Name seit 1910, vorher Straße 12, benannt nach dem Friedenauer Kommunalpolitiker Friedrich Bache (1841-1917). Als die Gemeinde Friedenau unter Gemeindebaurat Hans Altmann den Bebauungsplan zwischen Kaiserallee (Bundesallee), Mainauer Straße und Wilhelmstraße (Görresstraße) auf Wunsch des Unternehmers Georg Haberland (1861-1933) und seiner „Terrain-Gesellschaft Berlin-Südwest“ für eine „Verdichtung“ ändert und die „Straße 12“ (ab 1910 Bachestraße) anlegt, wird nicht bedacht, dass das Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7 mit seinen Bauten über Vorgarten und Bürgersteig hinweg bis 6,40 m in die neue Straße hineinreicht. Links und rechts davon entstehen die vierstöckigen Häuser der Bachestraße Nr. 1-13.

 

Der Italiener Valentino Casal hat vor 1898 das Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7 erworben und darauf ein Wohnhaus für sich, seine aus Ostpreußen stammende Ehefrau Ida Eva geb. Sucht sowie die Kinder Eva, Eugenie und Peter errichtet. Auf dem weit in die Tiefe reichenden Grundstück entsteht seine Werkstatt für „Marmor-Ausführungen, Monumental-Bauten und Grab-Denkmäler“. Am 24. Januar 1899 verkündet der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“, dass „der Bildhauer Casal in der Wilhelmstraße ein größeres Atelier erbauen wird, zu welchem bereits die Bauzeichnungen eingereicht sind. Herr Casal hat bekanntlich den Auftrag, mehrere Denkmäler für die Siegesallee auszuführen. Friedenau würde dann Gelegenheit haben, öfter den Kaiser, der bekanntlich die Ateliers der Bildhauer gern besucht, in seinen Weichbildgrenzen zu sehen“.

 

Am 16. März 1899 erteilt die Gemeindevertretung die Genehmigung zur Errichtung von Wohn- und Werkstattgebäuden. Allerdings muss sich der Bauherr verpflichten, „der Gemeinde die anteiligen Kosten für die noch nicht erfolgte definitive Pflasterung der genannten Straßen sowie für die Anlage eines Entwässerungskanals zu erstatten, wenn die Pflasterung und Kanalisierung der genannten Straßen erfolgt, den Bürgersteig vor dem Grundstück in voller Breite zu pflastern, in der Mitte mit einer 1 m breiten Granitplattenbahn zu versehen und gegen den Straßendamm mit Granitbordschwellen abzugrenzen. Die Belastung ist durch Kautionsleistung sicher zu stellen oder in das Grundbuch einzutragen“.

 

Nachdem sich 1908 in dieser Gegend „eine so rege Bautätigkeit entwickelt hat, dass ein großer Teil dieser Straßen bereits mit Gebäuden besetzt ist, dürfte es sich empfehlen, nunmehr auch die Straße 12, welche die Kaiserallee mit der Mainauer Straße verbindet, endgültig zu regulieren und mit Asphaltbelag zu versehen“. Da aber die auf dem Casal'schen Grundstück befindlichen Atelier- und Werkstatträume soweit in die zukünftige „Straße 12“ (Bachestraße) hineinragen, „dass der Fuhrwerkverkehr auf derselben behindert werden würde, wenn dieselben bestehen blieben, wird daher deren Beseitigung erforderlich werden. Da Herr Casal diese Räume jedoch für seine Bildhauerwerkstatt nicht entbehren kann, wird der Wiederaufbau derselben an anderer Stelle des Grundstücks notwendig werden. Herr Casal hat seinerzeit seinen Widerspruch gegen die Fluchtlinien der „Straße 12“ nur unter der Bedingung fallen lassen, dass die durch die Veränderung entstehenden Kosten nicht ihm zur Last fallen. Dieselben werden daher von den Anliegern der Straße 12 gemeinschaftlich zu tragen sein. Der Bauausschuss empfiehlt die Regulierung der Straße 12 unter der Bedingung, dass die „Terraingesellschaft Süd-West“ die für die Regulierung der Straße und die bauliche Veränderung auf dem Casal'schen Grundstücke entstehenden Kosten solange zu verauslagen, bis die entsprechenden Beträge bei einer Bebauung derselben fällig werden“.

