwas ausging, der Atmosphäre um sich hatte.

 

Max Schreck, der Nischenschauspieler, nahm, was man ihm anbot, überwiegend kleine Rollen, aus denen er immer wieder etwas machte. Genug war ihm das nicht. Als ihm aber Jessner eine stumme Rolle antrug, ist das Maß voll: Bei solcher Beschäftigung leidet mein künstlerischer Ruf. Ich bitte Sie höflichst, die Rolle anderweitig zu besetzen. Gleichzeitig möchte ich mir nochmals die höfliche Anfrage gestatten, ob mir ein Urlaub nach München nicht gewährt werden kann? Ich könnte dort wenigstens spielen – mich künstlerisch betätigen.

 

Die Kammerspiele München unter Direktor Otto Falckenberg (1873-1947) wurden seine künstlerische Heimat. Hier wurde er anerkannt und gefeiert, hier gehörte er zum Ensemble, zuerst von 1919 bis 1922 und dann wieder von 1930 bis zu seinem Tod. In seinen 35 Berufsjahren spielte Max Schreck viele Rollen, auf dem Theater und in mehr als 40 Filmen. Die Rolle seines Lebens aber übertrug ihm 1922 Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931): Graf Orlok in Nosferatu. Sein filmisches Gespür, seine technische Begabung und Schrecks eindringliche Darstellung des unheimlichen Vampirs machten die Symphonie des Grauens zu einem Meisterwerk. Schrecks Nosferatu hat das Genre Horrorfilm bis heute geprägt.

 

Mit seinem 2009 im Belleville Verlag München erschienenen Buch Max Schreck – Gespenstertheater hat Stefan Eickhoff Schauspieler und Mensch dem Vergessen entrissen. Schon mit dem ersten Satz seiner Einleitung geht Eickhoff beispielsweise auf die wichtige erzählende Funktion der ungewöhnlich hohen Anzahl der Murnau‘schen Zwischentitel ein: Das gespenstische Licht des Abends schien die Schatten des Schlosses wiederum zu beleben. Darauf folgt die für den Schauspieler Max Schreck vielleicht ergiebigste Szene:

 

Graf Orlok sitzt an einem Tisch über Pläne gebeugt. Er langt hastig nach vorn, greift sich ein Dokument, das etwas weiter von ihm liegt. Es ist, als greife er von der Leinwand in das Kino-Auditorium. Sein Gast Hutter steht neben ihm, bereit zu assistieren. Orlok durchsucht hektisch die auf dem Tisch ausgebreiteten Unterlagen nach einem Papier, das er nicht findet. Dann hält er inne, fragt Hutter. Als dieser darauf etwas aus seinem Ranzen zieht, fällt ein Amulett mit dem Bild seiner Frau Ellen auf den Tisch und direkt vor Orloks Nase. Der ist davon gebannt, achtet nicht mehr auf die Papiere, die ihm Hutter vorlegt und greift es sich. Er betrachtet das Bild der Frau auf dem Amulett, saugt sich förmlich daran fest. ‚Wer ist das?‘ scheint er Hutter zu fragen. Hutter sagt es ihm. ‚Einen schönen Hals hat eure Frau!‘ antwortet Orlok. Der ausgetrocknet wirkende Gastgeber ist jetzt in Nahaufnahme zu sehen. Er wendet sich zu Hutter und zeigt auf das Amulett. Die schmalen, zusammengezogenen Lippen geben ein Gitter spitzer Zähne frei. Mit einem dämonischen Lächeln gibt er das Amulett zurück und unterschreibt kurzentschlossen das Dokument, das ihm verspricht, der Frau auf dem Bild nahe zu sein. Hutter ist tief beunruhigt und beginnt die Papiere wieder in seinem Ranzen zu verstauen. Er unterbricht sein Tun noch einmal und blickt seinen bei aller übertriebenen Höflichkeit äußerst bedrohlich wirkenden Gastgeber erschrocken an. Orlok merkt es und sein Blick bleibt in einer Mischung aus Gefahr und eigener Erschrockenheit an Hutters haften. Diese Zuspitzung aus absoluter Triebhaftigkeit, einer seine Umgebung bannenden Zielstrebigkeit und Erlösungssehnsucht prägt Schrecks Gestaltung des Nosferatu. Schauspielerisch gratwandert er dabei zwischen artifiziellster Stilisierung und naturalistischem Umriss. Es ist denn auch mehr als eine clevere Maske, die die Wirkung Schrecks in dem Film ausmacht. Tatsächlich war er von allen Mitarbeitern des Films derjenige mit der meisten Berufserfahrung und bei der Darstellung unheimlicher Figuren bisher keineswegs auf Regisseure und Maskenbildner angewiesen ...

 

Unvergesslich der kahle Schädel, die riesigen Ohren, die gewaltigen Vorderzähne, die krallenartigen Fingernägel. Um Murnaus großartiges Werk wissen auch jene, die sonst keinen Stummfilm kennen. Der Film ist ein Geniestreich, er steht unangefochten für den Vampirfilm – bis heute. Die Presse sah das nach der Uraufführung im Jahre 1922 nicht anders. Für die Vossische Zeitung hatte Nosferatu eine spezifisch filmische Qualität, einen eigenen Film-Stil. Die Lichtbild-Bühne schrieb von einer Sensation, von einer Meisterleistung. Herausgehoben wurde immer wieder seine Rollengestaltung, die den bis dahin unbekannten Schauspieler in der öffentlichen Wahrnehmung mitunter mit der Film-Persona verschmelzen ließ.

