Plan von 1901

 

Bernhardstraße

 

Schon auf dem „Uebersichts-Plan von dem Bebauungsplane der Gemarkung Friedenau“ von 1874 wird für das Grundstück entlang der damaligen Ringbahnstraße zwischen Kaiser-Platz und Prinzregentenstraße u. a. der Name Wagner als Eigentümer genannt. Um 1890 wird die Gegend parzelliert und auch eine Straße angelegt, die ab 24. August 1893 Bernhardstraße genannt wird – der Vornahme des Grundbesitzers. Aus dem Plan von 1901 wird ersichtlich, dass die Straße ursprünglich u-förmig angelegt wurde. Davon ist heute nichts mehr zu erkennen. Das südliche Straßenstück an der Ringbahntrasse wurde zwischen 1971 und 1979 für den Bau des Autobahnstadtrings benötigt. Zu besichtigen sind heute „abgeschnittene“ Wohnhäuser und zwei Straßenteile, die sich jeweils Bernhardstraße nennen, aber keine Verbindung haben und nur von der Wexstraße zu erreichen sind.

 

In der Gegend wurde ständig gebaut. Am 28.09.1901 meldete der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“, dass „die von der Ringbahnstraße aus nach dem Bahnhof Wilmersdorf-Friedenau, am Bahngelände entlang und dann wieder nach der Ringbahnstraße zurückführende U-Förmige Bernhardstraße dicht neben dem Eisenbahndamm bis zur Kaiserallee durchgelegt wird“.

 

Vier Jahre später ist im Friedenauer Lokal-Anzeiger vom 25.08.1905 zu lesen, dass „die Erweiterungsarbeiten auf dem Güterbahnhof Wilmersdorf-Friedenau rüstig vorwärts schreiten. Das für die Verbreiterung der Gleisanlagen erforderliche Bahnplanum zwischen dem Personenbahnhof Wilmersdorf und der Station Ebersstraße ist fast vollständig angeschüttet; die erweiterte Überführung der Haupt- und Friedenauer Straße steht bevor .Auch die Herstellung des Bahnplanums zwischen der Prinzregentenstraße und der Kaiserallee — nach der Seite des ehemaligen Sportparks hin — geht der Vollendung entgegen. Hier waren besondere Schwierigkeiten zu überwinden, weil für das Gleis, welches auf dieser Strecke vorgestreckt werden sollte, erst eine lange und stabile Stützmauer errichtet werden musste und der bisherige Tunnel-Ein-und Ausgang zwischen Bernhardstraße und Sportpark zu verbreitern war. Die Verbreiterung an der bisherigen Überführung an der Prinzregenten- und Handjerystraße und die Beseitigung des Weichenstellwerks steht noch bevor. Zu diesem Zweck ist bereits ein neues Dienstgebäude hart an der Handjerystraße errichtet, in welches außer dem Stellwerk auch die Stationskasse Wilmersdorf-Friedenau verlegt werden wird“.

 

1912 gab es zwischen der Gemeinde Friedenau und der Eisenbahndirektion Differenzen über den Bau „des zweiten Ausgangs zum Ringbahnhof Wilmersdorf-Friedenau“. Laut „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ vom 10.05.1912 wurde von den Gemeindevertretern beanstandet, dass „der Aufgang von der Bernhardstraße aus angelegt werde und einen Zugang von der Prinzregentenstraße, also von Friedenau aus hinter der Unterführung erhalte. Die Treppe hätte doch besser in der Unterführung angelegt werden müssen. So habe der Zugang wenig Wert für Friedenau“. Wochen später hatte sich die Aufregung gelegt:

 