 

Am 23. Oktober 1908 berichtet Bürgermeister Schnackenburg, „dass sich, wie aber immer bei solchen Gelegenheiten, keine Einigung der Anlieger hat erzielen lassen und die Verhandlungen mit Herrn Casal abgebrochen habe“. Am 9. Juli 1909 „erklärt Baurat Altmann, dass nunmehr alle an der Straße 12 liegenden Grundstücke, außer das Casal'sche Grundstück, bebaut werden sollen. Die Straße kann dann auch, ohne das Casal’sche Grundstück zu berücksichtigen, reguliert werden. Man hofft, vielleicht auf diese Weise Herrn Casal zu veranlassen, dass er seinen Widerstand aufgibt und den Abriss seines in die Straße 12 hineinreichenden Ateliers veranlasst. Bürgermeister Schnackenburg führt hierzu an, dass „Herr Casal die Absicht hat, dort wohnen zu bleiben. Man könne ja Herrn Casal zwingen, den nach der Straße gehörigen Teil des Grundstücks abzureißen. Doch dies verursache erhebliche Entschädigungskosten“. Am 27. Dezember 1909 ist „infolge Bebauung eines Teiles der Straße Nr. 12 eine Umnummerierung derselben erfolgt“. Dem in die Straße hineinreichenden bisher nicht nummerierten Casal’schen Grundstück wird die Nr. 10 zugeteilt. Im Friedenauer Adressbuch steht dann ab 1911: „Bachestraße Nr. 10 gehört zu Wilhelmstraße Nr. 7. bzw. Wilhelmstraße Nr. 7 gehört zu Bachestraße Nr. 10.“

 

Der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ berichtet am 28. Februar 1912:: Der Teltower Landrat hat den Friedenauer Gemeindevorstand „wiederholt ersucht, auf eine Beseitigung der durch die auf dem Casal'schen Grundstück vorhandenen Baulichkeiten hervorgerufenen, angeblich schweren Mißstände in der Bachestraße hinzuwirken und dafür zu sorgen, dass durch Beseitigung der in den Fahrdamm der Bachestraße vorspringenden Baulichkeiten die Anlegung des fluchtlinienmäßig festgesetzten Straßenzuges auch vor dem Casal'schen Grundstücke sobald wie möglich durchführbar wird. Es sind daraufhin mit dem Bildhauer Herrn Casal zunächst mündliche, alsdann schriftliche Verhandlungen geführt worden.“

 

Dazu Gemeindebaurat Hans Altmann: Auf die Vorschläge des Gemeindevorstands „ist dieser Herr nicht eingegangen. Herr Casal will mit seinem Grundstück bis zur Vorgartengrenze zurücktreten, verlangt aber, dass ihm die Gemeinde dann nach der Wilhelmstraße zu einen neuen Schuppen errichtet. Die Kosten hierfür würden etwa 10.000 M. betragen. Ferner beansprucht er die Freistellung von jeglichen Anliegerbeiträgen, was ebenfalls einen Betrag von 2700 M. ergeben dürfte. Auch die Kanalisations- und gerichtlichen Kosten müsse die Gemeinde tragen, so dass bis zu 14.000 M. Kosten der Gemeinde erwachsen würden. Außerdem stellt Herr Casal aber noch die Bedingung, dass der Streifen, den er abtrete, ihn als bebauungsfähige Fläche angerechnet werde“. Gemeindevertreter Gerken meint, „dass, da eine öffentliche Verkehrsstörung vorliegt, man den Besitzer zur Abtretung des Geländes zwingen könne.“ Darauf erwähnt Schöffe Draeger, „dass das Enteignungsrecht der Gemeinde selbstverständlich frei stehe, aber man müsse dann das ganze Grundstück erwerben, rnindestens aber das Atelier. Die Neuerrichtung des Ateliers könne Herr Casal dann aber verlangen“.