 

Am 19. Februar 1936 steht Max Schreck zum letzten Mal auf der Bühne – eine kleine Rolle, wie so oft, der Großinquisitor in Schillers Don Carlos. Am nächsten Morgen, dem 20. Februar um halb neun Uhr, ist er nicht mehr. Drei Tage später nahm das Ensemble der Kammerspiele auf dem Münchner Ostfriedhof Abschied. Direktor Otto Falckenberg dankte ihm für seine Treue, denn Treue war es wohl, die dein Wesen am tiefsten kennzeichnete, Treue zu den Menschen und Treue zu deiner Kunst. Darum bewunderten wir dich, den Künstler, und darum liebten wir dich, den Menschen. Der Großdeutsche Verband der Feuerbestattungsvereine e. V. kümmerte sich um den Rest. Am 14. März 1936 wurde seine Asche in der 70x70 Zentimeter großen Urnengrabstelle der Mutter auf dem Friedenauer Friedhof in Güterfelde beigesetzt. Pauline Schreck, deren Ehemann Gustav am 17. Juni 1898 verstorben und auf dem Friedhof in der Stubenrauchstraße beigesetzt wurde, muss das Haus in der Albestraße Nr. 5 irgendwann verkauft haben. Später wohnte sie bis zu ihrem Tod am 9. Oktober 1934 in der Bennigsenstraße Nr. 26. Es kamen Weltkrieg, Mauerjahre und schließlich die Wiedervereinigung. Anfang der 1990er Jahre machte sich Stefan Eickhoff auf die Suche nach dem Grab. Längst war Gras darüber gewachsen. Friedhofsverwalter Erwin Mahlow rekonstruierte an Hand der Grabkarte Schreck die Lage im Gräberfeld U - UR 670. Der Förderkreis des Museums für Film und Fernsehen Berlin beauftragte den Steinmetzmeister Heinz-Otto Melior, eine Gedenkstele für Schrecks Grab zu schaffen. Die handgearbeitete Granitstele von 23x12x138 Zentimeter mit einer angeschliffenen Schriftfläche und der vertieften mit dunkler Farbe ausgelegten Inschrift wurde zum 75. Todestag von Max Schreck am 20. Februar 2011 enthüllt. Nun sind sie wieder beisammen: Der Meister Friedrich Wilhelm Murnau in einem monumentalen Ehrengrab des Landes Berlin auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof und sein Held, der Schauspieler Max Schreck in einem bescheidenen Urnengrab gleich nebenan auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof Güterfelde. Ein Stück Filmgeschichte.

 

Heinz Tavote, Im Liebesrausch. Verlag Friedrich Fontane & Co, 1897

Albestraße Nr. 6

Heinz Tavote (1864-1946)

 

Eigentümer des Grundstücks war ab 1887 der Baumeister Max Nagel, dessen Büro sich am Friedrich-Wilhelm-Platz Nr. 2 befand. Das zweigeschossige Haus ist in den Jahren bis 1890 errichtet worden. Geht man davon aus, dass Nagel im Centralblatt der Bauverwaltung vom 12. Juli 1884 ein Plädoyer für den Ziegelrohbau hielt, dann müssten damals alle dem Wetter ausgesetzten Teile des zweigeschossigen Hauses aus gutem und echtem Material hergestellt sein. Stuck ist gar nicht zur Verwendung gelangt. Die Dächer sind fast sämtlich mit Siegersdorfer Falzziegeln gedeckt, die sich als vorzügliches Deckmaterial bewährt haben. Auf die Sicherung der Häuser gegen Erdfeuchtigkeit ist das größte Gewicht gelegt worden, da bei dem meist vorhandenen fetten Lehmboden die Gefahr der Schwammbildung nahe lag. 1890 wird im Adressbuch erstmals mit einer Pension ein Mieter erwähnt. 1893 ist das Haus Albestraße Nr. 6 an den Redacteur W. Dust verkauft. Als Mieter ist in diesem Jahr der Schriftsteller Heinz Tovote (1864-1946) eingetragen, der nach Alfred Bürkner im Erdgeschoss gewohnt haben soll.

 

Tovote ist ständig umgezogen: Luther Straße 12, Gartenhaus (1894), Schöneberger Ufer 30 (1896-1900), Kaiser-Friedrich-Straße 7 (1901-1903), Salzburger Straße 14 (1915-1942). Dann verliert sich die Spur. Paul Wieglers Geschichte der deutschen Literatur ist zu entnehmen, dass Heinz Tovote das Gymnasium in Hannover besuchte und anschließend Philologie und Philosophie an den Universitäten in Göttingen und Berlin studierte, wo er sich in allgemeiner Literaturwissenschaft habilitierte. Danach wandte sich Tovote von seiner akademischen Karriere ab und lebte seit 1889 als freier Schriftsteller in Berlin.

 

Heinz Tovote war Verfasser von Romanen und Erzählungen. Seine frühen Werke behandeln erotische Themen aus der dekadenten Großstadtgesellschaft; seine späteren Werke sind hingegen der Trivialliteratur zuzurechnen. Tovote war ein Erfolgsautor der wilhelminischen Epoche; vor allem sein 1890 erschienener Roman Im Liebesrausch erzielte bis in die zwanziger Jahre hohe Auflagen.

 

 

Seit den Kindertagen des Internets bietet das Projekt Gutenberg-DE die weltweit größte deutschsprachige Volltext-Literatursammlung kostenlos an, darunter von Heinz Tovote die Erzählungen Ein Nickel, Fallobst (1890), Lockvögelchen, Trommelklang und Evelinealles für Menschen, die Deutsch lernen möchten und für die, die einfach Freude am Lesen haben. Nachfrage scheint zu bestehen, denn auch die Zentral- und Landesbibliothek Berlin wartet mit der Digitalisierung seiner Erfolgsgeschichte Im Liebesrausch auf.