„Die Anlage des 2. Zuganges zum Ringbahnhof Wilmersdorf-Friedenau geht ihrer Vollendung entgegen. Der Treppenaufgang ist bereits fertiggestellt; das nach Norden gelegene Gleis wurde unterführt und das kleine Stationsgebäude an der Bernhardstraße ist im Rohbau fertig. In dem Gebäude werden mehrere Schalter für den Fahrkartenverkauf eingerichtet. Am Bahndamm entlang führt dann nach der Prinzregentenstraße ein zweiter Zugang zu dem neuen Stationsgebäude. Man wird also in Zukunft sowohl von der Bernhardstraße wie auch von der Unterführung im Zuge der Handjery- und Prinzregentenstraße aus den Ringbahnhof erreichen können. Das neue Bahnhofsgebäude am Ringbahnhof Wilmersdorf-Friedenau an der Bernhardstraße, das am 1. November in Betrieb genommen wurde, ist vom Regierungsbaumeister Gruber entworfen und hebt sich vorteilhaft von älteren, nüchternen Bahnhofsanlagen ab. Es ist in Beton sandsteinartig ausgeführt und innen mit farbigen Oberlichtern und einem Wandbrunnen aus echtem Sandstein versehen. An der Außenseite fällt vor allem die eigenartige Uhranlage auf; ein in Kupfer getriebener Adler hält das Uhrgehäuse in den Krallen. — Mit der Prinzregentenstraße ist der Ausgang durch einen 3 Meter breiten Fußweg verbunden. (Friedenauer Lokal-Anzeiger, 04.11.1912).

 

1938 wurde die Ringbahnstation in Wilmersdorf umbenannt. Nach dem Mauerbau entstand die U-Bahn-Linie 9 und 1971 der U-Bahnhof Bundesplatz. Mit dem S-Bahn-Streik von 1980 war die Station Wilmersdorf „außer Betrieb“. Bevor der S-Bahn-Verkehr auf der Ringbahn wieder aufgenommen wurde, verlegte man den Bahnhof Wilmersdorf um rund 100 Meter nach Westen zum Bundesplatz hin. Ab 1993 gab es dann die Umsteigestation „U+S-Bahnhof Bundesplatz“. Der Tunnel unter dem Bahnviadukt blieb erhalten, als Zugang zum Bahnsteig und als Durchgang zur Bernhardstraße.

 

Bernhardstraße Nr. 5 & Nr. 6

Hildegard Knef

 

Von der Existenz einer Bernhardstraße haben wohl viele erst im Jahr 1970 erfahren, als Hildegard Knef (1925-2002) den „Geschenkten Gaul“ veröffentlichte. In ihrem „Bericht aus einem Leben“ beschreibt sie ziemlich beeindruckend Ort und Leben in den Jahren von 1935 bis 1945. Wir veröffentlichen Auszüge aus dieser Autobiographie – sowie Aufnahmen aus dem Archiv von Ewald Mahr, die in den Kriegsjahren entstanden sind:

 

„Die Bernhardstraße war ein Hufeisen ohne Rundungen, ein Quadrat mit drei Schenkeln, eine Straße, die nach drei Himmelsrichtungen ging: nach Süden, nach Osten, nach Westen. Das unvollständige Quadrat wurde im Norden durch die Wexstraße vervollständigt. Die Wexstraße war eine laute, eine großstädtische Straße und lief vom Kaiserplatz bis zum Innsbrucker Platz. Die Bernhardstraße war Fußballplatz, Radrennbahn, ein Dorf mit achtzehn vierstöckigen Häusern ...

 

Wir wohnten erst Nr. 5 in zwei Zimmern, einige Jahre später Nr. 6 in vier. Nr. 5 war gemütlicher. Beide lagen auf der Südseite, und an der Ecke der Süd- und Westseite lag unser Geschäft, es hatte zwei große Fenster und ein großes Schild, darauf stand „Besohlanstalt“, mein Stiefvater hatte etwas gegen das Wort Schuhmacherei. Die Polier- und Schleifmaschinen in unserer Besohlanstalt standen seitlich neben dem Eingang und machten einen Höllenlärm, neben dem Geschäft wohnte eine Klavierlehrerin, und mein Stiefvater hatte sich mit ihr geeinigt, nur nachmittags zu schleifen, sie musste ihr Klavier alle vierzehn Tage stimmen lassen, und sämtliche Porzellanfiguren waren ein Opfer der Schleifmaschinen geworden, sogar die Tassen in der Küche tanzten ihr vom Tisch, wenn er die Maschinen anstellte. Sie war eine gutmütige, einsichtige Frau und gab vormittags Unterricht, so hörte man von 8 bis 1 „Gebet einer Jungfrau“, das „Wolgalied“ und manchmal auch etwas aus dem „Vogelhändler“; dann klopfte Vater vorsichtig an die dünne Wand, sie klopfte zurück, und er übernahm die Nachmittagsgeräusche ...