 

Es kommt der Erste Weltkrieg und am 28. August 1916 erklärt Italien Deutschland den Krieg. Bereits am 22. September 1916 schlägt auch der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ unter dem Titel „Der feindliche Vorsprung in der Bachestraße“ neue Töne an: „Ein schwerer Krieg ist uns aufgedrängt; von allen Seiten Feinde! Dass uns manche unserer Nachbarn nicht besonders grün waren und neidisch auf unsere Entwicklung blickten, wussten wir schon lange. Aber wir fühlten uns sicher, denn wir hatten auch Freunde. Dass wir von einigen derselben in der Stunde der Not verlassen werden würden, konnte niemand wissen, weil wir deren Charakter nicht kannten und die Hinterlist dieser Biedermänner nicht ahnten ... Das neue Rathaus von Friedenau scheint sich noch im tiefsten Frieden zu wähnen, denn sonst wären schon längst Schritte getan worden, um das dem italienischen Staatsangehörigen Casal gehörige, in die Bachestraße vorspringende und diese ganze Straße verunzierende und verunglimpfende Grundstück zum Besten der Allgemeinheit zu enteignen ... War zum ersten Mal bei der Anlegung der Straße mit Herrn Haberland die Gelegenheit verpasst worden, ihm die freie Durchlegung zur Bedingung zu machen, so bietet sich jetzt für die Gemeinde nochmals die Gelegenheit, das damals Versäumte endlich und gründlich nachzuholen“.

 

In der Gemeindevertretersitzung vom 16. August 1917 wird folgende Beschlussfassung präsentiert: „Mit der Entgegennahme der Auflassung (Ende der Nutzung) des dem Bildhauer Valentino Casal gehörigen Grundstücks, im Grundbuche von Friedenau unter Band XVIII, Blatt 999, eingetragen, wird der Gemeindeobersekretär Borck bevollmächtigt.“ Das Eigentum des Italieners geht, ungeachtet dessen, dass er mit einer Deutschen verheiratet ist, in den Besitz der Gemeinde Friedenau über. Frau und Kinder dürfen im Haus bleiben. Valentine Casal flieht ins Ausland. 1921 kommt das Anwesen Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 in die Hände der Grundstücksverwaltungsgesellschaft Schöneberg. Laut Baubuch wurden die auf die Bachestraße ragenden Bauteile bereits am 22. März 1922 entfernt. 1925 geht das gesamte Grundstück an das Bezirksamt XI. (Schöneberg). Am 18. Juni 1934 erklärt sich das Bezirksamt Schöneberg mit dem Abriss sämtlicher Gebäude auf dem Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 und der Schaffung einer Parkanlage einverstanden. Die Abrissarbeiten auf dem nun städtischen Grundstück werden im Jahr 1935 ausgeführt. Valentino Casal wird nach einem langen Rechtsstreit vor dem europäischen Gerichtshof Ende der 1920er Jahre entschädigt.

 

Grundsteinlegung Rathaus Friedenau. Bürgermeister Walger (Hammerchlag), 1 Hans Altmann, 2 Friedrich Bache, 3 Georg Haberland, 4 Heinrich Sachs, 5 Paul Kunow, 6 Paul Sadée. Aufnahme aus dem Archiv Schöneberg

Friedrich Bache (1841-1917)

 

Sein Tod kam plötzlich und unerwartet. „Bei einer häuslichen Beschäftigung“, so der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ am 13. November 1917, „wurde er gestern Vormittag vom Schlage gerührt. Seine Gattin fand ihn einige Zeit später leblos auf“. Drei Tage später gab es eine Trauerfeier in der Kirche „Zum guten Hirten“ und die Beisetzung „auf dem hiesigen Friedhofe“.

 

Das Grab des Kommunalpolitikers Friedrich Bache auf dem Friedhof Stubenrauchstraße existiert nicht mehr. Da half es auch nichts, dass ihn die Gemeindevertretung 1910 zum Ehrenbürger von Friedenau ernannte. Geblieben ist die „Straße 12“, die 1910 den Namen „Bachestraße“ erhielt, geblieben ist auch sein Landhaus in der Handjerystraße Nr. 88.

 

Friedrich Bache wurde am 20.11.1841 geboren. Nachdem er zum „Königl. Rath im Ministerium der öffentlichen Arbeiten“ aufgestiegen war, erwarb er 1887 das Haus Handjerystraße Nr. 50. Parallel dazu ließ er sich von Architekt Max Nagel das eingeschossige Landhaus Handjerystraße Nr. 88 „auf hohem Souterrain in gelben Ziegeln mit einer Fülle von Mustern aus Streifen und Kreuzen als Rohziegelbau“ errichten. Laut Adressbuch war er als Eigentümer offiziell ab 1893 gemeldet.