 

Einpendelapparat von Paul Stückrath

Albestraße Nr. 11

Paul Stückrath, Mechaniker

 

Paul Stückrath übernahm die mechanische Werkstatt im Jahre 1867 von Julius Reimann, der sie in der Johanniterstraße Nr. 8, Berlin SW, etabliert hatte, und behielt sie dort zwanzig Jahre lang bei. Ende März 1887 verlegte er sie nach dem reizenden Friedenau, wo er sich auf einem in der Albestraße Nr. 11 belegenen, 70 Quadratruten großen Grundstücke in angemessener Entfernung vom Wege und vom lauten Verkehr eine stattliche Villa inmitten wohlgepflegter, teils schattiger, teils blumenreicher Gartenanlagen erbaut hat.

Die Werkstatt nimmt, gleichsam als Fundament des ganzen häuslichen Aufbaues, die sämtlichen Räume des ausreichend erhellten Souterrains ein. Wie es scheint, leistet hier die im Allgemeinen konstante Temperatur und die verhältnismäßige Geringfügigkeit von Störungen, welche durch den ohnehin schwachen Verkehr in der Albestraße allenfalls hervorgerufen werden, der feinen mechanischen Arbeit einen erheblichen Vorschub.

Christoph Joseph Cremer, 1900

 

Albestraße 15

Albestraße Nr. 15

Heinrich Cunow (1862-1936)

 

Seit Mai 2021 erinnert am Münchner Königsplatz ein Denkmal an die Bücherverbrennung von 1933. Auf einer runden Scheibe aus hellem Beton wurden in einer Spirale 10.000 Buchstaben ohne Punkt und Komma angeordnet. Es sind die Buchtitel von 310 im Nationalsozialismus geächteten Autoren, darunter die Allgemeine Wirtschaftsgeschichte von Heinrich Cunow aus dem Jahr 1931.

 

Heinrich Cunow war 1919 zum Universitätsprofessor und Museumsdirektor ernannt worden. Plötzlich wurde der während des Kaiserreichs vom Friedenauer Lokal-Anzeiger gar nicht erwähnte Schriftsteller und Sozialdemokrat auch für das Blatt interessant.

 

 

 

 

 

 

Am 4. Mai 1920 wurde den Lesern mitgeteilt, dass im Museum für Völkerkunde infolge der Berufung von Prof. Heinrich Cunow (Friedenau) neben den bisherigen regional gegliederten Abteilungen eine eigene entwicklungsgeschichtliche Abteilung und ein ethnologisches Forschungs- und Lehrinstitut errichtet worden ist. Beide leitet Cunow, ebenso die südamerikanische Abteilung, von der eine südamerikanische Studiensammlung abgetrennt wurde.

 

Heinrich Cunow war 1912 nach Friedenau in eine große 5-Zimmer-Wohnung in die Albestraße Nr. 15 gezogen. Das viergeschossige Mietswohnhaus mit einem Seitenflügel (Gartenhaus) war um 1903 errichtet worden. Schon in den Adressbüchern wird sein Werdegang umrissen: Schriftsteller, Redakteur, Herausgeber, Universitätsprofessor, Museumsdirektor. Unter den veröffentlichten Biographien scheinen uns die Ausführungen der Historikerin Helga Grebing (1930-2017) am ehesten geeignet, Heinrich Cunow vorzustellen:

 

Cunow, in ärmlichen Verhältnissen aufwachsend, besuchte zuerst die Armenschule, später die höhere Bürgerschule und ging nach Abschluss einer kaufmännischen Lehre als Buchhalter nach Hamburg. Hier schloss er sich der Sozialdemokratie an und wurde wirtschaftspolitischer Mitarbeiter des ‚Hamburger Echo‘ und gelegentlicher Leitartikler des ‚Vorwärts‘. Obwohl durch diese Tätigkeit mit der Tagespolitik vertraut, galt doch von Anfang an der wesentlichste Teil seiner schriftstellerischen Arbeit der marxistischen Theorie und der völkerkundlichen Forschung. Die wissenschaftlichen Methoden von Marx und Engels übernehmend, hat er in seinen ethnologischen Arbeiten die marxistische Theorie über die Anfänge von Marx und vor allem Engels auf diesem Gebiet weit hinausgeführt. Alle seine Veröffentlichungen aber sind von dem Bemühen gekennzeichnet, mit einer gemeinverständlichen Sprache nicht für die Wissenschaft, sondern ‚für den Politiker und für den intelligenten Arbeiter‘ zu schreiben.

 

1898 holte ihn Karl Kautsky als Mitarbeiter für die ‚Neue Zeit‘, der theoretischen Wochenschrift der Sozialdemokratie, nach Berlin. Nach dem Tode Liebknechts wurde er 1902 auch in die ‚Vorwärts‘-Redaktion berufen. Ab 1907 wirkte er auch neben Franz Mehring, Rudolf Hilferding und Rosa Luxemburg als Lehrer an der sozialdemokratischen Parteischule in Berlin.

 

Während des Krieges ging er von der äußersten Linken zur äußersten Rechten der Sozialdemokratie über. Er blieb zwar Marxist, erkannte aber, daß entgegen Marx die Geschichte immer die Ideologie korrigiert, und wandte sich deshalb gegen den einseitigen Klassenstandpunkt. Für ihn waren Gesellschaft, Nation und Staat der Klasse gleichgeordnete sozialgeschichtliche Realitäten. So wurde er 1917 nach der Entlassung Kautskys selbst Herausgeber der ‚Neuen Zeit‘ bis zu ihrem finanziellen Zusammenbruch durch die Inflation. Sein politisches Zwischenspiel als Abgeordneter der SPD in der Deutschen Nationalversammlung Weimar (1919/20) und des ersten Preußischen Landtags nach dem Krieg (1921/24) hat kaum eine große Bedeutung gehabt.

