Name seit 1906, vorher Straße D, benannt nach Brünnhilde, eine Figur aus Richard Wagners Opern Die Walküre, Siegfried und Götterdämmerung. Die Straße müsste nach der Nibelungensage eigentlich Brunhildstraße heißen, aber da mit den Straßenbenennungen rund um den Wagnerplatz (Cosimaplatz) Richard Wagner gewürdigt werden sollte, musste sich die Gemeinde Friedenau für die Wagnersche Schreibweise des Namens entscheiden. Also nicht das nordische Brynhild oder Brünhild, sondern Brünnhilde, die schöne und kraftstrotzende Frau mit dem Körperpanzer, die ihre Jungfräulichkeit verteidigt.

 

 

Brünnhildestraße Nr. 3

Christoph Meckel (1935-2020)

 

Das Foto von Christoph Meckel entstand vor 44 Jahren und stammt von Dietmar Bührer. Meckel war 39 und Bührer 26. Beide kamen Anfang der 1970er Jahre nach Berlin. Meckel war mit Gedichten und Zeichnungen aufgefallen, erschienen in kleinen Verlagen mit kleinen Auflagen, bibliophile Bücher, sein Markenzeichen lebenslang. Bührer war Drucker, erst Schwarzwälder Bote, dann Telegraf und Nachtdepesche.

 

Immer neugierig auf Künstler, begann Bührer mit dem Fotografieren. Immer neugierig war damals auch das 1972 gegründete Tip-Magazin, für das er 1974/75 ca. 80 Westberliner Künstler fotografierte. Das Entrée bereitete ihm die Schriftstellerin, Dichterin und Malerin Aldona Gustas (* 1932). Sie hatte die Gruppe Malerpoeten initiiert, in der sich Künstler versammelt hatten, die zugleich Malerei und Poesie betrieben, darunter Nicolas Born (1937-1979), Günter Bruno Fuchs (1928-1977), Günter Grass (1927-2015), Kurt Mühlenhaupt (1921-2006), Viktor Otto Stomps (1897-1970) und Christoph Meckel (* 1935).

 

Christoph Meckel hatte inzwischen einige Literaturpreise erhalten. 1967 war im Verlag Friedenauer Presse das Zeitgespräch in zehn Sonetten von Christoph Meckel und Volker von Törne Die Dummheit liefert uns ans Messer erschienen. 1970 folgte Kraut und Gehilfe“ mit zwei ganzseitigen Illustrationen. 1973 erschien in der Nymphenburger Verlagsanstalt sein erster Roman Bockshorn. Die letztendlich tragische Geschichte zweier Halbwüchsiger, die sich mit Betteln, Diebstählen und Tricks durchs Leben schlagen (wollen), wurde zwei Jahre später vom Ostberliner Aufbau Verlag als Lizenzausgabe übernommen. 1984 verfilmte Frank Beyer den Stoff für die DEFA.

 

Meckels liebste Figuren in Literatur und Kunst sind Komödianten und Gaukelburschen aller Art. Sie sind Kunstfiguren, sie haben etwas an sich, sagt der König im Märchen, und läßt sie laufen. Mir hätte genügt, eine Kunstfigur in der Welt zu sein, aber ich wurde geboren, das sieht mir ähnlich, ich kann daran nichts ändern. Zwanzig Jahre später entdeckte ich, daß es mir möglich war, solche Kunstfiguren zu schreiben und zu zeichnen, durch meine beiden Handwerke lebendig zu machen.

 

In allen biografischen Veröffentlichungen findet sich ein Standardsatz: Christoph Meckel lebt in Freiburg im Breisgau und Berlin. Das war einmal. Am 29. Januar 2020 ist der Lyriker und Grafiker in Freiburg gestorben. Wolfgang Matz, langjähriger Lektor von Christoph Meckel im Hanser-Verlag, schrieb am 31. Januar 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Nachruf:

 

Klein wie eine Zigarettenschachtel, doch viel, viel dünner ist der Gedichtband, mit dem ein herausfordernd dreinblickender junger Mann 1956 die Bühne betrat: sechzehn unpaginierte Seiten, mit Drahtklammern geheftet Als Christoph Meckel sich viel später anschaute was wir für die Publikation der „Gesammelten Gedichte“ Zusammentragen hatten, der Autor und sein Lektor, wählte der Achtzigjährige für den tausendseitigen Band den gleichen Titel wie für den prähistorischen Erstling: „Tarnkappe“. Kann man Anfang und Ende eines langen Künstlerlebens deutlicher verknüpfen? Und doch, zwei Jahre nach der poetischen Summe kam ein neuer Gedichtband, und sein Titel „Kein Anfang und kein Ende“ setzte wiederum ein Zeichen: Eine Schlussbilanz kann es für den Künstler nicht geben, solange er noch Künstler ist. Am Mittwoch ist Christoph Meckel, der Dichter und Grafiker gestorben. Er wurde 84 Jahre alt.

 

Am 12. Juni 1935 in Berlin geboren, ist Meckel immer ein Berliner Nachkriegskind geblieben, herausfordernd, respektlos, manchmal launenhaft. immer überschwänglich und von tiefer Herzlichkeit, doch sofort mit konzentriertem Ernst, wenn es um ein Manuskript ging. Die frühe Entscheidung für die Kunst hat er mit störrischem Eigensinn durchgehalten. Viele Jahre lebte er im südfranzösischen Rémuzat, Departement Drôme, unvergesslich beschrieben in „Ein unbekannter Mensch. Und eine ganze Generation fand sich wieder in seiner berühmtesten Erzählung „Licht“, die eine tragische Liebesgeschichte so romantisch erzählt, dass man ihr bitteres Ende fast vergisst.

 

Trotzdem, im Mittelpunkt seines Werkes stand die Poesie. Immer hatte der junge Meckel „die Taschen voller unveröffentlichter Gedichte“; aus einer, beiläufigen Beobachtung, einem Eindruck, einem Gedanken wurden ein paar notierte Worte, ein Satz, schließlich der Anfang eines Verses. Ohne den Anstoß des gelebten Augenblicks sind die meisten Werke Meckels gar nicht vorstellbar – und ebenso wenig ohne seine Phantasie, seine Genauigkeit in der Gestaltung, die dann aus der Skizze erst das wirkliche Gedicht macht.

 

Jetzt geht die Erinnerung zurück zu vielen Begegnungen, bei Lesungen, bei der Arbeit an dem engen, stets einzeilig getippten Schreibmaschinenskript, an die mit bunten  Vögeln oder huttragenden Männlein verzierten Briefe, an den Wind und den hohen Himmel über dem Cabanon in Rémuzat. Weltabgewandt war Meckel auch dort oben nie, im Gegenteil, seine Worte sind oft hart, bitter, und dass es so etwas wie ein abgeschlossenes Lebenswerk geben könne, hat er nie geglaubt. Schon in jenem ersten Bändchen stehen die Verse: „Der Regen meint es gut mit mir, / er geht auf dem Dach der Welt / in leisen Pantoffeln spazieren. / Aber der liebe Gott hat Siebenmeilenstiefel an / und übergeht die Jahre, in denen ich lebe.“ Nach einem langen Leben hat der liebe Gott ihn nun eingeholt. Salut, Christoph, alter Freund!