 

 

Friedrich Bache war, wie man heute formulieren wurde, damals bereits gut „vernetzt“. Er gehörte dem Gemeindekirchenrat an, war Mitglied des Haus- und Grundbesitzervereins, des Krieger- und Landwehrvereins, des Flottenvereins, des Feuerwehrvereins. Am 10. August 1893 wurde er in den Gemeindevorstand gewählt. Bache registrierte, dass es um die Schulen in Friedenau in diesen frühen Jahren nicht gut bestellt war, und so stürzte er sich als Dezernent in diese Aufgabe. Dekoriert wurden seine Bemühungen mit der Verleihung des preußischen „Roten Adlerordens“. Es blieb nicht aus, dass Geheimrat Bache die Gemeinde Friedenau im Teltower Kreistag vertrat und schließlich auch als Vertreter des Kreises in den Provinziallandtag on Preußen gewählt wurde.

 

Bache hat während seiner 24-jährigen Tätigkeit für die Gemeinde Friedenau einige Veränderungen erlebt, wenn nicht sogar mit veranlasst. Auf die Gründergruppe um Robert Hertel (im Hauptberuf Geheimer Rechnungsrat im Kriegsministerium), Wilhelm Fröauf (Geheimer Rechnungsrat der Gewerbeakademie) und Georg Roenneberg (ehrenamtlicher Gemeindevorsteher), die die Geschicke des Ortes wie einen Schrebergartenverein lenkte, folgte Roennebergs Bruder Major a.D. Albert Roenneberg als hauptamtlicher Gemeindevorsteher und schließlich der erfahrene Verwaltungsfachmann Bernhard Schnackenburg (1867-1924) als Bürgermeister. Als der sich 1909 von Friedenau verabschiedete und Oberbürgermeister von Altona wurde, war Bache wohl entscheidend an der Wahl des neuen Bürgermeisters Erich Walger (1867-1945) beteiligt.

 

Friedrich Bache starb am 12. November 1917. Er wurde 77 Jahre alt. Bürgermeister Erich Walger blieb der Nachruf: „Wir beklagen das Dahinscheiden dieses um die Gemeinde hochverdienten Mannes und werden ihm stets ein ehrendes Gedenken bewahren.“ Witwe Pauline Bach geborene Bamberg wohnte noch bis 1928 im Landhaus Handjerystraße Nr. 88. Im Jahr 1929 sind „Bachesche Erben“ als Eigentümer eingetragen und ab 1931 das von Eva Tiele-Winckler (1866-1930) gegründete „Diakonissenhaus Friedenshort (Schlesien). Verwalterin Wilde, A. Diakonissin, Wernicke, M. Buchhalterin“. Das Haus gehört inzwischen zur „Stiftung Diakonissenhaus“, nennt sich „Tiele-Winckler-Haus“ und betreibt dort Wohnheim, Werkstatt und Tagesförderstätte für Behinderte.

 

Bachestraße um 1930

Ein Venezianer in Friedenau

 

Da musste erst Donna Leon kommen – diesmal ohne Begleitung von Commissario Brunetti –  um der Welt zu erklären, dass die Gondel, die heute Touristen in verschwiegene Seitenkanäle entführt, auf das neunzehnte Jahrhundert zurückgeht, als die Bootsbauer Casal und Tramontin sie nicht nur schmaler machten, sondern auch jene asymmetrische Form einführten, die wir heute kennen.

 

Ein Spross der Familie Casal hatte im Januar 1899 ein großes Grundstück in Friedenau für eine Anzahl von Ateliers und ein Haus für meine Familie gekauft: Valentino Ludwig Maria Casal. Seine Eltern sahen für sich in den italienischen Dolomiten keine Zukunft und waren 1833 von Forno di Zoldo in den dichtbesiedelten Stadtteil Cannaregio von Venedig gezogen. Im Jahr 1852 kaufte Giuseppe Casal (1834-1906), genannt Bepo el grando, eine Werft, in der er mit Holzbildhauer Valentino Panciera und Partner Domenico Tramontin den Gondelbau revolutionierte. So entstand die heute noch gebräuchliche Form von 11 Meter Länge und 1,40 Meter Breite mit den weit aufgebogenen Enden. Von da an konnte die Gondel von nur einem Gondoliere gerudert werden, und nicht wie zuvor von zwei Gondolieri.