 

Gegenüber der Südseite lag der S-Bahnhof Wilmersdorf, ein Bahnhofseingang lag gegenüber vom Geschäft, und dadurch bekamen wir viel „Laufkundschaft“, wie mein Stiefvater das nannte, sie wollten in Eile einen Absatz oder gerissene Nähte repariert haben oder kauften bloß Schnürsenkel. Die feste Kundschaft kam aus der Bernhardstraße. Da war der Bäcker Sehmisch und seine Familie, sein Geschäft lag auf der Westseite (Nr. 14), es war groß und sauber, und Herr Sehmisch sah so knusprig aus wie seine Brötchen. Über den Sehmischs wohnten die Neumanns (Bauunternehmer), von ihrem Balkon konnten sie in unser Geschäft sehen und einen Teil vom Bahnhof … Neben den Sehmischs war das Lebensmittelgeschäft und ein Bonbonladen, dann kam ein Fischgeschäft und die Wexstraße, auf der anderen Seite hatten zwei alte blaugefrorene Menschen, die auch im Sommer nach Winter aussahen, einen Milchausschank, dahinter war eine Leihbücherei.

 

Unsere Seite hatte bis auf einen Werkzeug-Ersatzteilladen gar keine Geschäfte, der Besitzer des Werkzeug-Ersatzteilladens lebte mit einer rothaarigen Frau nur zwischen seinen Ersatzteilen, wir sahen ihn fast nie. Mutter erzählte mir mal, er soll ein silbernes Korsett getragen haben, und von da an hatte ich Ehrfurcht vor ihm. Direkt am Bahnhofseingang lag der Zigarrenladen von den Gorczellanceks, sie mussten aber dann nach 1935 den Laden aufgeben, eine Familie Toedt zog ein, sie waren sanfte, stille Leute, und das Ganze mit den Gorczellanceks war ihnen sehr unangenehm. Die Gs wohnten noch einige Jahre in ihrer Wohnung am Cosimaplatz in Friedenau, und die Bernhardstraßenbewohner gingen nachts zu ihnen und brachten Esswaren und Zeitschriften - die Gs waren stolz und ließen sich nicht gern etwas schenken, und so hatten wir langsam einen Teil ihres Geschirrs kaufen müssen und Handtücher und Bestecke, die halbe Straße hatte Sachen von den armen eingesperrten Gorczellanceks ...

 

An der Ecke Wexstraße und Bernhardstraße war noch ein jüdisches Geschäft, ein Kurzwarenladen - sie hießen Kaufmann, und die Frau hatte sich die Haare ganz blond gefärbt und sagte immer zu Mutter, ihr würde man bestimmt nichts tun. Eines Morgens holten sie ihren Mann ab, sie flüchtete aufs Dach und fiel herunter. Um die Kaufmanns tat es allen sehr leid, sie waren seit Ewigkeiten in Berlin und hingen sogar die Hakenkreuzfahne zu Hitlers Geburtstag heraus - die dachten immer, das würde was nützen ...