 

1930, inzwischen 68, musste Cunow wegen Krankheit seine Vorlesungen an der Universität einstellen. 1933 kassierten die Nationalsozialisten seine Pensionsbezüge und verbrannten seine Bücher. Am 20. August 1936 starb Heinrich Cunow in Berlin, verarmt und vergessen, wie geschrieben wird. Es muss nicht dabei bleiben. Das Völkerkundemuseum, das sich nun Ethnologisches Museum nennt und im Humboldt-Forum residiert, könnte sich konkret mit dem Ethnologen Heinrich Cunow beschäftigen. Seine 1894 erschienene Schrift Die Verwandtschaftsorganisation der Australneger bietet Gelegenheit, dem überkommenen Begriff Australneger für die indigene Bevölkerung Australiens zu begegnen und damit auch nicht Gefahr zu laufen, einer institutionellen Nabelschau zu erliegen.

 

Andreas Platthaus, Lyonel Feininger - Porträt eines Lebens. Rowohlt Berlin, Juni 2021

Albestraße Nr. 16

Lyonel Feininger (1871-1956)

 

Lyonel Feininger kommt 1887 nach Deutschland. Der 16-Jährige besucht die Zeichen- und Malklasse der Gewerbeschule in Hamburg, wechselt 1888 an die Königliche Akademie der Künste in Berlin und trägt sich 1892 für die Aktklasse der Académie von Filippo Colarossi in Paris ein. 1893 kehrt er nach Berlin zurück. Er lernt den Karikaturisten Johann Bahr (1859-1929) kennen, dessen Bildgeschichten in der Satire-Zeitschrift Fliegende Blätter erscheinen. Bahr, der in der Friedenauer Handjerystraße Nr. 75 wohnt, brachte gelegentlich Zeichnungen von mir zu der Redaktion, und wie stolz und glücklich machte es mich, wenn er mir mitteilen konnte, diese oder jene Karikatur ‚hatte gefallen‘ und ‚wurde akzeptiert‘, worauf er 3 Mark als mein Honorar auf den Tisch legte.

 

1894 erhält Feininger seine ersten Aufträge vom ULK, einer Beilage des liberalen Berliner Tageblatt aus dem Verlag von Rudolf Mosse. Das humoristische Magazin hatte sich seine Reputation mit politischer Bildsatire erworben. Mit Parodien über die wilhelminische Gesellschaft arbeitet sich Lyonel Feininger zu einem der gefragtesten Karikaturisten von Berlin hoch.

 

 

1897 zieht er nach Friedenau in das dreigeschossige Mietshaus in die Albestraße Nr. 16, das der Baumeister Hermann Pählchen 1893/94 errichtet hatte und den Ziegeleibesitzern Gericke & Kindel aus Brandenburg an der Havel gehört. Im Januar 1901 heiratet er die Pianistin Clara Fürst (1879-1944), Tochter des jüdischen Dekorationsmalers Gustav Fürst, im Dezember wird Tochter Leonore geboren, im Jahr darauf mit Marianne das zweite Kind.

 

 

Es kommt es zu einem Vertrag mit The Chicago Sunday Tribune für zwei Comics: The Kin-der-Kids und Wee Willie Winkie's World. Am 29. April 1906 erscheint unter der Ankündigung FEININGER. THE FAMOUS GERMAN ARTIST EXHIBITING THE CHARACTERS HE WILL CREATE mit Kin-der-Kids die erste Folge, am 26. August 1906 Wee Willie Winkie’s World – die Klassiker des Genres.

 

 

Im Frühjahr 1905 verliebt sich Lyonel Feininger an der Ostsee in die verheiratete Kunststudentin Julia Berg geb. Lilienfeld (1881-1970). Nach dem Urlaub trennen sich beide von ihren Ehepartnern und ziehen in eine gemeinsame Wohnung in Berlin. Feiningers Töchter bleiben bei Mutter Clara. Julia setzt ihr Studium an der Kunstschule in Weimar fort. 1906 kommt Sohn Andreas (1906-1999) zur Welt. 1908 wird geheiratet. Sie ziehen in die Königstraße Nr. 32 in Zehlendorf, wo Laurence (1909-1976) und Theodore Lux (1910-2011) geboren werden.

 

Ehefrau Julia ermutigt Feininger, den Karikaturisten aufzugeben und sich der Malerei zuzuwenden. 1911 mietet er in der Potsdamer Straße Nr. 29 in Zehlendorf ein Atelier. Mit dem Fahrrad erkundet er die Gegend, immer wieder die Ackerbürgerstadt Teltow mit der aus den Bauernhäusern aufragenden Andreaskirche. Das Gotteshaus war 1801 abgebrannt und erst 1810/12 unter Beteiligung von Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) mit neogotischen und klassizistischen Vorgaben wieder errichtet worden.

 

Am 20. Oktober 1910 entsteht die Bleistiftzeichnung Teltow als sogenannte Naturnotiz – jene für ihn typischen Skizzen, aus denen er später mehr machen konnte. Sie sind ein umfangreiches und aufschlussreiches Kompendium, aus dem sich Ort und Entstehung seiner Gemälde von Brandenburg über Thüringen und Pommern nachvollziehen lässt. So konnte Peter Jaeckel, Vorsitzender des Heimatvereins Teltow, Feiningers Position bei seinen Skizzen ermitteln: Er stand mit Sicherheit auf einer Leiter, möglicherweise sogar auf einem Dach in der Ritterstraße, gleich neben dem Pfarrhaus. Da hatte er seine beste Sicht auf den schlanken Turm.

