Beckerstraße. Archiv Rüdiger Barasch

Gegen das Hineinwachsen der Stadt Berlin in das Schöneberger Gebiet war die Gemeinde machtlos. Nach der Reichsgründung im Jahr 1871 stieg die Einwohnerzahl Schönebergs rasant an. Die Gemeindevertretung beschloss einen Bebauungsplan. Am 26. März 1889 wurde die Schöneberg-Friedenauer Terraingesellschaft gegründet. Eingebracht wurde ein Terrain hinter dem Wannseebahnhof Friedenau von über 26 ha, begrenzt durch Stamm- und Wannseebahntrasse, Rubens- und Peter-Vischer-Straße. 1892 richtete die Terraingesellschaft am Dürerplatz Nr. 4 ein Verkaufsbüro ein. In Anzeigen wurde mit Gesunde Lage, vorzügliche Verbindung nach Berlin durch Wannseebahn (fast durchweg 10-Minuten-Verkehr, Fahrtzeit 9 Minuten), Ringbahn, Dampfbahn, Pferdebahn, fertige Straßen-, Kanalisations-, Gas- und Wasseranlagen“ sowie für „Bauparzellen auch mit Bauerlaubnis am Bahnhof Friedenau geworben.

 

 

 

 

 

 

 

Am 12. Januar 1892 wurde aus dem Neubaugebiet das Malerviertel, versehen mit Namen von berühmten Malern, die keinerlei Bezug zu Schöneberg hatten. So entstanden Beckerstraße (vorher Straße 7), Begasstraße (6), Canovastraße (9), Cranachstraße (9), Dürerplatz (5), Knausstraße (46), Menzelstraße (3), Rembrandtstraße (5), Rubenstraße (1) und Peter-Vischer-Straße (8). Am 15. November 1901 kamen die Thorwaldsenstraße (72) und 1914 die Semperstraße hinzu. Im Adressbuch von 1893 wird die Gegend unter Friedenau, gehört zu Schöneberg geführt, später genauer Gehört postalisch zu Friedenau, politisch zu Schöneberg. Die Benennung nach Malern war jedenfalls verkaufsfördernd. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg waren letzte Baustellen und Häuser verkauft. Mit der Bezeichnung Malerviertel sollte wohl ein Pendant zu Friedenau hergestellt werden. Es kamen aber vor allem Beamte und Rentiere. So ist die Suche nach Persönlichkeiten ernüchternd. Von anno dazumal bleiben Rosa Luxemburg und ihre Liebhaber.

 

Karl Becker, 1856

Karl Becker (1820-1900)

 

Es war auch für Ostberliner nicht zu begreifen, dass sich die DDR mit dem Wiederaufbau von Friedrich August Stülers (1800-1865) Neuem Museum nicht anfreunden konnte. Bomben hatten das Gebäude zwar beschädigt, aber es gab keinen Grund, das Museum als Ganzes jahrzehntelang geschlossen zu halten. Erst nach 1990 wurde bekannt, dass der Niobidensaal im Obergeschoss trotz Kriegseinwirkungen zu den am vollständigsten erhaltenen Räumen gehörte. Für die Innengestaltung hatte Stüler zwischen 1843 und 1855 vier junge Maler engagiert: Wilhelm Peters (1817-1903), der vier Gemälde nach Entwürfen von Bonaventura Genelli (1798-1868) ausführte, August Theodor Kaselowsky (1810-1891) und Adolf Henning (1809-1900) mit je sechs Arbeiten sowie als Jüngsten den erst 30-jährigen Karl Becker (1820-1900) mit fünf Wandgemälden.

Die Inschriften über den Portalen zum Niobidensaal, so fern die Mythologie heute auch empfunden wird, machen deutlich, worum es Stüler und Becker ging, um den Menschen als kunstfertigen Schöpfer: ES SCHUF PROMETHEUS JEDE KUNST DEN STERBLICHEN (Aischylos) sowie STAUNLICHES WALTET VIEL UND DOCH NICHTS ERSTAUNLICHRES ALS DER MENSCH (Sophokles).

 

Dementsprechend thematisierte Becker die Heldengeschichten der griechischen und römischen Mythologie zwischen menschlicher Größe, Verfehlungen und Tragik. Seine fünf Wandgemälde in viereckigen, achteckigen und runden vergoldeten Rahmen haben folgende Titel: Kekrops betet die Statue der Athene an, Cadmus tötet den Drachen, Hypsipyle findet den von einer Schlange getöteten Opheltes, Hyllos, Sohn des Herkules, bringt seiner Mutter das Haupt des Eurystheus und Merkur schläfert Argus ein.