 

Frau Block war unsere Portiersfrau von Nr. 5, sie hatte keinen Mann, dafür zwei Töchter, Marianne und Lorchen. Frau Block war dickbusig und gemütlich und kochte den ganzen Tag Kaffee, das ganze Haus roch nach heißem, gemütlichem Kaffee. Wir saßen eines Sommersonntagmorgens auf unserem Balkon und sprachen nicht - nicht weil wir verfeindet waren, sondern weil man auf dem Balkon wegen der S-Bahn nicht sprechen konnte; wenn ein Zug stand, konnte man vielleicht noch nach Milch und Zucker schreien, bis der Gegenzug einfuhr und der Stationsvorsteher „WillllllImersdorf“ brüllte, als wären die Passagiere taube Analphabeten, dann kreischte jemand „Abfaahhrn, Türen schliiiiießen, zuuuuuurückbleiben“, dann schnaufte der Zug, quietschte, stöhnte, pfiff und summte und rauschte nach Schmargendorf ab, das Ganze wiederholte sich auf der anderen Seite. Dann war eine Minute Ruhe, manchmal drei, und wir riefen alle gleichzeitig, was wir bis dahin an Gedanken dem städtischen Verkehr geopfert hatten …

 

Frau Block, die wir alle Mutter Blocken nannten, war bei den späteren Bombenangriffen die Tapferste und Einfallsreichste in der Straße, sie kam mit Familie, und jeder hatte einen feuerfesten Kochtopf auf dem Kopf, darüber ein Kissen und das Ganze mit einem Riemen zusammengehalten. Als wir den ersten schweren Angriff auf Wilmersdorf hatten und eine Stunde lang die Bomben sausten, das Licht ausging und die Wände wackelten, da sagte Mutter Blocken immer wieder: „Solange man se hört, treffen se nich …“

 

Als meine Mutter, Halbbruder auf dem Arm, und ich nach diesem ersten Angriff durch Glassplitter und umgekippte Wassereimer auf die Straße wateten, sahen wir, dass unser Dach brannte und dass das Haus auf der anderen Seite des Bahnhofs, in dem der Friseur Wedel wohnte, einstürzte; da merkte ich, dass Krieg war und dass es so bleiben würde für lange Zeit …

 

Ich blieb in der Wohnung, bis sie ausgebombt wurde. Es war Silvester '43/44, die Zimmer waren eisig kalt, die Fenster seit langem kaputt, Pappe davor, das Haus roch schon seit Jahren nicht mehr nach Mutter Blockens Kaffee, und Werner und Klaus, meine Radfahrfreunde, waren an der Front, und zwei aus der Straße waren in Russland gefallen. In dieser Nacht kam ich nach Hause, auf dem Balkon hätte man sich endlich unterhalten können, stundenlang, die Züge fuhren selten und unregelmäßig, hinten auf dem Güterbahnhof stand eine Flak, die nur manchmal in Notfällen hilflos vor sich hin meckerte - Verdunkelung, der Stationsvorsteher brüllte das erstemal zu Recht sein „Willllmersdorf“. In dieser Nacht tastete ich die Treppen hinauf und sagte zu Stiefvater, dass ich ins Bett gehen würde, es war zu kalt, um zu warten, bis es zwölf war, und anstoßen hätten wir sowieso nicht können, Geschirr und Gläser waren längst kaputt, wir aßen auf Marken in Kantinen und Kneipen, und nach Feiern war keinem zumute. Ich zog meine Luftschutzsachen an, Trainingshose, zwei Pullover, Socken und ging ins Bett, Stiefvater hatte eine Idee, wir hatten noch ein Heizkissen, und wenn der Strom funktionieren sollte, könnte ich es für eine Weile behalten, ich schlief ein und wachte auf, weil mein Bett brannte, gleichzeitig hörte ich das sanfte, stete Surren, das wir alle so gut kannten - eine Bombe und danach noch eine und noch eine, und ich schrie Alarm und schrie und schrie - unsere Sirenen waren beim letzten Angriff kaputtgegangen, und keiner in der Bernhardstraße hatte es gemerkt, und als wir unten am Kellereingang ankamen, traf ein Volltreffer unser Haus, und wir waren verschüttet. Man hat uns ausgegraben, und wir bedankten uns beim Heizkissen ...