 

Valentino Ludwig Maria Casal, um auf den Venezianer in Friedenau zurückzukommen, wurde am 7. Juni 1867 in Venedig geboren. Mit dem Material Holz hatte er nichts im Sinn. Er ging an die Scuola di arte applicata all‘industria di Venezia und lernte vom Bildhauer Antonio Dal Zotto (1841-1918) Modellieren und Anatomie. Dal Zotto wurde 1879 Professor an der Accademia di belle arti di Venezia. Sein Schüler folgte ihm für sechs Studienjahre. Als 1886 auf der ehemaligen Werft Campo San Trovaso eine Steinmetzwerkstatt eingerichtet worden war, mietete der junge Scultore eine Ecke und baute sich aus Holzleisten und Papier ein Atelier. Dies war der erste Ort, an dem ich allein arbeiten konnte. 1887 gewann er mit dem marmornen San Giorgio Relief für die Fassade des Hauses Brown in Zattere seinen ersten Preis.

 

Nach Versuchen, in Gradisca d’Isonzo, Budapest, Debrecin und Ljubljana Aufträge für seine Bildhauerkunst zu bekommen, wurde ihm klar, dass er hier no carriera machen würde. Im Frühjahr 1891 zog es ihn zur Internationalen Kunstausstellung nach Berlin. In den Ausstellungshallen zwischen Invalidenstraße und Alt Moabit betrachtete er nicht nur die Arbeiten der berühmten Kollegen Max Baumbach, Reinhold Begas, Johannes Boese, Ludwig Cauer, Gustav Eberlein, Johannes Götz, Wilhelm Haverkamp, Walter Schott, Max Unger und Joseph Uphues, sondern suchte auch den Kontakt zu ihnen. Er wohnte mit Wanderarbeitern in einem Zimmer in der Linienstraße, arbeitete als Skulpteur in den Ateliers der Bildhauer Max Kruse (1854-1942) und Walter Schott (1861-1938). Es fügte sich, dass Schott einige kaiserliche Aufträge erhalten hatte: Skulpturen für das Neue Palais in Potsdam, Reiterstandbild Kaiser Wilhelm I. für Goslar, Statue Friedrich Wilhelm I. für den Weißen Saal im Stadtschloss und Figuren für den Berliner Dom. Den Memoiren von Casal ist zu entnehmen, dass diese in Carrara entstanden waren. Schott war unzufrieden, eine davon war wohl ruiniert. Er wollte sie wegwerfen. Ich habe sie restauriert und erneuert. Dafür wurde ich bewundert, und Prof. Schott sorgte für meinen guten Namen in Berlin.

 

Am 27. Januar 1895 verkündete Kaiser Wilhelm II., dass im Tiergarten eine Siegesallee mit 32 Marmor-Standbildern der Fürsten Brandenburgs und Preußens geschaffen werden sollte. Auf 750 Metern wurden für diesen Pilgerpfad im Abstand von jeweils 36 Metern ziemlich gleichartig anzuschauende Denkmale aneinandergereiht: Ein zentraler Held im Vordergrund, dahinter halbrunde marmorne Sitzbänke, auf deren Lehnen zwei kleinere Skulpturen von jeweiligen Zeitgenossen gesetzt wurden. Akademiemitglied Reinhold Begas warnte halbherzig und reduzierte seine Kritik auf die handwerklichen Fähigkeiten der Bildhauer: Sie haben ja von der handwerksmäßigen Technik kaum eine Ahnung. Sie sind ja nur Modelleure, und so wandert Modell auf Modell zum Steinmetz. Es ist doch ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen dem Modelliren und dem Meißeln. Zwei ganz verschiedene Principien: dort das des Auflegens, hier das des Abnehmens; dort die weiche Masse, wo sich immer wieder umformen, verbessern läßt, und hier ein Centimeter, oft nur ein Millimeter zu viel fortgeschlagen oder gebosselt, und die Arbeit ist verdorben!