 

 

 

Die formale Wandgestaltung hatte Stüler vorgegeben: Unten eine Sockelzone, darüber die braun-rote Mittelzone als Hintergrund für die Modelle und darüber eine Oberzone mit 21 Wandgemälden. Auch inhaltlich waren die Maler allein schon mit dem Namen Niobidensaal an Vorgaben gebunden:

 

Im Zentrum des Saales sollten die Gipsabgüsse der Statuengruppe der verzweifelten Niobe und ihrer sterbenden Kinder, der Niobiden, aufgestellt werden, umgeben von weiteren Kopien der griechischen und römischen Kunst. Kritisiert wurde diese Ausgestaltung schon damals. Es wird heute nicht anders sein, weil zuallererst vom Fußboden bis zur Decke ein wohl gestalteter Raum zu erleben ist, der getrost auf jegliche Möblierung verzichten kann.

 

Der Niobidensaal im Neuen Museum mit den Wandgemälden von Karl Becker:

 

Beckerstraße 1, 1956. Sammlung Staudt. Museum Schöneberg

Beckerstraße Nr. 1

 

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Johannes Wolf. Foto Georg Fayer. Österreichischen Nationalbibliothek
Beckerstraße Nr. 2
Johannes Wolf (1869-1947)
 
In Vorbereitung
Max Bruch mit Tochter Margarete

Beckerstraße Nr. 4

Margarete Bruch (1882-1963)

 

Aus der 1880 in Liverpool geschlossenen Ehe des Komponisten Max Bruch (1838-1920) mit der Sängerin Clara Tuczek (1854-1919) gingen vier Kinder hervor: Tochter Margarete Bruch (1882-1963) und die Söhne Max Felix (1884-1943), Hans (1887-1913) und Ewald (1890-1974). Nachdem Max Bruch die Meisterschule für Komposition an der Berliner Akademie der Künste übernommen hatte, zog die Familie am 9. September 1890 in die Wohnung im I. Stock der Albestraße Nr. 3 in Friedenau. Es ist wohl stark davon auszugehen, dass die Jungen in die I. Gemeindeschule in der Albestraße gingen und Margarete bis 1898 die Roennebergsche Mädchenschule besuchte. Für zwei Jahre soll sie das Jungmädchenheim in Remagen besucht und dort Hauswirtschaft und Sprachen gelernt haben. Von 1911 bis 1913 soll sie als Gesellschafterin und Reisebegleiterin einer Kapitänsgattin längere Reisen nach Italien, Schottland, Island und Skandinavien unternommen haben. Anschließend kehrte sie zu ihren Eltern zurück und arbeitete lange Jahre als Sekretärin und Übersetzerin ihres Vaters.

 

Die Familie Bruch hat sich am gesellschaftlichen Leben Friedenaus rege beteiligt. Max Bruch begleitete im Dezember 1894 im Hohenzollernsaal am Klavier vier Lieder, die seine Frau Clara (Alt) vortrug. Sohn Max Felix entzückte im Januar 1908 mit dem Klarinetten-Konzert von Mozart. Der lebhafte Beifall war wohl Zeugnis genug, wie wunderbar er das Instrument bedient. Sehr selten dürfen wir die Klarinette in so reinen und herrlichen Tönen hören. Tochter Margarete, deren Werke besonders die Leser der ‚Täglichen Rundschau‘ und der ‚Gartenlaube‘ wegen der Formenschönheit und Gedankentiefe bewundern, brachte im März 1918 eigene Kriegsgedichte zum Vortrag, solche von ganz besonderer Eigenart, ob es sich nun um ‚flüchtende Frauen‘ handelte, die sich vor den Kriegsgreueln entmenschter Feinde zu retten versuchten, oder um das ‚Lichtlein‘, die suchend umherirrende Mutterliebe, die endlich, nachdem sie das ferne Grab des gefallenen Sohnes gefunden, zur Ruhe kommt, oder um den ‚Gärtner als Ulan‘, den sterbenden Krieger, dessen Gedanken noch einmal mit allen seinen Wünschen Heimat und liebe Menschen umspinnen. Der ausgezeichnete Vortrag der zehn Gedichte durch die Dichterin selbst konnte den Eindruck auf die Zuhörer nur noch vertiefen.

 

1910 veröffentliche Margarete Bruch im Verlag Carl Reißner Dresden unter dem Titel Es klingt die Welt ihren ersten Gedichtband. Am 4. Juni 1913 starb mit 26 Jahren im Krankenhaus in Jena ihr Bruder Hans an einer Blutvergiftung. In der Wohnung in der Albestraße entdeckte die Schwester 16 Aquarelle über Tuschfeder und geschriebenem Text in Bleistift, die der angehende Maler druckfertig hinterlassen hatte. Nun sorgte sie dafür, dass diese Arbeit im Franz Schneider Verlag Schöneberg unter dem Titel Märchenritt. Wer kommt mit? veröffentlicht wurde. Zu danken ist dem Antiquariat Steffen Völkel im oberpfälzischen Seubersdorf, das dieses sehr schöne Jugendstil-Bilderbuch auf seiner Webseite dokumentiert hat.