 

In Nr. 6 war eine Wohnung frei, wir zogen um, das heißt, wir nahmen unser Handgepäck, einen Tisch und zwei Schüsseln, die wir über die unzerstörte Hintertreppe herausgeholt hatten. Im Wohnzimmer stand unser Klavier auf einem Mauervorsprung, aber da kamen wir nicht ran, wir sahen uns von Nr. 6 unser Klavier im vierten Stock von Nr. 5 an und warteten, dass es herunterfiel, im dritten Stock hing noch ein Bild an der Wand, eine Gebirgslandschaft mit Schnee und Sennhütten ...

 

Es war auch gleich wieder ein neuer Angriff, und unser Klavier segelte endlich mit wütendem Grollen den anderen Klavieren, Buffets, Tischen, Klosettdeckeln und Schlafzimmerschränken nach, die unten als verkohltes Kleinholz lagen ...

 

Wieder Alarm … Nr. 6 steht noch. Am nächsten Abend allerdings nicht mehr, die obersten Stockwerke waren durch eine seitlich über das Bahngelände eintrudelnde Bombe wegrasiert, Mutter und ich hatten unter der Bahnhofsbrücke gestanden, und es hatte uns mit sanfter Hand langsam und beinahe bedächtig auf den Boden gedrückt. Vater war noch im Hausflur, und eine Wand hatte ihn getroffen, wir holten ihn heraus, er hustete und schimpfte und fing dann an zu weinen. Herr Keilbach, unser Zahnarzt in der Wexstraße, hatte unter Lebensgefahr aus der brennenden Wohnung sämtliche gebrauchten und ungebrauchten Rasierklingen gerettet, dabei wollte er eigentlich die goldene Uhr holen, und Mutter Blocken brühte in ihrem Ersatzheim Nr. 3 echten Bohnenkaffee auf und sagte: „Na, Hauptsache wir leben noch ...“

 

 

 

Das Haus Bernhardstraße Nr. 11 wurde 1896 von Johannes Rudel, dem Großvater von Ewald Mahr erbaut. Es hat den Weltkrieg überlebt, befindet sich bis heute im Besitz der Familien Rudel & Mahr und gehört damit zweifellos zu den Seltenheiten in dieser Gegend. Auf dem Foto von links nach rechts:

 

Waldemar Richard Friedrich Rudel

* 02.02.1898 Deutsch-Wilmersdorf; † 26.11.1974 Schleswig. Gartenbauinspektor. Eheschließung mit Luise Margarethe Thießen am 18.10.1930 in Travemünde,

 

Johannes Gottlieb Rudel

* 24.10.1860 Halle/Saale; † 12.01.1930 um 08.30 Uhr in Berlin-Wilmersdorf, Bernhardstraße 11. Ev., Staatsangehörigkeit Preuße, Erbauer des Hauses Bernhardstraße 11 (1896). Großvater von Ewald Mahr (* 20.05.1935 Berlin-Wilmersdorf).

 

Theresia Louise Elisabeth Rudel geb. Buchold

* 13.11.1861 Berlin; † 10.07.1940, um 7 Uhr, Bernhardstraße 11. Kath., Eheschließung mit Johannes Rudel am 08.10.1887 auf dem „Königlich Preußischen Standesamt Berlin III, Friedrich-Vorstadt und Schöneberger Revier“. Großmutter von Ewald Mahr.

 

Charlotte Therese Luise Mahr geb. Rudel

* 22.09.1895 Deutsch-Wilmersdorf; † 18.07.1948 Krankenhaus Berlin-Wittenau. Kath., Eheschließung am 28.06.1934 in Berlin-Schöneberg mit dem Dentisten Hans Mahr (* 25.08.1878 Trier; † 30.12.1944 Guben). Charlotte und Hans Mahr sind die Eltern von Ewald Mahr (* 20.05.1935 Berlin-Wilmersdorf)

 

Max Artur Rudel * 27.07.1892 Berlin; † 02.04.1969, 21.50 Uhr auf dem Transport ins Auguste-Viktoria-Krankenhaus. Ev., Dipl. Ing. Eheschließung am 04.06.1932 in Berlin-Charlottenburg mit Hedwig Marie Pollkehn (* 18.09.1899 Berlin-Wedding; † 10.02.1986 um 6.50 Uhr in der Bernhardstraße 11.