 

Das war die Stunde von Casal. Er hatte den Umgang mit Marmor gelernt, konnte mit dem Punktierkreuz die Maße vom Gipsmodell auf den rohen Stein übertragen, beherrschte Konturieren und Ziselieren, und wusste die Qualitäten von Statuario, Bianco und Ordinario zu unterscheiden. Dazu kam sein Talent zum Improvisieren und Organisieren. Er holte sich aus Venedig den erfahrenen Steinmetz Annibale Pedrocchi und eröffnete im Herbst 1895 eine Werkstatt in der Charlottenburger Fasanenstraße. 1896 erhielten sechs Künstler die ersten Aufträge für die Monumente der Siegesallee, 1897 kamen zwölf weitere hinzu, 1898 sechs und 1899 acht – insgesamt also 32. Zehn Bildhauer hatten nichts Eiligeres zu tun, als Casal mit der Umsetzung ihrer Gipsentwürfe in Marmor zu beauftragen. Da das Honorar pro Standbildgruppe inklusive Material, Transport und Steinmetzarbeiten einheitlich mit rund 50.000 Mark festgelegt worden war, die ersten bereits im März 1898 enthüllt werden sollten, konnte der Venezianer disponieren.

 

In Berlin hatte der Italiener inzwischen die Ostpreußin Ida-Eva geborene Sucht kennengelernt. Die Liebe seines Lebens war am 2. März 1872 in Tilsit geboren worden. Im Mai 1893 wurde geheiratet, eine Wohnung in der Pfalzburger Straße Nr. 84 bezogen, in der seine Töchter Eva (1894) und Eugenie (1896) geboren wurden. In den Memoiren steht: Ultimati gli stabili, continuai a lavorare con molta fortuna, già ero molto conoto luto e le commissioni affluivano continuamente. Die Lage war stabil. Ich hatte Glück mit der Arbeit. Die Provisionen flossen kontinuierlich. Im Januar 1899 kaufte ich mir ein großes Grundstück in Friedenau für ein Haus für meine Familie und eine Reihe von Ateliers. Nach dem Umzug in die Wilhelmstraße Nr. 7 (heute Görresstraße) kam endlich am 4. Oktober 1900 der ersehnte Stammhalter Peter zur Welt.

 

 

Der Bildhauerhof oder Klein-Carrara in Friedenau

 

Wilhelmstraße 7/Bachestraße 10. Quelle Straßen- und Grünflächenamt Tempelhof-Schöneberg
Wilhelmstraße 7/Bachestraße 10 mit Abriss 1922. Quelle Straßen- und Grünflächenamt Tempelhof-Schöneberg

 

 

Es ist heute kaum vorstellbar, dass in diesen provisorischen Hütten, Ateliers genannt, zwischen 1896 und 1901 elf von insgesamt 32 monumentalen marmornen Denkmalgruppen für die Siegesallee im Tiergarten mit Figuren bis zu 3,50 m Höhe entstanden. Und es ist ebenso wenig vorstellbar, dass elf von 27 der bedeutendsten deutschen Bildhauer und selbst Auftraggeber Kaiser Wilhelm II. sich immer wieder in die Bachestraße begaben, um zu erleben, wie aus Gipsentwürfen Marmorskulpturen werden.

 

Was nach dem Zweiten Weltkrieg und der anschließenden Demontage der Siegesallee davon übriggeblieben ist, wurde 2009 vom Lapidarium am Landwehrkanal in die Zitadelle Spandau für die Dauerausstellung „Berlin und seine Denkmäler“ umgesetzt.

 

Max Unger (1854-1918)

Gruppe 2 (1896/1898): Markgraf Otto I. (erhalten Hauptfigur)

 

Joseph Upheus (1850-1911)

Gruppe 3 (1896/1998) Markgraf Otto II. (erhalten Hauptfigur und Büsten)

Gruppe 28 (1898/1899) König Friedrich II. (erhalten Hauptfigur, Büste und Sockel)

 

Johannes Boese (1856-1917)

Gruppe 4 (1896/1898) Markgraf Albrecht II. (erhalten Hauptfigur und Büsten)

 

Max Baumbach (1859-1915)

Gruppe 5 (1896/1900) Markgraf Johann I. und Markgraf Otto III. (erhalten Doppelgruppe und Büsten)

 

Emil Graf Görtz zu Schlitz (1851-1914)

Gruppe 11 (1897/1900) Markgraf Ludwig II. (im Zweiten Weltkrieg zerstört)

 

Ludwig Cauer (1866-1947)