 

Nachdem Max Bruch an seinem 70. Geburtstag 1908 gemeint hatte, seine Inspiration sei versiegt, ergriff wohl Tochter Margarete die Initiative. 1909 komponierte Max Bruch Acht Stücke für Klarinette, Viola und Klavier op. 83 für seinen Sohn, den Klarinettisten Max Felix, dessen Spiel damals als reiner, schlackenfreier Ton gerühmt wurde. 1911 folgte das Konzert für Klarinette, Viola und Orchester  op. 88 und schließlich 1915 die Sechs Lieder für gemischten Chor a capella, op. 86 – u.a. nach Texten von Margarete Bruch, darin Ackeley, Kleine Maria. Legende, Deutscher Frühling, Im Moseltal. In der Werkliste von Bruch sind weiterhin aufgeführt die Lieder nach Texten von Margarete Bruch Der Gärtner als Ulan, op. 90, Wiegenlied im Chiemgau zur Kriegzeit 1914, op. 90, Vor dem Fenster mir, op. 97.

 

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurden die Söhne Ewald als Infanterist und Max Felix für die Heimreserve eingezogen. Max Bruch ahnte in einem Brief an Tochter Margarete, dass dieser Krieg die bisherigen an Schrecken übertreffen würde. Unter diesem Eindruck vollendete er 1915 nach einem Text von Tochter Margarete Bruch Heldenfeier - Bedenk, o deutsche Seele! für sechsstimmigen Chor, Orchester und Orgel op. 89.

 

Am 27. August 1919 starb nach langem, schwerem, mit unendlicher Geduld ertragenem Leiden im 66. Lebensjahr Ehefrau Clara Bruch nach einer Operation in der Charité. Im Frühjahr 1920 erlitt Bruch einen Zusammenbruch, wurde pflegebedürftig und starb schließlich am 2. Oktober 1920 im Alter von 82 Jahren. Ein Jahr später ist der Name Bruch in der Albestraße Nr. 3 verschwunden.

 

Grab von Max, Clara und Margarete Bruch auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg

Margarete Bruch wohnte ab 1929 in der Beckerstraße Nr. 4. Es erschienen Im Monatsreigen. Zwölf Märchen (mit Emma Böhmer, 1921), Liebeswunder. Sechs Novellen (1922), Rosenlegendchen. Schlesisches Maienhaus (1926), Schön ist der Mutter liebliche Hoheit. Deutsche Muttergedichte aus zwei Jahrhunderten (mit Toska Lettow, 1935). Engelbert Humperdinck vertonte noch kurz vor seinem Tod 1921 das Schlafliedchen im Sommer aus den Kinderliedern von Margarete Bruch. Wesentlich ist wohl, dass sich die ledige Schriftstellerin weiterhin leidenschaftlich für die Musik ihres Vaters einsetzte. Sie starb am 27. Januar 1963 und wurde im Grab von Max und Clara Bruch auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg bestattet.

 

Max Felix gab als Klarinettist auf und wurde Vertreter einer Schallplattenfirma. Ewald begann als Förster, ging nach dem Ersten Weltkrieg zur Polizei und sammelte die Hinterlassenschaften seines Vaters, die er nach seinem Tod 1974 dem Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Köln vermachte. Beide Söhne waren verheiratet, hinterließen aber keine Nachkommen, sodass die direkte Linie von Max Bruch ausstarb.

 

Nach dem Tod ihres Bruders Hans, der am 4. Juni 1913 mit 26 Jahren im Krankenhaus in Jena an einer Blutvergiftung starb, entdeckte Schwester Margarete in der Wohnung Albestraße Nr. 3 Bilder, die der angehende Maler druckfertig hinterlassen hatte. Margarete Bruch sorgte dafür, dass die 16 Blatt mit Original-Aquarellen über Tuschfeder und geschriebenem Text in Bleistift 1919 als Druck im Franz Schneider Verlag Schöneberg unter dem Titel Märchenritt. Wer kommt mit? veröffentlicht wurden. Zu danken ist dem Antiquariat Steffen Völkel im oberpfälzischen Seubersdorf, das dieses sehr schöne Jugendstil-Bilderbuch auf seiner Webseite dokumentiert hat.

 

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Gedichte von Margarete Bruch, vertont von ihrem Vater Max Bruch

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