 

Johannes (Hans) Rudel * 11.11.1888 Berlin; † 22.07.1966 Berlin. Bankangestellter. Eheschließung am 11.10.1915 mit Margarethe Molle (* 20.07.1895; † 01.10.1969). Die Ehe blieb kinderlos.

 

Bernhardstraße 11. Archiv Ewald Mahr

Bernhardstraße Nr. 11

Familien Rudel & Mahr

 

Die Grundstücke Bernhardstraße Nr. 10 und Nr. 11 sind laut Adressbuch 1894/95 als „Baustellen“ eingetragen, Eigentümer Zimmermeister W. Lück (Nr. 10) und Kaufmann Johannes Rudel (Nr. 11). Während Nr. 11 bereits 1896 „trockengewohnt“ werden konnte, verzögerte sich die Fertigstellung von Haus Nr. 10. Eigentümer Johannes Rudel hatte mit der Vermietung von Anbeginn wohl keine Probleme. Das Haus lag günstig. Am Haus Nr. 15 gab es den Eingang zum Bahnhof Wilmersdorf-Friedenau sowie Durchgang zur Prinzregentenstraße. 1897 eröffnete an der Eckel die Gastwirtschaft von W. Sengspeck mit Schultheiss-Ausschank. Die Weingroßhandlung Mundt & Co. wird auch aufgeführt. In den oberen Geschossen wohnten die Beamten Ph. Ballahene, H. Haake, die Kaufmänner G. Caesar, E. Dreske, C. Krause, E. Rößner, P. Stoeffen und Volkmer, dann gab es noch Frau A. Colberg und die Telegraphistin A. Röhr sowie den Oberfeuerwerker E. Sauer.

 

Später, genauer am 22. Juni 1905, wartete der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ mit der Schlagzeile „Selbstzündende Glühstrümpfe“ auf. Der Inhaber der Farbbänderfabrik B. Pahle, wohnhaft Wilmersdorf, Bernhardstraße Nr. 11 „hat einen neuen, äußerst praktischen Glühstrumpf in Vertrieb, dessen Anschaffung nur bestens empfohlen werden kann. Außer der Bequemlichkeit, dass dieser Strumpf durch Eindringen des Gases selbst zündet, hat er auch noch den großen Vorzug, dass die Masse bedeutend widerstandsfähiger ist, als bei den alten Glühstrümpfen“ .

 

 

Weiteres in Vorbereitung

 

Ewald Mahr, 2018

Wer ist Ewald Mahr?

 

Als wir im Herbst 2016 „Friedenau – Geschichte & Geschichten“ präsentierten, lernten wir den Architekturhistoriker Dr. Peter Lemburg und Ewald Mahr kennen. Wir wussten, dass beide 2011 mit zu den Initiatoren der „Bürgerinitiative Breslauer Platz“ gehörten. Da wir mit unserem Urteil über den Aufmarschplatz nicht zimperlich waren, hat es uns erstaunt, dass Lemburg „Respekt für ein überraschend umfangreiches und in der systematischen Straßengliederung mit der feinen Bebilderung und Typographie sehr ansprechendes Werk“ bekundete, und Mahr unsere Publikation als „das gelungenste Werk in meiner Bücher-Sammlung über Friedenau“ feierte, und „die Kapitel über Hans Altmann, den Breslauer Platz (Lauterplatz!) großartig und wichtig“ fand.

 

Wir wussten nicht, dass beide Herren inzwischen auf Distanz zur „Bürgerinitiative Breslauer Platz“ gegangen waren – als Joachim Glässel (Platzgestaltung), Magrit Knapp (Tiroler Blumenampeln), Ottmar Fischer (Kulturhaltestelle) und Gregor Mann (Marktbrunnen) das Zepter in die Hand nahmen, sich auf Spielchen zwischen SPD-Politikern und CDU-Baufachleuten einließen und die berechtigten Einwände von Stadtentwicklern und Anwohnern abtaten.