Gruppe 13 (1897/1899) Kaiser Karl IV. (erhalten)

 

Ludwig Manzel (1858-1936)

Gruppe 15 (1898/1900) Kurfürst Friedrich I. (erhalten Hauptfigur und Büsten)

 

Johannes Goetz (1865-1934)

Gruppe 19 (1898/1900) Kurfürst Joachim I. (erhalten Hauptfigur und Büsten Zitadelle Spandau)

 

Gustav Eberlein (1847-1926)

Gruppe 26 (1897/1900) König Friedrich I. (erhalten Hauptfigur und Büsten)

Gruppe 30 (1899/1901) König Friedrich Wilhelm III. (erhalten Hauptfigur)

Im Atelier von Casal entstand nach dem Entwurf von Eberlein auch das Goethe-Denkmal für den Park der Villa Borghese Rom.

 

Reinhold Begas (1831-1911)

Gruppe 32 (1899/1901) Wilhelm I., preußischer König und deutscher Kaiser (erhalten Hauptfigur)

 

Diese Informationen beruhen auf den Recherchen der Kunsthistorikerin Dr. Uta Lehnert, die 1998 im Dietrich Reimer Verlag unter dem Titel „Der Kaiser und die Siegesallee – Réclame Royale“ veröffentlicht wurden. Das höchst interessante Buch ist leider nicht mehr erhältlich.

 

 

Entwurf Gipsmodell für das Goethe-Denkmal in Rom von Gustav Eberlein. Archiv Rolf Grimm

Goethe-Denkmal in Rom aus Friedenau

 

Die Geschichte der Bachestraße ist nicht zu Ende erzählt ohne die Geschichte des Goethe-Denkmals in Rom und ohne den Bildhauer Gustav Eberlein und seinen Skulpteur Valentino Casal.

 

Im Frühjahr 1891 kam Valentino Casal als „Gastarbeiter“ nach Berlin. In den Werkstätten von Carrara hatte er den Umgang mit Marmor gelernt. Er konnte mit dem Punktierkreuz die Maße vom Gipsmodell auf den rohen Stein übertragen, er beherrschte Konturieren und Ziselieren, er wusste die Qualitäten von Statuario, Bianco und Ordinario zu unterscheiden.

 

Kaiser Wilhelm II. verkündete am 27. Januar 1895, dass im Tiergarten von verschiedenen Bildhauern eine 750 Meter lange „Siegesallee“ mit 32 Marmor-Standbildern der Fürsten von Brandenburg und Preußen geschaffen werden sollte.

 

 

 

 

Akademiemitglied Reinhold Begas bezweifelte die handwerklichen Fähigkeiten der Bildhauer: „Sie haben ja von der handwerksmäßigen Technik kaum eine Ahnung. Sie sind ja nur Modelleure, und so wandert Modell auf Modell zum Steinmetz. Es ist doch ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen dem Modelliren und dem Meißeln. Zwei ganz verschiedene Principien: dort das des Auflegens, hier das des Abnehmens; dort die weiche Masse, wo sich immer wieder umformen, verbessern läßt, und hier ein Centimeter, oft nur ein Millimeter zu viel fortgeschlagen oder gebosselt, und die Arbeit ist verdorben!“

 

Das war die Stunde von Valentino Casal. Er hatte in Friedenau ein langgestrecktes Grundstück von der Wilhelmstraße Nr. 7 bis hin zur späteren Bachestraße Nr. 10 erworben. Nr. 7 wurde das Wohnhaus für die Familie. Dahinter entstanden nach und nach Werkstätten. Im „Friedenauer Lokal Anzeiger“ platzierte er Anzeigen: „Chev. Valentino Casal, Bildhauer. Friedenau, Wilhelmstr. 7, T. und Carrara. Monumental-Grabdenkmäler“. 1896 erhielten sechs Künstler vom Kaiser die ersten Aufträge für die Monumente der Siegesallee, 1897 kamen zwölf weitere hinzu, 1898 sechs und 1899 acht – insgesamt also 32. Elf Bildhauer hatten nichts Eiligeres zu tun, als Casals Atelier mit der Umsetzung ihrer Gipsentwürfe in Marmor zu beauftragen. Er war im Geschäft. Nun wurden Denkmäler nach den Gipsmodellen diverser Bildhauer gefertigt. In der Bachestraße entstanden zwischen 1898 und 1901 insgesamt 11 „Marmorgruppen“ für die Siegesallee Berlin – nach Entwürfen von Max Unger, Joseph Uphues, Johannes Boese, Max Baumbach, Emil Graf Görtz zu Schlitz, Ludwig Cauer, Ludwig Manzel, Johannes Götz, Reinhold Begas und Gustav Eberlein. Für Kaiser Wilhelm II. war Friedenau das „Klein Carrara“.