 

1912 kommt er wieder nach Teltow, zeichnet Häuser in Teltow und schafft im Atelier ein Gemälde, das er 1913 beim Ersten Deutschen Herbstsalon der Galerie von Herwarth Walden in Berlin unter dem Titel Kirche ausstellt. Das Bild erwirbt der Pariser Modeschöpfer Paul Poiret. Es ist seit 1944 verschollen. Erhalten ist nur die schwarz-weiße Abbildung aus dem Katalog des Herbstsalons. Im April 1914 folgt die Radierung Teltow 1 und am 19. November 1914 die Kohlezeichnung Teltow IIII.

 

1918 entsteht im Zehlendorfer Atelier im Suchen nach einer einheitlichen Monumentalität die nächste Version: Das 100 x 125 cm große Ölgemälde auf Leinwand Teltow II: Unter einem grünlichen Himmel wächst aus dem Auf und Ab rotbrauner Hausdächer der Kirchturm heraus, dem kühles Blau zugewiesen wird. Das Aufstreben des Turms wird durch eine Reihung aufsteigender Dreiecksformen verstärkt. Den Kontrapunkt bilden die abwärtsführenden Dreiecke eines dunklen Baums direkt daneben – von der Kunstkritik als ein Hauptwerk des kristallinisch-prismatischen Stils gefeiert. Schon 1911 aber schreibt er an Julia, neulich träumte ich, ich sei ein ‚Kubist‘ und habe lauter Vierecke schräg von oben nach unten abschattieren müssen. Eine spürbare Distanz zu den Kubisten, denn bei Feininger bleibt das Motiv erkennbar und bestimmend. Fern von der Natur gleicht er später im Atelier die Abstraktion mit Farbe und Schatten aus – das Kunstwerk.

 

 

Das Gemälde Teltow II wurde 1921 von der Nationalgalerie Berlin erworben und in der Neuen Abteilung der Nationalgalerie Berlin im Kronprinzenpalais Unter den Linden ausgestellt. Zwei Monate nach der Olympiade wurde die Galerie am 30. Oktober 1936 geschlossen. Bereits am 30. Juni 1937 hatte Goebbels per Erlass Reichskunstkammerpräsident Adolf Ziegler ermächtigt, die im deutschen Reichs-, Länder- und Kommunalbesitz befindlichen Werke deutscher Verfallskunst seit 1910 auf dem Gebiete der Malerei und der Bildhauerei zum Zwecke einer Ausstellung auszuwählen und sicherzustellen.

 

 

Feininger jedoch war amerikanischer Bürger, der seine Staatsbürgerschaft behalten hatte, und sich daher schon im Ersten Weltkrieg als Angehöriger eines Feindstaates jeden Tag bei der deutschen Polizei zu melden hatte: Während dieser letzten drei Kriegsjahre bin ich durch die Einschränkung meiner Freiheit manchmal fast verrückt geworden. Nicht zu können, wenn und wann ich wollte ... dies, verbunden mit vielen anderen Hindernissen, hat meine Kräfte gehemmt (Brief an seine Frau Julia vom 8. August 1917).

 

Am 19. Juli 1937 wird in München die Ausstellung Entartete Kunst eröffnet. Unter dem Titel So schauten kranke Geister die Natur werden acht Gemälde, ein Aquarell und dreizehn Holzschnitte von Lyonel Feininger präsentiert:

 

Scheunenstraße, 1914. Erworben vom Folkwang Museum Essen. NS-Inventar-Nr. 16083

Vollersroda III, 1916. Erworben 1928 vom Städtischen Museum für Kunst- und Kunstgewerbe Moritzburg Halle. NS-Inventar-Nr. 16087

Zirchow VI, 1916. Erworben 1928 vom Städtischen Museum für Kunst- und Kunstgewerbe Moritzburg Halle.  NS-Inventar-Nr. 16081

Gelmeroda III, 1927. Erworben vom Stadtmuseum Dresden. NS-Inventar-Nr. 16082

Der Geiger, 1918. Erworben vom Museum Folkwang Essen. NS-Inventar-Nr. 16430

Hopfgarten, 1920. Erworben vom Museum der bildenden Künste Leipzig. NS-Inventar-Nr. 15980

Marienkirche mit dem Pfeil, Halle, 1930. Erworben 1931 vom Städtischen Museum für Kunst- und Kunstgewerbe Moritzburg Halle.  NS-Inventar-Nr. 16086

Der Turm über der Stadt, Halle, 1931. Erworben 1931 vom Städtischen Museum für Kunst- und Kunstgewerbe Moritzburg Halle. NS-Inventar-Nr. 16086

Benz, 1919. Holzschnitt. Erworben vom Kupferstichkabinett Berlin. NS-Inventar-Nr. 16404

Zwölf Holzschnitte von Lyonel Feininger. Mappe, 1921. Erworben vom Schlesischen Museum der bildenden Kunst Breslau. NS-Inventar-Nr. 16273

Teltow II, 1918. Erworben 1921 von der Nationalgalerie Berlin. NS-Inventar-Nr. 16084

 