 

 

 

 

 

Als die für den Breslauer Platz ins Leben gerufene Bürgerinitiative sich dann noch aufschwang, für die irrsinnige Bebauung des Güterbahnhofs Wilmersdorf zu plädieren („Friedenau bekommt ein Kind“), wurde es Ewald Mahr zu viel. In einem persönlich übergebenen Schreiben vom 5. November 2015 an den Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel erinnerte er diesen an seine frühere Forderung, „bewachsene Randbereiche von Bahntrassen als Verbindungsbiotope und Grünverbindungszüge“ zu nutzen. Mahr plädierte nun vehement dafür, „das Bauvorhaben aus klimatologischen Gründen zu verwerfen. Friedenau ist mit 16.500 EW/qkm der am dichtsteten bewohnte Ortsteil Berlins und hat nach den Feststellungen Ihres eigenen Ressorts ein Defizit von 88 ha (880.000 qm) wohnungs-und siedlungsnaher Grün-und Freiflächen. Herr Senator Geisel! Greifen Sie ein!“ Der hatte längst die Flucht ergriffen und war Innensenator geworden.

 

Nachdem die „Gesellschaft Berliner Schloss e.V.“ gegründet worden war, wurde Ewald Mahr Mitglied. Da vernahm er aus dem Rathaus Schöneberg, dass sich die rot-grüne Zählgemeinschaft von Tempelhof-Schöneberg weigerte, die im Kleist-Park zwischengelagerten „Rossebändiger“ für das Humboldt-Forum herauszurücken: „Die Gesellschaft Berliner Schloss will auf Kosten unseres Bezirks ihr preußisches Disneyland rund um das Humboldtforum komplettieren. Das kann nicht angehen. Wenn die Gesellschaft Dekoration für das Schloss benötigt, sollte sie sich um zeitgemäße Künstler bemühen statt im Heinrich-von-Kleist-Park zu plündern und Geschichte zu klittern“.

 

Mahr ging auf die Barrikaden und wartete mit Historie auf: „Die ‚Rossebändiger‘ sind zwei Denkmäler, die sich von 1846 bis 1950 auf der Lustgartenterrasse des Berliner Schlosses befanden. Die vier Meter hohen Bronzefiguren sind ein Werk des russischen Bildhauers Peter Clodt von Jürgensburg (1805-1867) und waren ein Geschenk des Zaren Nikolaus I. (1796-1855) für Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) Nachdem das Schloss gesprengt worden war, wurden die Skulpturen 1950 im Kleistpark untergebracht.

 

Bei den beiden Rossebändiger-Skulpturen handelt es sich nicht um irgendeinen Abguss. Es handelt sich um die Bronzegüsse von 1842, die ursprünglich für die St. Petersburger Anitschkov-Brücke geschaffen wurden. 2007 wurden beide Skulpturen restauriert und vorübergehend in den Gropius-Bau als Mittelpunkt der Ausstellung über die ‚Macht und die Freundschaft‘ zwischen Russland und Preußen gezeigt. St. Petersburg erhielt für seine Anitschkov-Brücke einen Nachguss. Noch einmal: Berlin besaß für das Königliche Schloss die Erstabgüsse, d. h. die beiden Originale, wo sie nach dem abgeschlossenen Wiederaufbau des Schlosses als Humboldtforum auch wieder hingehören. Wer ist der Eigentümer der Skulpturen? Nicht der Bezirk Tempelhof-Schöneberg, sondern ganz Berlin, die Bundesrepublik Deutschland. Keine Sorge: Preußen wurde durch Kontrollratsbeschluss abgeschafft. Also: Es ist eine Änderung oder Aufhebung des rot/grünen Beschlusses der BVV Tempelhof-Schöneberg vom Senat, dem Bundestag oder von wem auch immer herbeizuführen!“ SPD und GRÜNE gaben auf, weil sie erkennen mussten, dass die Berliner die „Rossebändiger“ wieder „vors Schloss“ haben wollten und dass der verwahrloste Kleist-Park kaum als adäquater Geschichtsort herhalten kann.