 

Zu seinem 43. Geburtstag am 27. Januar 1902 kam Kaiser Wilhelm II. auf die Idee, der Stadt Rom ein Goethe-Denkmal für den Park der Villa Borghese zu schenken. Ohne den üblichen Wettbewerb und zum Ärger der Kollegen erhielt der Bildhauer Gustav Eberlein (1847-1926) den Auftrag. Die heute schier unglaubliche Entstehungsgeschichte des Goethe-Denkmals hat Eberlein 1907 unter dem Titel „Carrarischer Marmor“ in der „Gartenlaube“ geschildert:

 

„Mir selbst war eine interessante Aufgabe zuteil geworden: ich sollte in Carrara den Block zum Denkmal Goethes, das der Kaiser der Stadt Rom schenken wollte, auswählen. So fuhr ich nun eines schönen Tags mit zwei Schülern und einem jungen Freund frühmorgens in die Berge, in denen sich in bedeutender Höhe die berühmten Steinbrüche befinden ... Der von uns ausgewählte Block schien ein besonders schönes Exemplar zu sein, und schon stand vor meinem Geist das Bild unseres größten Dichters in blendender Weise, von antikem korinthischen Kapitäl herniederschauend ... Man legte eine Leiter an den Fels, und als ich hinaufstieg und in die Riesenfläche den unsterblichen Namen „Goethe“ primitiv einmeißelte, schien es uns allen, als ob die deutsche Heimat, deutsches lebendiges Wesen nunmehr eingezogen sei in den Kristall, der das Antlitz eines der größten Menschen tragen sollte.

 

Der Block kam nach Friedenau und der italienische Bildhauer Valentino Casal in Berlin hat mein Goethe-Denkmal in diesen Marmor nach meinem Gipsmodell übertragen. Nach der Fertigstellung wurde das neun Meter hohe neobarocke Monument zerlegt, in Einzelteilen nach Rom transportiert und im Park der Villa Borghese an der Viale Goethe wieder zusammengebaut: Im Zentrum der junge Goethe und drumherum die Skulpturen von Mignon und der Harfner, Iphigenie und Orest sowie Faust und Mephisto als Symbole für Lyrik, Dramatik und Philosophie.

 

Zur Enthüllung am 5. August 1904 erschien der italienische König Viktor Emanuel III. (1869-1947). Kaiser Wilhelm II. als Auftraggeber kam nicht, da er mit seiner Abwesenheit dokumentieren wollte, dass das Denkmal ein Geschenk des deutschen Volkes sei. Der König überreichte seinem Landsmann Valentino Casal bei dieser Gelegenheit den Ritterorden der Krone von Italien Cavaliere dell’Ordine della Corona d’Italia.

 

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Das Grab von Bildhauer Gustav Eberlein (1847-1926) auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof war seit 1990 Ehrengrabstätte des Landes Berlin. Im Jahr 2014 wurde dieser Status aberkannt, da Berlin nicht mehr bereit war, Grabpflegekosten in Höhe von 540 Euro auszugeben. Nach Protesten aus dem In- und Ausland entschloss sich der Berliner Senat am 6. November 2018, das Grab wieder zur Ehrengrabstätte zu erheben.

 

***

Die Kunsthistorikerin Dr. Uta Lehnert hat in ihrem Buch Der Kaiser und die Siegesallee eine ausführliche Beschreibung dieser nicht mehr vorhandenen Anlage veröffentlicht. Das Buch ist leider vergriffen. Wir veröffentlichen an dieser Stelle den Vortrag von Uta Lehnert vom 21. Juli 2017. Titel: Was hat Gustav Eberlein mit der Berliner Bildhauerschule und der Siegesallee zu tun?

 

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Originaltext Carrarischer Marmor von Gustav Eberlein, 1907

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