Am 12. November 1941 gibt das Institut für Deutsche Kultur- und Wirtschaftspropaganda die Sammlung Entartete Kunst an das Reichspropagandaministerium zurück. Das Gemälde Teltow II wird dem Kunsthändler Bernhard A. Böhmer in Güstrow übergeben, der für die devisenbringende Verwertung der entarteten Kunst im Ausland zuständig ist. Vor dem Einrücken der Roten Armee wählt er den Freitod. Bevor die Erbin Wilma Zelk in Rostock über den Nachlass verfügen kann, sorgt die Deutsche Zentralverwaltung für Volksbildung der SBZ für die Sicherstellung und 1947 für die Übergabe der geraubten Kunstwerke an das Museum der Stadt Rostock. Teltow II wird 1949 an die Nationalgalerie in Ost-Berlin zurückgegeben. Nicht zu verstehen ist allerdings, dass das Rostocker Museum laut Bestandsübersicht vom Juni 2020 weiter über eine Sammlung Bernard A. Böhmer mit sieben Holzschnitten und einer Radierung aus den Jahren von 1910 bis 1931 verfügt, die noch nicht an die bekannten Herkunftsmuseen in Erfurt, Hamburg, Hannover, Kaiserslautern, Weimar und Wiesbaden zurückgegeben wurden.

 

Lyonel Feiniger mit Fahrrad, 1894

Nachtrag

 

Lyonel und Julia Feininger verlassen Deutschland am 11. Juni 1937. Zuvor bringen sie 64 Gemälde und 1000 Arbeiten auf Papier bei Hermann Klumpp in Quedlinburg unter, der die Feiningers nach dem Krieg um klare Regelungen bittet. Am 6. August 1948 schreibt Julia Feininger: „Auf keinen Fall würden wir alle Bilder haben wollen. Jedenfalls lege ich hier die Liste der Bilder bei, die eventuell für uns zurückzuhaben, in Frage kämen." Randanmerkung: „Du siehst, wie wenige es sind.“ (Anlage: Liste mit 8 Ölbildern).

 

Lyonel Feininger stirbt 1956 in New York, Julia 1970. Nach ihrem Tod fordern Feiningers Söhne die Rückgabe. Die Bilder werden beschlagnahmt und von Quedlinburg in das Depot der Nationalgalerie in Ost-Berlin gebracht. Es kommt zu einem komplizierten Rechtsstreit zwischen den amerikanischen Anwälten der Kinder und den Behörden der DDR, die u. a. darauf hinweisen, dass sich in den USA zwei Bilder von Albrecht Dürer befinden, die von einem US-Soldaten aus dem Schloss in Weimar „gestohlen“ waren und den Staatlichen Kunstsammlungen zu Weimar gehören.

 

Als der Fall 1982 entschieden war und die Bilder wieder in Weimar waren, präsentierte die DDR für vierzehn Jahre Lagerung, Versicherung und Restaurierung eine Rechnung von fast einer Million Dollar. So kam es, dass die Feininger-Bilder Karneval (1908), Dämmerdorf (1909) und Stillleben mit Pinseln (1915) als Schuldbegleichung und Geschenk der Erben Feiningers 1984 an die Nationalgalerie Berlin gingen. Alle übrigen Gemälde gingen an die rechtmäßigen Eigentümer zurück.

 

 

 

Zehn Gemälde sowie die Arbeiten auf Papier verblieben im Besitz von Hermann Klumpp, der diese zur Gründung der Lyonel-Feininger-Galerie Quedlinburg zur Verfügung stellte. Weitere Feininger-Konvolute befinden sich heute in der Kunstsammlung Chemnitz (Sammlung Harald Löbermann) sowie im Kunstmuseum Moritzburg Halle. Den größten Teil des Nachlasses und damit die umfangreichste Sammlung von Feiningers Arbeiten verwahrt das Harvard Art Museum Cambridge.

 

In Lyonel Feininger – Porträt eines Lebens, erschienen im Mai 2021 bei Rowohlt, schreibt Andreas Platthaus: Seit seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten hatte es keine nachweisbaren Bemühungen seitens Lyonel Feiningers gegeben, die Ausreise seiner in Berlin zurückgebliebenen Angehörigen zu erreichen oder auch nur anzuregen.

 

Feiningers erste Ehefrau Clara bleibt während der NS-Zeit in Deutschland. Sie wird am 10. Januar 1944 als jüdischer Mischling nach Theresienstadt deportiert und am 23. Oktober 1944 nach Auschwitz gebracht. Hier endet ihre Geschichte. Die Töchter Eleonore und Marianne überlebten. Sie waren nach Kriegsende auf Hilfspakte des Vaters aus Amerika angewiesen.

 

Albestraße Nr. 19. Foto Hahn & Stich

Albestraße Nr. 19

Baudenkmal Mietshaus & Einfriedung

Entwurf Baugewerksmeister James Ruhemann

Bauherr Kunstbauschlosser Heinrich Klemme

1892-1893

 

Der Friedenauer Lokal-Anzeiger meldete am 31. Juli 1905: Aus Lindow in der Mark kommt uns die Trauernachricht zu, dass unser Mitbürger Karl Klemme, der dort im Sommeraufenthalte weilte, beim Baden ertrunken ist. Die Leiche konnte noch nicht geborgen werden. Herr Klemme zählt zu den ältesten Einwohnern Friedenaus und erfreute sich allgemeiner Beliebtheit. Die Leiche wurde bald gefunden: Am Nachmittag des 3. August 1905 fand 4 Uhr auf dem hiesigen Friedhofe die Beerdigung des in weiten Kreisen bekannten Herrn Karl Klemme statt.