 

Wer ist dieser Ewald Mahr? Er wird am 20. Mai 1935 in der Wilmersdorfer Bernhardstraße Nr. 11 geboren, wird Diplomkaufmann und 1961 in einer schwierigen Zeit Mitarbeiter der TELEFUNKEN GmbH Berlin, deren Geschäftsbereiche bereits Anfang der 1950er Jahre von West-Berlin nach West-Deutschland verlagert wurden. Der Schein wurde gewahrt, das Telefunken-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz 1961 als Unternehmenssitz gefeiert. 1967 wurde TELEFUNKEN zu AEG-TELEFUNKEN mit Firmensitz Frankfurt am Main – das Aus für die Charlottenburger Zentrale. Wirtschaftliche Schwierigkeiten erzwangen das Ausgliedern von weiteren Geschäftsfeldern. 1985 entstand die TELEFUNKEN Systemtechnik GmbH, die ab 1989 als TELEFUNKEN Sendertechnik GmbH firmierte. Dort ist Ewald Mahr bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand 1994 als Personalleiter tätig.

 

Mahr hat 33 Jahre für TELEFUNKEN gearbeitet. 1977 musste er gegen massive Proteste das Apparatewerk in der Ackerstraße schließen. „Von da an ging es mit AEG-TELEFUNKEN bergab. Heute sind wir in Berlin ja völlig entindustrialisiert. In unserem Werk in der Sickingenstraße in Moabit ist heute das Arbeitsamt drin, das sagt doch schon alles.“

 

Nachdem die „Initiative TELEFUNKEN“ gegründet worden war und zum Gründungsjubiläum 2003 das Buch „TELEFUNKEN nach 100 Jahren“ herausbringen wollte, war Ewald Mahr als Autor sofort dabei. Seine beiden Beiträge, „Im Kraftfeld von Zeitgeschehen – Zeitgeist – Erfindergeist“ und „Entwicklung und Kraft der Marke TELEFUNKEN“ haben nichts mit Nostalgie zu tun. Sie sind eine Hommage an eine „deutsche Weltmarke“, die während ihrer Firmengeschichte über 20.000 Patente einbrachte. Dazu gehören u. a. Digital Audio Broadcasting und PAL-Farbfernsehsystem.

 

1977 zieht Ewald Mahr mit seiner Ehefrau in die Dickhardtstraße. 42 Jahre leben sie nun dort. 2018 feierten sie Diamantene Hochzeit. Über 60 Jahre sind die beiden zusammen. Bei manchen Telefonaten mit ihm war im Off seine Frau zu vernehmen. Sie wollte ihn „bremsen“. Wir können uns nicht daran erinnern, dass ihr das jemals gelang. Ewald Mahr ist nicht zu bremsen.

 

Adressbuch Bernhardstraße 1895

ePaper
Teilen:

Adressbuch Bernhardstraße 1896

ePaper
Teilen:

Adressbuch Bernhardstraße 1897

ePaper
Teilen:

Adressbuch Bernhardstraße 1898-1

ePaper
Teilen:

Adressbuch Bernhardstraße 1898-2

ePaper
Teilen:

Adressbuch Bernhardstraße 1899

ePaper
Teilen:

Adressbuch Bernhardstraße 1900

ePaper
Teilen:

Adressbuch Bernhardstraße 1910-1

ePaper
Teilen:

Adressbuch Bernhardstraße 1910-2

ePaper
Teilen:

Adressbuch Bernhardstraße 1920

ePaper
Teilen:

Adressbuch Bernhardstraße 1930-1

ePaper
Teilen:

Adressbuch Bernhardstraße 1930-2

ePaper
Teilen:

Adressbuch Bernhardstraße 1935

ePaper
Teilen:

Adressbuch Bernhardstraße 1940

ePaper
Teilen:
Druckversion Druckversion | Sitemap
© friedenau-aktuell, 2017