 

 

 

 

Was in im Ruppiner Land tatsächlich vorgefallen war, lässt sich der öffentlichen Belobigung des Regierungspräsidenten zu Potsdam vom 8. Oktober 1905 entnehmen: Der städtische Lehrer Rudolf Matthiae aus Berlin, Müllerstraße 135 und die dreizehn Jahre alte Schülerin Charlotte Wedemeyer aus Lindow haben am 30. Juli d. J. die neun und elf Jahre alten Söhne Karl (geb. 1896) und Georg (geb. 1894) des Hausbesitzers Klemme aus Friedenau, welche im Wutzsee bei Lindow badeten, von dem Tode des Ertrinkens gerettet.

 

Der Name Klemme taucht in Friedenau 1885 erstmals unter Rheinstraße Nr. 40 auf. Ein Jahr später ist er Eigentümer des Anwesens Schmargendorfer Straße Nr. 25. Dort erweitert der Kunst- und Bauschlosser sein Angebot: Gitter & Ornamente, Geldschränke & Gas- und Wasseranlagen. 1892/93 entsteht nach einem Entwurf von Baumeister James Ruhemann ein Neubau in der Albestraße Nr. 19: Das siebenachsige, viergeschossige Mietshaus steht im Knick der Bauflucht. Die neobarocke Fassade wird durch einen Standerker asymmetrisch gegliedert, in dem das von Säulen flankierte, tiefe Eingangsportal angeordnet ist, das von einem aufgebrochenen Giebel, in dem eine Vase steht, bekrönt wird. Das Erdgeschoss des Hauses ist verputzt und mit schweren Bossenquadern rustiziert, die Obergeschosse sind mit gelben Ziegeln verkleidet und die Fenster und Türen mit weißen Putzfaschen versehen. Die Fassade zeigt im Osten Loggien, im Westen Balkons. (Topographie Friedenau, 2000)

 

Nach dem Tod von Karl Klemme führt Witwe Anna geb. Heinrich die Geschäfte der Klemme’schen Fabrik fort – offensichtlich bis 1909. Da heißt es Rentiere. Bis mindestens 1943 bleibt sie Eigentümerin des Hauses Albestraße Nr. 19. Das Ladengeschäft links vom Hauseigang wird immer wieder an Handwerker vermietet: Stuckateure, Plätterei, Klempner, Schneider. Nachdem der Glaser und Bilderrahmenbauer Hans-Jürgen Arnsmann 1967 seinen Meisterbrief gemacht hatte, übernahm er 1979 den Eckladen. Da die Glaserei mehr und mehr zum Nebengeschäft wurde, konzentrierte er sich auf die Anfertigung von Bilderrahmen und wurde zu einer Friedenauer Institution. Damit soll jetzt Schluss sein. Nach einem Bericht des Tagesspiegel vom 30. Mai 2018 hat das Haus einen neuen Eigentümer, so eine Firma vom Ku’damm. Arnsmann soll seine Werkstatt für Bilderrahmung und Glasreparaturen räumen. Das Haus wird luxussaniert. Einige Mieter sind bereits ausgezogen. Im Mai 2018 wurden erste Angebote offeriert: 787.000 EUR für 143 m² oder 436.000 EUR für 97 m².

 

Verständlich, dass sich der inzwischen 80-jährige Hans-Jürgen Arnsmann nicht gegen die Verdrängung wehren möchte. Die sitzen am längeren Hebel. Die Zeiten, als er bei gutem Wetter einen Arbeitstisch vor seine Werkstatt stellte und unter freiem Himmel sägte und schneidete, sind vorbei. Das beschauliche Friedenau ist nicht mehr. Es gibt Menschen, die das nicht wahrhaben wollen. Eine ziemlich bekannte Schriftstellerin kam erstmals 1972 nach Friedenau und blieb zwei Jahre. Zu dieser Zeit lebten hier Uwe Johnson, Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger, Christoph Meckel, Nicolas Born und Hans Christoph Buch. Seit einigen Jahren lebt sie wieder in Berlin. Nun spaziert sie häufig nach Friedenau, die Prinzregentenstraße lang, dann die Handjery und weiter, weiter. Ich finde, der Stadtteil hat sich sehr wenig verändert seit den Siebzigern. Ein Kommentar erübrigt sich.

 

Albestraße Nr. 20. Foto Hahn & Stich

Albestraße Nr. 20

Baudenkmal Mietshaus & Einfriedung

Entwurf Baugewerksmeister James Ruhemann

Bauherr Schlossermeister R. Sotscheck

1892-1893

 

Das Mietwohnhaus ist ein symmetrisch aufgebautes, viergeschossiges, siebenachsiges Gebäude. Beiderseits der Mittelachse befindet sich je ein Erkervorbau mit Loggien. Das Eingangsportal in der Mittelachse wird von flankierenden Säulen mit einem aufgebrochenen Volutengiebel und einer Kartusche mit Frauenkopf gebildet. Auch dieses Haus ist im Erdgeschoß mit einer schweren Bossen-Rustika in Putz und einer Klinkerverkleidung in den Obergeschossen versehen. Die Fenster und Türen zeigen Putzfaschen. Topographie Friedenau, 2000

 

 

 

Paul Wächter, Optische Werkstätte, Albestraße

Albestraße Nr. 21

Paul Wächter (1846-1893)

Optische Werkstatt

 

Paul Wächter wurde bei Zeiss in Jena zum Optiker und Mechaniker ausgebildet. 1872 gründete er die Optische Werkstätte Paul Wächter in der Köpenicker Straße Nr. 115 in Berlin. 1890/91 verlegte er die Produktion in die Albestraße Nr. 21. In den folgenden Jahren hatte die Firma mit etwa 10 bis 12 Gehilfen maßgeblichen Anteil an der Bedeutung Friedenaus als Standort der optischen Industrie. Sie fertigte Mikroskope, mikroskopische Hilfsapparate und photographische Objektive an. Nach dem Tode Wächters wurde das Unternehmen zunächst von seinen langjährigen Meistern Puchler und Prasser geleitet. Später wurde die Werkstatt von Pridat, Ernst und Co in Potsdam übernommen.

 

Zu den Spezialitäten der Optischen Werkstätten Paul Waechter Friedenau gehörte das um 1885 entwickelte Trichinenmikroskop für die Fleischbeschau.

 

 

 

In der Bedienungsanleitung heißt es: Die zu untersuchenden Fleischstückchen werden auf die viergeteilten Kompressorien (Segment 1 bis 4) aufgebracht und durch Anziehen der geschwärzten Rändelschraube zwischen den beiden Glasplatten gequetscht. Die Kompressorien werden durch das Rändelrad an der rechten Seite unterhalb des Tisches positioniert, wobei man zunächst eine Position am Rand wählt und anschließend die Scheibe für eine Umdrehung bis zur spürbaren Rastung dreht. Im nächsten Schritt wird die Scheibe durch das Rändelrad gen Zentrum bewegt (ebenfalls gerastet) und die zweite Drehung um 360 durchgeführt. Dies wird so lange wiederholt, bis die Platten komplett abgescannt sind. Auf diese Weise ist gewährleistet, dass die Proben bestmöglich untersucht werden.

 

Albestraße Nr. 24. Foto Hahn & Stich, 2019

Albestraße Nr. 24

Baudenkmal Landhaus

Entwurf Architekt Otto Hoffmann

Bauherr Anna Seigel

1888

 

Das Landhaus, laut Inschrift „Villa Anna“, ist für den Vizeadmiral Hans Sack, einen Mitarbeiter des Großadmirals Alfred von Tirpitz, gebaut worden. Es ist ein schmales, zweigeschossiges, giebelständiges Landhaus, ein gelblichroter Ziegelbau mit einem Eingangsanbau an der Westseite. An der Ostseite trägt ein eingeschossiger, zweiachsiger gelber Ziegelanbau eine große Terrasse. Ein Schweizerhaus-Giebel (mit Knaggen und Stützen für die Pfetten und einer Verkleidung aus Zierbrettern) ziert das flach geneigte Satteldach des Hauses.

Topographie Friedenau, 2000

 

Albestraße Nr. 30. Foto Hahn & Stich

Albestraße Nr. 30

Baudenkmal Mietshaus & Einfriedung

Entwurf & Bauherr Architekt Richard Draeger

1891-1892

 

Das Haus wurde laut Inschrift über dem Hauseingang 1896 von Richard Draeger für „M. R.“ (mit den Freimaurerzeichen Winkel und Zirkel) erbaut, jedoch nach den Bauakten bereits 1891-92. Das dreigeschossige, sechsachsige Mietwohnhaus aus roten Ziegeln auf einem hohen, geböschten Souterrain wird in der Mittelachse durch einen zweiachsigen Standerker gegliedert, der oben einen Altan trägt. An Fenster- und Türgewänden sind Putzbossen in die roten Ziegelmauern eingefügt. Topographie Friedenau, 2000

 

Nach der Fertigstellung des Hauses zog der Architekt Richard Draeger 1893 mit seinem Büro für Bauausführungen ein.

 

Das Grab von Richard Draeger ist erhalten und befindet sich auf dem Friedhof Stubenrauchstraße.

Albestraße Nr. 31-33. I. Gemeindeschule 1890

Albestraße Nr. 31-33

I. Gemeindeschule Friedenau

 

Die Gemeinde Friedenau war am 1. Oktober 1875 aus dem Schulverband der Gemeinde Deutsch-Wilmersdorf ausgeschieden. In der Ringstraße Nr. 49 (seit 1962 Dickhardtstraße) wurde zunächst eine einklassige Gemeindeschule eingerichtet. 1875 kaufte die Gemeinde ein bereits bestehendes Landhaus in der Albestraße Nr. 31 und richtete einen Klassenraum für 68 Mädchen und 57 Jungen ein. Schon 1877 wurde das Grundstück Albestraße Nr. 32 erworben. Neben dem Landhaus entstanden 1890 ein größeres Schulgebäude für acht Klassen sowie eine Turnhalle. Fünf Jahre später wurde das Landhaus abgerissen. Auf dem Areal wurde 1895 der Neubau eines weiteren Schulhauses, mit dem zusätzlich die erste öffentliche Höhere Lehranstalt für Knaben eröffnet wurde.

 

 

 

 

Friedenau wuchs weiter. In der Rheingaustraße wurde eine zweite Volksschule eröffnet, in der die Mädchenklassen untergebracht werden. Die Jungen bleiben in der Albestraße. Viele Jahre nach der Gründung von Gross-Berlin und der Eingemeindung von Friedenau nach Schöneberg wurde die 1. Gemeindeschule 1932 in 18. Volksschule Berlin-Schöneberg umbenannt, aus der 1956 die Fläming-Schule wurde. In den 1960er Jahren vernachlässigte der Senat von Berlin seine Schulpolitik. Übersehen wurde, dass immer mehr Schüler unterzubringen waren. 1971 wurde deshalb der Neubau einer Schule als Fertigbau in der Illstraße 4-6 beschlossen, die 1973 übergeben werden konnte. Die Schulgebäude in der Albestraße 31-33 wurden abgerissen. Die Freifläche wurde zunächst als Spielplatz genutzt. Auf dem Grundstück Albestraße 31 bis 33 entstand das Evangelische Seniorenheim.

 

Albestraße 35. Sammlung Staudt. Museum Schöneberg

Albestraße Nr. 35

 

In Vorbereitung